Durch den inneren Wald in die Klarheit

Die Jib (Jugendintegrationsbegleiter_innen) sind „Expert_innen in eigener Sache“. Weil sie wissen wie es sich anfühlt fremd zu sein und weil sie wissen wie man Brücken baut. Osama Albernawi lebt mit seinen Eltern und Geschwistern in Würzburg und studiert Physik.

Die eigenen Grenzen kennen

Unsere Werte bestimmen oft unsere persönlichen Grenzen. Meine Werte führen dazu, dass ich manche Grenzen ungern überschreite. Eine dieser Grenzen ist für mich, »Nein« zu sagen. Es geht mir einfach gegen den Strich, eine Bitte von einem Freund abzulehnen! Freunde sind immer füreinander da! Und somit überschreite ich meine Grenzen bzw. übersehe ich sie und vor allem übersehe ich meine Bedürfnisse. Es ist mir auch ein großes Anliegen, dass ich andere nicht enttäusche, obwohl ich weiß, dass mein »Nein« gar nicht immer als Enttäuschung betrachtet wird. Durch die Erfahrungen in der Summer School »JugendintegrationsbegleiterInnen« bin ich jetzt doch einbisschen anders geworden.

Ich habe durch unterschiedliche Erfahrungen das »Neinsagen« gelernt.

Ich habe durch unterschiedliche Erfahrungen das »Neinsagen« gelernt. Dort haben wir mit anderen an einem Projekt gearbeitet. Es war für mich sehr wichtig, dass unser Projekt genauso wird, wie es geplant war. Aber aus verschiedenen Gründen haben einige Teilnehmende ihre Aufgaben nicht fertiggestellt. Ich hatte deswegen Angst, dass das auf unser Projekt einen Einfluss hat. Ich wollte, dass wir das Projekt 1oo Prozent gut schaffen. Irgendwie habe ich die Verantwortung in meine Hände genommen und habe versucht, noch alles zu erledigen. Wir hatten nicht mehr so viel Zeit und ich war so gestresst und wütend, dass ich noch nicht mal wahrgenommen habe, dass eine unserer TrainerInnen, mir gesagt hat, dass das Projekt gut ist, wie es ist, und ich nicht mehr daran arbeiten soll.

Die Schönheit des Unvollendeten

Die Trainerin und ich sind am nächsten Tag in einem Wald in der Nähe spazieren gegangen, um ein bisschen darüber zu sprechen. Ich war ehrlich gesagt entsetzt zu hören, wie sie meine Wut und meinen Stress wahrgenommen hat. Im Gespräch ergab sich, dass Wut und Stress wohl ein Zeichen dafür sein können, dass ich meine persönlichen Grenzen überschreite bzw. nicht auf sie achte. Ich habe von ihr einen goldenen Tipp bekommen: »Lerne die Schönheit von Unvollendetem zu sehen! Die Welt bricht nicht zusammen, wenn du das eine oder das andere nicht perfekt gemacht hast – pass stattdessen auf dich und auf deine Grenzen auf«.

Klarheit ist hier in Deutschland ein großer Wert. Menschen kommunizieren ihre persönlichen Grenzen mittels Klarheit. Durch Klarheit zeige ich die Grenzen meiner Kraft, Zeit und meines Willens. Wenn ich meine eigenen Grenzen respektiere, kann das aber auch schiefgehen. Wenn eine Person für einen selbst eine wichtige Rolle spielt, gelingt es nicht immer einfach, Klartext zu reden, aber mit Wertschätzung und Vertrauen kann man damit zurechtkommen. Das hat mir diese Erfahrung beigebracht. Ich finde es jetzt viel leichter für mich, mit Menschen umzugehen, besonders nachdem ich gelernt habe, meine Wertschätzung, mein Vertrauen und Klarheit zu zeigen. Ich meine nicht, dass ich Grenzen setzen muss, an denen ich immer festhalte, um mein Leben besser zu führen, sondern dass sie anerkannt werden sollten. Durch Flexibilität im Umgang mit den Grenzen scheint das zu funktionieren!

Meine Werte sind tief in mir verwurzelt, wie die Bäume in diesem Wald.

Meine Werte sind tief in mir verwurzelt, wie die Bäume in diesem Wald. Es schadet doch nicht, dass man einen Spaziergang in sich macht, um die Bäume zu sehen und eigene Grenzen zu erforschen. Und so habe ich auch meinen inneren Wald kennengelernt.