Politische Bildung für junge Geflüchtete

Politische Bildung kann jungen Geflüchteten helfen, sich in der Gesellschaft zurechtzufinden. DoKuPäd ist ein pädagogisches Programm des Kreisjugendrings Nürnberg-Stadt, das anläßlich der Einrichtung des Dokumentationszentrums auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg initiiert wurde. Das DoKuPäd macht Angebote zu historisch-politischer Bildung, es arbeitet u.a. mit  Kindern- und Jugendlichen zu den Themen Demokratieverständnis und Menschenrechte, das Eintreten gegen Rechtsextremismus, Ausländerfeindlichkeit, Gruppenzwang und Gewalt. Jetzt gibt es auch ein Angebot für Übergangsklassen an Berufsschulen, das sich explizit an junge Geflüchtete richtet. Die Ringfrei des Kreisjugendring-Nürnberg Stadt berichtet in ihrem Schwerpunktheft über Flucht und Asyl in der Ausgabe 61 über dieses Angebot.

Politische Bildung gibt Orientierung

Mit politischer Bildung sollte nicht erst begonnen werden, wenn das Asylverfahren, das mitunter Jahre dauern kann, abgeschlossen ist, sondern sobald die sprachlichen Fähigkeiten es zulassen. Auf die Grundkenntnisse der Deutschen Sprache sind wir angewiesen, weil wir nicht nur mit Bildern arbeiten können und ohne Übersetzer/-innen auskommen wollen. Unseren Workshop bieten wir daher für Jugendliche an, die im zweiten Schuljahr an den Nürnberger Berufsschulen unterrichtet werden. Es geht uns um zwei Themenfelder: Zum einen wollen wir das Lernziel Gleichwertigkeit vermitteln, zum anderen aber auch auf den Alltag und gesellschaftliche Strukturen in Deutschland hinweisen.

Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass in Deutschland alle Menschen gleich(wertig) sind

Die Teilnehmer/-innen sammeln die Werte, die ihnen wichtig sind

Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass in Deutschland alle Menschen gleich(wertig) sind. Männer und Frauen beispielsweise oder hetero- und homosexuelle Menschen oder Muslime, Christen, Juden und Atheisten. Dabei berufen wir uns sowohl auf unser Grundgesetz als auch auf die 30 Artikel der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Regeln fürs Zusammenleben

Im ersten Teil unseres Workshops geht es konkret darum, welche Regeln für das Zusammenleben wir sinnvoll finden. „Wir“ sind in diesem Fall nicht „wir Deutsche“, sondern alle Teilnehmer/-innen des Workshops. Die Jugendlichen überlegen sich selbst, was eine Gemeinschaft an Regeln braucht, damit es allen gut geht.

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Die Teilnehmer/-innen sammeln Werte, die ihnen wichtig sind.

Respekt voreinander, freie Ausübung der Religion und Meinungsfreiheit stehen hier bei den Geflüchteten ganz oben.

Respekt voreinander, freie Ausübung der Religion und Meinungsfreiheit stehen hier bei den Geflüchteten ganz oben. Aber auch Werte wie Freundlichkeit oder „wir passen aufeinander auf“ und dass niemand getötet werden darf, werden in diesem Zusammenhang genannt. Natürlich werden hier auch eigenen Erfahrungen eingebracht. So hielt eine Kleingruppe die Regel für sinnvoll: „Dass wir keine Grenzen haben und keine Politik“. Allerdings sollten die Regeln zunächst auch nur für eine kleine Gruppe von Menschen erarbeitet werden, die auf unbestimmte Zeit auf einem fernen Planeten miteinander leben müssen.

Menschenrechte als Vision

Ausgehend von den Regeln der Jugendlichen stellen wir im Workshop die Menschenrechte als Vision für ein friedliches Miteinander aller Menschen vor. Es wird natürlich schnell deutlich, dass die Einhaltung der Menschenrechte weltweit, aber auch in Deutschland nicht garantiert ist. Dennoch kann man festhalten, dass im deutschen Grundgesetz etliche Elemente der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte enthalten sind. Im weiteren Verlauf setzen wir uns mit Vorurteilen und Ausgrenzungsmechanismen wie Sexismus, Rassismus oder Antisemitismus auseinander. Hierbei haben wir die Erfahrung gemacht, dass es für die Jugendlichen eigentlich klar ist, dass alle Menschen trotz ihrer Unterschiedlichkeit gleichwertig sind. Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft, Alter, Religion oder ähnliches sind keine Kriterien, die bei den Jugendlichen eine Ungleichbehandlung rechtfertigen würden. Allein die sexuelle Orientierung machte manchen der männlichen Jugendlichen zu schaffen.

Das Bild zweier sich küssender Männer stieß auf große Abwehr und Unverständnis.

Das Bild zweier sich küssender Männer stieß auf große Abwehr und Unverständnis. Die Begründung dafür lautete zum Beispiel: „Das hat mir meine Mutter so beigebracht.“ Auf dem Hintergrund, dass auch in Deutschland noch bis 1978 Homosexuelle in polizeilichen Karteien gelistet wurden, muss man hier wohl von einem nur langsamen Prozess des Umdenkens ausgehen.

Alltag in Deutschland

Den zweiten Teil unseres Workshops haben wir dem Alltag und der Gesellschaft in Deutschland gewidmet. In einem „Deutschland-Quiz“ werden spielerisch diverse Fragen und Themen diskutiert, die je nach Interesse oder Bedürfnis der Jugendlichen intensiver oder oberflächlicher behandelt werden können. Zum Beispiel die Frage danach, wie viele Frauen ein Mann in Deutschland heiraten oder wo man mit dem Fahrrad fahren darf. In welche Tonne werfe ich mein Altpapier? Darf man in Deutschland einen Witz über Angela Merkel machen? Darf ich Musik aus dem Internet herunterladen und verkaufen? Ist Sex vor der Ehe erlaubt und darf ein Polizist meine Post öffnen?

Gleiche Chancen für alle?

In einer abschließenden Sequenz beleuchten wir die Chancengleichheit in Deutschland genauer. Es soll dabei ein möglichst realistisches Bild der deutschen Gesellschaft gezeichnet werden, um auch bei den Geflüchteten keine falschen Erwartungen zu wecken. Es kann zum Beispiel nicht jeder Fußballprofi werden. Doch auch hier hat die Erfahrung schon gezeigt, dass die Jugendlichen schon auf dem Boden der Tatsachen angekommen sind. Sie wissen, dass ihnen nichts geschenkt wird und dass sie noch viel lernen und arbeiten müssen, um in Deutschland ihren Platz zu finden. Doch viele haben dazu große Lust und sind sehr motiviert.

Nach den ersten Durchläufen stehen wir mit unserem Workshop für Geflüchtete noch ganz am Anfang und lernen selbst stetig dazu. Auch wir sind motiviert und haben große Lust uns und unser Angebot mit Hilfe der Jugendlichen immer weiter zu entwickeln.

 

Julia Oschmann ist pädagogische Mitarbeiterin des DoKuPäd.