Einfach nur weiterleben

© Foto | Sebastian Bozada | Naturfreundejugend

Seit 2011 tobt in Syrien ein unübersichtlicher Bürgerkrieg, dem seither mindestens 200.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Etwa ein Fünftel der Bevölkerung, also rund vier Millionen Menschen, verließ seit Ausbruch des Krieges das Land.

Die meisten flohen in die Nachbarländer Türkei, Libanon und Jordanien. Nur rund 220.000 Menschen haben bisher Asyl in einem europäischen Land beantragt. Zwei von ihnen haben wir bei der Vernissage zur Ausstellung „Capture your life“ getroffen: Die Brüder Mohamed und Ahmed, beide aus der südsyrischen Stadt Daraa. Sie leben heute im Bundesland Schleswig-Holstein und erzählten uns im Gespräch von ihrer Flucht.
Mohamed, Ahmed, ihr habt vor etwa einem Jahr eure Heimat verlassen. Könnt ihr mir erzählen, warum ihr das tun musstet?
Mohamed: In Syrien können nur die Leute arbeiten und studieren, die eine gute Beziehung zur Regierung haben. Wenn dein Vater bei der Armee ist oder für die Regierung arbeitet, dann hast du keine Probleme. Alle anderen…
Ahmed: Ich habe in Aleppo [zweitgrößte Stadt im Norden Syriens, Red.] studiert. Jedes Mal wenn ich von Daraa nach Aleppo gefahren bin, musste ich an unzähligen Checkpoints anhalten.

Viele meiner Freund/-innen wurden dort getötet, andere sind im Gefängnis gelandet.

Viele meiner Freund/-innen wurden dort getötet, andere sind im Gefängnis gelandet.
Mohamed: Heute ist es in Syrien so: Die Regierung schnappt sich alle jungen Männer und steckt sie in die Armee, und dann musst du mit ihnen kämpfen. Gegen Frauen und Kinder. Entweder du machst das, oder du musst mit Bestrafung rechnen. Mein Bruder und ich wollten das nicht tun, und darum sind wir geflüchtet.
Ihr seid unabhängig voneinander geflohen. Was war der Grund dafür?
Ahmed: Ich kam aus Aleppo in die Türkei, und von dort aus mit dem Schiff weiter nach Italien. Syrische Bürger brauchen kein Visum, um in die Türkei einzureisen. Und ich hatte auch keinen Reisepass, denn wenn du einen beantragen willst, stecken dich die Leute von der Regierung sofort ins Militär. Ich war etwa zehn Tage unterwegs. Mein Bruder war in Daraa und ging zuerst nach Jordanien …
Mohamed: … und von Jordanien weiter nach Algerien, Libyen, Tunesien, und dann über das Meer nach Italien. Das hat etwa zwölf Tage gedauert. Habt ihr Kontakt zu eurer Familie?
Mohamed: Ja. Einige leben in Jordanien, andere noch immer in Syrien.
Hat eure Familie schon euren Kurzfilm gesehen, den ihr für „Capture your life“ produziert habt?
Mohamed: Nein, noch nicht. Aber wird schicken ihnen den Film noch, und werden ihn auch unseren Freunden in Syrien zeigen. Wir stellen ihn ins Internet, damit andere Menschen sehen, dass aus Syrien nicht nur schlechte Menschen kommen. Und wieso sollen die auch das Land verlassen? Die schlechten Menschen bleiben doch und kämpfen. Wir sind aus Syrien hierher gefl ohen, weil wir hier sicher sind. Wir sind keine schlechten Menschen, aber manche hier haben ein falsches Bild von uns und anderen Menschen aus Syrien.
Ihr seid beide zur gleichen Zeit aus verschiedenen Richtungen nach Mailand gekommen, ohne voneinander zu wissen. Warum habt ihr euch gerade in dieser Stadt getroffen?
Mohamed: Italien ist von Nordafrika aus gesehen das naheste sichere Land. Und wenn du in Italien bist, musst du dich bis nach Mailand vorarbeiten, denn von dort kommst du weiter. Schweden, Dänemark, Holland, Deutschland – wohin du es schaffst, hängt im Endeffekt nur davon ab, wie viel Geld du hast. Wer kein Geld hat, bleibt in Italien. Und viele kommen gar nicht so weit, sondern sterben im Mittelmeer.
Ahmed: Ein Freund von uns war im Boot mit 700 anderen Menschen von Libyen nach Italien. 50 davon sind gestorben – Männer, Frauen und Kinder.
War Deutschland das Ziel eurer Reise? Oder wolltet ihr nur irgendwie aus Syrien wegkommen?
Mohamed: Natürlich war das erste Ziel, raus aus Syrien zu kommen. Aber von Sardinien aus waren es nur zwei Tage nach Mailand, also bin ich dorthin weitergefahren. Dort traf ich meinen Bruder …
Ahmed: Ich hatte keine Ahnung, dass er nach Mailand kommen würde. Plötzlich stand er da vor mir.
Mohamed: … und wir berieten uns, was der beste Weg für unsere Weiterreise wäre, wo wir die meisten Chancen hätten, um unser Studium im Ingenieurswesen beenden können.
Könnt ihr in Deutschland studieren?
Mohamed: Nein, leider nicht.

Wir suchen eine Uni für uns, aber niemand kann uns nehmen, weil wir keine Aufenthaltsgenehmigung haben.

Wir suchen eine Uni für uns, aber niemand kann uns nehmen, weil wir keine Aufenthaltsgenehmigung haben.Jetzt müssen wir noch ein paar Termine abwarten und bekommen dann hoffentlich die notwendigen Papiere. Im Moment warten wir auf unser zweites Gespräch [bei der Ausländerbehörde, Red.]. Wir haben versucht, dort anzurufen, aber niemand hatte Zeit für uns oder konnte uns weiterhelfen.
Ahmed: Ein paar Freunde von uns kamen nach uns nach Deutschland und haben ihre Aufenthaltspapiere schon bekommen. Keine Ahnung, wie das funktionieren kann oder was der Grund dafür ist. Aber so ist es wohl…
Wie habt ihr das Asylverfahren erlebt?
Ahmed: Bei allem ist Glück mit im Spiel. Du kannst zweimal, dreimal, hundertmal beim Amt nach deinen Papieren fragen und du bekommst keine Antwort. Ob du eine Auskunft bekommst, hängt nur davon ab, wie viel Glück du hast.
Und hattest du Glück?
Ahmed: Ich? Mmmh, nein, eher nicht. Ich bin jetzt seit fünf Monaten hier und habe noch keine Papiere bekommen. Meine Familie fehlt mir auch.
Wie war es für euch, in Deutschland anzukommen? Welche Reaktionen habt ihr erlebt?
Mohamed: Viele Menschen haben uns geholfen und behandeln uns wie ihre eigenen Kinder. Ein paar nette Deutsche besuchen uns regelmäßig und geben uns zweimal jede Woche Deutschunterricht. Aber manchmal denke ich über meine Zukunft nach.

Wir können nicht zur Schule gehen, nicht arbeiten, nichts – nur warten.

Wir können nicht zur Schule gehen, nicht arbeiten, nichts – nur warten. Das ist, was wir machen. Abwarten. Das Wetter ist auch ziemlich kalt. Aber viele Menschen helfen uns, das ist sehr schön.
Welche Erfahrungen habt ihr gemacht, wenn ihr anderen Leuten erzählt, dass ihr aus Syrien kommt?
Ahmed: Gute und schlechte Erfahrungen. Manche interessieren sich für uns und unser Leben und den Krieg. Aber es gibt auch eine Menge anderer Menschen, die glauben, dass alle aus Syrien schlechtes im Sinn haben.
Mohamed: Aber wir kamen nicht hierher, um zu kämpfen. Wir wollen nur unser Leben weiterleben. Unser Land, unsere Zukunft – was wird daraus werden?
Wie geht es jetzt weiter für euch?
Ahmed: Wir hoffen, bald unsere Papiere zu bekommen. Ich hoffe, bald meine Frau nach Deutschland holen zu können. Wir möchten einfach nur mit unserem Leben weitermachen. Das Leben ist für meinen Bruder und mich und unsere Familie und eigentlich für alle Menschen in Syrien stehengeblieben. Denn wir haben nichts. Wir wollen doch nur unser Studium abschließen, lernen und arbeiten. So wie andere Menschen auch.
Alles Gute euch beiden, und vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview ist ein redaktionell bearbeiteter Beitrag aus der Ke:onda, der Jugendzeitung der Naturfreunde Deutschlands.