Den „Kulturschlüssel“ gibt es nicht

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In meiner Arbeit und auch in vielen Gesprächen mit Freunden, Familie, engagierten Menschen begegnen mir viele Fragen und Aussagen, die mich immer wieder zum Nachdenken bringen.

Fragen nach dem Islam, nach Herkunft, nach Männer- und Frauenrollen, Aussagen zu missachteten Regeln, unterschiedlichen Werteverständnissen und schwierigen Erfahrungen mit „anderen“ Menschen mit Migrationshintergrund.[1] Zum Beispiel:

„Wie ist das denn jetzt mit den Frauen im Islam?

„Wie ist das denn jetzt mit den Frauen im Islam? Denn zu unseren Angeboten kommen keine Frauen, egal wie wir das mit der Ansprache machen.“ Oder: „Man muss halt was über die Kultur im Herkunftsland wissen. Da gibt‘s zu wenig Informationen. Das macht die Arbeit mit Flüchtlingen so kompliziert.“ Oder: „Die teilen nicht unsere Werte, das ist bei uns im Jugendzentrum ganz schwierig.“ „Seitdem wir mit Flüchtlingen arbeiten, ist es immer chaotisch. Naja, das müssen die halt noch lernen.“

Die meisten dieser Aussagen sind für mich nachvollziehbar. Sie sind nicht aus der Luft gegriffen, sondern basieren auf eigenen Erlebnissen. Und doch nagt in mir immer etwas, wenn mir solche Dinge gesagt werden. Denn sie haben alle etwas gemein: Es werden Schwierigkeiten und Probleme beschrieben, und als Erklärung für diese Schwierigkeiten wird angeführt, dass man mit Geflüchteten zu tun hat. Immer wieder werden Geflüchtete als eine Gruppe beschrieben. Homogen. Anders.

„Seitdem wir mit Flüchtlingen arbeiten, ist es immer chaotisch. Naja, das müssen die halt noch lernen.“

Und als Grund für die Andersartigkeit oder die Verständnisschwierigkeiten wird immer wieder das verbindende Merkmal „Flucht“ genannt. Auch das finde ich noch nachvollziehbar, verständlich, menschlich. Denn viele Fragen und Auseinandersetzungen treten bei der Arbeit mit jungen Geflüchteten zum ersten Mal auf. Zuvor hatte man vielleicht nicht viel mit praktizierenden Muslimen im Jugendverband zu tun. Vielleicht ist es auch neu, dass Deutsch als Verständigungssprache nicht automatisch funktioniert. Und vielleicht werden plötzlich Dinge nicht getan, die eigentlich selbstverständlich sind. Die einfache Antwort auf die Fragen, die das aufwirft, lautet dann eben: das liegt daran, dass es junge Menschen mit Fluchterfahrung sind.

Und genau das stört mich. Die einfache Antwort auf eine äußerst komplexe Situation. Und etwas daran stimmt nicht. Ich weiß, wie es ist, als Frau vor einer Gruppe zu stehen, und

wenn ein Mann etwas sagt, hören alle zu, bei mir dagegen nicht alle.

wenn ein Mann etwas sagt, hören alle zu, bei mir dagegen nicht alle. Ich kenne auch die Wut, die in mir aufsteigt, wenn ich mit einem geflüchteten Menschen über Werte wie Offenheit oder Gleichberechtigung (oder auch vermeintlich banale Dinge wie Strom sparen) diskutiere und wir da einfach keinen Konsens finden. Auch ich suche immer mal wieder nach dem „Kulturschlüssel“, der es mir ermöglicht zu verstehen, warum manche Dinge so schwierig sind, z.B. warum manche Jugendliche einfach nicht gemeinsam in einer Gruppe etwas unternehmen möchten. Und trotzdem wird es mir nicht wohler dabei, wenn ich mir das alles über die Kategorie „Flüchtling“ erkläre.

Seit dem Winter 2014 habe ich viele Menschen kennengelernt, die eine Fluchterfahrung haben, in ganz verschiedenen Kontexten. Aus ganz verschiedenen Ländern, mit ganz verschiedenen Geschichten. Viele von ihnen mochte ich. Manche konnte ich nicht ausstehen. Viele haben mich zum Lachen gebracht, manche zum Nachdenken, manche zum Wütend-Sein und manche zum Weinen.

All diese Dinge sind mir bewusst geworden, nicht weil ich mit Geflüchteten gearbeitet habe, sondern weil ich Menschen begegnet bin

Seitdem ich in diesem Themenbereich unterwegs bin, hat sich für mich persönlich viel verändert. Ich habe viel über mich selbst gelernt: wie wichtig mir Demokratie ist. Und Umweltschutz und Gleichberechtigung. Dinge, die ich vorher für nicht der Rede wert hielt, erscheinen mir plötzlich bemerkenswert. Und es lohnt sich, für sie einzustehen. Aber all diese Dinge sind mir bewusst geworden, nicht weil ich mit Geflüchteten gearbeitet habe, sondern weil ich Menschen begegnet bin.

Und auch deshalb reicht die Antwort „Geflüchtete“ nicht. Manchmal ist es anstrengend und kompliziert und herausfordernd und vielleicht sogar ätzend. Aber meistens ist es das nicht, weil mir da ein „Flüchtling“ gegenüber steht. Sondern, weil wir aus anderen sozialen Kontexten kommen, weil wir verschieden alt sind, verschiedene Dinge in unseren Familien für richtig gehalten wurden, weil wir nicht die gleiche Sprache sprechen, unterschiedliche Erwartungen aufeinander treffen, weil wir uns einfach nicht mögen, weil es gerade um Abgrenzung geht, weil mal wieder der Frust über die mangelnde Entscheidungsfreiheit zu groß ist, weil, weil, weil…

Jugendarbeit mit jungen Geflüchteten heißt auch immer „internationale Begegnung“

Was Geflüchtete verbindet, ist, dass sie alle ihre Heimat durch Zwang verlassen haben. Die Fluchterfahrung selbst ist dann wieder ganz verschieden. Und es gibt Erfahrungen, die machen in Deutschland nur geflüchtete Menschen bzw. Menschen im Asylverfahren: Unsicherheit über den Aufenthaltsstatus, Angst vor der Abschiebung, ein Verneinen von banalen Grundrechten, wie etwa wo man wohnen darf, was man essen möchte, Entzug von Selbstbestimmung etc. Das sind Dinge, die den Alltag massiv beeinflussen und dazu führen, dass manchmal Kommunikation und Beziehungsaufbau schwierig oder unmöglich wird.

Viele von den Schwierigkeiten, die wir in der Jugendarbeit mit Geflüchteten erleben, lassen sich aber auch über andere Argumente erklären: Jugendarbeit mit jungen Geflüchteten heißt auch immer „internationale Begegnung“ mit den üblichen Themen, die aus der internationalen Jugendarbeit bekannt sind. Hinzu kommt: Ich selbst gehe nicht ohne Vorprägungen in die Begegnung (ich bringe ja meine eigenen Vorstellungen von „dem Flüchtling“ mit), ich bringe also Vorstellungen und Erwartungen mit. Und wenn es um die vielbeschworenen Werte geht: Die sind immer im Aushandlungsprozess und verändern sich stetig. Ich habe z.B. nicht die gleichen Werte wie meine Eltern. Und ich habe auch nicht die gleichen Werte wie viele andere Mitbürger/-innen dieser Gesellschaft – egal, ob wir die gleiche Staatsangehörigkeit haben oder nicht.

Aus meiner Sicht ist es ist also zu kompliziert, als dass einfache Antworten dem Sachverhalt gerecht werden könnten. Zumindest für mich. Warum es mir aber so wichtig ist, darüber zu sprechen? Ganz einfach, wenn ich meinen Gegenüber erst mal als Menschen und nicht als „Flüchtling“ wahrnehme, dann schafft das Raum zum Begegnen auf Augenhöhe. Denn das ist, was uns zusammenbringt. Wenn ich von vornherein sage, das wird kompliziert, denn du bist ja ein Flüchtling, dann mache ich ihn oder sie zu etwas Anderem, Fremden. Und aus Fremden Freunde zu machen, ist ungleich schwieriger, als aus Menschen Freunde zu machen.

Manina Ott ist Projektkoordinatorin des BJR-Aktionsprogramms „Flüchtlinge werden Freunde“.