Weil Flucht einen globalen Zusammenhang hat

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Was hat unser Leben hier mit der Not der Menschen in den Ländern des Südens zutun?  Inwiefern spielen eigentlich Handelsbedingungen eine Rolle im Themenfeld Flucht? Nur ein paar Anstöße, die wir aus dem Interview mit Lioba Degenfelder mitnehmen. Lioba ist Bildungsreferentin der JBN (Jugendorganisation Bund Naturschutz) und hier unter anderem für das Projekt Naturzufluchten, Umweltbildung mit Geflücheten, zuständig .

Warum engagiert Ihr Euch als Jugendorganisation Bund Naturschutz für Geflüchtete?
2013 haben wir ein Positionspapier mit dem Titel „Klima kennt keine Grenzen – warum Umweltpolitik Asylpolitik ist” verabschiedet. Wir haben schon immer einen Zusammenhang zwischen umweltrelevanten Fluchtursachen und Flucht gesehen. Schließlich hat alles was wir in unserem Alltag machen globale Auswirkungen. Wir stellen uns die Frage:

was bewirkt eigentlich unser Lebensstil am anderen Ende der Welt?

was bewirkt eigentlich unser Lebensstil am anderen Ende der Welt? Inwiefern spielen Handelsbedingungen und unsere Klimapolitik damit rein, dass Menschen in anderen Teilen der Welt nicht mehr leben können?

Wieso können Menschen woanders nicht so gut leben und was hat das mit uns zutun?
Nehmen wir mal unsere konsumkritischen Stadtführungen, da gehen wir zum Beispiel in einen Schuhladen und schauen uns einen Markenschuh näher an. Wie viel Geld steckt da drin? Wo kommt der her? Wer hat den genäht etc.? Das ist so ein klassisches Beispiel. Kinder und Jugendliche finden darüber schnell raus, dass die Näherinnen in Indonesien,  China oder Vietnam unglaublich wenig Geld dafür kriegen und unter fürchterlichen Arbeitsbedingungen leiden. Diese Zusammenhänge darzustellen und aufzuzeigen ist uns wichtig. Denn unser Konsum, etwa das Handy, das jedes Jahr neu sein muss, sorgt auch dafür, dass z.B. in afrikanischen Ländern Bodenschätze abgebaut werden.

Ein anderes Beispiel ist der Fleischkonsum.

Wenn man etwa unsere EU-Agrarsubvention anschaut, wir produzieren superbillig, weil die Landwirtschaft stark subventioniert wird. Damit machen wir aber auch Märkte in Westafrika kaputt, etwa in Ghana. Die können nicht konkurrieren, weil wir sie mit unserem Überschuss überschwemmen, etwa mit Hähnchenfleisch. Es ist sogar unser Abfall, der in Afrika landet. Wir essen beim Huhn oft nur die Brust und der Rest wird verschickt. Das kommt dann auch in den 2. Markt und zerstört regionale Märkte. Und dann sprechen wir von Wirtschaftsflüchtlingen, die zu Hause nicht von ihren Erzeugnissen leben können.  Neben vielen anderen Gründen sind auch das Fluchtursachen. Der Bumerang unseres Lebensstils kommt z.B. auch über die Balkanroute zu uns zurück.

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Was macht ihr in euren Projekten mit Geflüchteten?
Auf Landesebene sorgen wir dafür, dass die Gruppenleiter_innen vernetzt sind. In die Umweltprojekte vor Ort haben wir in bestehende Strukturen Geflüchtete und auch Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund integriert. Dass Geflüchtete in einer Gesellschaft ankommen, sich hier orientieren können und auch mitbekommen und verstehen was unsere gesellschaftlichen Normen und Ideale sind, ist ein wichtiger Ansatz. Natur- und Umweltschutz ist in vielen Ländern aus denen Geflüchtete kommen nicht unbedingt Thema. Uns ist es aber ein besonderes Anliegen. Da müssen wir auch klar sein, dass neben den humanistischen Werten, eben Menschen willkommen zu heißen,  auch noch andere stehen. Beispiel: Wenn wir eine Kindergruppe haben mit zehn Kindern, dann sagen wir zwei Geflüchtete können wir hier gut mitnehmen und wirklich integrieren. Wir sind eine Naturschutzorganisation; wir wollen Natur- und Umweltschutz machen und Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Es hilft ja niemanden, wenn es dann die Gruppenstruktur zerlegt,

Es hilft ja niemanden, wenn es dann die Gruppenstruktur zerlegt, weil wir uns zu viel zugemutet haben und die Geflüchteten vielleicht gar kein besonderes Interesse an Umweltschutz haben. Wenn da eine Kindergruppe seit Jahr und Tag miteinander Projekte macht, dann sind die als Gruppe zusammengewachsen. Da können wir nicht das Doppelte an Kindern dazugeben, egal ob mit oder ohne Migrations- oder Fluchthintergrund. Dann funktioniert eine Gruppe einfach nicht mehr. Da muss man auch ganz ehrlich sein und sich fragen, was schaffen wir, und was schaffen wir nicht.

Was für einen Tipp hast Du für Leute, die Projekte mit Geflüchtete machen wollen. Gibt es etwas, das ihr besonders wichtig findet?
Sich unbedingt Fragen stellen: Wer sind wir? Was sind unsere Kernaufgaben und was macht uns aus?  Was wollen wir, was nicht? Das darf man sich auch zugestehen. Und dann ganz praktisch: Gruppen haben mir immer wieder erzählt, dass es für Geflüchtete oft wahnsinnig anstrengend war, erst mal die Strukturen zu erkennen. Umgekehrt war

unser Budget für Dolmetscher war nicht nötig.

unser Budget für Dolmetscher eigentlich gar nicht nötig.Man hat sich irgendwie verstanden. Eine große Herausforderung war für uns die fehlende Mobilität. Etwa wenn die Geflüchteten in Erstunterkünften untergebracht waren, dann hat man die Kinder für  eine Aktion abholen und hinbringen müssen. Das waren schon Wege, wir sind ja meistens im Wald oder sonstwie in der Natur. Diese Mobilität war ein sehr großes Thema. Du kannst von einer ehrenamtlichen Kindergruppenleiterin schlecht erwarten, dass sie quer durch die Stadt fährt. Also sich ganz pragmatisch fragen: wie kommen die von A nach B?

Das ist das eine: Die fehlende Mobilität. Das andere ist, dass der Bund Naturschutz für jemand etwa aus Syrien, überhaupt kein Begriff ist. Man muss erst mal erklären, warum machen wir das, worum geht es? Da muss man ganz grundsätzlich ran, was tun wir hier eigentlich und warum?

Ist ja doch gar nicht schlecht für den eigenen Verband, für die eigene Organisation sich zu hinterfragen, oder?
Stimmt schon. Was ich ganz schön gefunden habe ist, dass die Jugendarbeit damit ganz viel Input für den Erwachsenenverband mitgeliefert hat. Wir waren die Impulsgeber, dass auf der Delegiertenversammlung nochmal über das Thema Flucht gesprochen wurde: Wie stehen wir denn eigentlich zur Flüchtlingskrise? Der BUND, also unser Erwachsenenverband hat auch ein Positionspapier zum Thema Flucht geschrieben, denn gerade im konservativen Naturschutz gibt’s auch Stimmen, die das nicht wichtig finde. Also so in etwa:

Mir wurscht, was braucht es jetzt Jugendarbeit mit Geflüchteten?

Mir wurscht, was braucht es jetzt Jugendarbeit mit Geflüchteten? Wenn man aber selbst Jugendarbeit mit Geflüchteten macht, bietest Du rechtem Gedankengut keine Heimat. Du bist dann als Verband vollkommen unattraktiv für rechte Parolen, die auch im konservativen Naturschutz versuchen Fuß zu fassen. Das fand ich einen schönen Nebenaspekt.

Wann ist Jugendarbeit mit Geflüchteten nachhaltig, was braucht es dafür?
Ich glaube, da können wir wieder auf das, was ich vorhin besprochen habe, zurückgreifen: Wenn wir als Verband auch das, was uns wichtig ist, beibehalten. Also: ganz klar eine Willkommens-Kultur üben,  aber ob jemand dann dabei bleibt oder nicht, das hängt von verschiedenen Sachen ab. Kann sich die Person mit unseren Idealen identifizieren? Sind da die richtigen Leute für mich? Das ist klassische Jugendarbeit. Das hat gar nichts mehr zu tun damit, wo der herkommt, sondern einfach: Findet er da seine Freund_innen, seine/ihre Peergroup oder eben nicht. Da macht es keinen Unterschied, ob jemand aus Deggendorf oder aus Aleppo kommt. Das ist dann dieses Verbandsheimatgefühl. Das erste Ankommen, das erste Hineinschnuppern für Geflüchtete ist allerdings viel schwieriger. Da müssen wir als Verband einen zusätzlichen Schritt machen, im  Gegensatz für jemandem, der aus Deggendorf kommt. Aber was dann passiert ist ganz normale Jugendarbeit.

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Gibt es was, wovor du Angst hast in Bezug auf Jugendarbeit mit Geflüchteten?
Angst ist das falsche Wort. Ich hab ein bisschen Sorge, dass wir es nicht schaffen, in der gesellschaftlichen Diskussion unseren Anteil an der Situation in diesen Ländern herauszuarbeiten und dafür die Verantwortung zu übernehmen. Stattdessen zu hören, dass es keine anerkannten Status der Umwelt-Flüchtlinge oder  keine Klima-Flüchtlinge gibt, das finde ich schwierig. Denn was passiert denn mit Menschen, die auf einer Insel leben und der Meeresspiegel steigt? Was, wenn sie da nicht mehr leben können? Haben die ein Recht auf Asyl oder haben die es nicht? Machen wir in Europa dann die Grenzen einfach dicht?  Das ist meine größte Sorge.