Medienhandeln von Geflüchteten als Praxis informeller Bildung

Digitale Medien sind in der Lebenswelt unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter sowohl während der Flucht als auch im Aufnahmeland Deutschland fest verankert. Neben jugendtypischen Nutzungsweisen spielen informelle Bildungspraktiken mit digitalen Medien eine wichtige Rolle für das (Über-)Leben der jungen Menschen. Vor diesem Hintergrund zeigen sich entsprechende Anforderungen an pädagogische Angebote.

Informelle Bildung stellt ein wichtiges Feld der Aneignung von Fähigkeiten und der Bewältigung von Sozialisations- und Bildungsanforderungen in der sogenannten Wissensgesellschaft dar – so thematisieren dies Diskurse um Bildung in Deutschland seit mittlerweile über 15 Jahren (vgl. Otto/Rauschenbach 2004). Gleichzeitig erweist sich der Zugang über informelle Bildungsaneignung als ambivalent, da sich ohne eine entsprechende Rahmung Ressourcenungleichheiten im informellen Kontext zunächst potenziell nur reproduzieren (vgl. Kutscher 2009). Die selbstgesteuerte Aneignung von Wissen und Fähigkeiten aus einer subjektiven Relevanzperspektive ist damit zwar ein entscheidender Ausgangspunkt, doch daran schließt die Frage an, inwiefern es dabei gelingt, an den individuellen Präferenzen anzuknüpfen, um dann einen erweiterten Zu- und Umgang mit Wissensressourcen zu ermöglichen, so dass Teilhabechancen dadurch auch faktisch erweitert werden. Vielfach wird die These vertreten, dass digitale Medien dabei eine fördernde Rolle spielten. Gerade mit Blick auf die in Deutschland ankommenden Geflüchteten und die Bedeutung digitaler Medien in ihrem Alltag ist diese Frage auf neue Weise relevant. Im Folgenden wird vor dem Hintergrund der Befunde einer qualitativ-empirischen Studie mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten der Frage nachgegangen, inwiefern in deren lebensweltlichem Kontext digitale Medien als Zugänge für informelle Bildung und zur Realisierung von Teilhabeoptionen dienen.

Medienhandeln von Geflüchteten

Insgesamt ist die empirische Forschungslage zur Nutzung digitaler Medien, insbesondere durch junge Flüchtlinge, noch begrenzt. So liegen einige Projektberichte zu medienpädagogischen Programmen insbesondere mit jungen Migrantinnen und Migranten und teils auch mit Flüchtlingen vor; beispielsweise die Arbeiten im Rahmen des CHICAM-Projekts (Europäische Kommission 2007), wobei hier weniger digitale Medien im Fokus standen. Studien mit erwachsenen syrischen und ugandischen Geflüchteten kommen zu dem Schluss, dass über 80 Prozent von ihnen Smartphones und Internet nutzen (vgl. Koons 2015; Betts 2014). Leung et al. (2009) sowie Alam und Imran (2015) berichten aus ihren Studien, dass digitale Medien eine bedeutsame Rolle bei der Bewältigung von Fluchterfahrungen spielen. Im Folgenden werden Aspekte informeller Aneignungspraktiken junger Geflüchteter vor dem Hintergrund unserer Studie, die in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Kinderhilfswerk im Jahr 2015 durchgeführt wurde und in der wir 20 minderjährige unbegleitete Geflüchtete in deutschen Inobhutnahme- Einrichtungen befragten, herausgearbeitet. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Studie von Gillespie et al. (2016), die zwischen September 2015 und April 2016 Interviews mit 26 erwachsenen Flüchtlingen in Frankreich durchführten. Die von uns befragten jungen Flüchtlinge haben mit unterschiedlich ausgebildeten Medienerfahrungen, die wiederum prägend für ihre weitere Nutzung digitaler Medien sind, ihr Herkunftsland verlassen. Der Mediengebrauch auf der Flucht gestaltet sich bei den Jugendlichen verschieden aus und hängt unter anderem davon ab, ob sie ein eigenes Handy bzw. Smartphone besitzen. Vor dem Hintergrund der Herausforderungen, dass die wichtigsten Personen in ihrem Leben (Vater, Mutter, Geschwister) in zumeist unerreichbarer Ferne sind und der Fluchtweg zu bewältigen ist, stehen im Mittelpunkt der Nutzung vor allem Versuche, mit der Familie Kontakt zu halten, sie über bewältigte Fluchtetappen zu informieren, mit anderen Geflüchteten Informationen auszutauschen, in Notfällen Hilfe zu rufen, mit Schleppern Kontakt aufzunehmen und sich über Navigations-Apps räumlich zu orientieren (vgl. Kutscher/Kreß 2015).

Wie auch für Jugendliche, die in Deutschland aufgewachsen sind, gehört das Smartphone mit seinen unterschiedlichen Funktionen für die jungen Geflüchteten zu den wichtigsten Dingen. Nach der Ankunft in Deutschland sind daher die ersten Schritte unter anderem die Besorgung eines Smartphones, sofern nicht vorhanden, sowie einer Prepaid-Karte, da das Abschließen eines Vertrags für die Jugendlichen in der Regel nicht möglich ist. Sie berichten, dass sie häufig ihr gesamtes Taschengeld darauf verwenden, Prepaid- Guthaben zu erwerben. Hierbei übernehmen kleinere Telefonshops, die oftmals von Migrantinnen oder Migranten betrieben werden, eine Scharnierfunktion für die Schaffung technischer Zugangsmöglichkeiten und gegebenenfalls auch für darüber hinausgehende Informationen.

Zentrale Dienste, die die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge nutzen, sind Facebook, WhatsApp und Viber.

Zentrale Dienste, die die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge nutzen, sind Facebook, WhatsApp und Viber. Diese Apps ermöglichen den Jugendlichen, sowohl mit Familie sowie Freundinnen und Freunden zu kommunizieren, als auch neue Kontakte herzustellen. So gehört zu den ersten Dingen nach der Ankunft in Deutschland auch das Einrichten eines Accounts bei einem sozialen Netzwerk, sofern noch nicht vorhanden. Allerdings zeigt sich, dass es nicht jeder bzw. jedem Jugendlichen möglich ist, sich eigenständig einen Facebook-Account anzulegen. Hilfe erfahren die Jugendlichen teilweise von der Familie aus dem Ausland oder von anderen jungen Flüchtlingen, die ihnen ein E-Mail-Konto sowie einen Facebook-Account einrichten und ihnen die entsprechenden Zugangsdaten übermitteln. Des Weiteren
kann nicht grundlegend davon ausgegangen werden, dass alle Jugendlichen lesen und schreiben können,
wobei dies eine zentrale Voraussetzung für die Nutzung digitaler Medien darstellt. In diesem Fall berichtet ein Jugendlicher von der kompensatorischen Praktik, anstelle von Text- Sprachnachrichten zu versenden, um sich auf diese Weise dennoch der digitalen Kommunikation zu bedienen – wobei ihm dann erhaltene geschriebene Nachrichten durch Mittlerinnen bzw. Mittler vorgelesen werden müssen.

Darüber hinaus verläuft die Kommunikation zwischen den Geflüchteten und den (pädagogischen) Fachkräften auch über WhatsApp oder andere Kommunikationsdienste. So werden beispielsweise Terminabsprachen über die digitale Kommunikation getroffen und Informationen und Bilder ausgetauscht. Dies steht im Widerspruch zu den Rahmenbedingungen in den Jugendhilfeeinrichtungen: Die Medienausstattung in Einrichtungen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ist, wie in allen anderen Kinder und Jugendhilfekontexten, begrenzt. Häufig müssen sich die Jugendlichen in den Einrichtungen einen Computer teilen, WLAN zur freien Nutzung für die Jugendlichen ist meist nicht vorhanden. Dies führt dazu, dass sie öffentliche Hotspots aufsuchen, um eine Verbindung zum Internet herzustellen. Auch wenn Fachkräfte auf digitalem Weg mit ihren Adressatinnen und Adressaten kommunizieren, wird zumeist keine materielle Unterstützung bei der Finanzierung von Prepaid-Guthaben geleistet. In den Berichten der jungen Geflüchteten werden jedoch genauso jugendtypische Mediennutzungsweisen sichtbar: Wie viele andere Jugendliche folgen sie beispielsweise der Lieblingsband auf Twitter, liken den favorisierten Fußballverein auf Facebook, hören Musik oder suchen Filme zu ihren Hobbys auf YouTube.

Medienhandeln und informelle Bildung

In den dargestellten Nutzungsweisen wird deutlich, dass digitale Medien auf verschiedene Weise zur Bewältigung des Alltags der jungen Flüchtlinge dienen. Sie eignen sich dabei selbstgesteuert (Alltags-)Wissen an und entwickeln Strategien der Weltaneignung – im Sinne des Verhältnisses zu sich selbst, zur sozialen Welt und zur dinglichen Welt – im Kontext der Bewältigung ihres Alltags und auch vor dem Hintergrund der Fluchterfahrung. Dabei geht es um das generelle Bewältigen von Entwicklungsaufgaben in einer digitalisierten Gesellschaft, das Aneignen von Sprache sowie von lebensweltlich relevantem Wissen im Spannungsfeld zwischen jugendspezifischer Identitätsentwicklung und der Enkulturation als Fluchtmigrantinnen und -migranten in einer Aufnahmegesellschaft.

Sprachaneignung als Schlüssel zur Teilhabe

Das Erlernen der deutschen Sprache ist aus der Perspektive der befragten jungen Geflüchteten zentral. In verschiedenen institutionalisierten Kontexten, so beispielsweise in professionellen Sprachkursen, in der Schule oder durch ein Angebot von Ehrenamtlichen, sollen die Jugendlichen Deutsch lernen. Beschränkt werden die formellen Angebote dadurch, dass diese – je nach Aufenthaltsstatus und Angebotslage – nicht allen Jugendlichen und mit durchaus unterschiedlicher Qualität zur Verfügung stehen und das Lernen darüber hinaus auf bestimmte Zeiträume begrenzt ist. In unserer Studie wurde deutlich, dass die Jugendlichen eine große Bandbreite an Übersetzungs-Apps teils in Sprachkursen und im Unterricht, vor allen Dingen jedoch im Alltag nutzen. Für die Jugendlichen ist dies eine wichtige Stütze, die ein Interviewteilnehmer wie folgt beschreibt: „Also vormittags wenn ich in der Schule bin benutze ich das, um äh für die Übersetzung, wenn ich ein Wort in der Schule nicht verstanden habe, dann möchte ich nachschlagen nachgucken, um zu verstehen ähm so Nachmittag, dann mache ich auch also gucke ich auch bisschen Internet oder wenn ich dann in der Stadt bin da auch nicht so viel. Aber dann danach abends, wenn ich äh viel also dann mit Internet beschäftigt“. Allerdings ist den Jugendlichen auch durchaus bewusst, dass beispielsweise der häufig genutzte Google-Übersetzer nicht immer die beste Übersetzung liefert. In den Berichten der Befragten wird deutlich, dass die Apps, neben Übersetzungs-Tools auch Vokabel- und Grammatiktrainingsprogramme, weitaus mehr als die regulären Sprachlernangebote genutzt werden und dabei als ambivalente Übersetzungs- und Deutschlernhilfen fungieren. Die Apps sind einfach zugänglich, sie werden von vielen Flüchtlingen genutzt. Gleichzeitig erweisen sie sich nicht unbedingt als hilfreich für die differenzierte Klärung von Sprachproblemen. Qualitativ hochwertigere Apps sind oftmals – spätestens nach einer Bezahlschranke – kostenpflichtig. Die frei zugänglichen sind häufig Teil eines Globalkonzerns, der kostenlose Angebote gegen Metadaten ‚tauscht‘, ohne dass dies den Nutzerinnen und Nutzern hinreichend bewusst ist.

Darüber hinaus verwenden Jugendliche YouTube, um einerseits Filme in ihrer Muttersprache anzusehen oder die Lieblingsmusik zu hören, andererseits aber auch, um deutsche Angebote wie zum Beispiel Musik zu nutzen, um sich darüber die deutsche Sprache anzueignen. Das Aneignen von Sprache findet somit auch alltagskulturell verankert über Musikvideos und über das Ansehen von deutschen Nachrichten oder Spielfilmen statt, wobei gleichzeitig bewusst Informationen über die Aufnahmekultur erfasst werden.

Aneignung von Alltagswissen

Beim Einleben in Deutschland erweist sich das Smartphone als Schlüsselmedium,

Beim Einleben in Deutschland erweist sich das Smartphone als Schlüsselmedium, um sich in den täglichen Dingen, den Regeln, Normen und Gepflogenheiten des Aufnahmelandes und an unbekannten Orten zurechtzufinden. Das Smartphone hilft den Jugendlichen, ihren Alltag zu bewältigen, dies zeigt sich bereits in kleinen Dingen, wie in der Nutzung von Fahrplan- und Navigations-Apps.

Durch die Apps eignen sich die Jugendlichen eigenständig ihren neuen Lebensort an und sind nicht in allen Belangen an Unterstützung gebunden. Das Beziehen von deutschen Medienangeboten, unter anderem über Apps auf dem Smartphone, eröffnet den Jugendlichen die Möglichkeit, sich auf vielfältige Weise über aktuelle Themen in Deutschland zu informieren. Die Medienanstalten in Deutschland haben sich mittlerweile aufgrund der derzeitigen Flüchtlingssituation in ihrem Angebot auch speziell darauf ausgerichtet, so dass Webseiten von Nachrichtenanstalten in verschiedenen Sprachen offeriert werden. Jedoch werden Medien nicht nur für Geflüchtete entwickelt, sondern auch mit ihnen. Dies wird besonders deutlich an verschiedenen Angeboten von Bürgermedien.

Aneignung von spezifischem Wissen für Geflüchtete

Digitale Medien bieten aber nicht nur die Möglichkeit, sich generell über das Aufnahmeland Deutschland zu informieren, sondern auf diesem Weg werden auch spezifische Informationen für Geflüchtete bereitgestellt. Zum Zeitpunkt der Studie haben die befragten Jugendlichen angegeben, dass sie im Internet nach Informationen zu Flucht und Asyl suchen, aber keine passenden Angebote hierzu finden. In den vergangen Monaten sind jedoch immer mehr Angebote entstanden, folgend werden drei Angebote exemplarisch benannt. Die Ankommen– App1 des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sowie die Willkommen bei Freunden-App2 des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend stellen in verschiedenen Sprachen Wegbegleiter für die erste Zeit in Deutschland dar. Im Vordergrund steht die Vermittlung von praktischem Alltagswissen, aber auch spezifischem Wissen für ein mögliches Asylverfahren. Die App YoungRefugees_nrw3 stellt zusätzlich noch Informationen für Fachkräfte bereit. Der Kurzfilm Asyl in Deutschland – Die Anhörung (Kölner Flüchtlingsrat e. V.) informiert über die Anhörung als zentralem Bestandteil des Asylverfahrens. Dieser Film, der seit Juni 2016 in verschiedenen Sprachen zur Verfügung steht und vielfach über soziale Netzwerke verbreitet wird, arbeitet das Thema Anhörung verständlich auf. Es liegen jedoch noch keine eindeutigen Befunde darüber vor, inwiefern diese Angebote von Geflüchteten faktisch angeeignet oder genutzt werden.

Bewältigung von Entwicklungsaufgaben

Die jungen Geflüchteten berichten von spezifischen negativen Medienerfahrungen bei der Nutzung von Facebook, die sie vor die Herausforderung stellen, Bewältigungspraktiken zu entwickeln. Im folgenden Ausschnitt einer Gruppendiskussion beschreibt ein Jugendlicher, welche Strategie er wählt, um mit der Konfrontation mit gewalthaltigen Medieninhalten umzugehen: „Vor zwei Monaten habe ich meinen Facebook dauerhaft gelöscht, dauerhaft, nach drei vier Jahren dauerhaft gelöscht, weil es ging mir in einiger Zeit ganz schlecht, dann habe ich hier also ich war jeden Tag bei Facebook habe ich neue Nachrichten also gelesen also halt geguckt, denn ich hatte viele verschiedene Freunde, die ich nicht kenne und dann

die haben ganz schlimme Sachen da gepostet Filme Video was weiß ich über Taliban über IS was weiß ich

die haben ganz schlimme Sachen da gepostet Filme Video was weiß ich über Taliban über IS was weiß ichüber, dass jemand anderen schlachtet oder was getötet oder dann in einer Nacht, weil es ging mir ganz schlecht, dann habe ich dauerhaft gelöscht und dann nur neue Freundschaftsanfragen an die Leute geschickt, die ich kenne genau und deshalb.“

Eine besondere Herausforderung für die jungen Geflüchteten, die ohne ihre Familien in Deutschland leben, ist es, neue Strategien des familiären Miteinanders im transnational verorteten Spannungsfeld von Ablösung und Kontakt zu entwickeln, häufig ohne zu wissen, ob die Angehörigen noch am Leben sind oder wie es ihnen geht. Digitale Medien werden versucht zu nutzen, um diese Verbindungen wieder aufzunehmen bzw. aufrechtzuerhalten. Facebook spielt hierbei für die Jugendlichen eine zentrale Rolle, indem sie sich erkennbar darstellen, um aufgefunden zu werden, ihre Selbstpräsentation im Kontext der Herkunftskultur aber auch der Aufnahmegesellschaft vornehmen und somit auf digitalem Wege transnationale Identitäten dokumentieren. Die Jugendlichen praktizieren darüber hinaus mit fernen Freundinnen und Freunden sowie Verwandten neue Arten des Miteinanders durch digitale Medien wie Videotelefonie und soziale Netzwerkkommunikation. Auch hierbei bewegen sich die Jugendlichen in einem Spannungsfeld zwischen der Aufnahme- und Herkunftskultur und oftmals gelingt der Kontakt trotz verschiedener Strategien nicht. Dies liegt häufig an nicht vorhandener oder funktionierender Internet-Infrastruktur in den Herkunftsregionen, an begrenzten technischen Möglichkeiten der Familien, verlorengegangenen Kontaktdaten im Zuge des Handyverlusts auf der Flucht oder auch daran, dass die Angehörigen selbst auf der Flucht und nicht auffindbar sind. Aber auch technische Hindernisse können – teils trotz erfindungsreicher Strategien – zum Problem werden: So berichtet ein Jugendlicher, dass er mehrere Facebook– Accounts ‚auf Reserve’ angelegt hat, um der Deaktivierung seines Accounts bei Länderwechseln auf der Flucht proaktiv zuvorzukommen und seine wichtigsten Daten in einer Cloud gespeichert hat, so dass ein Handyverlust auf der Flucht weniger problematisch war. Ein anderer Interviewpartner gibt an, dass sein Account nach der Deaktivierung trotz der angeforderten erfolgreichen Freundesidentifizierung durch Facebook nicht zugänglich war.

Vorbereitung auf eine mediatisierte Welt

Informelles Lernen erfolgt insbesondere auch da, wo Geflüchtete sich gegenseitig in der Aneignung von Medien unterstützen. Wie ersichtlich wurde, ist nicht grundlegend davon auszugehen, dass alle Jugendlichen beispielsweise die Fähigkeit besitzen, sich einen Facebook– Account anzulegen. Allerdings profitieren sie im Austausch untereinander von Kenntnissen der anderen. So berichten sie davon, wie sie Wissen darüber austauschen, wie Prepaid-Guthaben aufgeladen wird, wie der Download von Apps funktioniert oder wie eine Gruppe bei WhatsApp eröffnet werden kann.

Deutlich wird dabei jedoch auch, dass ein Facebook-Account für einige junge Geflüchtete nicht in erster Linie von Bedeutung ist, um das Netzwerk für jugendtypische Nutzungsweisen zu gebrauchen, sondern auch, um durch die Flucht verlorene Kontakte wiederherzustellen, während andere ihr Leben bloggen und darstellen, was sie in ihrem Alltag tun, Beiträge anderer liken und Filme sowie Nachrichten posten.

Insgesamt zeigt sich auch in diesem Zusammenhang, dass die informelle Struktur selbstgesteuerter Aneignungsweisen prinzipiell ermöglicht, individuelle Bildung und Teilhabe zu realisieren. Doch es gilt auch hier, dass sich aufgrund ungleicher Ausgangsbedingungen das Problem zeigt, dass die prinzipielle Verfügbarkeit technischer Möglichkeiten und Dienste nicht von allen gleichermaßen entsprechend genutzt werden kann und sich im Zuge der informellen Nutzung Ungleichheiten wieder reproduzieren (vgl. Kutscher 2003).

Ausblick

Digitale Medien eröffnen also in vielerlei Hinsicht integrierende Potenziale – beispielsweise über die Verbindung mit Peers und ferner der Familie, aber auch mit Fachkräften, zum Erlernen der Sprache und zur Orientierung in der Aufnahmegesellschaft. Dabei haben die Medien sowohl eine verbindende Funktion im Sinne von “bonding social capital” (im Kontakthalten mit der Herkunftsfamilie, Verwandten an anderen Orten sowie Freundinnen und Freunden) als auch eine Brückenfunktion (bridging social capital, vgl. Norris 2003) in die Aufnahmegesellschaft. Die Verbindungsfunktion (linking social capital, vgl. Karstedt 2004), die erweiterte soziale Beziehungen eröffnet und neue Kenntnisse, Unterstützungsoptionen und Fähigkeiten zugänglich macht, wird bislang nur teilweise durch die jungen Flüchtlinge und vor allem noch kaum seitens der für sie Verantwortlichen durch eine gezielte Gestaltung von entsprechenden Angeboten wahrgenommen.

Wie deutlich wird, nutzen junge Geflüchtete oftmals alternativlos Dienste wie Facebook, Viber, Skype, YouTube oder WhatsApp, die sie in datenschutzmäßig prekäre Räume führen, in denen in weitgehendem Maße personenbezogene (Meta-) Daten von Nutzerinnen und Nutzern gesammelt werden. Unter anderem ist die Nutzung vieler kostenfreier WLAN-Hotspots mit der Angabe solcher Daten verbunden. Oftmals verfügen die Jugendlichen über geringe Kenntnisse datenschutzrelevanter Aspekte in der Mediennutzung, so dass in diesem Zusammenhang auch die Frage, wie Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen sich zu diesen medienerzieherischen Fragen verhalten, relevant wird (vgl. Kutscher 2015). Dabei scheint es erforderlich, dass abseits restriktiver Normierungen von Medienzugängen nicht nur angesichts der generellen Relevanz digitaler Medien in unserer Gesellschaft, sondern insbesondere mit Blick auf die Bedeutung dieser Medien für den Kontakt zu den Herkunftsfamilien und die Teilhabeermöglichung in der Aufnahmegesellschaft eine befähigende (non-formelle) Medienbildung fest in den Aufnahmeeinrichtungen verankert werden müsste. Hierfür geht es neben einer angemessenen medialen Grundausstattung der Jugendlichen sowie der Einrichtungen um die entsprechende Qualifikation der Fachkräfte und die systematische Entwicklung einrichtungs- und zielgruppenbezogener Medienkonzepte, die sowohl pädagogische Ansätze der Einbettung der situativen Begleitung von Medienerfahrung im Alltag als auch Richtlinien und Standards des Daten- und Jugendschutzes in diesem Zusammenhang verbindlich definieren.

 

Literatur

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Leung, Linda/Lamb, Cath Finney/Emrys, Liz (2009). Technology’s Refuge. The Use of Technology by Asylum Seekers and Refugees. Sydney: UTS ePress.

Norris, Pippa (2003). Social Capital and ICTs: Widening or reinforcing social networks? Paper presented at the “International Forum on Social Capital for Economic Revival”, Tokyo, March 2003. www.esri.go.jp/ jp/workshop/030325/030325paper6.pdf [Zugriff: 11.08.2016]

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Dr. Nadia Kutscher ist Professorin für Soziale Arbeit und Ethik an der Universität Vechta. Ihre Schwerpunkte sind Normative Fragen Sozialer Arbeit, Jugendhilfe- und Bildungsforschung, Mediatisierung der Sozialen Arbeit, Kindheit, Jugend und Internet sowie Bildung und soziale Ungleichheit.

 Lisa-Marie Kreß ist Assistentin des Dekans an der Hochschule Stuttgart, Fakultät Sozialwesen sowie Doktorandin an der Universität Vechta.

Der Artikel ist ein Zweitabdruck aus der merz – medien und erziehung 2016/05 „Medien, Flucht und Migration“.