Von Jugendbegegnungen und Daily Humor Panels

Die Organisation einer internationalen Jugendbegegnung ist eigentlich Herausforderung genug, hier noch junge Geflüchtete mitzunehmen, durchaus ehrgeizig. Dass es sich lohnt und funktionieren kann, hat die internationale Jugendbegegnung zum Thema „InterNatureNet – respect nature, humans, yourself“ im Landkreis Eichstätt gezeigt. Acht Tage im Juli haben Jugendliche aus Portugal, Frankreich sowie junge Geflüchtete zusammen verbracht. Wie das gelingt, hat Claudia Treffer, Kommunale Jugendpflegerin in Eichstätt, für Flüchtlinge werden Freunde herausgearbeitet.

Vor der eigentlichen Jugendbegegnung

Im Vorfeld geht es vor allem um die Einbindung junger Geflüchteter. Sie zu motivieren, sie in die Kommunikation einzubinden und für Ihre Wünschen und Ängste ein offenes Ohr zu haben, gehört dazu. Ein paar Anregungen habe ich im Folgenden versucht zusammenzutragen:

  • Einbinden, wie geht das? In unserem Fall haben wir Personen angesprochen, die bereits Kontakt mit den Jugendlichen hatten, also z.B. die Vormünder im Jugendamt und die Betreuer/-innen in den Einrichtungen. Im Vorfeld wurde außerdem ein Infofilm über die Jugendbegegnung gedreht, der ohne Sprachkenntnisse funktioniert und auch zu Werbezwecken eingesetzt wurde.

    Interessierte Jugendliche wurden dann vor dem eigentlichen Austausch zu verschiedenen Treffen eingeladen. So fand ein langsames Kennenlernen statt, bei dem sie ihre Vorstellungen und Wünsche einbringen konnten.
  • Facebook- und Whatsapp…
    ermöglichten, dass die Jugendlichen stets Bescheid wussten. Zudem konnten die Teilnehmer/innen schon vor der Jugendbegegnung Vorschläge einbringen, etwa über die Facebookgruppe, aber auch ganz klassisch über den Anmeldebogen. Wichtig bei partizipativen Prozessen ist eine Moderation, damit Diskussionen nicht ausufern, sondern Ergebnisse zustande kommen. Denn nichts ist nerviger als stundenlange Diskussionen ohne Ergebnisse.
  •  Planen, planen, planen
    Detaillierte Planung und Abstimmung aller Teammitglieder ist m.E. der wichtigste Erfolgsfaktor. Dazu zählte auch das Vorbereitungstreffen mit unseren Partnern aus Frankreich und Portugal, die für drei Tage nach Eichstätt reisten. Bei diesem Treffen stand die gemeinsame Entwicklung und Formulierung der Ziele und deren Umsetzung im Mittelpunkt. Ein weiteres Augenmerk legten wir auf die genaue Zuweisung von Verantwortlichkeiten und Aufgaben der einzelnen Teamer/-innen.
  • Kommunikation und interkulturelle Arbeit: Jedem/r Teilnehmer/in wird mit Respekt begegnet – die Grundlage dafür ist in erster Linie die innere Haltung im Betreuerteam. Nur, wer seine eigene Haltung kennt und vielleicht auch hinterfragen kann, der kann auch offen auf neue Leute zugehen. Entsprechende Vorkenntnisse und Erfahrungen in der interkulturellen Arbeit sind hier sehr nützlich.

Während der Jugendbegegnung

Während des gemeinsamen Aufenthalts stehen dann andere organisatorische Schritte im Vordergrund. Wir haben versucht über verschiedene Methoden alle Jugendlichen gleichermaßen einzubinden, ihnen Möglichkeiten der Gestaltung offen zu lassen, aber auch mit ihnen ins Gespräch zu gehen, wenn etwas nicht möglich war.

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Foto | KoJa Eichstätt

Vertrautheit herstellen
Sie ist ausschlaggebend, damit die Gruppe einen guten Start hat und schnell zusammenwächst. Wir haben hier vor allem spielerisch mit Kooperations- und Gruppenspielen gearbeitet. Es ging darum sich Kennenzulernen (Namen, persönliche Informationen), Intimität und Vertrautheit herzustellen, (Spaß und ungezwungener Körperkontakt) sowie die Kommunikation und Kooperation (Meistern von Aufgaben in der Gruppe) zu fördern.

Alle einbeziehen
Alle Teilnehmer/-innen werden aktiv in das Programm und in die Alltagsgestaltung einbeziehen. Ein  Team mit vielen Methoden und Interventionsmöglichkeiten im Rucksack ist hier klar im Vorteil. Damit das funktioniert solltet Ihr Eure Aktion als Modul- und Methodenbaukasten planen. Vorschläge und Rückmeldungen der Teilnehmer müssen vom Team gewollt und ernst genommen werden. Wir haben das immer abends im Team diskutiert und dann versucht das Programm sinnvoll zu ergänzen. Oder eben rückgemeldet,warum das in diesem Fall nicht geht. Als Beispiele: die jeweilige Kochgruppe wollte und konnte dann auch den Speiseplan mitbestimmen oder es wurden eigene Programmpunkt vorgeschlagen, etwa ein Nachmittag im Freibad.

Gemeinsame Sprache – auch mit Händen und Füßen
Wichtig war, dass alle Teilnehmer/-innen den Gesprächen, Inhalten und Gruppenprozessen sprachlich gut folgen konnten. D.h. dass für die einzelnen Programmpunkte durchaus etwas mehr Zeit als normalerweise eingeplant werden sollte. Da der Unterschied der Sprachfertigkeit im Englischen sehr unterschiedlich war, brauchten viele der Teilnehmer/-innen hierbei besondere Unterstützung. Dies bedeutete, dass die einzelnen Ländergruppen ggf. nach einem englischen Input die Inhalte nochmals in ihrer Landessprache zusammenfassten. Dann fassten wir alles nochmal auf Deutsch zusammen, da unsere geflüchteten Jungs inzwischen sehr gut Deutsch verstehen (wesentlich besser als Englisch). Teilweise fand eine Übersetzung nochmal für die ganzen Gruppen statt, teilweise übersetzten aber auch nur einzelne „Paten“, bzw. der/die Bezugsbetreuer/-in im Stillen für einzelne Gruppenmitglieder – je nach Situation und Bedarf. Wichtig ist hier ein gutes Gespür der Betreuer/-innen und Referenten/-innen für die Gruppe und gezieltes Nachfragen, ob alle verstanden haben.

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Foto | KoJa Eichstätt

Wunschdienste und Notwendigkeiten aufteilen
Abwaschen, Frühstück, Mittag- oder Abendessen planen und zubereiten, Wasserdienst, Sauberhalten des Feuerplatzes, Erstellen eines Kochbuchs und Medienangebots zählten zu den täglichen Diensten, die jeden Abend neu verteilt wurden. Das Abwaschteam durfte als erstes seinen Wunschdienst wählen. Markiert wurden die Dienste mit Wäscheklammern. Das Einbeziehen der Teilnehmer/innen machte die Begegnung besonders wertvoll. Denn jede/r fühlte sich dadurch tatsächlich als wertvoller Teil einer Gemeinschaft (oder fast schon Familie, wie mehrmals von den Teilnehmer/innen betont wurde). Bei der Alltagsgestaltung spielten der nachhaltige und achtsame Umgang mit den vorhandenen Ressourcen eine besonders große Rolle. Learning by doing war hier das Motto.
Klare Regeln
Sie sind von Beginn an ausschlaggebend. Dazu zählen nicht nur organisatorische Regeln, sondern z.B. auch das Einfordern von konstruktiven Gesprächsregeln (wie gebe ich Feedback? Ausreden lassen!) und Regeln des Miteinanders in der Gruppe.

Konflikte nicht unter die Isomatte kehren
Das können Gespräche mit einzelnen Gruppen oder einzelnen Personen sein oder in der täglichen Reflexion des Teams und der ganzen Gruppe passieren. Jede Ländergruppe hatte zudem eine/n persönliche/n Bezugsbetreuer/in, der/die speziell auf die Gruppendynamik und die Stimmung in der jeweiligen Gruppe achtete und bei Bedarf als Vermittler zum Team fungierte.

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Foto | KoJa Eichstätt

Aktive Spiele fördert das Miteinander
Das ständige Einstreuen von geeigneten Kooperationsspielen und spielerischen interkulturellen Übungen fördert das Miteinander. Bei der Auswahl der Spiele unbedingt darauf achten, dass sie aktives Tun erfordern und natürlich Spaß machen. Sprachliche Kompetenz sollte nicht so sehr im Vordergrund stehen.

Rückblicken, nachdenken, erzählen
Jeden Abend fanden Reflexionsrunden statt, zum Beispiel gemütlich am Lagerfeuer mit allen Teilnehmern/-innen und Teamer/-innen: Erlebnisse erzählen, Probleme offen ansprechen, Verbesserungen, Vorschläge, Ideen einbringen, Themen und Gelerntes zusammen diskutieren, den Tag gemeinsam Revue passieren lassen… Die Reflexionsrunden wurden mit unterschiedlichen Methoden (z.B. Schatzkästchen – in ein Kästchen werden dabei symbolisch von jedem die besonders wertvollen Momente des Tages gelegt, Stimmungsbarometer, Feedbackrunde, etc.) durchgeführt. Auch der nächste Tag wurde in der täglichen Runde besprochen, sowie die Dienste verteilt.

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Foto | KoJa Eichstätt

Die tägliche Prise Humor 
Mithilfe des Daily-Humor-Panel eines „hatten die Teilnehmer/-innen zudem die Möglichkeit jeden Tag ihre Stimmung in Form eines Emoticons auszudrücken. Sollten hier Auffälligkeiten deutlich werden, können diese bei Bedarf in Einzelgesprächen oder in der Tagesreflexion besprochen werden.

Das Betreuerteam kann zeitnah auf Entwicklungen reagieren
Das Betreuerteam führte zudem täglich am Ende des Tages ein Teamgespräch, in dem der Tag in Bezug auf Programm, Organisatorisches, Verantwortlichkeiten, Methoden, teilnehmerbezogene Auffälligkeiten, etc. reflektiert wurde. So hatte das Betreuerteam die Möglichkeit zeitnah auf Probleme, gruppendynamische Prozesse etc. zu reagieren, zu intervenieren oder Programm und Methoden anzupassen. Bei der Wochenauswertung am letzten Tag wurde mithilfe verschiedener Methoden (Kärtchen, Bepunkten, Diagramm, systemische Spiele) wurde das komplette Projekt evaluiert. Mithilfe eines Evaluationsbogens konnte jede/r Teilnehmer/-in Rückmeldungen und Verbesserungsvorschläge zur Organisation, Moderation, Inhalten, Ergebnissen, Methoden, Wirksamkeit, Essen, Unterkunft, Gruppe, Team etc geben.

Post an sich selbst
Am Ende der Woche schrieben die Teilnehmer/-innen zudem einen Brief an sich selbst, in dem sie beschrieben, was sie gelernt haben und wie sie das Gelernte in ihrem Alltag  umsetzen möchten. Diese Briefe werden von der Kommunalen Jugendarbeit einige Monate nach der Maßnahme an die Teilnehmer versendet.

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Foto | KoJa Eichstätt

Abschlussdokument Youthpass
Zum Abschluss erstellten die Teilnehmer/-innen die Inhalte ihres „Youthpass“. Darin halten sie ihre eigenen Lernergebnisse fest. Insbesondere die Jugendlichen mit Fluchterfahrung erhielten hierbei Unterstützung von den Teamer/innen. Der Youthpass ist ein offizielles EU-Dokument, das die Teilnahme an einer internationalen Jugendbildungsmaßnahme belegt und so auch ein wichtiges Dokument für den weiteren Berufsweg darstellt.

Fazit: Learning by doing war das Motto der gesamten Jugendbegegnung. So wenig wie möglich reden und möglichst viel praktisch tun. Natürlich hatten wir auch inhaltliche Diskussionen, kurze Inputs, Kleingruppenarbeiten und Präsentationen der Ergebnisse im Plenum. Aber den weitaus größten Anteil machten praktische konkrete Praxiselemente aus wie z.B. Upcycling Workshop, Naturkosmetik herstellen, gemeinsam Einkaufen am Markt, Supermarktralley, Landart, Dialogwanderung, viele Kooperations- und Kommunikationsübungen und Spiele Spiele Spiele.

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Foto | KoJa Eichstätt

Die gemachten Erfahrungen nutzten die Teilnehmer/innen dazu Video-Tutorials zum Thema nachhaltiges Miteinander zu produzieren. Mit diesen sollen nachhaltige Ansätze und Verhaltensweisen insbesondere anderen Jugendlichen und der Jugendarbeit näher gebracht werden. Die Videos findet Ihr auf unserem Youtube-Kanal.

Das sieht dann z.B. so aus:

oder so: