Von einer, die auszog, Fragen zu stellen

Lea ist Referentin für Europäische Jugendpolitik im Bayerischen Jugendring und pendelt zwischen München und Brüssel. Sie hat in Brüssel das Europabüro des BJR aufgebaut, das u.a. jugendpolitische Interessenvertretung zum Ziel hat,  europäische Politik beobachtet und darüber berichtet. Klar ist, wer auf europäischer Ebene aktiv ist, kommt um die Themen Flucht und Asly nicht umhin oder besser geschrieben, hat schnell eine dezidierte Meinung dazu. Leas Meinung und Einschätzung gibt es hier im Interview:

Wo begegnen Dir die Themen Flucht und Asyl?

2015 habe ich in Brüssel für den BJR angefangen  und unser Europabüro aufgebaut. Seitdem begegnet mir das Thema unablässig. Da ich selbst Projekte mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten gemacht habe, war und ist mir das Thema sehr bewusst. Ich fragte die Brüssler_innen in Parlament und Kommission direkt:“Wie wollt ihr junge Geflüchtete schützen und was können wir auf Europaebene für Sie tun?“

„Oh Lea, that´s a good question“

„Oh Lea, that´s a good question – but it´s not on the radar right now.”
Erst wurden Lösungen im Bereich der Migrationspolitik verhandelt, dann festgestellt, dass die Umverteilung in Europa nicht funktioniert und all das wird in Brüssel seit Jahren diskutiert. Es ist auch viel passiert, aber eine befriedigende Antwort liegt noch in weiter Ferne.

Hat sich seit 2015 hier etwas für Dich geändert?

Es gibt für uns mehr Förderung, mehr Vernetzung und mehr Expertise, das merkt man deutlich. Einer europapolitischen Lösung sind wir leider nicht viel näher gekommen, das ist sehr schade. Junge Geflüchtete brauchen Schutz, das ist mir ein großes Anliegen und dafür setze ich mich in Brüssel ein.

Und wenn ihr jetzt glaubt, das bringt doch nichts,

Und wenn ihr jetzt glaubt, das bringt doch nichts, dann habe ich da eine andere Meinung. Jede/r der oder die in München, Berlin oder Brüssel seine/ihre Praxiserfahrung und konstruktive Meinung zu Gehör bringt, ist ein/e wertvoller Lobbyist_in für die Rechte junger Geflüchteter. Nur wenn sich viele zu Wort melden können wir uns hier positionieren, in Europa sowie in Bayern. Auch deshalb machen wir nach NEU:DENK2017 auch dieses Jahr wieder eine Konferenz mit jungen Geflüchteten in Bayern. Ziel der Konferenz ist es, dass junge Geflüchtete und Menschen aus der Jugendarbeit, die in diesem Feld aktiv sind, ihre Anliegen und Bedarfe formulieren, um damit politischen Entscheidungsträger_innen Entscheidungshilfen zu geben.

Die Euroskepsis wächst auch in Brüssel

Was sich noch geändert hat, ist, dass die Stimmen der Nationalist_innen und Euroskeptiker_innnen lauter werden. Damit hat sich auch die politische Diskussion über Geflüchtete verändert. Das merke ich an Formulierungen, politischen Haltungen und Ängsten, die in Europa präsent und auch ausgesprochen werden. Und Diskussionen über Kinderrechte für junge Geflüchtete und über die „missing children“ [laut einer Statistik von Europol sind etwa 10.000 Kinder verschwunden, nachdem sie in Europa angekommen sind. Die Kinder zählen zu unbegleiteteten minderjähigen Geflüchteten, Anmerkung der Redaktion.] sind mir ein wichtiges Anliegen. Das muss genauso wichtig sein wie die Diskussionen um Europas Außengrenzen. Im Mai werden die Vorschläge der Europäische Kommission für eine neue Dublin-Verordnung (zur Regelung von Asylverfahren) erwartet, hier wird sich dann zeigen, ob und wie sich die europäischen Mitgliedsstaaten zu einer gemeinsamen europäischen Migrationspolitik aufraffen können.

Was kann oder hat Jugendarbeit hier getan, was andere nicht tun?

 Die Aufgabe der Jugendarbeit ist hier aus der Praxis und aus der Sicht junger Menschen konkrete Rückmeldungen an politische Entscheidungsträger_innen zu geben. In der praktischen Arbeit vor Ort kennen wir uns aus,

Junge Geflüchtete sind keine „Wellen“

in der Jugendarbeit sind junge Geflüchtete keine „Wellen“ oder „Probleme“ sondern echte Menschen. Diese Erfahrung müssen wir teilen. Die Jugendarbeit in Bayern ist im europäischen Vergleich strukturell sehr gut aufgestellt. Wir müssen dieses Potenzial nutzen, um eine Verbindung zwischen „uns vor Ort“ und „denen da oben“ herzustellen. Glasklar erzählen, was  Sache ist.

Was wünschst Du dir?

Mein großer Wunsch ist, dass bei den Europawahlen im Mai 2019 möglichst viele Menschen zur Wahl gehen und demokratische Parteien wählen. Europa steht am Scheideweg – ich weiß das klingt nach Plattitüde, aber es stimmt – und ich wünsche mir, das die EU den Schritt in Richtung internationale Solidarität geht und nicht in Richtung Nationalismus. Solidarität bedeutet dann auch Solidarität mit den Eingereisten und vor allem den eingereisten Minderjährigen aus Drittländern. Mit aller Kraft müssen wir an einer Politik arbeiten, die die Schwachen schützt, Kinderrechte implementiert und allen jungen Menschen Perspektiven gibt.