Von der Herausforderung zur Chance

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Ende November erzählte mir der Geschäftsführer des Berliner Elisabeth-Stifts von seinen aktuellen Themen. Er sollte von einem Tag auf den anderen 30 unbegleitete Flüchtlinge unterbringen und hatte nur ein leeres Haus auf dem Land.

Thomas Heppener ist Leiter des Referats Demokratie und Vielfalt im BMFSFJ

Innerhalb kürzester Zeit wurde für die Jugendlichen aus Syrien und Afghanistan ein erstes Zuhause in einem kleinen Brandenburger Ort geschaffen – dank Helmut Wegner, seinem Team und vieler ehrenamtlicher Helfer/-innen. Die jungen Menschen bekommen jetzt Deutschunterricht. Es gibt eine Fußball- und eine Laufgruppe.

Die Jugendlichen tragen selbst die Verantwortung…

 Die Jugendlichen tragen selbst die Verantwortung fürs Einkaufen, Essenkochen und Saubermachen. Der Leitsatz des Elisabeth-Stifts lautet: ‚Bei uns kann man sich entwickeln!‘ Das heißt für Helmut Wegner aber auch, sich selbst mit dem Team weiterzuentwickeln. Sie lernen nun arabisch, bilden sich weiter für den Umgang mit Traumatisierten und lernen, noch stärker auf kulturelle Besonderheiten zu achten.

Ich war tief beeindruckt von diesem Engagement.

Krieg, Vertreibung, politische und religiöse Verfolgung im Zusammenspiel mit weiteren Faktoren sorgen dafür, dass auch viele Jugendliche ihre Heimat verlassen müssen. Über die Hälfte aller Geflüchteten in Deutschland ist unter 25 Jahre alt. Die großen Fragen dazu sind: „Wie werden aus Flüchtlingen Bürgerinnen und Bürger?“; „Wie kann es uns gelingen, gerade Jugendliche im gesamten gesellschaftlichen Leben zu integrieren?“

Für die Jugendlichen mit Fluchthintergrund braucht es Strukturen, damit sie Fuß fassen können.

Für die ankommenden Jugendlichen mit Fluchthintergrund braucht es eine Reihe von Willkommensstrukturen, damit sie in Deutschland Fuß fassen können. In der ersten Zeit nach ihrer Ankunft geht es für sie um Grundbedürfnisse wie Unterkunft, Versorgung, Sicherheit und die Klärung ihres Aufenthaltsstatus. Es gilt Bedingungen zu schaffen, unter denen Kinder und Jugendliche sich wie im obigen Beispiel individuell entwickeln können. Um nachhaltige Teilhabe und Chancengerechtigkeit für die Neubürger/-innen zu ermöglichen, wurde an den Schulen eine Vielzahl von Willkommensklassen eingerichtet und so erste Wege zum Spracherwerb und zur Integration geschaffen.

Dialog auf Augenhöhe
Auch die Kinder- und Jugendarbeit öffnet sich den Erfordernissen der aktuellen Situation und entwickelt spezifische Angebote für Jugendliche mit Fluchterfahrung. Das können Stadtteilrallyes zum Kennenlernen des neuen Umfelds oder „klassische“ Projekte wie Theater-, Fußball- und Kicker-Spielen sein.

Es geht darum, den Jugendlichen einen Ort zu bieten, an dem sie sich sicher fühlen, Freunde finden und sich einbringen können.

Es geht darum, den Jugendlichen einen Ort zu bieten, an dem sie sich sicher fühlen, Freunde finden und sich einbringen können. Dazu braucht es einerseits den fachlichen Austausch zwischen Verwaltung, Gremien, Trägern der Jugendhilfe und Jugendeinrichtungen über Öffnungsprozesse, Haltungen und die neue Akzentuierung der Angebote. Andererseits darf die Jugendpolitik nicht nur über die Bedürfnisse der Neubürger/-innen sprechen, sondern muss auch mit ihnen – auf Augenhöhe – ins Gespräch gehen. Sie sind nicht nur Flüchtlinge, sondern Menschen mit Erfahrungen, Talenten, Wissen, Können, Wünschen, Träumen …

Dazu bietet es sich an, die langjährige Expertise von Jugendmigrationsdiensten, Migrant(inn)enselbstorganisationen, aus der internationalen Jugendarbeit und Flüchtlingsinitiativen in Anspruch zu nehmen. Damit die zu uns kommenden Jugendlichen sprachlich, beruflich und kulturell eine neue Heimat finden können, müssen ihnen besondere Unterstützung und individuelle Angebote vor Ort zur Verfügung stehen. Viele freie Träger begleiten und fördern die Jugendlichen auf ihrem Weg in die deutsche Gesellschaft mit dem Ziel einer gleichberechtigten Teilhabe am politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben. Gleichzeitig dürfen bisherige Zielgruppen nicht vernachlässigt werden.

Wertschätzung des Ehrenamtes
Damit die Welle des Mitgefühls und Engagements weiter trägt und nicht verebbt, braucht es ermutigende Signale, Würdigung und Wertschätzung sowie unterstützende Strukturen. Gleichzeitig gilt es, den Ehrenamtlichen vor Ort breit gefächerte Netzwerke zur Verfügung zu stellen und so die demokratischen Kräfte zu bündeln und Synergien zu erzeugen.

Wenn die ehrenamtliche Arbeit vor Ort als produktiv, und mit Wertschätzung begleitet wird, bleibt der hilfsbereit-demokratische Teil der Zivilgesellschaft stärker

Wenn die ehrenamtliche Arbeit vor Ort als produktiv, bewältigbar und von Wertschätzung begleitet erlebt wird, stehen die Chancen nicht schlecht, dass der hilfsbereit-demokratische Teil der Zivilgesellschaft stärker bleibtals der gewaltbereit-rassistische – trotz der beinahe täglichen Nachrichten von rechtsradikalen Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte, von ‚Nein zum Heim‘-Kampagnen, von Pegida-Aktionen oder Rekrutierungsversuchen der Salafisten.

Bestehende Strukturen überdenken
Aus meiner Sicht sind die aktuellen Herausforderungen eine Chance, über vorhandene (soziale) Strukturen nachzudenken, sie besser zu machen und Neues auszuprobieren. Viele Organisationen und Einrichtungen der Jugend(sozial)arbeit haben Angebote für junge Flüchtlinge. Die Gründe dafür sind vielfältig: manche begreifen es einfach als ihre Aufgabe; teilweise finden geflüchtete Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und junge Eltern den Weg selbst; manche werden von Verantwortlichen aus Politik, Verwaltung und Verbänden dazu gedrängt oder von Aktiven aus der Flüchtlingsarbeit um Unterstützung gebeten.

Diese interkulturelle Ausrichtung und ihre Dynamik stellen die handelnden Personen und Organisationen vor besondere Aufgaben. Obwohl der Einbezug neuer Zielgruppen und die flexible Umsetzung von Angeboten ein herausragendes Markenzeichen der Einrichtungen der Jugend(sozial)arbeit ist, wird in ihrem Arbeitsalltag sehr schnell deutlich, dass

Eine neue Zielgruppe bringt neue Herausforderungen

die neue Zielgruppe ganz spezielle Herausforderungen mit sich bringt: die Konfrontation mit dramatischen menschlichen Schicksalen und Traumatisierungen; spannungsreiche interkulturelle Begegnungen zwischen alter und neuer Zielgruppe; spezifische Rechtslagen; neue Kooperationspartner und Netzwerke; Sprach- und Kommunikationshürden.
Um von der Herausforderung zur Chance zu gelangen, braucht es viele tatkräftige Menschen und dazu die entsprechenden politischen Strukturen und Rahmenbedingungen. Dann ist das alles auch zu schaffen.

Das ist ein redaktionell bearbeiteter Artikel des IJAB Journals, 2/2015. Der Autor, Thomas Heppener ist Leiter des Referats Demokratie und Vielfalt im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.