Bürokratische Hürden für Ausbildung

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Für junge Geflüchtete ist es gar nicht so einfach, in Deutschland eine Ausbildung aufzunehmen. Wie die Gewerkschaften dabei helfen können – ein Interview mit Elke Hannack, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und im DGB-Bundesvorstand zuständig für Jugend und Jugendpolitik

Welche Schwierigkeiten gibt es für junge Geflüchtete, in Deutschland eine Ausbildung zu machen?
Zunächst einmal: Viele von ihnen haben traumatische Erlebnisse gemacht, da müssen erst einmal humanitäre und psychologische Hilfsmaßnahmen greifen. Die Geflüchteten müssen unsere Sprache erlernen und überhaupt unser Ausbildungssystem kennenlernen. Wie gut dann die Zugangsmöglichkeiten und -bedingungen sind, hängt leider maßgeblich vom aktuellen Aufenthaltsstatus ab. Eine Ausbildung beginnen können anerkannte Asylbewerber/-innen und solche, die einen Flüchtlingsschutz nach der Genfer Konvention oder subsidiären Schutz haben. Geflüchtete, die nur eine Aufenthaltsgestattung oder eine Duldung besitzen, brauchen eine Genehmigung der Ausländerbehörde und der örtlichen Arbeitsagentur. Dabei gibt es Vorrangprüfungen und lange Wartezeiten. Komplett ausgeschlossen werden sie, wenn sie aus einem sogenannten sicheren Herkunftsland kommen. Das ist diskriminierend. Eine echte Integration und Teilhabe kann nur stattfinden, wenn die Zugänge zu Bildung und Ausbildung barrierefrei und fair sind.

Wie stehen die Chancen auf einen Ausbildungsplatz oder einen direkten Jobeinstieg?
Auch wenn die Lage auf dem Arbeitsmarkt insgesamt stabil ist, genügend Ausbildungsplätze im dualen System gibt es leider nicht. Wir haben schon jetzt 260.000 junge Menschen im Übergangssystem. In der Allianz für Aus- und Weiterbildung haben wir uns deshalb darauf verständigt, die duale Ausbildung

Das Thema Rassismus müssen Jugend- und Auszubildendenvertretungen auf ihren Versammlungen zur Sprache bringen

weiter zu stärken und ausbildungsbegleitende Hilfen für alle – für Einheimische und für junge Geflüchtete – gleichermaßen auszubauen. Und natürlich haben die Geflüchteten mit zusätzlichen Hürden zu kämpfen: Oft fehlen Deutschkenntnisse oder die Abschlüsse werden nicht anerkannt. Hier müssen die Instrumente zur frühzeitigen Kompetenzerfassung weiterentwickelt werden, um schulische, universitäre und berufliche Qualifikationen, die im Herkunftsland erworben wurden, einordnen zu können. Wenn dabei Kosten anfallen, müssen die Sozialbehörden oder Jobcenter sie übernehmen.

Können die Gewerkschaften hier helfen?
Viele Geschäftsstellen unterstützen Sprachkurse mit Lehrmitteln, aber auch mit Büchern über das Rechtssystem, damit sich die zu uns geflüchteten Menschen hier zurechtfinden. Bildungsstätten veranstalten Seminare, um aktive Kolleg/-innen mit Rüstzeug zu versehen, Geflüchteten im Betrieb bei der Anerkennung von Qualifikationen zu helfen. Hier ist das DGB-Bildungswerk mit dem Projekt „anerkannt“ unterwegs.

Manche Arbeitgeber wie das Handwerk, die Nahrungsmittelindustrie oder das Gastgewerbe scheinen ganz bereitwillig Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen…
Es ist interessant – und bedenklich -, dass ausgerechnet Arbeitgeber- und Unternehmensverbände, die für schlechte Ausbildungsbedingungen bekannt sind, jetzt am lautesten nach der Arbeitskraft von Geflüchteten rufen. Hier muss klar sein, dass, wer hier eine Ausbildung beginnt, auch Schutz vor Ausbeutung und Lohndumping erfährt. Und es muss möglich sein, eine Ausbildung auch abzubrechen oder zu wechseln, ohne dass gleich Abschiebung droht.

Was können die Gewerkschaften hier außer politischer Lobbyarbeit leisten?
Geflüchtete müssen auch in die gewerkschaftliche und betriebliche Interessenvertretung integriert werden können. Einige Mitgliedsgewerkschaften bieten bereits Teilhabemitgliedschaften für sie an.

Und wenn es in den Betrieben knirscht? Rassismus ist in Deutschland durchaus verbreitet.
Auch da gibt es Handlungsmöglichkeiten, die Betriebsräte und Jugend- und Auszubildendenvertretungen ausschöpfen können – und müssen: Denn die Integration gehört zu ihren allgemeinen Aufgaben. Jugend- und Auszubildendenvertretungen können das Thema auf den Jugend- und Auszubildendenversammlungen zur Sprache bringen, Expert/-innen etwa vom Verein „Gelbe Hand“ einladen. Und sie können den Betriebsrat auffordern, Betriebsvereinbarungen abzuschließen, die den Umgang mit Rassismus im Betrieb oder auch die Förderung von Integration beinhalten. Hier kann beispielsweise festgelegt werden, dass eine Arbeitsgruppe gegründet wird, die Ressourcen wie Sprachkenntnisse in der Belegschaft abfragt. Oder dass im Betrieb ermittelt wird, welche Tätigkeiten an Flüchtlinge vermittelt werden können.

Dieser Text ist ein redaktionell bearbeiteter Beitrag aus Soli extra JAV 2016, einer Sonderausgabe des Magazins Soli aktuell der DGB-Jugend. Soli extra erscheint unregelmäßig und befasst sich jeweils mit einem Schwerpunktthema.