Alle Artikel in: Hintergrund

Asylrechtsverschärfung: Konsequenzen für Geflüchtete

Das Asylrecht wurde seit dem Sommer 2015 durch eine Kaskade von Gesetzen deutlich verschärft. Das Asylpaket I und II, das Integrationsgesetz und das Gesetz zur besseren Durchsetzung der Ausreisepflicht wurden in Schnellverfahren und ohne hinreichende öffentliche Debatte verabschiedet. Abgesehen von der sogenannten Ausbildungsduldung, die die Abschiebung von Personen, die sich in einer Ausbildung befinden aussetzt, wurden die Rechte von Geflüchteten ausschließlich beschränkt. Zu den drastischsten Eingriffen zählen die Aussetzung des Familiennachzugs für subsidiär Geschützte (§ 104 Abs. 13 Aufenthaltsgesetz), die Regelung abgelehnte Asylsuchende ohne Ankündigung abzuschieben (§ 59 Abs. 1 S. 8 Aufenthaltsgesetz) und neue Tatbestände, die es den Behörden ermöglichen die Sozialleistungen von Geflüchteten drastisch zu reduzieren (§ 1a Asylbewerberleistungsgesetz). Einrichtung vo AnKER-Zentren und weiteren sicheren Herkunftsstaaten Die Bundesregierung will es bei diesen Verschärfungen aber nicht belassen. Laut dem Koalitionsvertrag sollen flächendeckend sog. AnkER-Zentren entstehen, eine eu­phemistische Abkürzung für „Zentrum für Ankunft, Entscheidung, Rückführung“. Geplant ist außerdem die Maghreb-Staaten Algerien, Marokko und Tunesien, sowie Georgien als „sichere Herkunftsstaaten“ ein­zustufen. Welche weiteren Maßnahmen aus dem sog. „Master-Plan von Bundesinnenminister Horst Seehofer umgesetzt werden, ist zudem …

Von einer, die auszog, Fragen zu stellen

Lea ist Referentin für Europäische Jugendpolitik im Bayerischen Jugendring und pendelt zwischen München und Brüssel. Sie hat in Brüssel das Europabüro des BJR aufgebaut, das u.a. jugendpolitische Interessenvertretung zum Ziel hat,  europäische Politik beobachtet und darüber berichtet. Klar ist, wer auf europäischer Ebene aktiv ist, kommt um die Themen Flucht und Asly nicht umhin oder besser geschrieben, hat schnell eine dezidierte Meinung dazu. Leas Meinung und Einschätzung gibt es hier im Interview: Wo begegnen Dir die Themen Flucht und Asyl? 2015 habe ich in Brüssel für den BJR angefangen  und unser Europabüro aufgebaut. Seitdem begegnet mir das Thema unablässig. Da ich selbst Projekte mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten gemacht habe, war und ist mir das Thema sehr bewusst. Ich fragte die Brüssler_innen in Parlament und Kommission direkt:“Wie wollt ihr junge Geflüchtete schützen und was können wir auf Europaebene für Sie tun?“ „Oh Lea, that´s a good question“ „Oh Lea, that´s a good question – but it´s not on the radar right now.” Erst wurden Lösungen im Bereich der Migrationspolitik verhandelt, dann festgestellt, dass die Umverteilung in …

© Clara Eyckerman

Pancakes and Human rights

Freiwilligenarbeit im Flüchtlingscamp in Dünkirchen Im Sommer 2017 besuchte Manina Ott, Projektkoordinatorin von Flüchtlinge werden Freunde, den Kurs „Refugees +“ in Brüssel. Die europaweite Fortbildung im Rahmen von Erasmus+ richtete sich an Aktive in der Jugendarbeit, die bereits Erfahrungen in der Arbeit mit Geflüchteten hatten. Aus 14 Ländern kamen Jugendarbeiter_innen zusammen, um Erfahrungen auszutauschen und Methoden und praktische Ansätze für die eigene Arbeit mitzunehmen. Deutlich wurde: das Thema Flucht beschäftigt die Jugend in ganz Europa, ob in Irland, der Türkei, Spanien oder der Slowakei. Dort lernte Manina auch Clara Eyckerman aus Belgien kennen, die sich ehrenamtlich für Geflüchtete in einem Erstaufnahmecamp einsetzt. Was sie dabei erlebt hat, war so spannend, dass wir sie gebeten haben, ihre Erfahrungen für diesen Blog aufzuschreiben.   I am Clara, 21 years old, and I decided to set up my life a bit differently this year and began to study part-time instead of full-time. I had different reasons for this: firstly I felt that after years and years of “being lived” by school and my studies, I wasn’t quite ready …

Medienhandeln von Geflüchteten als Praxis informeller Bildung

Digitale Medien sind in der Lebenswelt unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter sowohl während der Flucht als auch im Aufnahmeland Deutschland fest verankert. Neben jugendtypischen Nutzungsweisen spielen informelle Bildungspraktiken mit digitalen Medien eine wichtige Rolle für das (Über-)Leben der jungen Menschen. Vor diesem Hintergrund zeigen sich entsprechende Anforderungen an pädagogische Angebote. Informelle Bildung stellt ein wichtiges Feld der Aneignung von Fähigkeiten und der Bewältigung von Sozialisations- und Bildungsanforderungen in der sogenannten Wissensgesellschaft dar – so thematisieren dies Diskurse um Bildung in Deutschland seit mittlerweile über 15 Jahren (vgl. Otto/Rauschenbach 2004). Gleichzeitig erweist sich der Zugang über informelle Bildungsaneignung als ambivalent, da sich ohne eine entsprechende Rahmung Ressourcenungleichheiten im informellen Kontext zunächst potenziell nur reproduzieren (vgl. Kutscher 2009). Die selbstgesteuerte Aneignung von Wissen und Fähigkeiten aus einer subjektiven Relevanzperspektive ist damit zwar ein entscheidender Ausgangspunkt, doch daran schließt die Frage an, inwiefern es dabei gelingt, an den individuellen Präferenzen anzuknüpfen, um dann einen erweiterten Zu- und Umgang mit Wissensressourcen zu ermöglichen, so dass Teilhabechancen dadurch auch faktisch erweitert werden. Vielfach wird die These vertreten, dass digitale Medien dabei eine …

Jugendarbeit in der Postmigration

Denkanstöße aus Sicht der außerschulischen (Jugend-)Bildung Menschenrechtsbasierte Jugendarbeit oder menschenrechtsorientierte Jugendbildung ist auch Thema der Jugendbildungsstätten. Hier geht es um den Gewinn von Handlungskompetenz in einer vielfältiger werdenden Gesellschaft, aber auch um Differenzierungen von Konfliktfeldern mit Jugendlichen und der Bedeutung von Selbstreflexion. Was genau darunter zu verstehen ist, und was Postmigration damit zutun hat, erklärt der Bildungsreferent Christian-Friedrich Lohe von der Europäischen Jugendbildungsstätte: Am internationalen „Tag der Menschenrechte“ am 10. Dezember 2013 verkündete der damals amtierende amerikanische Präsident Barak Obama: „Vor 65 Jahren kamen Delegierte aus der ganzen Welt zusammen, um die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zu verabschieden und damit die Vorstellung zurückzuweisen, die Sehnsüchte des Einzelnen hätten sich den Launen von Tyrannen und Kaiserreichen unterzuordnen, und das Recht jedes Einzelnen auf Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit vor dem Gesetz zu bekräftigen. Am Tag der Menschenrechte und in der Woche der Menschenrechte sind wir nicht nur entschlossen, diese Ideale zu würdigen, sondern auch, uns in unserer Zeit für sie einzusetzen.“ Drei Jahre später lässt sich mit einem Blick in die Tagespresse festhalten, dass hier noch großer …

© DGB

Bürokratische Hürden für Ausbildung

Für junge Geflüchtete ist es gar nicht so einfach, in Deutschland eine Ausbildung aufzunehmen. Wie die Gewerkschaften dabei helfen können – ein Interview mit Elke Hannack, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und im DGB-Bundesvorstand zuständig für Jugend und Jugendpolitik Welche Schwierigkeiten gibt es für junge Geflüchtete, in Deutschland eine Ausbildung zu machen? Zunächst einmal: Viele von ihnen haben traumatische Erlebnisse gemacht, da müssen erst einmal humanitäre und psychologische Hilfsmaßnahmen greifen. Die Geflüchteten müssen unsere Sprache erlernen und überhaupt unser Ausbildungssystem kennenlernen. Wie gut dann die Zugangsmöglichkeiten und -bedingungen sind, hängt leider maßgeblich vom aktuellen Aufenthaltsstatus ab. Eine Ausbildung beginnen können anerkannte Asylbewerber/-innen und solche, die einen Flüchtlingsschutz nach der Genfer Konvention oder subsidiären Schutz haben. Geflüchtete, die nur eine Aufenthaltsgestattung oder eine Duldung besitzen, brauchen eine Genehmigung der Ausländerbehörde und der örtlichen Arbeitsagentur. Dabei gibt es Vorrangprüfungen und lange Wartezeiten. Komplett ausgeschlossen werden sie, wenn sie aus einem sogenannten sicheren Herkunftsland kommen. Das ist diskriminierend. Eine echte Integration und Teilhabe kann nur stattfinden, wenn die Zugänge zu Bildung und Ausbildung barrierefrei und fair sind. …

© BJR

Bleiben können oder gehen müssen?

Was unterscheidet einen schutzsuchenden Menschen aus Syrien von einem Schutzsuchenden aus Albanien? Der Weg, den sie zurückgelegt haben, um nach Deutschland zu kommen? Jede Flucht ist so individuell wie der Mensch, der sich auf den Weg gemacht hat. Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal, das über das weitere Leben der Geflüchteten entscheidet, steckt in dem Begriff: Bleibeperspektive. Denn während der albanische Flüchtling eine schlechte Bleibeperspektive hat, hat der syrische eine gute. Eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Bleibeperspektive Der Begriff der Bleibeperspektive trifft eine Aussage darüber, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein/e Asylantragssteller/-in einen Aufenthaltstitel erhält. Ob jemand eine gute Bleibeperspektive hat, macht das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) an der Schutzquote des jeweiligen Herkunftslandes fest. Die Schutzquote besagt, wieviel Prozent der Asylanträge aus einem Herkunftsland, positiv entschieden wurden. Wurden z.B. 100 Anträge aus einem Land gestellt und davon 65 Anträge positiv entschieden, dann liegt die Schutzquote bei 65 Prozent. Liegt die Schutzquote eines Landes bei 50 Prozent oder mehr, dann spricht das BAMF von einer guten Bleibeperspektive. Liegt die Schutzquote darunter, heißt das schlechte Bleibeperspektive. …

© Foto | Photocase | Bildredaktion Mellon Design | BJR

Von der Herausforderung zur Chance

Ende November erzählte mir der Geschäftsführer des Berliner Elisabeth-Stifts von seinen aktuellen Themen. Er sollte von einem Tag auf den anderen 30 unbegleitete Flüchtlinge unterbringen und hatte nur ein leeres Haus auf dem Land. Innerhalb kürzester Zeit wurde für die Jugendlichen aus Syrien und Afghanistan ein erstes Zuhause in einem kleinen Brandenburger Ort geschaffen – dank Helmut Wegner, seinem Team und vieler ehrenamtlicher Helfer/-innen. Die jungen Menschen bekommen jetzt Deutschunterricht. Es gibt eine Fußball- und eine Laufgruppe. Die Jugendlichen tragen selbst die Verantwortung…  Die Jugendlichen tragen selbst die Verantwortung fürs Einkaufen, Essenkochen und Saubermachen. Der Leitsatz des Elisabeth-Stifts lautet: ‚Bei uns kann man sich entwickeln!‘ Das heißt für Helmut Wegner aber auch, sich selbst mit dem Team weiterzuentwickeln. Sie lernen nun arabisch, bilden sich weiter für den Umgang mit Traumatisierten und lernen, noch stärker auf kulturelle Besonderheiten zu achten. Ich war tief beeindruckt von diesem Engagement. Krieg, Vertreibung, politische und religiöse Verfolgung im Zusammenspiel mit weiteren Faktoren sorgen dafür, dass auch viele Jugendliche ihre Heimat verlassen müssen. Über die Hälfte aller Geflüchteten in Deutschland ist …

Wie ist eigentlich die Situation in den Herkunftsländern?

Hier verlinken wir einen Text vom Mediendienst Integration, der sich mit der Lebenssituation  junger Flüchtlinge in ihren Herkunftsländern beschäftigt. Zu den zehn häufigsten Herkunftsländern zählen u.a. Syrien, Kosovo, Albanien, aber auch Eritrea und Nigeria. Der Text beleuchtet die Fluchtursachen und Motivationsgründe für Flüchtlinge. So ist weitläufig bekannt, dass in Syrien seit 2011 ein Bürgerkrieg tobt, seit Präsident Baschar al-Assad die Proteste der Bevölkerung für mehr Freiheit und Demokratie gewaltsam niederschlug oder das in Nigeria tausende von Zivilisten Opfer der islamistischen Terrorgruppe „Boko Haram“ wurden. Besonders aufschlussreich sind die Darstellungen der Schutzquoten in diesem Papier. Daraus geht hervor wieviele Antragsteller/-innen auf Asyl in Deutschland anschließend einen vorübergehenden Aufenthaltsstatus gewährt bekommen haben. So haben Flüchtlinge aus Serbien im Jahr 2014 keine Chance auf einen Aufenthaltsstatus gehabt, da Serbien als „sicherer Herkunftsstaat“ gilt. Der Text zeigt jedoch auf, dass Menschen, die fliehen immer gute Gründe haben. Serbien ist zum Beispiel von einer sechs Jahre währenden Finanzkrise betroffen. So liegt das monatliche Nettoeinkommen gerade mal bei 380 Euro. Zudem wurde Serbien im Mai 2014 von einer schweren Flut heimgesucht, …

Ein Trauma darf kein Stigma sein

Aktuelle Studien gehen davon aus, dass ein Drittel der erwachsenen Flüchtlinge traumatisiert ist. Refugio, ein Münchner Beratungs- und Behandlungszentrum für Flüchtlinge und Folteropfer, schätzt, dass mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen betroffen sind. Dass man Traumatisierte aber in erster Linie normal behandeln sollte und dass es auch in einer Notsituation erst einmal hilfreich sein kann, „Normalität“ herzustellen, erklärt Jürgen Soyer, Geschäftsführer von Refugio, in diesem Interview: Beim Thema Trauma denken viele in erster Linie an Flüchtlinge, aber auch hierzulande gibt es ja Traumatisierte, was kann man sich denn ganz grob unter einem Trauma vorstellen? Ein Trauma ist im Grunde erst mal ein lebensbedrohliches Erlebnis, in dem man sich nicht schützen konnte oder mit ertragen musste, wie anderen etwas Schlimmes zustößt. Dieses Erlebnis kann später psychisch zu verschiedenen Problemen führen. Zum Beispiel dazu, dass man einen Ort meidet, also etwa einen Umweg in Kauf nimmt oder ungern dahin zurückkehrt. Eine Traumatisierung ist die Folge einer lebensbedrohlichen Situation, und das körperliche Gedächtnis speichert, dass dieses Erlebnis jeden Augenblick wiederkommen kann. Eine Traumatisierung ist die Folge …