Unser Problem heißt Alltagsrassismus

Anke ist direkt,  sehr engagiert, auch mal zornig und vor allem taff.  Und das muss sie auch sein. Denn seit 2018 ist Anke für Flüchtlinge werden Freunde für den Bayerischen Jugendring aktiv und berät die Jugendarbeit zum Thema Rassismus. Besonderes Merkmal: Anke pendelt täglich und hat in der Bahn immer einen Platz dank Klapp-Campingstuhl. Hier unterhalten wir uns über Möglichkeiten antirassistischer Jugendarbeit, ihre Wünsche für das Jahr 2018 und warum wir mehr positives Storytelling brauchen.

Warum braucht es rassismuskritische Jugendarbeit?
Rassismus ist kein Randphänomen unserer Gesellschaft. Und es ist auch kein Problem der Jugend. Aber Jugendarbeit kann Lösungsansätze und -strategien bieten, die übertragbar sind. Das macht rassismuskritische Jugendarbeit und eine fortwährende Sensibilisierung für das Thema so wichtig. Dabei sind wir erst am Anfang. Gesamtgesellschaftlich läuft es gerade wirklich mies, ich glaube aber, dass wir mit der Jugendarbeit am richtigen Punkt anknüpfen können, weil wir schon einiges richtig machen und weil wir das Potential haben Leute da abzuholen, wo sie andere nicht abholen können.

Was macht die Jugendarbeit denn richtig?
Schon eine ganze Menge, etwa indem wir verschiedene Menschen mit unseren Angeboten ansprechen. Etwa Menschen mit Flucht- oder Migrationserfahrung. In der Jugendarbeit bekommen sie das Gefühl , dass ihre Meinung zählt und sie werden als Menschen geschätzt und ernst genommen.

alle Bilder sind von Anke und beim Zugfahen entstanden

Was kann die Jugendarbeit noch mehr machen?
Ich würde hier nicht „die“ Jugendarbeit sagen, sondern da muss jede_r zuerst einmal in seinen/ihren eigenen Bereich schauen. Das ist sowieso die Botschaft, die man vielleicht mitnehmen kann. Es geht nicht immer um das große Ganze, sondern um meinen kleinen eigenen Bereich.

Wie sieht es in meinem eigenen Clan aus?

Wie sieht es in meinem eigenen Clan aus? Habe ich die jungen Leute in meinem Umfeld angesprochen? Sehen die sich irgendwie vertreten? Ist es attraktiv was ich mache? Oder schließe ich vielleicht, ganz unbewusst, bestimmte Menschen von meinen Angeboten aus? Gibt es klare Positionierungen ggen  Rassismus? Nach außen wie nach innen? Wie sieht es mit migrantischen Perspektiven aus? Wie reagiere ich selbst, wenn ich menschenfeindlichen Positionen begegne und wie gehe ich mit meinen eigenen Vorurteilen um? Rassismuskritische Jugendarbeit heißt eben nicht, einem Problem „der Anderen“ zu begegnen, sondern für eine gemeinsame Herausforderung zu sensibilisieren, eigene Denkmuster und Verhaltensweisen zu hinterfragen, ebenso den Sprachgebrauch.

Wie sehen denn solche Ausschlusskriterien aus und was kann man dagegen tun?
Also zum einen ist es der  Trott, der mitunter blind macht. Wenn man immer sehr ähnliche Dinge spielt und nicht so das Ohr an gesellschaftlichen Prozessen dran hat, dann ist man eben mit den eigenen Angeboten unter Umständen nicht so attraktiv für Geflüchtete oder auch andere Menschen, die  Benachteiligungen erfahren. Mein Vorschlag:

Einfach mal die Menschen fragen, die man erreichen will.

Einfach mal die Menschen fragen, die man erreichen will. Das klingt vielleicht ein wenig naiv, aber: Wir erleben ja beispielsweise immer wieder, dass wir in bestimmten Bereichen ganz viele Mädchen, junge Frauen nicht zu den Angeboten der Jugendarbeit kommen. Der erste Schritt kann auch einfach nur sein, mit der Zielgruppe zu sprechen, die man erreichen will. Warum kommt der große Bruder, aber die kleine Schwester nicht? Warum spricht euch das nicht an oder positiv formuliert: Was würde euch denn ansprechen? Was wünscht ihr euch? Was beschäftigt euch gerade und wo wollt ihr euch mit einbringen?

Wer oder was ist denn jetzt eigentlich rassistisch?
Rassismus ist ein weit verbreitetes Phänomen, obwohl es erwiesenermaßen gar keine unterschiedlichen „Rassen“ gibt. Aber die Mechanismen, die den klassischen Rassismus seit dem Kolonialismus prägen, bestehen in vielen Bereichen fort. Indem sie mit Feindbildprojektionen arbeiten, die nationale, ethnische, kulturelle oder auch religiöse Differenzen betonen, die jeweils so konstruiert sind, dass die Zugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigkeit zu einer Gruppe als „naturgegeben“ und unabänderlich dargestellt wird. Damit wirken hier letztlich dieselben Mechanismen wie bei „Rasse“-Konstruktionen, nur sehr viel subtiler und mitunter verdeckt. Unser großes Problem heißt Alltagsrassismus.

Wir haben gerade in den vergangenen Jahren einen deutlichen Anstieg von Anfeindungen gegenüber geflüchteten Menschen in unserem Land verzeichnet, auch Musliminnen und Muslime, Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma sehen sich häufig mit Hass und gar Gewalt konfrontiert. Besonders spürbar ist derzeit jedoch der antimuslimische Rassismus.

Mir ist wichtig, dass wir noch stärker die Perspektive der Betroffenen einnehmen,

Mir ist wichtig, dass wir noch stärker die Perspektive der Betroffenen einnehmen, es zumindest versuchen. Menschen mit Rassismuserfahrungen erleben rassistische Vorgänge logischerweise völlig anders als Nicht-Betroffene. Es sind aber oft die Nicht-Betroffenen, die, ob beabsichtigt oder nicht, eine diskriminierende oder verletzende Sprache benutzen und es dann hinterher abtun. War ja nicht so gemeint, hilft den Betroffenen aber herzlich wenig. Ihre Perspektive mal einzunehmen und durch Begegnungen mehr voneinander zu erfahren, auf Dauer aber schon.

 Und wie kann ich selber weniger rassistisch sein?
Erstmal muss ich mir eingestehen, dass rassistisches Denken jedem innewohnt. Wir werden durch unser Umfeld und unsere Erfahrungen geprägt. Vorurteile hat erstmal jeder und jede von uns. Es ist einfach so, das muss man erstmal sacken lassen. Wir haben ganz viel Bilder, Narrative und Alltagskram, der uns quasi eingeimpft ist. Wir sollten aber damit anfangen das zu kontrollieren.

Also auch mal den eigenen Gedanken zuhören, wenn sie Vorurteilsmist produzieren und Stopp sagen.

Also auch mal den eigenen Gedanken zuhören, wenn sie Vorurteilsmist produzieren und Stopp sagen. Diesen Schmerz, dass man eben nicht immer eine prima Person ist, da muss man jetzt mal rüberspringen. Dann kann man anfangen, am eigenen Sprachgebrauch zu arbeiten und schon mal nicht mehr das N-Wort Bier in der Kneipe bestellen.

Was wünscht Du Dir persönlich vom Jahr 2018?
Ich wünsche mir, dass wir es schaffen endlich einen wertschätzenderen Umgang miteinander zu pflegen, der sich in Sprache und im tatsächlichen Tun ausdrückt. Ich wünsche mir, dass wir es schaffen wieder die Menschen in einen Dialog zu bringen und eben nicht nur noch übereinander reden. Und genau hier kann Jugendarbeit auch viel mehr, als vieles und viele andere. Und ich wünsche mir vor allem eine neue Umgangskultur/Wahrnehmungskultur, die die positiven Dinge wieder mehr in den Mittelpunkt rückt. Denn warum werden die negativen Dinge so laut und omnipräsent?
Wieso schaffen wir es nicht häufiger, auch mal über die ganzen tollen Dinge zu reden, die passieren? Ich wünsche mir, dass das Jahr 2018 das Jahr des positiven Storytellings wird.

Danke Dir Anke für Deine Zeit!

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