Einblicke: Ein juna-Fotoprojekt

© Foto | Zawish, Amar, Kumail, Yosef

Wenn es um Menschen geht, insbesondere um junge Flüchtlinge, sollte nicht in erster Linie über sie gesprochen werden, sondern vor allem sollten sie selbst zu Wort kommen: Die juna #3.15,  die Zeitschrift des Bayerischen Jugendrings (BJR) hat für ihre vergangene Ausgabe junge Flüchtlinge in Bayern gebeten, ihr Leben hier und heute schlaglichtartig mit einer Kamera zu dokumentieren.

In bewusster analoger Bildauswahl statt digitaler Schnappschuss-Gleichförmigkeit. Individuell und spannend beantworteten die vier grundsätzliche Fragen wie „Was geschieht gerade in meinem Leben?“, „Was ist mir wichtig?“, „Was gefällt mir, was nicht?“. Die Bilder vermitteln Eindrücke ganz unmittelbar, außerdem rückt das Medium Foto eventuelle Sprachschwierigkeiten in den Hintergrund. Und beim späteren gemeinsamen Betrachten kommt man dann ganz von selbst ins Gespräch.

„Es ist schön hier, aber auch langweilig“

Die Geschwister Kumail, 15, und Zawish, 14, leben mit ihrer Mutter Maryam und ihrer Tante Suneira in einem ehemaligen Bauernhaus. Die Unterkunft im ersten Stock teilen sie sich mit einer weiteren Flüchtlingsfamilie, unten wohnen die Vermieter. Das gartenumgebene Haus befindet sich im Süden von München – ein ländliches Idyll, aber für Kinder, Jugendliche und überhaupt Menschen, die auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind, auch sehr abgeschieden.In ihrer Heimatstadt Sialkot mit mehr als 500.000 Einwohnern im Nordosten Pakistans war mehr los.

…die traditionsreiche Industriestadt liegt nahe der unsicheren Grenze zu Indien, stets drohen hier Anschläge und Feldzüge von Taliban wie von Soldaten.

Doch die traditionsreiche Industriestadt liegt nahe der unsicheren Grenze zu Indien, stets drohen hier Anschläge und Feldzüge von Taliban wie von Soldaten.Ich spiele auch manchmal Fußball, aber nicht oft und nicht im Verein. Zu Hause in Pakistan haben meine Freundin und ich im Haus meiner Oma immer Cricket gespielt. Sie hatte einen großen Flur, da ging das. Mein Lieblingssportler ist der Cricketspieler Shoaib Akhtar, er wirft ganz schnell. In der Schule spiele ich Basketball. Aber besonders gern mag ich Schlittschuhlaufen, auch wenn ich dabei hingefallen bin. Wir haben schon zweimal einen Ausflug in ein Eisstadion gemacht und meine Freundin Hanna hat mir gezeigt, wie es geht.

Zawishs‘ Fotos

Und so sehen die Fotos von ihrem Bruder Kumail aus:

Amar, 18, stammt aus dem Senegal. Er lebt in einer neu eingerichteten betreuten Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Als Amars Bilder für die juna entwickelt waren, stand er für eine Besprechung leider nicht mehr zur Verfügung.

Ohne erklärende Worte müssen die Bilder für sich selbst sprechen

Ohne erklärende Worte müssen die Bilder für sich selbst sprechen und zeugen so – ganz im Sinne des Projekts – sehr unmittelbar davon, was in Amars Leben zurzeit von besonderer Bedeutung ist: ein Dach über dem Kopf, der eigene Raum mit persönlichen Dingen, auch wenn es wenige sind, Nahrung, der Sportplatz und seine Heimat. Die hat Amar auf der großen Wandkarte von Afrika markiert – an der Nordwestküste ist der Senegal mit einem Pin hervorgehoben. Anrührendes Zeugnis eines jungen Menschen in der Fremde.

Die Fotos von Amar

Yosef stammt aus Asmara, der Hauptstadt von Eritrea, und lebt seit sieben Monaten in einer Jugendgruppe für betreutes Wohnen im Schwäbischen. Er ist 17 Jahre alt, „fast 18“, wie er betont.

Gleichzeitig ist er sich sehr bewusst, dass seine formale Volljährigkeit eigentlich keinen Unterschied macht –

Gleichzeitig ist er sich sehr bewusst, dass seine formale Volljährigkeit eigentlich keinen Unterschied macht – er kann trotzdem nicht wie andere Mitbewohner seiner Wohngruppe eine Lehre beginnen, den Führerschein machen, wählen oder Verträge abschließen. Für Yosef ist es noch ein langer Weg in ein selbstbestimmtes Leben – aber er geht ihn Schritt für Schritt.

Was Yosef fotografiert hat

Das ist ein redaktionell bearbeiteter Artikel aus der juna #3.15, Ausgabe für September/Oktober/November.