„Für Rassismus habe ich kein Verständnis“

© KLJB-Andreas-Deutinger

Die Flüchtlingskrise ist vor unserer Haustüre angelangt, sie hat ganz konkrete Gesichter bekommen – und polarisiert: Helfer/-innen oder Hetzer/-innen.

Handeln und anpacken ist der spontane Impuls vieler Freiwilliger, die teilweise für den Staat in die Bresche springen. Der muss sich nun überlegen, wie er sie motiviert und vor Überforderung schützt. Andererseits fürchtet der Rentner/die Rentnerin längere Wartezeiten beim Arzt, sorgt sich die Mutter um die 14-jährige Tochter auf dem Nachhauseweg. „Überfremdung„, „Islamisierung“, „Winterurlauber auf Kosten unserer Steuerzahler“ – wir erleben auch Neid, Selbsthass und Ignoranz.Was soll man Asylsuchenden neiden? Ich kann mir in Deutschland kaum ein eingeschränkteres Leben vorstellen.

Wer sollte für 143 Euro Bargeld die Strapazen einer Flucht auf sich nehmen?

Wer sollte für 143 Euro Bargeld die Strapazen einer Flucht auf sich nehmen? Wenn der Bund sich im März für 8,7 Milliarden Euro Kampfhubschrauber leisten konnte, wird er die veranschlagten sechs Milliarden Euro für die Flüchtlingsversorgung in 2016 stemmen. Das Abendland wird nicht untergehen.

Helles oder dunkles Deutschland

Fremdenangst wie Willkommenseuphorie haben mehr mit uns zu tun als mit den realen Ankommenden. Idealismus, der Probleme ausblendet, hilft niemandem. Ängste sind zwar kein guter Ratgeber für die Zukunft. Aber es wäre gefährlich, sie nicht ernst zu nehmen, so individuell, diffus und vielschichtig, wie sie sind.

Unter einer Bedingung: Für Rassismus gibt es kein Verständnis.

Bei aller Meinungsfreiheit gibt es rote Linien! Lügen wie über angebliche kriminelle Akte sind schäbig. Angriffe auf Flüchtlinge, auf Ehrenamtliche und auf Einsatzkräfte sind mit voller Härte des Rechtsstaates zu verfolgen, wenn er schon in der Prävention versagt hat.

Keiner kommt freiwillig.

Was bliebe vom „christlichem Europa“, wenn wir in Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit versagen. Selbstverständlich sind Flüchtlinge nicht per se bessere Menschen, gibt es unter ihnen genauso Couchpotatoes, Fanatiker/-innen oder Kriminelle, kommen sie aus bitterarmen wie aus gut situierten Verhältnissen, haben sie unterschiedlichste Vorstellungen von der Rolle der Frauen, von Religion, von Homosexualität. Es bleibt unsere Pflicht, die Würde jedes Menschen zu wahren, ihm unabhängig von Glauben und Herkunft mit Respekt zu begegnen. Nicht Selektion und Ausgrenzung.

Asyl ist ein Grundrecht ohne Obergrenze.

Wer vor Krieg, Gewalt oder Verfolgung flüchtet, erhält bei uns Schutz und Zuflucht. Ein Teil der Antragsteller/-innen sucht in Deutschland nicht Asyl, sondern Arbeit. Sich in einem anderen Land sich eine bessere Zukunft erarbeiten zu wollen, ist legitim. Ist Asyl hier der falsche Weg, müssen wir endlich klare Regeln für eine gesteuerte Einwanderung schaffen. Absurd zu glauben, wir könnten uns auf einer Insel des Wohlstands verbarrikadieren. Wohlstand verpflichtet. Wir müssen teilen, abgeben, unsere Lebens- und Wirtschaftsweise in Frage stellen.

Deutschland war immer ein Einwanderungsland. Die gegenteilige Behauptung war schon falsch, als sie Helmut Kohl aussprach. Derzeit hat jeder Fünfte in Deutschland ausländische Wurzeln. Unsere Gesellschaft wird weiter vielfältiger werden. Im zweiten Quartal 2015 erhielten 47,8 Prozent aller Antragsteller/-innen eine positive Antwort. Sie werden dauerhaft bleiben. Aus ihnen werden Mitbürgerinnen, Nachbar/-innen, Mitschüler/-innen. Offenheit, voneinander zu lernen und Bereitschaft, sich an gemeinsame Regeln zu halten, sind gefragt. Integration ist kein einseitiger Prozess. Das wird anstrengend und wird Umwälzungen bringen. Wir können das packen, wenn wir ehrlich Herausforderungen benennen und Fehler der Vergangenheit vermeiden. Nutzen wir gemeinsam die Chancen, die in der Zuwanderung stecken.

Nicht zaudern, zupacken.

Warum heißen wir Bewegung? Wir sind nicht nur für uns da, sondern um in das Dorf für das Land hineinzuwirken. „Red‘s ned vui – deat‘s wos!“ hat uns Gründungsvater Emmeran Scharl mitgegeben.

Jede/r Gruppenleiter/-in muss gegen Neid, Hass und Hetze aufstehen und sagen: „Das hat hier keinen Platz!“

Jede/r Gruppenleiter/-in muss gegen Neid, Hass und Hetze aufstehen und sagen: „Das hat hier keinen Platz!“. Jede/r Vorsitzende/r muss sich fragen, war können wir zum gelungenen Zusammenleben „schon Dagewesener“ und „neu Angekommener“ beitragen. Jedes Mitglied muss ist aufgefordert, nach seinen Möglichkeiten tätig zu werden. Auf Dich kommt es an“

Die KLJB Bayern hat einen ökumenischen Werkbrief „Flucht – Zuflucht – Asyl“ herausgegeben, gemeinsam mit der ELJ (Evangelische Landjugend) – bietet auf 160 Seiten über die kirchlichen Verbände hinaus einer interessierten Öffentlichkeit neben rechtlichen Informationen auch viele informative Texte und persönliche Statements.

Der Kommentar von Andreas Deutinger, Landesvorsitzender KLJB Bayern, erschien zuletzt in der LandSicht, Nr. 3 September 2015.