Ich bin doch nicht privilegiert….

© LKS

Manchmal sind gesprochene Worte so gut und wichtig, dass man sie nochmal lesen will. Wie etwa die Worte von Nicola Hieke, Leiterin der Landeskoordinierungsstelle Bayern gegen Rechtsextremismus (LKS) für den Fachtag „Hinsehen und Handeln – Rassismus und Islamfeindschaft in der Jugendarbeit“, der am Wochenende in Nürnberg 40 Teilnehmer_innen mit Infos und Perspektiven auf Rassismus versorgte. Auch weil Nicola anschaulich das Prinzip des „White Privileges“ erklärt, ohne erhobenen Zeigefinger. Für euch ihre kurze, pointierte Begrüßung, warum wir auch besten Herzens nicht frei von Rassismus sind:

__Anfang__

Mein Name ist Nicola Hieke,

ich bin von der LKS Bayern gegen Rechtsextremismus, einer Einrichtung des Bayerischen Jugendrings und möchte Sie/Euch alle hier im Namen der Veranstaltenden herzlich willkommen heißen. Der Fachtag ist auf Wunsch des Landesvorstands des Bayerischen Jugendrings entstanden. Mit dem Ziel, sich auch in den eigenen Reihen mit Rassismus oder aber mit Rassismus in den eigenen Reihen, also in der Jugendarbeit auseinanderzusetzen.

[…]

Was ist das eigentlich? Rassismus? Wie funktioniert Rassismus oder welche Funktion hat er? Was oder wer ist rassistisch? Bin ich rassistisch? Ich möchte im Folgenden das Thema kurz aus meiner eigenen, einer weißen Perspektive ansprechen. Im Bereich der rassismuskritischen Arbeit fällt häufig der Begriff des sog. „White Privileg“ – weißer Privilegien. Ich habe in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, dass diesem Begriff mit sehr viel Emotion und Abwehrhaltung begegnet wird. Auch im Freundeskreis.

„Ich bin doch nicht privilegiert, bin doch selber arbeitslos…

„Ich bin doch nicht privilegiert, bin doch selber arbeitslos oder komm grad so über die Runden, kann mir in München auch kaum noch die Wohnung leisten. Ich gehör doch nicht zu den oberen Zehntausend …“, etc.

Aber darum geht es nicht. Der Begriff beschreibt zum einen vielmehr einen Zustand der „Nicht-Diskriminierung“ aufgrund von ethnischen, religiösen und anderen Zuschreibungen, die für viele andere Bürger_innen der Alltag und nicht die Ausnahme ist. Es bedeutet, ich kann hier durch die Straßen laufen ohne dabei für mein vermeintlich fremdes Aussehen anders behandelt zu werden.

© LKS

Wenn ich mich bewerbe und gar nicht erst zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werde, dann liegt das vermutlich daran, dass meine Bewerbung schlecht war, meine Qualifikationen nicht ausreichen, andere interessanter waren oder – vielleicht – noch daran, dass ich eine Frau bin. Es liegt aber sicherlich nicht an meinem Nachnamen. Es gibt mehrere Studien und wissenschaftliche Experimente, die nachweislich belegen, dass Bewerber_innen mit ausländisch klingenden Nachnamen schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben und trotz gleicher oder gar besserer Qualifikation gar nicht erst eingeladen werden. Dieselbe Situation am Wohnungsmarkt.

Wenn ich mit meinem Freund unterwegs bin, dann fragt mich niemand ob ich mir den selbst ausgesucht habe oder ob ich zwangsverheiratet wurde. Wenn ich auf Partys neue Leute kennenlerne, werde ich manchmal gefragt wo ich herkomme. Gerade in anderen Gegenden in Deutschlands kommt es vor, dass dann jemand sagt. „Aus München?

Du klingst gar nicht so bayrisch.“

Du klingst gar nicht so bayrisch.“ Mir hat aber noch nie jemand gesagt, dass ich sehr gut Deutsch spreche und ich wurde auch noch nie mit Aussagen konfrontiert wie: Aus München? Nee, das mein ich gar nicht… Wo bist du denn wirklich her?“

Vermutlich habe ich diese Frage aber leider bereits vielen Menschen selbst gestellt, die genau wie ich von hier sind. Das war dann sicherlich nicht böse und keinesfalls rassistisch gemeint. Das bedeutet aber nicht, dass diese Frage nicht rassistisch ist. Dem Gegenüber wird dadurch vielleicht ein Gefühl des Nicht-Hierher-Gehörens, Nicht-Dazugehörens vermittelt. Und das geschieht häufig. Ich selber habe derartige Erfahrungen noch nie gemacht.

Was weiße Privilegien zudem meint, ist das ich von diesem System profitiere. Egal ob bewusst und beabsichtigt, oder nicht.

__Ende__

Die Rede wurde leicht gekürzt und redaktionell bearbeitet. Die Veranstaltung „Hinsehen und Handeln – Rassismus und Islamfeindschaft in der Jugendarbeit“ war eine Kooperationsveranstaltung des Aktionsprogramms Flüchtlinge werden Freunde, Dialog für Demokratie und der LKS.