„Selber sehen, statt nur zu reden“

© Foto | Morhart | Caritas

Ein Zeichen wollte Matthias Fack, BJR-Präsident setzen, indem er verschiedene Einrichtungen der Flüchtlings-Arbeit besuchte. Er packte mit an und tauschte sich mit pädagogischen Fachkräften aus, um sich ein eigenes Bild zu machen. Organisiert wurde sein Einsatz vom Deutschen Caritasverband, Landesverband Bayern e.V.

Du hast vor zwei Wochen in einer Clearingstelle, einer Gemeinschaftsunterkunft und einer Wohngemeinschaft für (junge) Flüchtlinge mitgearbeitet, was hat Dich dazu bewogen?

Matthias Fack: Ich wollte mir einfach einen eigenen Eindruck verschaffen. Um aus der Sicht junger Menschen zu reden, muss man auch verstehen wie junge Menschen bei uns leben.

Schließlich sind junge Flüchtlinge erstmal auch nur junge Menschen und damit auch Zielgruppe der bayerischen Jugendarbeit.

Schließlich sind junge Flüchtlinge erstmal auch nur junge Menschen und damit auch Zielgruppe der bayerischen Jugendarbeit. Das Aktionsprogramm „Flüchtlinge werden Freunde“ ist auf begleitete sowie unbegleitete junge Flüchtlinge ausgerichtet. Kinder und Jugendliche, die mit ihren Eltern fliehen, also als begleitet gelten, werden zusammen mit den Eltern in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Deswegen wollte ich mir auch hier ein eigenes Bild machen.

Wie unterscheiden sich denn diese Unterkunfts-Formen und wie leben hier junge Flüchtlinge?

Matthias Fack: In einer Clearingsstelle geht es erstmal um die Inobhutnahme. Da geht es eher bürokratisch als sozialpädagogisch zu. Leben wie wir es kennen, ist da erstmal sehr eingeschränkt, aber es handelt sich ja auch nur um einen vorübergehenden Zustand. Junge Flüchtlinge werden nach den Umständen und Gründen ihrer Flucht befragt, es wird überprüft ob Familienangehörige bereits hier sind und eine Altersfeststellung oder besser Einschätzung vorgenommen. Denn nur wer unter 18 Jahre ist und ohne Begleitung ist, wird vom Jugendamt in Obhut genommen. Nachdem Clearingverfahren kommen die Unbegleiteten in eine sozialpädagogische Wohngruppe oder Einrichtung, wie etwa das Salesianum Don Bosco in München, das ich einen Nachmittag besucht habe. Da wohnen Jungs aus Afghanistan, Benin, Somalia und Eritrea wie in einer WG (Wohngemeinschaft) zusammen. Hier haben sie einen geregelten Tagesablauf: Vormittags besuchen sie die Schule oder absolvieren eine Ausbildung. Nachmittags stehen dann Hausaufgaben an oder Sport und Freizeit. Abends, in der Gemeinschaftsküche, kochen die Jugendlichen für sich oder gemeinsam. Das klingt erstmal sehr harmonisch, aber es bleibt nur einer der ersten Schritte in ihrem neuen Leben.

Viele haben ihr laufendes Asylverfahren im Hinterkopf, sie sind also mit einem Bein in der Zukunft und mit der Frage beschäftigt: „Was, wenn ich abgelehnt werde?“.

Viele haben ihr laufendes Asylverfahren im Hinterkopf, sie sind also mit einem Bein in der Zukunft und mit der Frage beschäftigt: „Was, wenn ich abgelehnt werde?“. Ein Asylverfahren kann sich leider auch über Jahre hinziehen, so dass man nicht von einem vergleichbaren Leben eines hier geborenen Jugendlichen mit deutschem Pass reden kann. Eine Gemeinschaftsunterkunft wiederum ist ganz anderes. Hier leben sehr viele Menschen aus verschiedenen Nationen auf engem Raum. Gerade junge Menschen, die mit ihrer Familie geflohen sind, stehen in einer besonderen Verantwortung. Wenn sie ein wenig englisch sprechen, versuchen sie sich für ihre Eltern einzusetzen, Kontakte herzustellen. Dabei kommen sie oft zu kurz und der Mangel an Privatsphäre und die beengten Wohnverhältnisse sind für Kinder und Jugendliche nicht förderlich.

Inwiefern kann Jugendarbeit dazu beitragen, dass sich junge Flüchtlinge bei uns willkommen fühlen?

Matthias Fack: Zum willkommen fühlen, gehört ein offenes Herz und Lust auf Engagement. Dafür ist die Jugendarbeit prädestiniert, das steht für mich gar nicht in Frage. Im letzten Jahr sind bereits zahlreiche Projekte und Netzwerke entstanden, die junge Flüchtlinge adressieren. Egal ob es Sportverbände sind, die Flüchtlinge zum Fußballspielen und Schwimmen einladen, ob es um Theaterworkshops oder Aktionen direkt in Gemeinschaftsunterkünften geht –Jugendarbeit ist und kann vielfältig tätig sein. Das zeigt sich auch an den vielen Beschlüssen und Positionen, die jugendpolitisch entstanden sind und ganz klar Flüchtlinge willkommen heißen.

Die Mammutaufgabe bleibt meines Erachtens junge Flüchtlinge wirklich zu integrieren.

Die Mammutaufgabe bleibt meines Erachtens junge Flüchtlinge wirklich zu integrieren. Da reicht es nicht punktuell Angebot für einen Tag oder ein Wochenende zu planen. Und das ist auch keine Aufgabe, die Jugendarbeit alleine schaffen kann. Hier braucht es politische Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Gestaltungskraft.