Endlich vernünftig Reis kochen

Jungen Geflüchteten auf Augenhöhe begegnen, das will zusammenWachsen, eine Münchner Jugendinitiative, die seit Juni 2016 auch Mitglied im Kreisjugendring München-Stadt ist. Thomas Steingasser, Vorsitzender der Gruppe, war auch auf dem Podium beim Festakt des Bayerischen Jugendrings anlässlich seiner 70-jährigen Bestehens und hat sich für die Anliegen seiner Freunde und Freundinnen stark gemacht. Denn das ist der Ansatz von zusammenWachsen: zuerst kommt die Freundschaft – und nicht der belehrende Blick von oben herab. Ob das klappt und was man so alles dabei lernen kann, darüber haben wir uns mit Thomas unterhalten.

Was macht euch und eure Arbeit aus?

Dass wir sehr niederschwellig arbeiten und mit den Leuten wirklich auf Augenhöhe umgehen. Wir betrachten uns nicht als die klugen deutschen Helfer, die den armen kleinen Flüchtlingen helfen. Sondern: Wir sind junge Menschen und sie sind junge Menschen, die halt eine andere Biografie haben. Das heißt ja nicht, dass sie weniger auf die Reihe kriegen als wir.

Wir betrachten Geflüchtete einfach als Freunde, die nicht in Deutschland geboren wurden

Und deswegen betrachten wir sie einfach als Freunde, die halt nicht in Deutschland geboren wurden. So funktioniert schließlich Integration, wenn jemand ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft werden soll und somit einer von uns. Deswegen haben wir auch in der kompletten Organisation Geflüchtete mit drin. Aber eben nicht in ihrer Rolle als Geflüchtete, sondern aufgrund ihrer Fähigkeiten, also eben z.B auch im Vorstand.

Das ist ein ganz schön hoher Anspruch, wie bekommt ihr das hin?

Einfach mit dieser Einstellung. Wir sind alle ehrenamtlich unterwegs, von 18 Jahren bis Anfang 20.  Keiner von uns hat einen sozialpädagogischen Background, wir sind einfach junge Leute. Wir können auch nichts Anderes, als mit denen freundschaftlich umzugehen. Das verbindet uns einfach. Wir haben eben nicht den Anspruch, etwas zu unterichten oder zu helfen, weil wir das auch nicht können.

© zusammenWachsen e.V.

Warum braucht es zusammenWachsen?

Weil es zwar viele Konzepte gibt Integration voranzutreiben, aber sehr vieles davon schafft eben nur Rahmenbedingungen. Da wird Deutsch beigebracht, eine Wohnung organisiert, ein Job gefunden, aber das ist ja noch keine Integration. Es geht darum, ein Teil der Gesellschaft zu werden und Eigenverantwortung zu übernehmen, selbstständig agieren zu können. Eben Freunde finden, ein Netzwerk aufbauen, einfach dazugehören. Und das ist genau das, was wir machen.

Es wird Deutsch beigebracht, eine Wohnung organisiert, ein Job gefunden, aber das ist ja noch keine Integration. Es geht darum, ein Teil der Gesellschaft zu werden

Kommst Du aus der Jugendarbeit?

Gar nicht, das ist das erste Jugendarbeitsding, das ich mache. Das ist bei den meisten von uns so, dass wir nicht diesen Hintergrund haben, es würde auch nicht zu unserem Ansatz passen. Wir sehen uns auch gar nicht als klassische Jugendarbeit, weil wir eben nicht helfen und beraten. Wir sind einfach Freunde.

Obergrenze ja oder nein?

Also das ganze Ding mit dieser Obergrenze, wenn man da mal drüber nachdenkt: Die ganze Diskussion basiert ja auf dem Gedanken, dass Leute zu uns kommen, vor allem junge Leute, und dass die erstmal grundsätzlich eine Belastung für uns, unsere kultur oder was auch immer darstellen. Aber das ist viel zu pauschal. Die allermeisten sind motivieren, sie wollen arbeiten und leben wie wir. Aber man muss halt erst mal investieren. Ich habe dem Staat auch noch nicht soviel gebracht und dennoch gibt es keine Obergrenze für Studenten. Bei vielen Geflüchteten, die ich kennengelernt habe, ist die Motivation einfach größer. Ich würde nicht um fünf Uhr früh aufstehen, um den ganzen Tag Heizungen zu montieren. Ein Freund von mir macht das mit Leidenschaft.

Wie viele seid ihr? Und wie viele Geflüchtete?

Unser Ziel ist, dass sich die Leute finden und Freundschaften knüpfen, eben dass es uns irgendwann nicht mehr braucht. Wir wollen eben gerade nicht, dass die Leute auf Dauer an uns gebunden sind, wir wollen normale Freundschaften möglich machen und die funktionieren ja normalerweise auch ohne Rahmen. Der Rahmen dient dazu, dass die Leute sich einbringen, dass sie sich kennenlernen und vielleicht auch ein bisschen Begleitung und Unterstützung erhalten.

Wir wollen gerade nicht, dass die Leute auf Dauer an uns gebunden sind, wir wollen normale Freundschaften möglich machen

Aber sehr, sehr viel passiert aufgrund von Eigeninitiative. Gerade aktiv in München haben wir 30 bis 40 Geflüchtete und ungefähr so viele „Deutsche“, tendenziell etwas mehr. Also insgesamt sind wir so 120, 130 Leute. In Berlin nochmal etwa 30 Menschen mehr.

Seid ihr auch auf dem Land aktiv?

Also es ist zum Einen so, dass wir auf dem Land weniger benötigt werden. Da gibt es ja schon starke Netzwerke. Da gehst du in den Fußballverein und bist dabei oder gehst zur Freiwilligen Feuerwehr und bist super integriert. Zum Anderen arbeiten wir eben so, dass wir Leute unterstützen, die selbst etwas machen wollen. Jede Gruppe macht, worauf sie Lust hat und solange das passt, unterstützen wir da. Dass heißt, wir brauchen erst mal Leute vor Ort. Also, wenn jetzt jemand dieses Interview liest und feststellt, bei mir im Landkreis da braucht es das, dann gerne eine E-Mail an uns schreiben, dann finden wir eine Lösung, wie wir das unterstützen. Wir versuchen auch diese sozialen Bubbles zu zerstören. Als ich nach München gekommen bin, bin ich auch erstmal nur mit anderen Studenten abgehangen.

Wie kommuniziert ihr denn?

Wir sprechen alle Deutsch, ausschließlich Deutsch.

Heißt das, ihr habt mehr besser gebildete Leute bei Euch?

Nein, denn auch wenn man nicht studiert, muss man ja Deutsch lernen. Und wenn man Fußball spielt, grillt usw., dann reichen auch wenig Sprachkenntnisse. Die Sprache kommt ja mit der Zeit, dadurch, dass man deutsche Freunde hat, und die meisten, mit denen wir arbeiten, sind eben auch schon eine Weile hier. Und wenn nicht, dann lernen sie es halt. Jede Gruppe organisiert sich bei uns komplett selber. In der Regel nutzen wir Whats-App-Gruppen, und wenn man eine Idee hat, schreibt man die halt hinein, und dann ergibt sich etwas oder nicht.

Was macht ihr so, kannst Du ein paar Beispiele nennen?

Wir hatten mal eine Gruppe in Giesing, die jetzt den Punkt erreicht hat, dass es uns nicht mehr braucht. Die waren alle zwei Wochen bowlen. Eine anderer Freund von mir kann supergut kochen und sein Mitbewohner ist ein Meister in der Zubereitung von Shishas. Wir sitzen bei dem in der Wohnung rauchen Shisha und reden einfach, tauschen uns aus.

© zusammenWachsen e.V.

Miteinander reden statt übereinander reden, wie geht das?

Das geht, weil wir nicht die Haltung haben, wir Deutsche machen was für die armen Geflüchteten, sondern wenn wir etwas planen, setzen wir uns zusammen und fragen uns, was wollen wir, was können wir machen? Dann kommen fünf Vorschläge von ihm, drei von mir und dann finden wir eben gemeinsam was. Es ist einfach eine Einstellungssache. Wir profitieren alle gleichermaßen von der ganzen Sache. Und die Entwicklung geht dahin, dass diese Trennung in Geflüchtete und Nicht-Geflüchtete immer weiter verwischt, weil wir doch auch ein paar Leute dabei haben, die nicht geflohen sind, sondern zum Beispiel zum Studieren nach Deutschland gekommen sind, und weil wir einfach alle immer weiter zusammenwachsen.

Ich selber habe wahrscheinlich mehr gelernt, als ich beigebracht habe

Haufenweise Erstis (für Erstsemester, Anm. d. Red.) sind mit dabei, und bei unseren Treffen gibt es wirklich eine offene Atmosphäre, es sind auch Geflüchtete mit dabei, gleichberechtigt, aber eben auch andere Leute. Ich selber habe wahrscheinlich mehr gelernt, als ich beigebracht habe.

Was hat Dir persönlich die Arbeit mit zusammenWachsen gebracht?

Ganz, ganz viel. Also da sind solche Trivialitäten dabei wie: ich kann jetzt vernünftig Reis kochen, also auch mit Gewürzen und so. Da kann man nämlich eine Menge falsch machen. Oder andere Sachen, ich gehe mit einem Afghanen immer ins Fitnessstudio, weil er entschieden hat, machst du mit mir Mathe, helfe ich dir bei Fitness, deswegen werde ich jetzt trainiert. Und dann natürlich auf einer emotionalen Ebene: Wenn man hier in Deutschland aufwächst, dann haben alle Freunde einen ähnlichen Background, Kindergarten, Grundschule, Abitur, oder auf Umwegen Abi, vielleicht mal ein Jahr irgendwo im Ausland gewesen, zurückgekommen, studiert, ein paar haben dann noch eine Ausbildung gemacht und das ist dann schon krass exotisch. Dadurch haben wir alle einen recht ähnlichen Blick auf die Welt. Und sich einfach mal mit Leuten auszutauschen, die nicht diesen Backround haben, ist wahnsinnig spannend.

Ich habe angefangen, meine Denkweisen zu hinterfragen. Und in einer Freundschaft ist so ein Hinterfragen mit viel mehr Ernsthaftigkeit verbunden

Auch, wenn man dann vielleicht nur feststellt, die haben ja die gleichen Werte wie wir. Vielleicht mit anderen Schwerpunkten, aber die Grundvorstellungen vom menschlichen Zusammenleben sind oft gleich. Sowohl zu sehen, dass man einfach Sachen gemeinsam hat, egal wie man aufgewachsen ist, als auch, dass es Dinge gibt, die Menschen unterschiedlich angehen. Davon habe ich sehr profitiert. Dadurch habe ich auch angefangen, eigene Denkweisen zu hinterfragen.
Und in einer Freundschaft ist so ein Hinterfragen mit viel mehr Ernsthaftigkeit verbunden, man hört einfach mehr. Zum Beispiel bei so einfachen Fragen wie: Thomas, warum hast du eine Couch? Du kannst auch auf dem Teppich sitzen, das ist viel besser für deinen Rücken. Jetzt sitze ich zum Lernen halt auch ab und zu mal auf dem Teppich.

Hast du noch einen Tipp für alle, die sich überlegen, ähnlich aktiv zu werden?

Sie können gerne bei uns aktiv werden, wir haben noch Kapazitäten. Wir haben viele Anfragen von Geflüchteten und brauchen Deutsche. Es geht uns einfach darum, noch mehr Menschen miteinander in Kontakt zu bringen. Oft bilden sich ja Grüppchen unter Geflüchteten, dann gehen die Afghanen gemeinsam in die Berufsschule, unterhalten sich in der Pause und machen abends was zusammen, einfach weil sie sonst keine Möglichkeit haben Leute kennenzulernen. Die allermeisten wollen genau das durchbrechen und das geht eben nur beidseitig. Deswegen freuen wir uns über Leute, die Lust haben etwas zu unternehmen.