Es ist kurzsichtig nur auf das Heute zu schauen

Gleichberechtigte Teilhabe, dafür setzt sich Hélène Düll täglich ein. Ob es um Inklusion von Menschen mit Einschränkungen geht oder um die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung. Wir haben mit der Referentin für Integration, Inklusion und kulturelle Jugendarbeit im Bayerischen Jugendring ein Stück den Weg zurück und vorgeschaut und uns über Nachhaltigkeit in der Jugendarbeit mit Geflüchteten und den Umgang mit Hindernissen unterhalten.

Was hat sich Deiner Meinung nach in den letzten drei Jahren im Bereich Flucht und Asyl getan?

Sehr viel. Jugendarbeit hat sich auf den Weg gemacht. Viele Jugendverbände und Jugendringe haben sich Gedanken gemacht, Projekte initiiert und sich informiert. Ich glaube, dass das Wissen zu dem Themenfeld insgesamt gestiegen ist und das Bewusstsein für die Notwendigkeit aktiv zu sein. Ich merke auch, dass es immer mehr gemischte Konzepte gibt, in denen Geflüchtete und auch Jugendliche mit Migrationshintergrund mitgedacht werden.

Was glaubst Du braucht es damit Jugendarbeit hier nachhaltig wirken kann?

Nachhaltigkeit fängt immer mit Strukturen an, also etwa bei der Qualifizierung. Hier wurden  sehr schöne Module entwickelt, zum Beispiel die Jugendintegrationsbegleiter_innen (JiB). Hier sind junge geflüchtete Menschen zu Expert_innen in eigener Sache geworden, eine wichtige Botschaft des Aktionsprogramms Flüchtlinge werden Freunde.

Der nächste Schritt wäre für mich, das Ganze strukturell zu verankern, Ansprechpartner_innen zu qualifizieren, die für das Thema Jugendarbeit mit Geflüchteten da sind und die Jugendarbeit vor Ort stärker beraten und begleiten können.

Braucht es denn noch Jugendarbeit mit Geflüchteten?

Auf jeden Fall. Auch wenn jetzt gerade nur wenige bei uns ankommen, weltweit haben wir immer noch eine große Fluchtbewegung.

Ich finde es kurzsichtig, nur auf das Hier und Heute zu schauen

Ich finde es kurzsichtig, nur auf das Hier und Heute zu schauen und zu sagen, es kommen ja weniger, also müssen wir hier nicht mehr aktiv sein. Junge Menschen, die hierher fliehen, müssen gute, stabile und tragfähige Konzepte vorfinden. Und natürlich haben wir hier nach wie vor junge Menschen, die geflohen sind und längst da sind, die brauchen auch weiterhin Angebote.

Was frustriert Dich?

Dass junge Geflüchtete nicht die Wahl haben, wo sie bleiben wollen, sondern umverteilt werden, das macht eine kontinuierliche Jugendarbeit sehr schwierig, das frustriert mich. Dann die sich ständig ändernden politischen Rahmenbedingungen. Was darf ein Mensch, der sich um Asyl bemüht? Was darf er_sie nicht? Der Rechtsruck, der Geflüchtete als Sündenböcke in der öffentlichen Debatte darstellt. Der frustriert mich nicht, der besorgt mich. Wir sprechen viel weniger davon, wer den jungen Geflüchteten Schutz bietet. Es scheint als interessieren sich viele Menschen gar nicht mehr dafür, wie man Geflüchtete in die Gesellschaft integrieren, sondern vor allem dafür wie man sie ausgrenzen kann. Jugendarbeit holt sie aber rein und fragt auch nicht nach Bleibeperspektiven oder nach Antragsstand von irgendwelchen Asylgesuchen. Das ist für die Jugendarbeit keine relevante Größe. Sie sind Jugendliche, sie sind da, sie gehören dazu, und wir müssen ihnen eine Stimme geben.

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