Entstaubt eure Schubladen!

In einem Baumstamm öffnen sich zwei Schubladen, aus denen Tauben herausfliegen

Wir alle haben Vorurteile, ob wir wollen oder nicht. Wir ordnen Menschen, die uns zum ersten Mal begegnen, in Sekunden ein. Das einzusehen ist der erste Schritt, um die eigenen Schubladen wieder zu öffnen. Wer also den „Anderen“ vorurteilsbewusst begegnen will, muss erst einmal dem/r eigenen inneren „Anderen“ begegnen. Wir haben Götz Kolle gebeten einen Text zu schreiben, der uns verstehen hilft, warum einfache Antworten auf komplexe Herausforderungen so unglaublich populär sind. Er bietet u.a. interkulturelle Trainings für die Jugendbildungsstätte Unterfranken an.

Die interkulturelle Trainingsanfrage war frappierend klar: „Erklären sie den Fachkräften, wie die Araber ticken“. Leider kein Sonderfall. Der Ruf nach Gebrauchsanweisungen für „Flüchtlinge“, „Migranten“, „Syrer“ usw. ist oft der Ausgangspunkt für das Stattfinden unserer Trainings.

Der Mensch ist komplex – und ein soziales Wesen

In drei Stunden, so die Hoffnung, könne man verstehen, wie die „Muslime“ funktionieren. Die Wortwahl (ticken, funktionieren) zeigt schon, dass viele bei den Trainings nicht an Menschen, sondern an Maschinen denken. Aber Menschen sind keine Maschinen. Um zu verstehen, wie Menschen denken, fühlen und handeln müssen wir nur auf unser eigenes Leben schauen. Wer oder was prägt unsere Werte, unseren Glauben, unsere Beziehungen, unser Verhalten? Familie, Kindergarten, Kirchengruppe, der Ort, an dem wir aufwuchsen, der Fußballverein oder ein/e wichtige/r Lehrer/in, eine intensive Partnerschaft, unsere Ausbildung, der Beruf, die Mitgliedschaft in einem Verein oder einer Partei, unser Freundeskreis – auch unser Land, unsere Muttersprache, unser Geschlecht, unsere Hautfarbe und unser Körper prägen uns. Und doch sind das nur ein paar Aufzählungen. Gleichzeitig sind wir Teil vieler Gruppierungen, etwa von sozialen Gruppen, ob das die örtliche Pfadfindergruppe oder die zeitliche gebundene Gruppe bei einem Grillfest ist. Diese Gemeinschaften, von der Kleinfamilie bis zu globalen und zum Teil auch virtuellen Communities haben alle Einfluss auf unsere täglichen Verhaltensweisen. Wir sind somit nicht ausschließlich durch unsere Herkunft oder unsere Religion geprägt. Vielmehr verhindert die Reduktion auf Herkunft und Religion, den Menschen in seiner Individualität und Ganzheit anzuerkennen.

Bilder im Kopf bleiben nicht nur im Kopf

Wir brauchen weniger als hundert Millisekunden, um Urteile über ein Gesicht zu fällen, das wir noch nie zuvor gesehen haben. Blitzschnell erscheint uns die Person vertrauenswürdig oder gefährlich. Diese Urteile sind nicht immer korrekt, aber verdammt schnell. Sie werden so schnell gefällt, dass der Verstand gar keine Chance zu einer Mitentscheidung hat. Und dennoch helfen uns Vorurteile uns zurechtzufinden. Sie sind essentiell für unsere Orientierung in einer Welt voller neuer Menschen und Informationen. Vorurteile helfen uns, Entscheidungen zu treffen und raten uns, unbekannten Menschen zu ver- oder zu misstrauen. Grundlage für die Bewertungen sind unsere Stereotype. Sozusagen die Bilder im Kopf, die sich im Laufe unseres Lebens angesammelt haben. Sie sind vereinfachende Vorstellungen über Menschen, die im täglichen Umgang nicht mehr hinterfragt werden. Wir haben es hier neben Erinnerungen und Erfahrungen mit medialen Bildern und Erzählungen zu tun, die in erster Linie Unterscheidungen zum Ausdruck bringen. Sie sind insofern auch sinnstiftend, weil sie etwas vereinfachen, eben Schubladen im Kopf.

Wichtige Schubladen im Kopf oder: ein Fach ist zu einfach

Schubladen sind nicht per se schlecht. Sie sind einfach da. Sie bestimmen, wie wir denken, bzw. sind ein Teil dessen, wie unser Gehirn arbeitet. Stereotype gehören zu den Ordnungsmechanismen unserer Wahrnehmung. Täglich prasseln Millionen Eindrücke und Informationen auf unser Gehirn ein: Bilder, Gerüche, Töne. Um eine Ordnung in die gesammelten Informationen zu bringen und besonders, um sie dann später auch schnell wieder zu finden, macht unser Gehirn das, was wir dann auch im Computer machen – kategorisieren! „Ah, ein Apfel, eine Birne, eine S-Bahn, ein Kontrolleur, etc.“ Ähnlich wie bei der digitalen Ablage im Computer legt unser Kopf Ordner an, in denen zugehörige Informationen unter Schlagworten zusammengefasst sind. Stereotype versprechen Orientierung in einer komplexeren, sich ständig im Wandel befindenden Welt. Das zu wissen und auch reflektieren zu können, ist notwendig, um eine Schublade auch wieder zu öffnen. Es gilt: auch der vordergründig feinste und engagierteste Mensch ist nicht frei von Vorurteilen. Die Notwendigkeit Stereotype zu dekonstruieren, sie also auseinanderzunehmen, liegt in ihrer Fehlerhaftigkeit. Denn sie sind ja eine Form der Reduktion von Komplexität. Was sie nicht können, ist das Individuelle jedes einzelnen Menschen zu erkennen. Einzigartigkeit widerspricht dem Prinzip des Stereotyps, denn es möchte verallgemeinern. Obwohl sich kein Mensch eindeutig durch eine Gruppenzugehörigkeit beschreiben lässt. Keine Identität in unserem Freundeskreis, in unserer Familie, auf den Straßen unserer Stadt passt in eine einzige Schublade.

Fehlerhafte Skizzen in der Schublade

Wo liegt denn das Problem von Stereotypen? Vor allem darin, dass die Vergleichsmuster eben grobe Generalisierungen sind und der Realität von Menschen und Persönlichkeiten damit nicht gerecht werden. Eine Skizze hilft, um einen ersten Eindruck zu bekommen, aber sie ist eben auch stark vereinfacht, starr und fehlerhaft. Nehmen wir die stereotype Vorstellung eines bayrischen Bürgers. Was seht ihr? Schwarze oder weiße Haut? Lange schwarze Haare? Einen Turban? Ein Kopftuch? Sitzt er im Rollstuhl oder hat sie ein Skateboard in der Hand? Oder seht ihr jemand ganz anderen? Wenn nicht, warum denn nicht? Das Stereotyp umfasst nicht die tatsächliche Bandbreite an (äußerlichen) Lebensentwürfen, ein/e echter Bayer/in zu sein. Es reduziert und vereinfacht: auf Lederhosn, Gamsbart und Trachtenhut. Das führt leider dazu, dass wir viele echte Bayern nicht als solche erkennen. Stattdessen fragen wir tief verunsichert, woher sie denn kämen.

Die Schublade lüften und auch in den letzten Winkel schauen

Wir müssen uns ins Bewusstsein rufen, dass dieser Mechanismus einfach da ist. Dass wir eben nicht frei von Stereotypisierungen sind, so sehr das wünschenswert wäre. Aber wir können lernen, uns dieser Mechanismen bewusst zu werden. Wir können lernen, dem ersten Eindruck nicht zu trauen und eine Offenheit für das Individuelle, das Einzigartige zu entwickeln. Das heißt jedoch nicht, dass eine vorurteilsbewusste Haltung und eine damit verknüpfte Veränderung von Verhalten unmöglich ist. Grundlage eines bewussteren Umgangs mit Vorurteilen ist bereits das Eingeständnis ihrer Existenz. Dass wir alle von Stereotypen, Vorurteilen geprägt sind und sein werden. Ziel kann also nicht die „Befreiung von Vorurteilen“ sein, sondern ein bewusster, verantwortungsvoller Umgang mit dem eigenen „Gepäck“ und der eigenen „Brille“. Erst dann können wir unsere eigenen Schubladen sichten und vielleicht auch aufräumen. Was habe ich für ein Bild von „Hindus“? Woher kommt dieses Bild? Wie vielfältig ist es? Was weiß ich? Was weiß ich nicht? Welche persönlichen Erfahrungen habe ich gemacht? Welche Gefühle habe ich Hindus gegenüber – und warum? Sich die eigenen Schubladeninhalte anzuschauen, erfordert zur selben Zeit Mut und Gelassenheit, denn wir wissen, der erste Schritt ist damit getan. Wir können lernen dem ersten Eindruck nicht zu trauen, können eigene “Schnell-Urteile” erkennen lernen und diese kritisch hinterfragen. Wir können lernen, uns Zeit zu nehmen und eine Einstellung zu entwickeln, die jedem Menschen grundsätzlich Vertrauen entgegenbringt. Dazu gibt es bereits gute und etablierte Konzepte, die helfen, diesen Weg zu gehen. Ansätze, die uns in der Jugendarbeit unterstützen sind z.B. Anti-Bias oder/und Critical Whiteness und Betzavta als praktische Methode.

Erkenne Deine Schieflage

Anti-Bias, Critical Whiteness oder Social Justice sind hilfreiche Ansätze und Konzepte, die Prozesse des Vorurteilsbewusstseins entscheidend beeinflussen und unterstützen. „Bias“- übersetzt „Schieflage“ – setzt sich mit Macht- und Herrschaftsverhältnissen auseinander und nimmt gesellschaftliche Schieflagen in den Blick, also etwas dass Jungen und Mädchen einen unterschiedlichen Handlungsspielraum zugestanden bekommen oder dass es nicht egal ist, ob man aus einem armen oder reichen Elternhaus kommt. Critical Whiteness oder auch die kritische Weißseinsforschung will wiederum offen legen, dass weiße Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe privilegiert werden, während Menschen mit schwarzer Hautfarbe diskriminiert werden. Für Fortbildungen eignen sich v.a. Inhalte, die „Diversity-Bildung“ anbieten. Empfohlen sei hier die „diversitätbewusste Bildung“  und der israelische Ansatz „Betzavta“, der ein Bewusstsein für die „Kunst des Miteinanders“ schafft, jenseits von Kategorisierungen.

Miteinander reden – Unterschiede thematisieren – interkulturelle Kompetenz aufbauen

In der globalisierten Jugendarbeit gilt es viel miteinander zu sprechen, um gefährliche Verallgemeinerungen zu überwinden. Mein Tipp: Sprecht zunächst Gemeinsamkeiten in der Gruppe an. Was haben die Jugendlichen (verschiedener Länder und Religionen) miteinander gemeinsam? Wer hat Geschwister? Wer hört gerne Hip-Hop? Wer spielt gerne Fußball? Wer kann kochen? Wer kann jonglieren? Wer möchte jonglieren lernen?

Gefundene Gemeinsamkeiten können der Kitt sein, um eine Verbindung zwischen einzelnen Personen zu schaffen. Damit wird das Eigene im Fremden sichtbar und der/das Fremde vertrauter. Gemeinsame Erlebnisse und/oder Aktivitäten sind daher auch ein guter Einstieg für ein intensives Miteinander: gemeinsam Sport machen, tanzen oder auch mal renovieren …

Schweigen hilft nicht weiter

Unterschiede gehören auf den Tisch! Auch wenn sich daraus Konflikte ergeben. Schweigen, Vermuten und Beschuldigen helfen nicht weiter. Ein offenes, respektvolles Gespräch über persönliche Annahmen, Glaubenssätze, Werte und Verhaltensweisen ist wichtig, um die gegenseitigen Standpunkte kennen zu lernen. Dazu gehört auch, dass alle deutlich machen können, was sie nicht verstehen, was sie verletzt und was sie nicht anerkennen können oder wollen. Nur so ist die Aushandlung eines Miteinanders möglich. Keine Scheu! Konflikte sind  normal und für alle Beteiligten lehrreich, zudem schweißen sie die Gruppe zu einem Team zusammen.

Nicht ständig Schubladen bemühen

Dass wir es nicht schaffen, eine Beziehung zu geflüchteten Jugendlichen aufzubauen, zeigt sich immer dann, wenn wir sie weiterhin gedanklich immer die „Flüchtlinge“, „Araber“ oder „Afghanen“ nennen. Das ist mangelnde interkulturelle Kompetenz. Ebenso, wenn wir uns dabei ertappen, Gründe für Konflikte primär in den Gruppenzugehörigkeiten der Beteiligten zu suchen. Frei nach dem Muster: die „…“ (z.B. Muslime, Afrikaner, Osteuropäer, etc.) sind „…“ (z.B. inkompetent, faul, aggressiv, etc.). Immerhin hat man, wenn einem das schon mal auffällt, einen riesigen Schritt in Richtung interkultureller Kompetenz geschafft. Der bewusste Umgang mit unserer Einstellungsbildung und eine aktive Auseinandersetzung mit unserem Schubladen-Denken sind grundlegende Prozesse der Bildung von  interkultureller Kompetenz, einer Schlüsselkompetenz in der Migrationsgesellschaft und globalisierten Jugendarbeit. Und das tut auch manchmal weh.