Mehr als Berufsethos

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Ein Freitag im November. Die Jugendpflegerinnen Claudia Treffer, Theresa Burger und Minh Phan, Praktikant und Student der Sozialen Arbeit warten mit Brezen, Tee und Kaffee in ihrem Büro der Kommunalen Jugendarbeit (KoJa) in Eichstätt Stadt. Die KoJa Eichstätt hat Wege beschritten, die für die klassische Kommunale Jugendarbeit eher untypisch sind. So haben sie mit dem Projekt Change yourself to change the world ein Jugendprojekt zusammen mit einem Pfadfinderverband gestartet und Jugendliche dafür angesprochen. Zwei Jahre später gehen sie mit einem Theaterprojekt und einem Filmprojekt weiter den Weg des Miteinanders. Ein Miteinander von Jugendlichen, ganz egal woher sie kommen mit Wurzeln in Deutschland, Fluchterfahrung, Migrationsgeschichte, geistigen Einschränkungen. Ein Gespräch, das zeigt wie wichtig Jugendarbeit mit Geflüchteten ist, aber auch wo Hindernisse liegen und was es emotional mit Menschen macht, wenn sie in ihrem Alltag mit Fragen und Problemen junger Geflüchtete konfrontiert werden, die sie nicht lösen können.

Weg von der Kategorie Flüchtling

Die internationale Jugendbegegnung „Change yourself to change the world, respect, natur, humans, yourself“ war der zentrale Schritt in der Arbeit mit jungen Geflüchteten. 26 Jugendliche, darunter acht unbegleitete Geflüchtete, setzen sich  im Juli 2016 neun Tage mit bewusster und achtsamer Lebensführung auseinander. „Die internationale Jugendbegegnung hat so gut funktioniert, dass wir voll motiviert weitergemacht haben. Etwa mit dem Demokratietraining Betzavta, das zu einem extrem intensiven Austausch über Werte, Traditionen, Lebensweisen und schließlich auch zu unserem Folgeprojekt Miteinand geführt hat. Hier geht es um Jugendbeteiligung und Demokratie im Landkreis Eichstätt.“ Damit hat sich der Fokus der Arbeit, Angebote ausschließlich für junge Geflüchtete zu machen, zu einem inklusiven Angebot verschoben, das alle Gruppen anspricht. Junge Menschen mit Migrationsgeschichte und Menschen mit körperlichen oder kognitiven Einschränkungen und/oder auch ältere Menschen.

„Unser Inklusionsgedanke geht weiter,

„Unser Inklusionsgedanke geht weiter, mich stört, dass jedes Mal wenn das Wort Inklusion fällt alle an Behinderung oder an die Schule denken. Wir wollen es jetzt etwas offensiver angehen und erzeugen die Situation einfach selbst“, erklärt Theresa Burger. „Das ist auch das Feedback von den Jugendlichen, die haben kein Bock mehr, die wollen nicht mehr auf die Kategorie Flüchtling reduziert werden,“ ergänzt Jugendpflegerin Treffer.

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Foto: KoJa Eichstätt

Kreativ und miteinand sein

Die Jugendlichen wollen konkret an etwas arbeiten, sich mit guten Freund_innen treffen, Spaß haben, kreativ sein und sich tiefsinnig mit Themen auseinandersetzen, so die Erfahrungen der Jugendpflegerinnen. Ein Beispiel dafür ist das aktuelle Theaterprojekt „The Mus Unit“. Das Stück bietet die KoJa Eichstätt in Kooperation mit der Katholischen Universität sowie mit Unterstützung von Theater und Musikpädagog_innen an. Ausgesucht hat sich die Gruppe das Thema „Ich bin anders“. Auch das ein Vorschlag der bunt gemischten Teilnehmergruppe.

„Jede_r wünscht sich im Inneren, einfach so angenommen zu werden,

„Jede_r wünscht sich im Inneren, einfach so angenommen zu werden, wie man ist und dass es auch ok ist, anders zu sein“,  Minh organisiert die Theatergruppe in seiner Praktikumszeit und erzählt, dass das Thema der Ausdruck dafür ist, dass die Jugendlichen oft die gegenteilige Erfahrung machen. Sie werden nicht akzeptiert wie sie sind, sondern immer wieder mit ihrem Anderssein konfrontiert. Unter den insgesamt 15 Teilnehmer_innen sind drei mit Fluchterfahrung sowie zahlreiche Kinder und Jugendliche. Dass die Jugendlichen vor allem kreativ tätig sein wollen, ist ein Feedback, das die Jugendpflegerinnen in ihre neuen Projekte aufgenommen haben.

Die eigene Geschichte erzählen

„Narben der Flucht“ ist ein Filmprojekt, das eine engagierte Gruppe junger Geflüchteter mit Hilfe der KoJa auf die Beine gestellt hat. Sie erzählen darin von Flucht, Erfahrungen, Hoffnungen und Träumen und dem Ankommen in einem fremden Land. Dass der Film kein leichter Stoff ist zeigen unter anderem Folterszenen, die der junge Filmemacher Mahmud, der am Ende des Gesprächs dazukommt, zeigt. Zu sehen ist aber auch dass in der Arbeit der Jugendpflegerinnen mehr als Berufsethos drinsteckt. So spielen Claudia Treffer und ihre Kinder in „Narben der Flucht“ mit und das eigene Wohnzimmer wurde kurzer Hand als Motiv zur Verfügung gestellt. Somit ist Jugendarbeit mit Geflüchteten immer neben der professionellen Ebene unweigerlich auch eine Geschichte des Beziehungs- und Vertrauensaufbau. Da werden die Geflüchteten zu den Jungs, wie die Jugendpflegerinnen sie liebevoll nennen. Und dann gab es den Bruch mit der Kerngruppe.

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Herausforderungen, Hindernisse, Wutmomente

„Eine Zeitlang hatten wir eine sehr stabile Gruppe, dann wurde es katastrophal.  Einerseits durch das verschärfte Asylrecht, aber auch dadurch, dass viele eine Ausbildungserlaubnis bekommen haben,“ erklärt Treffer und betont, dass auch die KoJa irgendwo ihre Grenzen hat und nicht Jugendliche in einem Radios von 50km abholen kann. Die Jugendpflegerinnen erzählen von Geflüchteten, die Panik hatten, abgeschoben zu werden.

„Die haben halt jeden Monat einen Brief bekommen, den sie nicht verstanden haben,

„Die haben halt jeden Monat einen Brief bekommen, den sie nicht verstanden haben. Mit einem Ausreiseabschnitt, den sie an der Grenze abgegeben sollten, das hat sie fertig gemacht,“ schimpft Burger. Hier zeigt sich der Balanceakt, den Jugendarbeit aushalten muss, wenn sich Jugendliche mit Ängsten und Problemen an sie wendet, die an dieser Stelle nicht lösbar sind. Manche waren so durcheinander, dass es die Jugendpfleger_innen selber stark mitnahm:

“Ich konnte echt zuschauen, wie selbstbewusste engagierte Leuten innerhalb von wenigen Wochen verfallen sind.“

“Ich konnte echt zuschauen, wie selbstbewusste engagierte Leuten innerhalb von wenigen Wochen verfallen sind. Ganz besonders schwer war diese Zeit auch für die Jugendlichen aus Eichstätt. Sie mussten mit ansehen wie ihre Freund_innen litten und haben sich teilweise aus der Jugendarbeit mit Geflüchteten komplett zurückgezogen.

Wie geht es weiter?

Aus den Projekten der vergangenen Jahre sind gute Netzwerke entstanden, sodass die KoJa sich für neue Zielgruppen öffnet. „Wir gehen auch gerade weg von dem Begriff, wir machen was mit den Geflüchteten“ hin zu einem inklusiven Rahmen, das heißt wir denken alles mit“, so Burger. So dass es vielleicht im Landkreis Eichstätt tatsächlich irgendwann einmal Normalität wird, dass sich unterschiedliche Menschen für Angebote treffen, ganz egal ob sie Fluchterfahrung, Migrationsgeschichte oder eine körperliche oder kognitive Einschränkung haben. Darauf jedenfalls arbeiten die beiden Jugendpflegerinnen hin.

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