Manchmal muss man stopp sagen

In der Regel ist die Jugendarbeit nicht dafür ausgebildet, Traumata bei (und mit) Kindern und Jugendlichen zu bearbeiten. Hier müssen Menschen eingebunden werden, die sich auf die Bearbeitung von Traumata spezialisiert haben. Dennoch kann es passieren, dass die Jugendarbeit in der Arbeit mit jungen Geflüchteten mit Traumata konfrontiert wird.

Oft reicht ein kleiner Auslöser (sogenannter „Trigger“), um Menschen an Dinge zu erinnern, an die sie sich bis dato nicht erinnern konnten und dann wiedererleben – oft in derselben Heftigkeit wie beim ersten Mal. Solche „Trigger“ können konkrete Situationen sein, aber auch Gerüche oder Geräusche, die Erinnerungen wecken. Was also tun? Angelehnt an die Arbeit zum Thema „Prävention vor sexueller Gewalt“, geht es vor allem darum, verlässliche und klare Strukturen zu schaffen, die Sicherheit und Professionalität im Umgang mit betroffenen Kinder und Jugendlichen gewährleisten. Die folgenden Überlegungen sind als eine erste Hilfestellung gedacht:

  • Vorsicht vor Stigmatisierung: Nicht jeder Mensch bewertet Erlebtes gleich. Nicht jede Erfahrung von Menschen auf der Flucht führt automatisch zu einer traumatischen Erinnerung.
  • Sensibel sein, Zeit nehmen und Zeit lassen: Die Verarbeitungsstrategien sind individuell und verschieden wie die Menschen selbst. Was für den einen hilfreich und gut ist, ist es für die andere nicht.
  • Sichere Räume schaffen: Auch junge Menschen mit Fluchterfahrung sind einfach junge Menschen. Spaß haben und mit Gleichaltrigen etwas erleben, ist sehr wichtig. Das brauchen alle jungen Menschen.
  • Niederschwellige Angebote machen: Klar definierte Angebotsstrukturen und offen kommunizierte Formen schaffen Sicherheit.
  • Traumatisierte Kinder und Jugendliche haben einen guten Grund, Situationen zu vermeiden, die sie nicht einschätzen können. Um sich ihren traumatischen Erfahrungen stellen zu können, brauchen Kinder und Jugendliche viel Zeit; vor allem brauchen sie eine vertrauensvolle Umgebung und einen individuellen Schutzraum.

    Bis dahin müssen wir verstehen, dass das „Verdrängen“ der Erfahrungen als Überlebensstrategie fungiert und funktioniert.

    Bis dahin müssen wir verstehen, dass das „Verdrängen“ der Erfahrungen als Überlebensstrategie fungiert und funktioniert. Aus unserer Praxis wissen wir, dass es gerade in der Jugendarbeit gelingt, wertschätzende Beziehungen aufzubauen und sichere Räume zu bieten. Wenn sich also ein Kind oder Jugendlicher mit ihren/seinen Erfahrungen öffnet, können wir auch hier auf bekannte Strategien zurückgreifen

  • Jemand, der sich anvertraut und zu erzählen beginnt, hat eine Person und/oder Situation gefunden, in der sie/er sich sicher und wohl fühlt, das ist erst mal toll!
  • Einfach zuhören und Gesprächspartner/in sein, ohne zu drängen.
  • Zu nichts zwingen, weder zum Reden noch zum Handeln.
  • Bedürfnisse und Wünsche der jungen Menschen ernst nehmen.
  • Stopp sagen, wenn es einem selbst oder dem jungen Menschen zu viel wird.
  • Nicht versuchen, das Erlebte mit den jungen Menschen aufzuarbeiten, das ist die Aufgabe von Experten/innen. Hier kann die Aufgabe der Jugendarbeit nur sein, zu vermitteln und Stellen für weitere Hilfen anzubieten.
  • Zuverlässige Unterstützung bieten: Keine Versprechen geben, die man nicht halten kann, sondern realistisch bleiben.
  • Die eigenen Grenzen wahrnehmen und ernst nehmen. Mitfühlen ist hilfreich. Mitleiden, ohne Perspektive, tut keinem/r gut.

Die Tipps wurden von Ilona Schuhmacher, evangelische Jugend in Bayern und Mitglied des Landesvorstands des BJR, in Zusammenarbeit mit Patrick Wolf, erstellt.

Weiterlesen:
„Traumakompetenz für die Kinder- und Jugendarbeit“ Einführung in die Psychotraumatologie und Traumapädagogik, Sabine Haupt-Scherer, Evangelische Jugend von Westfalen – Amt für Jugendarbeit