Alle Artikel in: Hintergrund

Pancakes and Human rights

Freiwilligenarbeit im Flüchtlingscamp in Dünkirchen Im Sommer 2017 besuchte Manina Ott, Projektkoordinatorin von Flüchtlinge werden Freunde, den Kurs „Refugees +“ in Brüssel. Die europaweite Fortbildung im Rahmen von Erasmus+ richtete sich an Aktive in der Jugendarbeit, die bereits Erfahrungen in der Arbeit mit Geflüchteten hatten. Aus 14 Ländern kamen Jugendarbeiter_innen zusammen, um Erfahrungen auszutauschen und Methoden und praktische Ansätze für die eigene Arbeit mitzunehmen. Deutlich wurde: das Thema Flucht beschäftigt die Jugend in ganz Europa, ob in Irland, der Türkei, Spanien oder der Slowakei. Dort lernte Manina auch Clara Eyckerman aus Belgien kennen, die sich ehrenamtlich für Geflüchtete in einem Erstaufnahmecamp einsetzt. Was sie dabei erlebt hat, war so spannend, dass wir sie gebeten haben, ihre Erfahrungen für diesen Blog aufzuschreiben.   I am Clara, 21 years old, and I decided to set up my life a bit differently this year and began to study part-time instead of full-time. I had different reasons for this: firstly I felt that after years and years of “being lived” by school and my studies, I wasn’t quite ready …

Medienhandeln von Geflüchteten als Praxis informeller Bildung

Digitale Medien sind in der Lebenswelt unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter sowohl während der Flucht als auch im Aufnahmeland Deutschland fest verankert. Neben jugendtypischen Nutzungsweisen spielen informelle Bildungspraktiken mit digitalen Medien eine wichtige Rolle für das (Über-)Leben der jungen Menschen. Vor diesem Hintergrund zeigen sich entsprechende Anforderungen an pädagogische Angebote. Informelle Bildung stellt ein wichtiges Feld der Aneignung von Fähigkeiten und der Bewältigung von Sozialisations- und Bildungsanforderungen in der sogenannten Wissensgesellschaft dar – so thematisieren dies Diskurse um Bildung in Deutschland seit mittlerweile über 15 Jahren (vgl. Otto/Rauschenbach 2004). Gleichzeitig erweist sich der Zugang über informelle Bildungsaneignung als ambivalent, da sich ohne eine entsprechende Rahmung Ressourcenungleichheiten im informellen Kontext zunächst potenziell nur reproduzieren (vgl. Kutscher 2009). Die selbstgesteuerte Aneignung von Wissen und Fähigkeiten aus einer subjektiven Relevanzperspektive ist damit zwar ein entscheidender Ausgangspunkt, doch daran schließt die Frage an, inwiefern es dabei gelingt, an den individuellen Präferenzen anzuknüpfen, um dann einen erweiterten Zu- und Umgang mit Wissensressourcen zu ermöglichen, so dass Teilhabechancen dadurch auch faktisch erweitert werden. Vielfach wird die These vertreten, dass digitale Medien dabei eine …

Jugendarbeit in der Postmigration

Denkanstöße aus Sicht der außerschulischen (Jugend-)Bildung Menschenrechtsbasierte Jugendarbeit oder menschenrechtsorientierte Jugendbildung ist auch Thema der Jugendbildungsstätten. Hier geht es um den Gewinn von Handlungskompetenz in einer vielfältiger werdenden Gesellschaft, aber auch um Differenzierungen von Konfliktfeldern mit Jugendlichen und der Bedeutung von Selbstreflexion. Was genau darunter zu verstehen ist, und was Postmigration damit zutun hat, erklärt der Bildungsreferent Christian-Friedrich Lohe von der Europäischen Jugendbildungsstätte: Am internationalen „Tag der Menschenrechte“ am 10. Dezember 2013 verkündete der damals amtierende amerikanische Präsident Barak Obama: „Vor 65 Jahren kamen Delegierte aus der ganzen Welt zusammen, um die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zu verabschieden und damit die Vorstellung zurückzuweisen, die Sehnsüchte des Einzelnen hätten sich den Launen von Tyrannen und Kaiserreichen unterzuordnen, und das Recht jedes Einzelnen auf Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit vor dem Gesetz zu bekräftigen. Am Tag der Menschenrechte und in der Woche der Menschenrechte sind wir nicht nur entschlossen, diese Ideale zu würdigen, sondern auch, uns in unserer Zeit für sie einzusetzen.“ Drei Jahre später lässt sich mit einem Blick in die Tagespresse festhalten, dass hier noch großer …

Unklare Lebensperspektiven, beschwerliche Flucht

Für Mädchen und Frauen ist eine Flucht nicht nur beschwerlicher, sie ist vor allem gefährlicher. Dennoch gehen viele diese Strapazen ein und fliehen mit Angehörigen und Freund/-innen. Sie sind einem Risiko von sexualisierter Gewalt ausgesetzt, oft bedeutet es den Verlust ihres Familiengefüges. Der Bayerische Landfrauenrat, ein Zusammenschluss von derzeit 49 Landes-Frauenverbänden und Frauengruppen gemischter Landesverbände hat eine Pressemitteilung und eine Stellungnahme zu diesem Themenkomplex veröffentlicht, darin fordern sie u.a.: die Anerkennung frauenspezifischer Fluchtgründe, etwa im Asylverfahren, also bei der Erstanhörung und der Beurteilung der Asylanträge die Entwicklung und konsequente Umsetzung von Schutzkonzepten, um  Frauen vor Gewalt in Flüchtlingsunterkünften bestmöglich zu schützen die separate Unterbringung allein erziehender und traumatisierter Flüchtlingsfrauen (abschließbare Räume, ausreichende Schutz- und Rückzugsräume und ausreichend Sanitäreinrichtungen); die Sicherstellung eines (klein-)kindgerechten Umfeldes in den Sammelunterkünften, in denen Familien oder Alleinerziehende untergebracht sind Zur vollständigen Pressemitteilung. Die Pressemitteilung basiert auf einer aktuellen Stellungnahme des Bayerischen Landfrauenrats. Die Stellungnahme thematisiert die aktuelle Situation von Frauen und Mädchen auf der Flucht, geschlechtspezifische Fluchtgründe und Vorausetzungen für ihre Integration und Partizipation. Der Bayerische Landfrauenrat vertritt insgesamt knapp vier …

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Die Lebenswelt junger Muslime und die Faszination des Islam

Von der Fremdenfeindlichkeit zur Islamophobie – Der „religious turn“ im Fremdheitsdiskurs   Seit dem 11. September 2001 beobachten Sozialwissenschaftler weltweit einen einschneidenden Paradigmenwechsel im Fremdheitsdiskurs. War vorher ein ganzes Bündel rassistischer,  diskriminierender und ausgrenzender Aspekte konstitutiv für die Wahrnehmung und Definition  von „Fremdheit“, reduziert sich seitdem die Begründung für Differenz und Fremdheit vorwiegend auf den Aspekt der Religion und dabei fast ausschließlich entlang der Trennungslinie muslimisch – nichtmuslimisch. Die Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von einem „religious turn“ und weisen darauf hin, dass die Wahrnehmung und Einschätzung eines Menschen mit Migrationshintergrund fortan zunächst auf dessen Religion fokussiert und damit einschneidend reduziert wird, und zwar unabhängig davon, ob der Betreffende seine religiöse Zugehörigkeit aktiv lebt und als wesentliche Orientierung in einem Alltag ansieht oder nicht (vgl. Prasad 2012). Diese Zuschreibung führt sogar so weit, dass Kinder und Jugendliche automatisch mit der Religionszugehörigkeit ihrer Eltern identifiziert werden oder die Herkunft aus einem Land mit vorwiegend islamischer Kultur ebenfalls automatisch zur unterschiedslosen Zuschreibung einer islamischen Identität führt, ohne dass berücksichtigt wird, dass es dort andersgläubige religiöse Minderheiten gibt …

© DGB

Bürokratische Hürden für Ausbildung

Für junge Geflüchtete ist es gar nicht so einfach, in Deutschland eine Ausbildung aufzunehmen. Wie die Gewerkschaften dabei helfen können – ein Interview mit Elke Hannack, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und im DGB-Bundesvorstand zuständig für Jugend und Jugendpolitik Welche Schwierigkeiten gibt es für junge Geflüchtete, in Deutschland eine Ausbildung zu machen? Zunächst einmal: Viele von ihnen haben traumatische Erlebnisse gemacht, da müssen erst einmal humanitäre und psychologische Hilfsmaßnahmen greifen. Die Geflüchteten müssen unsere Sprache erlernen und überhaupt unser Ausbildungssystem kennenlernen. Wie gut dann die Zugangsmöglichkeiten und -bedingungen sind, hängt leider maßgeblich vom aktuellen Aufenthaltsstatus ab. Eine Ausbildung beginnen können anerkannte Asylbewerber/-innen und solche, die einen Flüchtlingsschutz nach der Genfer Konvention oder subsidiären Schutz haben. Geflüchtete, die nur eine Aufenthaltsgestattung oder eine Duldung besitzen, brauchen eine Genehmigung der Ausländerbehörde und der örtlichen Arbeitsagentur. Dabei gibt es Vorrangprüfungen und lange Wartezeiten. Komplett ausgeschlossen werden sie, wenn sie aus einem sogenannten sicheren Herkunftsland kommen. Das ist diskriminierend. Eine echte Integration und Teilhabe kann nur stattfinden, wenn die Zugänge zu Bildung und Ausbildung barrierefrei und fair sind. …

Bleiben können oder gehen müssen?

Was unterscheidet einen schutzsuchenden Menschen aus Syrien von einem Schutzsuchenden aus Albanien? Der Weg, den sie zurückgelegt haben, um nach Deutschland zu kommen? Jede Flucht ist so individuell wie der Mensch, der sich auf den Weg gemacht hat. Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal, das über das weitere Leben der Geflüchteten entscheidet, steckt in dem Begriff: Bleibeperspektive. Denn während der albanische Flüchtling eine schlechte Bleibeperspektive hat, hat der syrische eine gute. Eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Bleibeperspektive Der Begriff der Bleibeperspektive trifft eine Aussage darüber, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein/e Asylantragssteller/-in einen Aufenthaltstitel erhält. Ob jemand eine gute Bleibeperspektive hat, macht das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) an der Schutzquote des jeweiligen Herkunftslandes fest. Die Schutzquote besagt, wieviel Prozent der Asylanträge aus einem Herkunftsland, positiv entschieden wurden. Wurden z.B. 100 Anträge aus einem Land gestellt und davon 65 Anträge positiv entschieden, dann liegt die Schutzquote bei 65 Prozent. Liegt die Schutzquote eines Landes bei 50 Prozent oder mehr, dann spricht das BAMF von einer guten Bleibeperspektive. Liegt die Schutzquote darunter, heißt das schlechte Bleibeperspektive. …

© Wolfgang Noack

Deutschland neu denken

Was ist eigentlich Integration? Deutschland verändert sich. Aber wie und in welcher Richtung? Wie soll unser Land künftig aussehen? Wie wollen wir zusammen leben? Und: Wie können wir diesen Prozess aktiv gestalten? Das sind Fragen, die seit einiger Zeit den gesellschaftlichen Diskurs neu bestimmen. Dazu im Folgenden einige Überlegungen und erste Anregungen. Befriedigende Antworten jetzt schon geben zu wollen, erscheint vermessen. Großes Willkommen – reicht das? Wir alle haben die Bilder vor Augen, die das Willkommen der Flüchtlinge in den ersten Wochen bestimmt haben. Eine herzliche Begrüßung, die Unterbringung, Versorgung, Einkleidung und Betreuung haben nach innen und außen einen freundlichen Eindruck hinterlassen. In beispiellosem Engagement hat sich die Zivilgesellschaft vielfach eigenständig organisiert, hat staatliche und kommunale Engpässe kompensiert. In geradezu euphorischem Enthusiasmus waren die Beteiligten von sich selbst und ihren Erfolgen berauscht. Es herrschte eine phantastische Willkommensstimmung. Aber eben  nur eine Stimmung. Das, was viele für die schon länger beschworene Willkommens- oder gar Anerkennungskultur gehalten haben, ist noch keine gesellschaftliche Haltung geworden. Die Stimmung kippt, die politischen Kontroversen werden härter, populistische Parteien und rassistische Bewegungen …

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Von der Herausforderung zur Chance

Ende November erzählte mir der Geschäftsführer des Berliner Elisabeth-Stifts von seinen aktuellen Themen. Er sollte von einem Tag auf den anderen 30 unbegleitete Flüchtlinge unterbringen und hatte nur ein leeres Haus auf dem Land. Innerhalb kürzester Zeit wurde für die Jugendlichen aus Syrien und Afghanistan ein erstes Zuhause in einem kleinen Brandenburger Ort geschaffen – dank Helmut Wegner, seinem Team und vieler ehrenamtlicher Helfer/-innen. Die jungen Menschen bekommen jetzt Deutschunterricht. Es gibt eine Fußball- und eine Laufgruppe. Die Jugendlichen tragen selbst die Verantwortung…  Die Jugendlichen tragen selbst die Verantwortung fürs Einkaufen, Essenkochen und Saubermachen. Der Leitsatz des Elisabeth-Stifts lautet: ‚Bei uns kann man sich entwickeln!‘ Das heißt für Helmut Wegner aber auch, sich selbst mit dem Team weiterzuentwickeln. Sie lernen nun arabisch, bilden sich weiter für den Umgang mit Traumatisierten und lernen, noch stärker auf kulturelle Besonderheiten zu achten. Ich war tief beeindruckt von diesem Engagement. Krieg, Vertreibung, politische und religiöse Verfolgung im Zusammenspiel mit weiteren Faktoren sorgen dafür, dass auch viele Jugendliche ihre Heimat verlassen müssen. Über die Hälfte aller Geflüchteten in Deutschland ist …

#mundaufmachen gegen Hate Speech

Warum wir uns mit Hassreden auseinandersetzen müssen Hass-Kommentare und rassistische Hetze von Rechten existieren seit jeher im Netz. Seit der Aufnahme von Tausenden Flüchtlingen in Deutschland scheinen diese Stimmen lauter geworden und – was neu ist – immer enthemmter aufzutreten. Flüchtlingsbefürworter/-innen müssen mit einer Flut an Hassreden rechnen. Notleidende, asylsuchende Menschen werden diffamiert – sogar unter Klarnamen. Um Konsequenzen muss man sich im Netz kaum Gedanken machen. Gibt es immer mehr Fremdenhass in Deutschland oder liegt nur ein neuer Medienhype vor? Der Europaratausschuss gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) stellt eine starke Zunahme von fremdenfeindlichen politischen Äußerungen im Netz fest. Fachstellen wie die Amadeu Antonio Stiftung, die seit Jahren anti-demokratische Bewegungen im Netz beobachten, sagen, das Problem sei lange Zeit unterschätzt worden. Durch die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation wird nun offenkundig, dass rechtes Gedankengut und „Alltagsrassismus“ kontinuierlich vorhanden gewesen zu sein scheinen. Dass Hassreden hochgefährlich sind, weil sie auch Taten nach sich ziehen und sogar als Katalysator dienen, zeigt die zunehmende Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte (bisher 437 in 2015 laut Wikipedia, abgerufen am 02.11.15). Unter …