Mit Dirndl und Lederhosn ins Fettnäpfchen

Menschen in all ihrer Vielseitigkeit wahrnehmen, ist gar nicht so einfach. Neben Spass und Freude kann das genauso für Stress und Ärger sorgen. Juli Niklas, Referentin für Internationale Jugendarbeit und Schüleraustausch mit Mittel- und Osteuropa beim Bayerischen Jugendring hat täglich mit  unterschiedlichen Menschen zu tun. Heute beschreibt sie, was ihr so an Vorstellungen begegnet, die im Grund nichts, aber auch gar nichts mit Kultur oder Herkunft zu tun haben.

Aus bunt wird schwarz/weiß

Seit kurzem hat die Schillerschule eine Partnerschule in Tschechien.  Im nächsten Schuljahr soll die erste Begegnung stattfinden. Die tschechische Schule hat die bayerischen Schülerinnen und Schüler zu sich eingeladen, bevor im Jahr darauf ein Rückbesuch stattfinden soll. In einem Vorbereitungstreffen in der Schillerschule  wird der anstehende Besuch besprochen. Insbesondere der Beitrag zum geplanten „bunten Abend“ wird lange diskutiert. Das Beispiel ist frei erfunden, aber könnte auch in der Realität so stattfinden. Egal ob eine Jugendbegegnung oder ein Schüleraustausch geplant ist, schon in der Vorbereitung steigt die Vorfreude, aber auch die Aufregung.

In dem für diesen Artikel erfundenem Beispiel sagt Katja:

„Ich finde, wir sollten beim bunten Abend alle Dirndl und Lederhosen tragen. Das ist schließlich unsere Kultur.“

„Ich finde, wir sollten beim bunten Abend alle Dirndl und Lederhosen tragen. Das ist schließlich unsere Kultur.“ Max und Lea aus unserer fiktiven Austauschsgruppe nicken sofort begeistert – sie sehen mal wieder eine gute Gelegenheit, diese besonderen Kleidungsstücke zu tragen. Basti, Ayșe und Sophie sind dagegen – sie besitzen kein Dirndl und keine Lederhose.Und schon könnte sich eine Diskussion entspannen:

  • Was ist eigentlich „Kultur“?
  • Und warum gewinnen im Ausland (vermeintlich) landestypische Dinge einen so hohen Stellenwert?

Nehmen wir an, die Partnerschule ist die Božena-Němcová-Schule. Wie wird dort über den Austausch gesprochen? Aus dem Deutschbuch kennen die tschechischen Schülerinnen und Schüler die bayerische Tracht. Honza, ein tschechischer Schuler könnte also sagen, dass er Dirndl schon lange mal in echt sehen wollte, weil er einfach davon ausgeht, dass die „Deutschen“ so aussehen bzw. die Bajuwaren. Vielleicht rechnet die tschechische Gruppe sogar mit einer bayerischen Gruppe in Dirndl und Lederhose. Was würde es dann bedeuten, wenn die bayerische Gruppe tatsächlich Tracht trägt? Ist die Tracht also „Kultur“? Oder ist sie nicht vielmehr ein sich bestätigendes Stereotyp?

Menschen sind keine Kochrezepte

Im Idealfall findet vor jeder internationalen Begegnung eine gründliche Vorbereitung statt, in der beispielsweise das genannte Thema „Tracht“, aber auch andere Themen diskutiert werden und Diskussionsanreize geschaffen werden können, damit sich eine Auseinandersetzung mit dem Thema „Kultur“ nicht nur zufällig ergibt. Das Problematische an dem Begriff ist nämlich: Häufig werden mit den Begriffen „Kultur“ und „Mentalität“ eigenes Unverständnis oder Konfliktsituationen übergangen und so auf vereinfachte Erklärungsmuster zurückgegriffen. Die „Kultur“ der Anderen führe eben dazu, dass sie sich in bestimmten Situation in einer bestimmten Art und Weise verhalten würden – als könnten sie nicht frei über ihre Handlungsoptionen entscheiden. Kultur wird als unveränderliches und einzig verhaltensbestimmendes Merkmal angesehen und Konflikte werden schnell auf Kulturkonflikte reduziert, die mit mehr Wissen über die „Kultur“ des Anderen vermeidbar wären. Gerade so, als würde der Umgang mit Menschen wie ein Kochrezept funktionieren: Wenn ich eine Person aus X treffe, nehme ich 10 Gramm Harmonie, treffe ich dagegen eine Person aus Y, nehme ich 20 Gramm Unverbindlichkeit.

Im Sinne einer diversitätsbewussten Pädagogik wird „Kultur“ als soziale Praxis verstanden.

Kultur ist das was wir im täglichen Handeln machen

„Kultur“ ist dann weder Kunst, noch Hochkultur, noch das gegenseitige Vorführen von Folklore, sondern das, was wir im alltäglichen Handeln machen, dessen Akteur oder Subjekt wir selbst sind: Wir haben keine Kultur, sondern wir alle machen Kultur. Was uns als Individuen ausmacht, ist vielschichtig: Sozialisation, Persönlichkeitsbildung, Vorbilder, die uns prägen. Und die Entscheidung, gewohnte Handlungen zu wiederholen oder etwas Neues zu probieren.

Rückblick: Was Ausländerpädagogik und internationale Jugendarbeit miteinander zu tun haben

Sehen wir in den Anderen nicht das Individuum, sondern nur „Kultur“, ist die Gefahr groß, in einer „Ausländerpädagogik“ zu landen, die in den 1970-er Jahren aufkam. Nachdem verschiedene „Anwerbeabkommen“ die Bundesrepublik der 1960-er Jahre geprägt haben (seit 1956 kamen italienische, später auch spanische, griechische und türkische „Gastarbeiter“ in die BRD), fiel spätestens in den 70-er Jahren fiel auf, dass Migrantinnen und Migranten gar nicht nur zum Arbeiten nach Deutschland kamen, sondern auch zum Leben. Dass die Arbeitsmigrant_innen keine Roboter waren, sondern Menschen mit Familien, deren Kinder schulpflichtig sind. „Ausländerpädagogik“ war das Zauberwort der Stunde: Plötzlich saßen Kinder in den Schulklassen, die nicht in Deutschland sozialisiert wurden und die eine andere Muttersprache hatten. Irgendwie brauchte es „für die“ also eine spezielle Pädagogik – „Ausländerpädagogik“ eben.

Und weil Deutsche im Ausland auch Ausländer sind, wurde hier schnell ein Link gefunden zwischen „Ausländerpädagogik“ und Internationaler Jugendarbeit: Wenn deutsche Jugendliche im Ausland mit ausländischen Jugendlichen zu tun haben, hilft das ihnen, auch zurück in Deutschland besser mit den „Ausländern“ umzugehen.

Entdeckendes Lernen

Oft wird in der Vorbereitung auf eine Begegnung auf klassische Interkulturelle Trainings zurückgegriffen.  In diesen Trainings, die z.B. auch Manager*innen auf einen Auslandsaufenthalt vorbereiten sollen, geht es häufig nur darum: Dass andere Menschen anders ticken, wird anhand von ausschließlich Kultur erklärt. In entsprechenden Spielen und Übungen wird den Akteurinnen und Akteuren häufig jegliche Individualität abgesprochen. Das zeigt sich auch in den Auswertungsfragen, z.B. „In welcher Kultur möchtet Ihr lieber leben?“.

Impliziert wird hier, der Mensch könne nicht anders, als sich den „Regeln“ seiner Kultur anzupassen,

Impliziert wird hier, der Mensch könne nicht anders, als sich den „Regeln“ seiner Kultur anzupassen,die Kultur sei das einzige charakterbestimmende Merkmal. Die „Kulturen“ werden entsprechend auch als Regelwerk benannt.

Um Jugendliche für ein demokratisches und solidarisches Miteinander zu stärken – nicht nur im Jugendaustausch, sondern auch im Alltag – ist das der falsche Ansatz

Interkulturelles Lernen hat dann Erfolg, wenn es sich dabei um Entdeckendes Lernen durch Lernanregungen in einem non-formalen Umfeld handelt, was die klassische Situation in der Jugendverbandsarbeit oder generell außerschulischen Bildung ist.

Um in internationalen Begegnungen zu verhindern, einem essentialistischen Kulturverständnis und somit potenziell der Vorurteilsbildung Vorschub zu leisten, kann mit Jugendlichen verstärkt auf Übungen aus Antirassismustrainings oder Antidiskriminierungspädagogik zurückgegriffen werden. Die setzen nämlich genau an Vorurteilen, Normen, Machtverhältnissen und Diskriminierung an, statt Vorurteile zu bestärken.