Jeder Mensch ist ein Künstler

© Foto | Emilia Mahnel

Unter diesem Leitsatz bot das ehrenamtliche Projekt „Bühne für Weltbürger – Ästhetik die verbindet“ “ in Coburg Frauen und Männern aus aller Welt eine Plattform dafür, gemeinsam kreativ zu werden und in interkulturellen Begegnungen Brücken zu bauen.

In Kooperation mit dem Stadtjugendring Coburg, Projektregion des Aktionsprogramms Flüchtlinge werden Freunde, rief eine kleine Gruppe von engagierten Soziale Arbeit-Studierenden im Frühjahr 2015 das theaterpädagogische Angebot „Theater als Sprache der Welt“ ins Leben. Zielgruppe waren junge Menschen ab 16 Jahren mit und ohne Fluchtgeschichte. In den Räumlichkeiten des Jugendverbändehauses CoJe arbeitete eine bunt gemischte Gruppe drei Monate lang zusammen auf der Bühne und präsentierte sich am Ende mit der Aufführung „Ich möchte, dass ihr seht…“ einem ebenso bunten Publikum. Dank des großen Interesses startete nach der Sommerpause ein zweites Intervall, ergänzt durch das neue gestaltungspädagogische Angebot „Grenzenlose Kreativität“, das sich ausschließlich an Frauen richtete. Denn obwohl bei dem Theaterprojekt junge Frauen und Männer beteiligt waren, waren keine Frauen mit

Von der Schwierigkeit, geflüchtete Männer und Frauen in der Freizeit zusammen zu bringen

Fluchthintergrund gekommen. In Gesprächen mit männlichen Geflüchteten wurde deutlich, dass es in einigen Ländern ungewöhnlich sei, dass Männer und Frauen in ihrer Freizeit etwas zusammen machen. Daher wurde zusätzlich „Grenzenlose Kreativität“ ins Leben gerufen. Beide Angebote rücken in einer prozessorientierten Arbeit die verbale Kommunikation in den Hintergrund zugunsten einer interkulturellen ästhetischen Kommunikation. Sie bieten die Möglichkeit, aus den Alltagsstrukturen auszubrechen und in einem geschützten Raum die eigene Persönlichkeit zu entfalten – durch das Theaterspiel oder durch gestalterische Aktivitäten.

Der Stadtjugendring Coburg begleitete die Projekte beratend und unterstützte die Aktivitäten über das Aktionsprogramm Flüchtlinge werden Freunde auch finanziell.

Einblick in die Praxis der beiden wöchentlichen Angebote

 

Theater als Sprache der Welt – vom ersten Treffen bis zur Aufführung

Nach einem erfolgreichen Abschluss des ersten Intervalls startete Theater als Sprache der Welt im Oktober 2015 in eine zweite Runde. Nachdem fleißig Flyer und Plakate für beide Angebote in den Flüchtlingsunterkünften und zentralen Anlaufstellen in Coburg verteilt worden waren, fand sich langsam eine neue Gruppe theaterinteressierter Menschen zusammen. Um einen niedrigschwelligen Zugang zum Angebot zu ermöglichen, wurden die Teilnehmer und Teilnehmerinnen jeden Montag Abend zu Fuß oder mit dem Bus der CoJe in ihrer Unterkunft oder am Bahnhof abgeholt. Die Stunde begann stets mit einem auflockernden Spiel im Kreis, im Anschluss wurde in einem „Raumlauf“ die Umgebung mit verschiedenen Gangarten, Emotionen, Rollen oder Beschaffenheiten wie Sand oder Moos erkundet. So trafen die verwirrte Oma, der hektische Manager oder das traurige Kind aufeinander und schlichen, stolzierten oder krochen durch den Raum, den Wald oder die Wüste.

Gemeinsam Theater spielen braucht Vertrauen – und schafft Vertrauen

In anschließenden improvisierten Partner- oder Gruppenszenen entstanden erste Spielsequenzen, die auf der Bühne vorgestellt wurden: die Suche nach dem Mond an der Bushaltestelle, das WG-Frühstück oder die Alienfamilie im Weltall. Den Abschluss bildeten jeweils eine theaterpädagogische Übung oder ein Kreisspiel und eine kurze Reflexion. Jede Theaterstunde hatte einen Schwerpunkt aus den Bereichen Körperausdruck, Emotion und Stimme oder Förderung von Spontaneität, Kreativität und Phantasie. Parallel dazu gab es gruppenstärkende Übungen. Ab Februar 2016 begann die gezielte Vorbereitung auf eine Aufführung, indem improvisierte Szenen verändert oder erweitert und zu einer ersten Geschichte unter dem Thema „Träume“ zusammengefasst wurden. Die Schauspieler und Schauspielerinnen entwickelten fehlende Szenen, gestalteten ihre Rollen und erarbeiteten so gemeinsam das Theaterstück „Und wenn alles anders wär‘? Eine Bühnenuntersuchung zum Thema Träume“. Die Programmflyer wurden gestaltet, Requisiten und musikalische Untermalung ausgewählt und die Bühne vorbereitet, bis die Theatergruppe mit dem Stück im Juli an zwei Terminen vor das Publikum trat. Die insgesamt über 200 Besucher/-innen staunten über die Unmittelbarkeit, mit der Theater als Sprache der Welt für alle verständlich ist und verließen die Aufführungen mit neuen Fragen und Gedanken über Träume, Illusion und Wirklichkeit.

Foto | Tamara Tries

Foto | Tamara Tries

Grenzenlose Kreativität – vom ersten Treffen bis zur Ausstellung

Das zweite Coburger Projekt „Grenzenlose Kreativität“ bot speziell Frauen aus aller Welt einen geschützten Raum, in dem sie gemeinsam kreativ werden konnten. Durch gestalterische Verfahren können Erfahrungen und Emotionen, belastende und beglückende Themen zum Ausdruck kommen. Im Oktober 2015 machten sich die Initiator/-innen zum ersten Mal auf den Weg in zwei Flüchtlingsunterkünfte in Coburg, um dort die Frauen für das gestaltungspädagogische Angebot abzuholen.

Belastendes und Beglückendes findet Ausdruck im geschützten Raum

Die Stunde startete jeweils mit einem gestaltungspädagogischem „Warm-Up“. Mithilfe verschiedener Materialen und Methoden, wie beispielsweise Pappmaché, Action Painting, Ton oder Stoff wurden unterschiedliche Themen bearbeitet, die auch zum Austausch in der Gruppe anregen sollten. Da bis zu drei verschiedene Sprachen in der Runde gesprochen wurden, übersetzten die Teilnehmerinnen untereinander. Nach einer kurzen Reflexion der Stunde und dem Besprechen der Wünsche für das nächste Treffen wurden die Weltbürgerinnen wieder nach Hause begleitet. Auch „Grenzenlose Kreativität“ ist ein prozessorientiertes Angebot. Nach Abschluss einer Kennenlernphase wurden die Teilnehmerinnen an verschiedene Materialien herangeführt. Ab Mitte Dezember 2015 begann die Themenfindung. Die Weltbürgerinnen entschieden sich für eine Ausstellung zu dem Thema „Starke Frauen“ als Abschluss der Projektphase. Dazu gestaltete jede Teilnehmerin ihr ganz persönliches Kunstwerk. Am 8. Mai 2016 wurde die Ausstellung feierlich eröffnet. An drei Tagen kamen ca. 80 interessierte Besucher/-innen. Die Kunstwerke stießen auf große Begeisterung und regten zum Nachdenken und gegenseitigen Austausch an.

 

Herausforderungen und Besonderheiten

Trotz anfänglicher Schwierigkeiten mit der Entstehung zweier fester Gruppen, den Sprachbarrieren und finanziellen Mitteln empfanden es die Studierenden als große Bereicherung und auch Ehre, diese Stunden anzuleiten. Mit viel Spontaneität, Flexibilität und vor allem Freude am kreativen Schaffen eröffneten beide Projekte den Weltbürger/-innen einen Raum für individuelle Entfaltung. Sie brachten Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammen, die miteinander etwas Neues kreieren und Erfahrungen teilen konnten. So entstand ein Ausgleich zu den Sorgen und Problemen des Alltags und gleichzeitig Gelegenheiten zum Austausch zwischen Männern und Frauen, Mädchen und Jungen mit und ohne Fluchterfahrung.

„Bühne für Weltbürger – Ästhetik, die verbindet“ ist sinnerfüllte Alltagsgestaltung: Die Teilnehmenden erleben Selbstbestimmung, Lebensfreude und Herausforderung, aber auch das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit. Kommunikation verbindet Menschen – und zwar nicht nur auf verbaler Ebene, denn

JEDER MENSCH IST EIN KÜNSTLER.