Trends im Gepäck?

© Foto | KJR München-Stadt

 

Alles anders, alles gleich

Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, um andernorts ein sichereres und damit besseres Leben führen zu können, haben natürlich eine Vergangenheit.
Sie hatten ein Leben vor der Flucht. Als Jugendliche hatten sie dort Wünsche, Träume – und vielleicht gab es in Syrien, in Afghanistan oder im Sudan so etwas wie Moden, die hippe Trendsetter bestimmt haben. Oder ist alles ganz anders? Ein Gespräch mit Jamshid, der seit sechs Jahren in München lebt.

Wo bist du geboren?

Jamshid: Meine Familie stammt aus Afghanistan.
Ich wurde dort geboren – als ich zwei Monate alt war, sind wir allerdings in den Iran geflohen. In Teheran bin ich zur Schule gegangen, hatte viele Freunde und eine große Familie um mich herum.

Als ich 13 Jahre alt war, bin ich allein nach Europa geflohen

Als ich 13 Jahre alt war, bin ich allein nach Europa geflohen und kam irgendwann nach München. Hier lebe ich inzwischen seit sechs Jahren. Heute bin ich 19 Jahre alt.

Kannst du dich erinnern, ob es im Iran so etwas wie Moden oder angesagt Trends unter Kindern und Jugendlichen gab?

Ich war damals eigentlich fast nur mit meinen Cousins unterwegs. Wir haben Sport gemacht, waren oft im See schwimmen. Die Freizeit hat man eigentlich immer nur mit Verwandten und Familie verbracht. Manchmal kamen auch Freunde aus der Schule zu uns nach Hause und wir haben Karten gespielt. Eigentlich war das fast wie hier auch.

Im Iran gab und gibt es sicher Einschränkungen in der Freizeitgestaltung, oder?

Ich wollte damals unbedingt Skateboard fahren.

Ich wollte damals unbedingt Skateboard fahren. Das durfte man aber nicht, weil das wohl zu europäisch bzw. amerikanisch war. Außerdem gab es gar keine geeigneten Plätze dafür. Hat man es trotzdem versucht, bekam man sofort Ärger mit der Polizei.

Und Musik?

Moderne Musik – Pop, HipHop oder auch Jazz – ist im Iran nicht erlaubt. Zu Hause haben wir schon solche Musik gehört.

Wenn man sich aber auf der Straße mit einem mp3-Player und Kopfhörern hat blicken lassen, gab es wiederum Probleme mit der Polizei.

Wenn man sich aber auf der Straße mit einem mp3-Player und Kopfhörern hat blicken lassen, gab es wiederum Probleme mit der Polizei.

Wie war das, als du damals nach München kamst; jetzt konntest du ja zum Beispiel Skateboard fahren …

Das habe ich dann auch vier Jahre lang intensiv gemacht. Und damit lag ich voll im Trend. Ich wollte außerdem immer schon tanzen. Das ging im Iran leider auch nicht, weil ja schon die Musik verboten war – erst recht der Tanz dazu.

Wie hast du in Deutschland Freunde gefunden?
Was habt ihr zusammen gemacht?

Ich kam zuerst zu einer Pflegefamilie nach Bad Tölz. Das hat leider gar nicht gepasst – sicher auch, weil auf dem Land einfach nichts los war und ich wenig Gleichaltrige kennengelernt habe. Die Pflegeeltern waren zudem schon sehr alt. Nach zwei Monaten hat es mir gereicht und ich wollte weg nach München.
Das hat tatsächlich geklappt und ich konnte ins Adelgundenheim in die Hochstraße ziehen. Plötzlich ging es schnell, dass ich Freunde fand – vor allem in der Schule.

Als Teenager orientiert man sich oft an Trends und angesagten Marken. Wie war das bei dir?

Klar stehe ich auch auf Markensachen.

Ich will zum Beispiel ein iPhone und kein anderes Handy.

Ich will zum Beispiel ein iPhone und kein anderes Handy. Dafür habe ich aber auch lange sparen müssen. Ich wusste natürlich, was bei meinen Freunden angesagt war – das wollte ich auch. Ich denke, dass es dann auch leichter ist, in eine Gruppe reinzukommen, wenn man so tickt wie die und die gleichen Sachen mag. Mir hat das geholfen.

Hast du Kontakt zu Gleichaltrigen in Afghanistan oder im Iran? Wie leben die heute? Welche Trends gibt es jetzt dort?

Ich hatte lange Zeit keinen Kontakt mehr nach Hause. Seitdem es aber Smartphones und überall Internet gibt, hat das wieder zugenommen – auch wenn im Iran Facebook oder andere Seiten gesperrt sind. Im Iran haben sich in den letzten Jahren schon ein paar Dinge verändert. Im August 2015 war ich dort. Als ich in Teheran ankam, hatte ich schon ein komisches Gefühl und dachte, dass alles so geblieben ist wie früher. Aber inzwischen gibt es einen offiziellen Skateboard-Platz in der Stadt. Eine grundsätzliche Veränderung hat aber noch nicht stattgefunden.
Es ist eher so, dass Trends aus Europa oder den USA sich langsam im Iran ausbreiten.Einer meiner Cousins, der noch im Iran lebt, hört inzwischen die gleiche Musik wie ich. Er muss aber immer noch aufpassen, nicht erwischt zu werden. Die Leute dort führen ein Leben in der Öffentlichkeit und ein anderes in der Familie.

Wenn du in München Menschen aus anderen Ländern triffst – welche Trends haben die von zuhause mitgebracht?

Ich treffe schon andere Iraner. Die sind in der Regel aber eher konservativ, hören traditionelle persische Musik, kleiden sich anders als ich, haben andere Hobbys. Aber die haben wohl länger als ich im Iran gelebt und sind so anders geprägt.

Hast du gar keine Traditionen von früher bewahrt?

Natürlich mag ich die iranische Kultur – aber eben auch die deutsche. An Nouruz – unserem Neujahrsfest – ziehe ich zum Beispiel auch unsere Kleidung aus dem Iran an. Ich finde, dass man in beiden Welten gleichzeitig leben kann und sich nicht entscheiden muss.

Trends wirken also auf der ganzen Welt?

HipHop, Rave – alles kommt überall hin, wenn es authentisch ist. Wenn es zu kommerziell ist, wie damals der Gangnam Dance – stirbt es bald wieder. Moden kommen und gehen überall auf der Welt. Naja – und beruflich will ich mit einem Trend auch mal Geld verdienen. Ich spiele wahnsinnig gern auf der PS4-Konsole, erkläre die Spielzüge in Videos und stelle sie in YouTube. Im Moment habe ich noch zu wenige Follower – aber dieser Trend wird anhalten und mir vielleicht mal mein Einkommen sichern. Ich denke jedenfalls, dass ich in München angekommen bin und die Trends lebe, die es hier gerade gibt. Vielleicht bin ich da anders als andere Flüchtlinge – aber mir gefällt das.

Die Veröffentlichung des Textes erfolgt mit freundlicher Genehmigung des KJRMünchen-Stadt. Der Text stammt aus dem Magazin K3, Nr. 4, Jahrgang 2016.