Liebe Deine Nächsten und auch die Anderen

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Sprachrohr sein und Nächstenliebe leben, das nehmen wir von Ilo mit, die wir als Mitglied des Landesvorstands des Bayerischen Jugendrings gebeten haben, mit uns einen Blick zurück zu werfen. Auf Jugendarbeit mit Geflüchteten in den letzten drei Jahren und auf das eigene Wirken und die eigene Haltung dadrin. Illona Schuhmacher ist eine (!)  Tausendsassa, die neben ihrer Arbeit als Grundsatzreferentin bei der Evangelischen Jugend in Bayern (EJB), noch als Diakonin und Theaterpädagogin unterwegs ist und sich engagiert für die Bedarfe junger Geflüchteter einsetzt.

Warum braucht es Jugendarbeit mit Geflüchteten?

Ich bin ja Diakonin und damit muss ich das erstmal mit meinem Menschenbild erklären. Etwa mit den sieben Werken der Barmherzigkeit, die die Grundwerkzeuge der Diakonie sind. Darin gibt es das Werk „Fremde beherbergen“ und das ist für mich eine der Grundaufgaben des Christinnen-Seins, eben genau dieses „Fremde beherbergen“. Und schon bin ich mittendrin. Menschen, die Schutz suchen, müssen diesen Schutz gewährt bekommen, ohne wenn und aber.

Und aus der Perspektive Jugendarbeit?

Ich schreibe mir bewusst evangelische Jugendarbeit auf die Fahne, das ist für mich die Verbindung. Indem Moment, indem ich höre, dass unter den Menschen, die bei uns Schutz suchen auch junge Menschen sind oder Kinder, generiert sich für mich als Jugendverband der Auftrag, sich dahinterzuklemmen und zwar als Sprachrohr. Zu schauen, dass die hier nicht nur Schutz finden, sondern wirklich ankommen können, dass sie eine Willkommenskultur erleben.

Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, sich eben auch politisch für junge Menschen einzusetzen.

Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, sich eben auch politisch für junge Menschen einzusetzen. Unser Ziel ist ja mündig und tätig zu sein. In der Arbeit mit jungen Geflüchteten ist die tätige Nächstenliebe noch greifbar.

Gibt’s etwas das Du über die drei Jahre Flüchtlinge werden Freunde an Veränderungen mitnimmst?

Ich finde es ist wunderbares passiert. Was mich immer noch begeistert ist, dass junge Geflüchtete mit ihren Fragen die Jugendverbandsarbeit bereichert haben. Wie funktionieren Kreis- und Stadtjugendringen? Wieso habt Ihr diese Leitungsgremien? Warum macht Ihr das so?  Da ist mir selber klar geworden wie komplex unsere Strukturen sind.

Ihr seid so deutsch, so strukturiert.

Ihr seid so deutsch, so strukturiert. Diese Hinterfragen finde ich total wichtig. Das ist für mich als Grundsatzreferentin besonders spannend, weil ich in meinem „Deutsch-Sein“ hinterfragt werde und zugleich in meinem Verhaftetsein in den Strukturen der Jugendarbeit. Diese Fragen zeigen mir die Metaebene auf,  nochmal  über bestimmte Ansätze nachzudenken. Dann komme ich aus meiner Lethargie raus und kann ganz neu denken oder entscheide mich bewusst für genau das, was ich tue. Das finde ich bereichernd, weil man plötzlich auch mit einer gewissen Gelassenheit auf Dinge draufschaust, die einen früher genervt haben. Und  mein Gott, wenn das das einzige Problem ist, das wir haben, dann brauchen wir uns nicht beschweren. Das macht mich demütig. Das ist immer so ein schwieriges Wort, aber ich finde es schön, auch eine gewisse Demut zu haben.

Vielleicht muss ich mich ja nicht über jeden Scheiß beschweren?

Vielleicht muss ich mich ja nicht über jeden Scheiß beschweren?

Wohin kann Jugendarbeit mit Geflüchteten gehen und was braucht es dafür?

Ich bin selber noch in einer Suchbewegung. Ich schwanke zwischen dem Optimalfall, dass junge Geflüchtete einen selbstverständlichen Zugang zu unserem Verband finden, merke aber, dass das nur die halbe Lösung sein kann. Schon alleine, weil wir ein christlicher Verband sind und nicht alle, die zu uns kommen, zu uns passen. Zum Beispiel ist die Sportjugend die Sportjugend, weil sie Sport macht und davon unterscheiden wir uns als evangelische Jugend. Wir machen eben was anderes. Ich bin hin- und hergerissen. Von meinem Menschenbild her würde ich gerne integrieren, hätte gerne so etwas homogenes, auf der anderen Seite lebt Jugendverbandsarbeit  genau von dieser Heterogenität. Ich glaube, da müssen wir sensibler hingucken mit Zeit, Geduld und Nachhaltigkeit. Deswegen finde ich es wichtig, dass dieses Arbeitsfeld weiterläuft.

Manche Jugendverbände quotieren wieviele Geflüchtete sie aufnehmen, damit ihre die Kernidentität erhalten bleibt. Macht ihr das auch?

Wir haben eine natürliche Selektion. Ganz einfach, weil wir evangelisch sind. Wo ein E (evangelisch) drauf ist, da ist auch ein E drin. Da kommen dann keine muslimischen Jugendlichen. Das heißt umgekehrt nicht, dass wir uns nicht aktiv für alle Geflüchtete politisch einsetzen. Das ist ja das, was uns ausmacht. Auf der anderen Seite haben wir halt etwa unseren CVJM (Christlicher Verein junger Menschen), der ist ja saustark in der Arbeit mit jungen Geflüchtete. Liegt aber daran, dass die im Prinzip nicht evangelisch gebunden sind. Sie gehören zwar zur evangelischen Jugend als Mitgliedsverband dazu, sagen aber von sich selber, dass sie überkonfessionell sind. Da spielt das keine Rolle. Die tun sich einen Ticken leichter.

Gibt es etwas, was Du Dir für 2018 wünscht. Was muss passieren für Geflüchtete?

Mein absolutes Thema ist „Worte schaffen Wirklichkeit“. Das ist mein Hauptanliegen. Solange wir von Flüchtlings-Fluten oder –Wellen reden, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass die Gesellschaft emotional so reagiert, wie sie reagiert. Ich wünschte mir so sehr, dass Politik und Gesellschaft sich neue Narrative ausdenkt, bzw. dass wir anfangen, positiv zu sprechen. Das heißt nicht, dass wir schwierige Dinge nicht beim Namen nennen oder dass wir Herausforderungen nicht als solche benennen, aber einen Sachverhalt nur negativ im Wording zu haben und dann von der Gesellschaft zu erwarten, dass sie auch das Positive drin sieht, das ist für mich ein Widerspruch in sich.

Jetzt haben wir gerade eine gesellschaftliche Situation, in der auch Leute wieder rassistisch und fremdenfeindlich sprechen und sich legitimiert fühlen das zu tun, wie gehst Du/gehen wir damit um?

Das ist das Typische, das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Nein, das wird man nicht sagen dürfen! Das ist genau das, was mir so Sorgen macht. Weil die AfD genau mit diesen Ängsten argumentiert. Und diese Ängste und das müssen wir verstehen, sind real. Ich kann fünf Schritte zurückgehen und kann sagen, die sind nicht real. Aber bei dem Menschen, der sie empfindet ist das eine reale Angst. Damit müssen wir umgehen, dem müssen wir begegnen und gleichzeitig denen Einhalt gebieten, die hier über andere Menschen herziehen. Und das ist eine Herausforderung, der wir uns alle stellen müssen.

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