Ein Trauma darf kein Stigma sein

Aktuelle Studien gehen davon aus, dass ein Drittel der erwachsenen Flüchtlinge traumatisiert ist. Refugio, ein Münchner Beratungs- und Behandlungszentrum für Flüchtlinge und Folteropfer, schätzt, dass mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen betroffen sind. Dass man Traumatisierte aber in erster Linie normal behandeln sollte und dass es auch in einer Notsituation erst einmal hilfreich sein kann, „Normalität“ herzustellen, erklärt Jürgen Soyer, Geschäftsführer von Refugio, in diesem Interview:

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Beim Thema Trauma denken viele in erster Linie an Flüchtlinge, aber auch hierzulande gibt es ja Traumatisierte, was kann man sich denn ganz grob unter einem Trauma vorstellen?

Ein Trauma ist im Grunde erst mal ein lebensbedrohliches Erlebnis, in dem man sich nicht schützen konnte oder mit ertragen musste, wie anderen etwas Schlimmes zustößt. Dieses Erlebnis kann später psychisch zu verschiedenen Problemen führen. Zum Beispiel dazu, dass man einen Ort meidet, also etwa einen Umweg in Kauf nimmt oder ungern dahin zurückkehrt.

Eine Traumatisierung ist die Folge einer lebensbedrohlichen Situation, und das körperliche Gedächtnis speichert, dass dieses Erlebnis jeden Augenblick wiederkommen kann.

Eine Traumatisierung ist die Folge einer lebensbedrohlichen Situation, und das körperliche Gedächtnis speichert, dass dieses Erlebnis jeden Augenblick wiederkommen kann.
Vermeintlich unwichtige Dinge können die Erinnerung auslösen: Das kann ein Geruch, eine Jahreszeit oder eine Farbe sein. Ich nenne Ihnen ein Beispiel von einem Jungen, der bei uns in Therapie war. Er war in einem Fußballverein, ein großartiger Stürmer, der immer wieder das gleiche Erlebnis hatte. Sobald er alleine aufs Tor zugelaufen ist, hat er unwillkürlich angehalten. Erst in der Therapie kam raus, dass er einen Bombenanschlag überlebt hat. Diese Situation, dass er nach vorne rennt und alle anderen hinter ihm sind, triggert die Situation des Bombenanschlags. In diesem Moment kann er nicht mehr unterscheiden, dass er hier nur beim Fußballspiel in Deutschland und eigentlich alles in Ordnung ist.

Gibt es denn etwas, was man aktiv tun kann, wenn man zum Beispiel mit einer Jugendgruppe unterwegs ist und das Gefühl hat, eine Situation überfordert bzw. triggert eine/-n Teilnehmer/-in?

Ich glaube, es ist bereits hilfreich, aus der Sichtweise auszusteigen, die oder der ist komisch.

Ich glaube, es ist bereits hilfreich, aus der Sichtweise auszusteigen, die oder der ist komisch. Und wenn er oder sie dann sagt: „Ich weiß es auch nicht, irgendwie geht es mir gerade nicht gut“, dann kann man die Person auch erst mal in Ruhe lassen und erst wenn es öfter vorkommt oder heftiger wird, überlegen, ob man Fachpersonal mit einbezieht. Das ist auch dann sinnvoll, wenn die/der Jugendliche innerhalb der Gruppe Probleme bekommt.

Sie haben geschrieben, dass gerade traumatisierte Jugendliche sehr darauf achten, zu funktionieren – das macht es für Außenstehende unter Umständen schwer, einzuschätzen, wie viel man dieser Person zutrauen kann.

Wir haben einige in Therapie, die ich als völlig funktionstüchtig beschreiben würde, aber die von sich selbst sagen, dass sie extrem leiden und dass es sie unglaublich viel Kraft kostet, das aufrechtzuerhalten. Sie müssen zwar nicht mit dem Stigma leben, dass sie traumatisiert oder sonst was sind, aber wenn diese Personen dann Zusammenbrüche haben, sind Außenstehende oft überfordert. Wenn wir etwa an den Torwart Robert Enke denken. Damals waren alle schockiert. Aber das ist eben die Crux an psychischen Erkrankungen, dass sie nicht für jeden erkennbar sind.

Sie bieten Therapie an für junge Flüchtlinge, wird das denn gut angenommen?

Obwohl Jugendliche generell keinen Bock haben, in Therapie zu gehen, auch deutsche nicht.

Ja, auf jeden Fall. Obwohl Jugendliche generell keinen Bock haben, in Therapie zu gehen, auch deutsche nicht. Unsere Erfahrung zeigt jedoch, dass Flüchtlingsjugendliche oft sehr dankbar sind, wenn sie reden können. Ein bisschen anders, als es mein Bild von der breiten jugendlichen Bevölkerung ist. Flüchtlingsjugendliche haben unter Umständen Krieg miterlebt oder vielleicht mit ansehen müssen, wie ihre Mutter vergewaltigt wurde. Manche haben selbst sexuelle Gewalt erlitten oder Todesängste, weil sie über das Mittelmeer gekommen sind und angesehen haben, wie Menschen gestorben sind.

Es wird immer wieder behauptet, dass viele Flüchtlinge mit Psychotherapie nichts anfangen können und Angst haben, für verrückt erklärt zu werden, stimmt das so?

Wir sagen zum Beispiel nur, wir reden mit dir, wir suchen nach Lösungen …

Ja, das ist schon richtig. Manche fürchten, dass sie für verrückt erklärt werden, und kommen mit diesen Angeboten anfangs nur schwer klar. Das ist aber dann Aufgabe der Therapeuten, das auf eine Weise zu erklären, dass es annehmbar ist. Wir sagen zum Beispiel nur, wir reden mit dir, wir suchen nach Lösungen für deine Schlafprobleme oder dafür, dass du oft aggressiv wirst. Wir sagen am Anfang auch, du kannst deine Geschichte erzählen, aber wir zwingen niemanden zum Erzählen.

Kinder und Jugendliche, so kennen wir es aus der Forschung zum Thema sexueller Missbrauch, suchen sich ja auch Personen aus, die das aushalten können. Manchmal gibt es aber vielleicht Momente, die man unterschätzt – was kann man Fachkräften in der Jugendarbeit empfehlen?

Wenn junge Flüchtlinge von sich aus erzählen wollen, ist das sehr schön. Dennoch gilt, dass eine Fachkraft authentisch bleiben sollte. Dass heißt, wenn sie merkt, dass sie an einen Punkt kommt, der zu viel ist, kann er oder sie auch sagen: „Du, das ist für mich auch sehr heftig, das liegt nicht an dir, das ist mein Problem, du hast damit nichts zu tun.“ Zudem besteht die Gefahr, wenn man eine Person einfach losreden lässt, dass sie sich in Erinnerungen reinredet. Das kann unter Umständen sehr heftig werden. Es kann bis zu Flashbacks gehen, also dem Wiedererleben der traumatischen Situation. Das kann dann einen krisenhaften Zustand auslösen und den muss man erst mal im Griff haben.

Nachfragen ist dann wahrscheinlich keine gute Idee?

Es gibt so Hinweise, zum Beispiel, wenn die Person nicht mehr auf meine Fragen reagiert, sondern nur noch am Erzählen ist und vor sich hin starrt. Sie ist dann nicht mehr in der Gegenwart. Dann muss man klären: Ist die Person noch mit mir in Kontakt? Nimmt sie mich noch wahr? Weiß sie, wo sie ist? Aber es geht auch darum, zu schauen, wie es der Person nach dem Gespräch geht. Kann man sie so gehen lassen? Hat der/die Jugendliche jemanden, wenn er oder sie jetzt heimgeht?

Kann oder soll ich jemanden aktiv nach seiner Geschichte zu fragen, oder lieber nicht?

Eine Person muss sich in der Lage fühlen, davon zu erzählen. Wer eine Person zwingt, zu erzählen, setzt sie unter Umständen Erinnerungen aus, die sie nicht aushält. Dazu kommt, dass Flüchtlinge an allen Ecken und Enden, zum Beispiel bei Behörden usw., ihre Geschichte erzählen müssen.

Ein hartnäckiges Nachfragen weckt so eine Behördensituation. Das kann Angst machen, gerade, wenn es um die Frage des Fluchtweges geht.

Ein hartnäckiges Nachfragen weckt so eine Behördensituation. Das kann Angst machen, gerade, wenn es um die Frage des Fluchtweges geht. Schließlich haben wir ja das Verfahren (Dublin-Verfahren, Anmerkung der Redaktion), dass Behörden rausfinden sollen, über welchen EU-Staat die Flüchtlinge eingereist sind. Denn der Staat, über den sie zuerst eingereist sind, ist für sie zuständig, und damit sollen sie dahin wieder abgeschoben werden. Wenn jetzt wieder jemand fragt, wie ich hierhergekommen bin, löst das bei Flüchtlingen Panik aus: Arbeitet der oder die zusammen mit der Polizei? Hinzu kommt, dass zahlreiche Flüchtlinge aus Ländern kommen, in denen das politische System nicht vertrauenserweckend war, und sie unsicher sind, ob sie ihre Geschichte jetzt hier erzählen können. Wenn man das nicht einschätzen kann, dann empfehle ich, geduldig zu sein und wenig nachzufragen. Das ist oft schwer auszuhalten, das ist mir klar, man würde es ja doch gerne wissen.

Ich kenne das auch, dass man wissen möchte, ist die Person berechtigt da oder nicht? Hat sie ganz Schlimmes erlebt, verdient sie noch mehr Mitleid?

Ich kenne das auch, dass man wissen möchte, ist die Person berechtigt da oder nicht? Hat sie ganz Schlimmes erlebt, verdient sie noch mehr Mitleid? Das ist menschliche Neugierde, und da gehört viel dazu, die einfach mal beiseitezulassen und die Person anzuerkennen, wie sie gerade ist.

Wie sieht denn die Abdeckung mit Therapiemöglichkeiten für junge Flüchtlinge aus?

Je weiter man in die bayerische Provinz geht, desto dramatischer ist die Situation. Schon für die durchschnittliche Bevölkerung ist es hier schwierig, eine/-n Therapeuten/-in zu finden. Für Flüchtlinge ist die Situation noch sehr viel schlechter. Das liegt zum Teil auch an der Sprachbarriere. Schon in München gibt es nicht genügend Therapeuten/-innen, die noch andere Sprachen sprechen. Dolmetscher/-innen zu kriegen, ist genauso schwierig, und dann kommt noch die Bezahlung hinzu. Also haben wir es mit einer sehr herausfordernden Lage zu tun.

Aber ich finde, man muss den Finger in die Wunde legen und immer wieder einfordern, dass mehr Kapazitäten für diese jungen Menschen geschaffen werden.

Aber ich finde, man muss den Finger in die Wunde legen und immer wieder einfordern, dass mehr Kapazitäten für diese jungen Menschen geschaffen werden.

Was für Angebote von Seiten der Jugendarbeit wären denn wünschenswert?

Was wir mitbekommen, ist, dass sich die Jugendlichen oft schwertun, aus den Unterkünften rauszukommen. Sie schämen sich zu sehr, um zum Beispiel sorgenlos dem lokalen Fußballverein beizutreten. In München gibt es Projekte, die Vereine und Verbände finanziell unterstützen, die junge Flüchtlinge regelmäßig vor Ort abzuholen. Ich finde das einen sehr spannenden und wichtigen Versuch. Nach unserer Erfahrung ist es ein Stück Vertrauensarbeit, damit Freizeitaktivitäten mit jungen Flüchtlingen klappen. Wir müssen sie abholen, sie müssen Vertrauen gewinnen, ah, das ist die Person, die zuverlässig vorbeikommt. Da muss viel Zeit vergehen.

Herzlichen Dank für das Interview!

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