Ich vermisse den Frieden

Die JIBS (Jugendintegrationsbegleiter_innen),  Begleiter_innen und Berater_innen für die Jugendarbeit. Sie sind „Expert_innen in eigener Sache“.  So wie Basel Asideh. Hier erzählt er über seine Erfahrungen.

Als ich neu in Deutschland angekommen bin, hat sich die Kultur für mich wie ein Buch geöffnet. In jeder Lebensphase meiner Zeit hier konnte ich ein neues Kapitel dieses Buchs lesen und auch etwas Neues lernen. Bei jedem neuen Schritt, den ich gemacht habe, haben mich so viele tolle Menschen begleitet. Ich habe gelernt, wenn man offen ist, kommen genau die Menschen in dein Leben, die du in jenem Moment brauchst.

Mit wem arbeitest du am liebsten?

Ich liebe meine Arbeit und ich helfe Menschen gerne. Ich kann nicht sagen, ob ich mit Kindern, Jugendlichen oder älteren Menschen am liebsten arbeite. Ich kann mich einfach sehr gut mit anderen identifizieren unabhängig von Alter, Geschlecht, Religion oder Kultur. Wenn ich arbeite, gebe ich einfach viel Liebe; also Wertschätzung, Anerkennung und Leidenschaft. Das braucht aus meiner Sicht jeder.

Was können wir voneinander lernen?

Was mir in der deutschen Gesellschaft manchmal fehlt, ist die Spontanität. In Deutschland wird vieles geplant und man möchte alles perfekt machen. Da gibt es weniger Freiraum für neue Sachen, die vielleicht durch »Fehler« oder Spontanität entstehen würden. Als Konsequenz des Planens stehen viele ständig unter Stress. Somit kommt man weniger oder gar nicht dazu, das Leben oder die Arbeit zu genießen. Pünktlichkeit, Organisation, Struktur – das habe ich hier schätzen gelernt, aber man muss immer eine Balance finden. Einerseits bin ich froh, dass es diese Dinge hier gibt, aber es stört auch, wenn man oft in den Kalender schauen muss. Die deutsche Gesellschaft ist aber auch eine Gesellschaft, in der man sich beruflich wie persönlich sehr gut entwickeln kann. Hier in Deutschland habe ich gelernt, wie schön es ist, wenn es Regeln gibt und die Mehrheit sich daran hält. In meiner Heimat gibt es zwar Regeln, aber leider werden diese nicht immer respektiert.

Wir Menschen haben oft Angst vor dem, was wir nicht kennen

Wir Menschen haben oft Angst vor dem, was wir nicht kennen oder was neu für uns ist. Diese Angst spüre ich auch oft bei den Deutschen. Sie haben oft Angst vor den Kulturen der Zugewanderten. Diese Angst lässt mich manchmal spüren, dass sie nicht offen sind, etwas Neues von diesen Kulturen zu lernen und letztendlich von ihnen zu profitieren. In meiner Heimat habe ich oft erlebt, dass Menschen mit offenen Armen und Gastfreundschaft empfangen wurden. Wir zeigen ihnen gerne unser Land sowie unsere Kultur und unser Essen, ohne dabei Angst zu haben. Und am Ende sind wir begeistert davon, wenn sie uns über ihre Kultur erzählen und wie sie anders ist. Ich habe bemerkt, dass die Menschen hier viel weniger soziale Kontakte mit Freunden und der Familie haben als Menschen in Syrien. Das vermisse ich hier in Deutschland. Ich kann nicht verstehen, dass viele Deutsche nicht so viel Zeit haben.

In Syrien besucht man sich öfters und so ist man weniger einsam.

In Syrien besucht man sich öfters und so ist man weniger einsam. Das macht uns Menschen letztendlich aus. Wir sind soziale Wesen und wir brauchen die Unterstützung und die Liebe von unseren Liebsten. Wir brauchen diese Wärme, die durch die sozialen Kontakte mit unserer Familie und unseren Freunden entsteht.

Was vermisst du?

Ich vermisse Syrien ohne Krieg. Ich vermisse jeden, mit dem ich lachte oder weinte. Ich vermisse jeden Moment, in dem ich in Syrien gelebt habe. Ich vermisse den Frieden, den meine Heimat verloren hat.

Maria Prahl hat die Interviews geführt. Sie ist Prozessbegleiterin der Fortbildung und interkulturelle Trainerin hat die JIBs interviewt. Ihr Rückblick auf die Qualifizierung ist zuerst im SIETAR Journal für interkulturelle Perspektiven, 2, 2017, mondiale, erschienen. Zum Download des gesamten Artikels.