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© SJR Coburg

Dann spielen die plötzlich Schach miteinander

Flüchtlinge werden Freunde gibt es seit 2015. Seitdem ist viel passiert, in der Jugendarbeit und in der Gesellschaft. Hier auf dem Blog sammeln wir die positiven Geschichten aus der Jugendarbeit mit Geflüchteten und machen weiter Mut, Freundschaften mit Menschen zu schließen, die es im Kaltland gerade besonders schwer haben. Wir beschreiben Beispiele aus der Jugendarbeit oder unterhalten uns mit Menschen, die hier gute Erfahrungen des Miteinanders gemacht haben. Etwa mit den Geschäftsführer_innen Oliver und Christine Völker des Stadtjugendrings Coburgs:

Warum braucht es Jugendarbeit mit Geflüchteten?

Oliver Völker: Ich finde die Frage müsste heißen, braucht es Jugendarbeit?

Dieses Gesonderte gibt es bei uns nicht mehr, aber die Jugendarbeit ist so wichtig wie schon lange nicht mehr.

Dieses Gesonderte gibt es bei uns nicht mehr, aber die Jugendarbeit ist so wichtig wie schon lange nicht mehr. Jugendliche stehen heute ganz anderen Herausforderungen gegenüber, gerade in der Schule und dem damit verbundenen Leistungsdruck. Die Jugendarbeit kann hier eine echte Alternative sein, die wieder Raum für das Eigene schafft und die Jugendlichen auch einfach mal machen lässt.

Christine Völker: Ich finde Jugendarbeit muss für alle da sein, ob das jetzt junge Menschen mit Fluchterfahrung, Migrationshintergrund oder einer Behinderung sind. Die Gesellschaft wird vielfältiger und Jugendarbeit muss hier offen sein.

Vernetzen, vernetzen, vernetzen

 Der Markt der Möglichkeiten ist eines eurer Vorzeigeprojekte: wie habt ihr ihn vorbereitet?

Christine: Wer macht eigentlich was für Geflüchtete? Wo gibt es schon Angebote? Wer ist dafür ansprechbar etc. Das waren so die Fragen im Vorfeld, deswegen ging es erstmal um regionale und örtliche Vernetzungsarbeit. Wir haben mit der Stadt Coburg kooperiert, die Gemeinden im Landkreis angeschrieben und sie eingeladen mit ihren Neu-Bürger_innen teilzunehmen. Besonders wichtig war, dass wir Demokratie Leben und den Vorsitzenden des Sportverband Coburg mit im Planungsteam hatten. Der Austausch mit dem Bezirksjugendring Oberfranken, mit verschiedenen Gemeinden und Jugendringen, etwa Bamberg und Forchheim war für uns ebenfalls wichtig, um das Thema in den oberfränkischen Bereich zu streuen.

Oliver: Die Kontaktaufnahme mit den Unterkünften und den Geflüchteten in Coburg und Umgebung waren maßgeblich, um den Markt überhaupt bekannt zu machen. Da ging es darum zu informieren, dass die Geflüchteten eine Stunde vor Beginn des Marktes von Ehrenamtliche mit Bussen an ihren Unterkünften abgeholt wurden und darüber im Vorfeld auch informiert wurden. Wir waren also Wochen vorher in den Unterkünften aktiv, sind mit Ehrenamtlichen vor Ort, haben Flyer verteilt, um die Teilnahme für die Geflüchteten möglichst problemlos zu gestalten und Lust auf den Markt zu machen.

Christine: Beim Markt der Möglichkeiten sitzen plötzlich Leute zusammen, die haben sich nie vorher gesehen und spielen zusammen Schach. Das war besonders schön zu sehen, dass es sich so durchmischt hat und eben kein exklusiver Tag nur für Geflüchtete war, sondern ein Tag des Miteinanders.

Das Interview ist eine gekürzte Fassung eines Beitrages für die Dokumentation: Flüchtlinge werden Freunde, die vor. im November erscheinen wird.

 

 

Ich weiß wie schnell sich alles ändern kann

Zahra schreibt gerade ihre Seminararbeit über die Frauenquote für ihr  Abitur.  Sie will später Jura studieren und einen Schwerpunkt auf Menschenrechte und Völkerrecht legen. Sie ist seit zwei Jahren bei der heimaten-Jugend aktiv, seit einem Jahr im Vorstand, hat lange Theater gespielt, engagiert sich für Frauenthemen und war auch beim Bayerischen Tag der Jugend des Bayerischen Jugendrings (BJR) dabei, an dem junge Menschen aus Bayern mit Expert_innen und Entscheidungsträger_innen diskutieren konnten.

Du bist mit der heimaten-Jugend nach Brüssel gefahren, warum?

Erstens habe ich mit Politiker_innen direkt nie zu tun gehabt, es klang für mich total spannend mit den Leuten zu reden, die wirklich bei den Regeln mitwirken und zu schauen, wie sehen die eigentlich die Sache?

Außerdem hatte ich im Kopf, dass die Leute, die das machen keine Gesichter vor sich haben.

Ich dachte einfach, die sehen das wahrscheinlich anderes, wenn plötzlich eine Person da steht

Ich dachte einfach, die sehen das wahrscheinlich anderes, wenn plötzlich eine Person da steht und eine Geschichte erzählt. Das fand ich spannend, deswegen bin ich auch mitgefahren.

Und hat das geklappt, bist Du ins Gespräch gekommen?

Ja, also vor allem am Schluss. Also nach der offiziellen Podiumsdiskussion haben wir noch lange mit Beteiligten diskutiert und die wollten nochmal unseren Forderungen hören, etwa unser Wunsch, dass Neubürger_innen [Geflüchtete] und Bürger_innen sich einmal im Jahr in Brüssel treffen können, um sich zu vernetzen.

Ihr macht auch Mädchenausflüge, was macht ihr da so?

Eine von uns hat eine Schulung im Thema Gewaltprävention gemacht und das auf einem Ausflug den anderen nahe gebracht oder im Herbst wollen wir zum Beispiel beim Womans Run mitlaufen, wir wollen uns bei Ausflügen austauschen, das steht schon im Vordergrund.

Was für Themen beschäftigen, dich?

Frauen in Heimen, in Unterkünften. Das ist schrecklich. Das würde ich auf jeden Fall ändern. Ich lese immer wieder in der Zeitung von Gewalt oder sexuellen Übergriffen. Das finde ich so schrecklich, das konnte ich mir erst gar nicht vorstellen, dass sowas in Deutschland passiert. Dann finde ich auch, dass man im Namen des Islams, Frauen benutzt, finde ich genauso wenig ok. Dafür würde ich mich auch gerne einsetzen. Denn es stimmt schon, viele muslimische Frauen werden unterdrückt, das ist ein Fakt. Aber ich glaube nicht, dass der Grund im Islam liegt, sondern vielmehr an der Interpretation des Islams.

Es geht nicht darum den Islam wegzumachen sondern ihn feministisch zu interpretieren.

Es geht nicht darum den Islam wegzumachen sondern ihn feministisch zu interpretieren. Seyran Ateş (Imamin, Rechtsanwältin Frauenrechtlerin türkischer Abstammung) ist da ein großes Vorbild für mich. Die Frauen sollen Freiheit haben und selber entscheiden was sie glauben wollen und das auch ausleben können

Was wünschst Du Dir?
Bald werde ich mit dem Jura-Studium anfangen und ich hoffe, dass ich trotzdem mein Engagement für Frauenrechte und die Gleichstellung von Frauen und Männern vorantreiben kann.

Weiterlesen:

Wie lebt es sich hier?

Die Sicht junger Geflüchteter steht im Mittelpunkt der explorative Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI). Titel „Ankommen nach der Flucht. Die Sicht begleiteter und unbegleiteter junger Geflüchtete auf ihre Lebenslagen in Deutschland.“

100 unbegleitete (53) und begleitete (51) Geflüchtete,  zwischen 14 und 18 Jahren, wurden über einen Zeitraum von zwei Jahren wiederholt befragt.  Fühlst Du Dich in Sicherheit und beschützt? Mit wem kannst Du reden, wenn es Dir nicht gut geht? Was für Freizeitmöglichkeiten gibt es für Dich?

Wie lebt es sich in Deutschland für junge Geflüchtete

Zentral ging  es darum, die  Erfahrungen junger Geflüchteter, ihre Problemlagen und Herausforderungen in den ersten Monaten nach ihrer Ankunft in Deutschland zu skizzieren. Es zeigte sich, dass die Jugendlichen ganz unterschiedliche Ausgangsbedingungen hatten (etwa nach familiären oder herkunftsbedingtem Kontext), aber durchaus ähnliche Wünsche und Zukunftsvorstellungen teilten. Traurige Gemeinsamkeiten waren auch die Unsicherheit darüber, ob sie in Deutschland bleiben können und die Angst vor der Abschiebung. Für die Jugendarbeit besonder interessant die Erkenntnis, dass die Jugendlichen Freizeitangebote nutzen, um sich abzulenken  und Freundschaften zu knüpfen.

Fazit: Pflichtlektüre für alle, die mit jungen Geflüchteten arbeiten.
Feature: Mit einem ausführlichen Überblick über den Forschungsstand.

Hier gehts zum Lesen.

 

 

 

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Jugendarbeit ist eine Investition in die Zukunft

Jugendarbeit kann einen alternativen Raum anbieten. Auch und ganz besonders für Geflüchtete, die oft einem ganz anderen Stress-Level ausgesetzt sind als junge Menschen, die hier geboren sind. So ein Stress-Level kann auch dann entstehen, wenn man vielleicht gar nicht soviel tun kann, außer hoffen und warten. Dann dreht sich der Stress eben um die Zukunft: Kann ich hierbleiben? Bekomme ich Asyl? Was, wenn nicht? Was passiert, wenn ich 18 Jahre alt werde?

Das sind Fragen, die die Jugendarbeit nicht unbedingt beantworten kann. Aber sie kann zuhören, zerstreuen und junge Menschen mit anderen jungen Menschen zusammenbringen. Was Jugendarbeit mit Geflüchteten noch alles leistet, darüber haben sich Bruni Schmidt, Geschäftsführerin KJR Nürnberger Land und Sandra Härtl, Projektmitarbeiterin Flüchtlinge werden Freunde unterhalten.

Übrigens: Der KJR Nürnberger Land ist zusammen mit dem KJR Nürnberg Stadt unsere Projektregion Mittelfranken.

Bruni Schmidt: Warum braucht es Jugendarbeit mit Geflüchteten?

Sandra Härtl: Kinder und Jugendliche haben große Ressourcen, wenn es um Kontakt- und Beziehungsaufbau sowie Anpassung geht. Jugendarbeit bietet die Chance, diese Ressourcen zu nutzen und ein vorurteilsfreies Miteinander zu unterstützen, das zur Normalität wird. Zudem hat Jugendarbeit einen Bildungsauftrag. Sie schafft Räume für Jugendliche, in denen sie sich entwickeln und entfalten können und ihre eigenen Werte und Haltungen bilden.

Geflüchtete Jugendliche sind ein Teil unserer Gesellschaft und brauchen diese Entfaltungsräume genauso wie alle anderen.

Sie bereichern die Jugendarbeit durch ihre Persönlichkeiten. Jugendarbeit wiederum kann durch ihre Leichtigkeit, ihre Ressourcen- und Lösungsorientierung als Gegenpol zu alltäglichen Herausforderungen für Jugendliche dienen. Gerade Geflüchtete haben häufig durch traumatisierende Erlebnisse oder auch durch das mühsame Ankommen in einer „neuen Welt“ mit verschiedenen Belastungen zu kämpfen und benötigen diese ausgleichenden Momente. Jugendarbeit ist eine Investition in die Zukunft unserer Gesellschaft. Geflüchtete sind Teil unserer Gesellschaft und müssen damit selbstverständlich einbezogen werden.

Bruni Schmidt: Was nimmst Du persönlich mit?

Sandra Härtl: Dass die Jugendarbeit mit Geflüchteten eine ebenso große Herausforderung darstellt, wie die Integrationsarbeit im Allgemeinen. Sie braucht Zeit, Geduld, viel Verständnis und nochmal Zeit. Aber sie lohnt sich, bzw. es ist unabdingbar, wenn wir als Pädagog_innen unseren Anteil an einer toleranten Gesellschaft in einem gelingenden Miteinander leisten wollen.

Jugendarbeit bietet unglaubliche Chancen, um Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit zusammenzubringen,

Sie bietet unglaubliche Chancen, um Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit zusammenzubringen,Vorurteile abzubauen und voneinander zu lernen. Dabei ist es wichtig, alle mit ins Boot zu nehmen, Einheimische wie auch Geflüchtete, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, ihnen Herausforderungen schmackhaft zu machen und ihr Tun wertzuschätzen. Kreativität, Offenheit und Flexibilität sind Tugenden der Jugendarbeit und unsere stärksten Ressourcen, die es auch in der Arbeit mit Jugendlichen jeglicher Herkunft zu nutzen gilt. Ich habe es erlebt, dass Jugendarbeit mit Geflüchteten eingefahrene Systeme wiederbelebt und bereichert. Neue Gruppen werden gegründet, neue Aktionen gestartet, wertvolles Miteinander geschaffen. Die anfänglichen Herausforderungen werden so zu Bereicherungen für Teilnehmer_innen und Mitarbeiter_innen.

Bruni Schmidt: Was war Dein persönliches Lieblingsprojekt?

Sandra Härtl: Girls Only – Von mutigen Mädchen und Vielfalt, die gefeiert werden darf . Unter diesem spannenden Motto trafen sich 20 Mädchen aus dem Nürnberger Land auf der Edelweißhütte. Der Kreisjugendring, unterstützt vom Ökumenischen Verein für Flüchtlinge, Asylsuchende und Migration, hatte zu einem Wochenende für Mädchen mit und ohne Fluchthintergrund eingeladen. In ihren sieben Muttersprachen – türkisch, deutsch, arabisch, kurdisch, persisch, spanisch und rumänisch – formulierten die Mädchen ihre Wünsche. „Ich wünsche mir Freiheit! “ oder „Ich wünsche mir, dass wir alle gut zueinander sind, auch wenn wir verschieden sind und uns noch nicht kennen!“ oder „Ich wünsche mir einfach Spaß zu haben und nicht an Schweres zu denken“.

 

© BJR

Von Europa für Bayern lernen

Zur Entstehungsgeschichte der Jugendintegrationsbegleiter_innen

Herbst 2017, in einer bayerischen Jugendbegegnungsstätte. Elf junge Menschen, die ursprünglich aus Syrien, Afghanistan, Kamerun, Tunesien und Äthiopien stammen, halten strahlend ein buntes BJR-Zertifikat in den Händen. Sie haben erfolgreich die Fortbildung zum_r Jugendintegrationsbegleiter_in (Jib) absolviert. Ganz verschiedene Persönlichkeiten sind da versammelt. Sie alle eint der Wille, in ihrer neuen Heimat Bayern ihr Wissen im Integrationsprozess
einzubringen.

Doch was ist ein Jib?

Doch was ist ein Jib? Und woher stammt die Idee dazu?

→ VORBILD ITALIEN

Im April 2016 nahm eine Gruppe bayerischer Fachkräfte an der Studienreise des BJR „Young Migrants on the Move“ nach Neapel teil. Dort lernten sie das ihnen unbekannte Berufsbild der Kulturmediator_innen kennen. Kulturmediator_innen sind Vermittler_innen, etwa zwischen jungen Geflüchteten und Einheimischen.

Ob beim Gang zum Arzt, beim Sprachenlernen

Ob beim Gang zum Arzt, beim Sprachenlernen oder am Tag der Ankunft in Italien, sie sind mehr als nur Dolmetscher_innen. Sie helfen Neuankömmlingen im unbekannten Land weiter. Und: Kulturmediator_innen haben immer selbst einen Migrationshintergrund. Durch diese Erfahrung bringen sie eine Kompetenz mit, die Einheimische nicht haben und die bei der Vermittlungsarbeit so wichtig ist. Dahinter steht zudem ein ausgefeiltes Qualifizierungsprogramm.

Geflüchtete sind Expert_innen in eigener Sache

Die Teilnehmer_innen der Studienreise waren von den Kulturmediator_innen beeindruckt. Zurück in Bayern wurde die Idee an die bayerische Jugendarbeitsrealität angepasst. So entstand im Rahmen des Aktionsprogramms Flüchtlinge werden Freunde das Jib-Konzept. Mit den Kooperationspartner_innen Jugendbildungsstätte Unterfranken und KJR München-Land entwickelte man gemeinsam die anspruchsvolle Fortbildung zum_r Jugendintegrationsbegleiter_in, die sich explizit an junge Geflüchtete und Migrant_innen richtet. Hier kam einer der Grundsätze des Aktionsprogramms Flüchtlinge werden Freunde zum Tragen: Junge Geflüchtete sind Expert_innen in eigener Sache.

Schulbank, Hip-Hop, Co-Trainer_in

Von Juli bis November 2017 wurden die verschiedenen Seminarteile erstmals durchgeführt. Dabei ging es um Themen wie Kultur, Identität, Konfliktmanagement, Jugendarbeit, die eigene Rolle und wie aus Ideen Projekte werden. Zudem besuchten die Teilnehmer_innen viele Organisationen und Einrichtungen der Jugendarbeit. Seit der Qualifizierung ist für die JiB schon viel passiert: Sie leiteten Hip-Hop-Workshops im Jugendzentrum, wirkten als Co-Trainer_innen bei Seminaren mit, gaben Interviews und entwickelten auf Arabisch eigene Seminarideen, zum Beispiel zu Jugendarbeit und Integration.

→ JIB UND EUROPA

Das Projekt der Jib ist ein gutes Beispiel, wie man in Europa voneinander lernen kann und wie gut es manchmal ist, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Die Studienreise nach Neapel hat Lea Sedlmayr, Referentin für europäische Jugendpolitik, organisiert. Die Qualifizierung konnte über das Aktionsprogramm Flüchtlinge werden Freunde umgesetzt werden. Bald geht es hoffentlich wieder Richtung Süden, um gemeinsam mit den italienischen Partner_innen die Jib- bzw. Kulturmediator_innen-Ausbildung zu reflektieren und weiter voneinander zu lernen. Auch mit der Jib-Fortbildung geht es 2018 weiter. Die Kosten für Qualifizierung, Fahrtkosten und Verpflegung trägt der BJR. •

Das ist ein redaktionell bearbeiteter Artikel aus der juna #2.18, Juni 2018.

Weiterlesen:

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Auf eine Umarmung

Büşra Köse ist seit kurzem Projektmitarbeiterin für Flüchtlinge werden Freunde beim Stadtjugendring Augsburg in Schwaben. Sie berät die Jugendarbeit in Sachen Geflüchtete und ist Ansprechpartnerin für die Verbände vor Ort. Wir haben Sie auf einen kurzen Vorstellungs-Plausch in Augsburg getroffen.

Was machst Du für Flüchtlinge werden Freunde beim SJR Augsburg?

Büşra: Ich organisiere Veranstaltungen, die vor allem Begegnungsplattformen sein wollen, für Menschen mit und ohne Fluchthintergrund. Das können entweder Bildungsveranstaltungen sein oder auch simple Sachen wie Kochen also non-formale, niederschwellige Bildung. Es geht eher um die emotionale Seite, schön wäre, wenn da Freundschaften entstehen und Vorurteile abgebaut werden.

Kannst Du mit dem Slogan Flüchtlinge werden Freunde etwas anfangen. Hast Du da einen Zugang?

Büşra: Ich find ihn ganz gut, weil er das Ziel unserer Arbeit zeigt.

Es geht ja darum Barrieren runter zu brechen

Es geht ja darum Barrieren runter zu brechen und nicht Parallel-Gesellschaften zu  „befördern“. Da sind ja manche in Sorge. Flüchtlinge werden Freunde sagt eben, dass man in unserer Gesellschaft willkommen ist, sich integrieren kann und das nicht nur als arbeitende Persönlichkeiten, sondern als Menschen. Junge Menschen, die hier willkommen sind als Freund_innen.

Was hilft Dir persönlich durch den Tag, wenn es mal schwierig ist oder eine Veranstaltung nicht so klappt?

Büşra: Was mir echt hilft ist, dass ich so ein tolles Team habe, das  mich tatkräftig unterstützt. Und zum Anderen – wenn es mir wirklich nicht gut geht, dann greife ich auf Internet-Videos zurück: Tiervideos oder auch Videos mit Statements von  Muslim_innen oder Videos, die Flüchtlinge empowern. Mein Lieblingsvideo ist von einem Typen, der mit verbundenen Augen in der Fußgängerzone steht und ein Schild vor sich hält, auf dem steht:

„Ich bin Moslem. Wer keine Angst vor mit hat, soll mich umarmen“.

„Ich bin Moslem. Wer keine Angst vor mit hat, soll mich umarmen“. Und voll viele Menschen umarmen ihn.

Das ist einfach ein schönes Gefühl, dass nicht nur dieser Hass im Netz ist, sondern eben auch Liebe.

© IDA e.V.

Zum Nachdenken und Weitermachen

Leseempfehlung: Kontext.Flucht

Wie sieht eigentlich ein rassismuskritischer Zugang in der Jugendarbeit mit geflüchteten jungen Menschen aus? Was braucht es dafür und warum ist er wichtig? Der Reader Kontext. Flucht von IDA-NRW  gibt darauf verschiedene Antworten. Da geht es um das Überdenken der eigenen Haltung und der eigenen Denkweisen ebenso sehr wie um die Darlegung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, die die Felder Flucht und Asyl abstecken. Im zweiten Kapitel geht es explizit um die Verschränkung verschiedener Diskriminerungsformen, hier kommen etwa LGBTQ-sensible Perspektiven und geschlechterreflektierte Ansätze zum Zug. Der Reader will Impulse setzen und Mut machen weiterzuarbeiten, am Eigenen und am Äußeren.

 

 

Was ist Antisemitismus?

Antisemitismus ist die Bezeichnung für die Feindschaft gegenüber Menschen jüdischen Glaubens und die Feindschaft gegenüber Menschen, die als Jüdinnen und Juden identifiziert werden.

Antisemitismus tritt in unterschiedlichen Erscheinungsformen seit der Antike auf und erlebte seinen grausamen Höhepunkt im 20. Jahrhundert durch den millionenfachen Mord an Jüdinnen und Juden in der Diktatur des Nationalsozialismus. Oftmals zeigt sich Antisemitismus nur in verdeckter Form, getarnt als Israel-Kritik oder in diversen Weltverschwörungsideologien mit antisemitischem Hintergrund.

Antisemitismus ist eine tragende Säule rechter Ideologien

Der Begriff Antisemitismus bezeichnet heute alle historischen Erscheinungsformen der Judenfeindschaft, obwohl er ursprünglich erst um 1879 auftrat und eine neue Form einer rassistisch begründeten Ablehnung von Juden etablierte. Er funktioniert heute als politisches, ökonomisches, soziales und kulturelles Vorurteil auf Basis einer rassistischen Tradition.

Antisemitismus ist auch eine der tragenden Säulen extrem rechter Ideologien, Bewegungen und Parteien auf der ganzen Welt. Es gibt antisemitische Vorurteile allerdings auch im Bereich des religiösen Extremismus.

Weiterlesen: Was ist Rassismus.

© BJR

Liebe Deine Nächsten und auch die Anderen

Sprachrohr sein und Nächstenliebe leben, das nehmen wir von Ilo mit, die wir als Mitglied des Landesvorstands des Bayerischen Jugendrings gebeten haben, mit uns einen Blick zurück zu werfen. Auf Jugendarbeit mit Geflüchteten in den letzten drei Jahren und auf das eigene Wirken und die eigene Haltung dadrin. Illona Schuhmacher ist eine (!)  Tausendsassa, die neben ihrer Arbeit als Grundsatzreferentin bei der Evangelischen Jugend in Bayern (EJB), noch als Diakonin und Theaterpädagogin unterwegs ist und sich engagiert für die Bedarfe junger Geflüchteter einsetzt.

Warum braucht es Jugendarbeit mit Geflüchteten?

Ich bin ja Diakonin und damit muss ich das erstmal mit meinem Menschenbild erklären. Etwa mit den sieben Werken der Barmherzigkeit, die die Grundwerkzeuge der Diakonie sind. Darin gibt es das Werk „Fremde beherbergen“ und das ist für mich eine der Grundaufgaben des Christinnen-Seins, eben genau dieses „Fremde beherbergen“. Und schon bin ich mittendrin. Menschen, die Schutz suchen, müssen diesen Schutz gewährt bekommen, ohne wenn und aber.

Und aus der Perspektive Jugendarbeit?

Ich schreibe mir bewusst evangelische Jugendarbeit auf die Fahne, das ist für mich die Verbindung. Indem Moment, indem ich höre, dass unter den Menschen, die bei uns Schutz suchen auch junge Menschen sind oder Kinder, generiert sich für mich als Jugendverband der Auftrag, sich dahinterzuklemmen und zwar als Sprachrohr. Zu schauen, dass die hier nicht nur Schutz finden, sondern wirklich ankommen können, dass sie eine Willkommenskultur erleben.

Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, sich eben auch politisch für junge Menschen einzusetzen.

Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, sich eben auch politisch für junge Menschen einzusetzen. Unser Ziel ist ja mündig und tätig zu sein. In der Arbeit mit jungen Geflüchteten ist die tätige Nächstenliebe noch greifbar.

Gibt’s etwas das Du über die drei Jahre Flüchtlinge werden Freunde an Veränderungen mitnimmst?

Ich finde es ist wunderbares passiert. Was mich immer noch begeistert ist, dass junge Geflüchtete mit ihren Fragen die Jugendverbandsarbeit bereichert haben. Wie funktionieren Kreis- und Stadtjugendringen? Wieso habt Ihr diese Leitungsgremien? Warum macht Ihr das so?  Da ist mir selber klar geworden wie komplex unsere Strukturen sind.

Ihr seid so deutsch, so strukturiert.

Ihr seid so deutsch, so strukturiert. Diese Hinterfragen finde ich total wichtig. Das ist für mich als Grundsatzreferentin besonders spannend, weil ich in meinem „Deutsch-Sein“ hinterfragt werde und zugleich in meinem Verhaftetsein in den Strukturen der Jugendarbeit. Diese Fragen zeigen mir die Metaebene auf,  nochmal  über bestimmte Ansätze nachzudenken. Dann komme ich aus meiner Lethargie raus und kann ganz neu denken oder entscheide mich bewusst für genau das, was ich tue. Das finde ich bereichernd, weil man plötzlich auch mit einer gewissen Gelassenheit auf Dinge draufschaust, die einen früher genervt haben. Und  mein Gott, wenn das das einzige Problem ist, das wir haben, dann brauchen wir uns nicht beschweren. Das macht mich demütig. Das ist immer so ein schwieriges Wort, aber ich finde es schön, auch eine gewisse Demut zu haben.

Vielleicht muss ich mich ja nicht über jeden Scheiß beschweren?

Vielleicht muss ich mich ja nicht über jeden Scheiß beschweren?

Wohin kann Jugendarbeit mit Geflüchteten gehen und was braucht es dafür?

Ich bin selber noch in einer Suchbewegung. Ich schwanke zwischen dem Optimalfall, dass junge Geflüchtete einen selbstverständlichen Zugang zu unserem Verband finden, merke aber, dass das nur die halbe Lösung sein kann. Schon alleine, weil wir ein christlicher Verband sind und nicht alle, die zu uns kommen, zu uns passen. Zum Beispiel ist die Sportjugend die Sportjugend, weil sie Sport macht und davon unterscheiden wir uns als evangelische Jugend. Wir machen eben was anderes. Ich bin hin- und hergerissen. Von meinem Menschenbild her würde ich gerne integrieren, hätte gerne so etwas homogenes, auf der anderen Seite lebt Jugendverbandsarbeit  genau von dieser Heterogenität. Ich glaube, da müssen wir sensibler hingucken mit Zeit, Geduld und Nachhaltigkeit. Deswegen finde ich es wichtig, dass dieses Arbeitsfeld weiterläuft.

Manche Jugendverbände quotieren wieviele Geflüchtete sie aufnehmen, damit ihre die Kernidentität erhalten bleibt. Macht ihr das auch?

Wir haben eine natürliche Selektion. Ganz einfach, weil wir evangelisch sind. Wo ein E (evangelisch) drauf ist, da ist auch ein E drin. Da kommen dann keine muslimischen Jugendlichen. Das heißt umgekehrt nicht, dass wir uns nicht aktiv für alle Geflüchtete politisch einsetzen. Das ist ja das, was uns ausmacht. Auf der anderen Seite haben wir halt etwa unseren CVJM (Christlicher Verein junger Menschen), der ist ja saustark in der Arbeit mit jungen Geflüchtete. Liegt aber daran, dass die im Prinzip nicht evangelisch gebunden sind. Sie gehören zwar zur evangelischen Jugend als Mitgliedsverband dazu, sagen aber von sich selber, dass sie überkonfessionell sind. Da spielt das keine Rolle. Die tun sich einen Ticken leichter.

Gibt es etwas, was Du Dir für 2018 wünscht. Was muss passieren für Geflüchtete?

Mein absolutes Thema ist „Worte schaffen Wirklichkeit“. Das ist mein Hauptanliegen. Solange wir von Flüchtlings-Fluten oder –Wellen reden, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass die Gesellschaft emotional so reagiert, wie sie reagiert. Ich wünschte mir so sehr, dass Politik und Gesellschaft sich neue Narrative ausdenkt, bzw. dass wir anfangen, positiv zu sprechen. Das heißt nicht, dass wir schwierige Dinge nicht beim Namen nennen oder dass wir Herausforderungen nicht als solche benennen, aber einen Sachverhalt nur negativ im Wording zu haben und dann von der Gesellschaft zu erwarten, dass sie auch das Positive drin sieht, das ist für mich ein Widerspruch in sich.

Jetzt haben wir gerade eine gesellschaftliche Situation, in der auch Leute wieder rassistisch und fremdenfeindlich sprechen und sich legitimiert fühlen das zu tun, wie gehst Du/gehen wir damit um?

Das ist das Typische, das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Nein, das wird man nicht sagen dürfen! Das ist genau das, was mir so Sorgen macht. Weil die AfD genau mit diesen Ängsten argumentiert. Und diese Ängste und das müssen wir verstehen, sind real. Ich kann fünf Schritte zurückgehen und kann sagen, die sind nicht real. Aber bei dem Menschen, der sie empfindet ist das eine reale Angst. Damit müssen wir umgehen, dem müssen wir begegnen und gleichzeitig denen Einhalt gebieten, die hier über andere Menschen herziehen. Und das ist eine Herausforderung, der wir uns alle stellen müssen.

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Achtung Rassismus!

Wer Jugendarbeit mit Geflüchteten macht, kommt um die Beschäftigung mit Rassismus nicht herum. Sei es, weil Geflüchtete sich diskriminiert fühlen und ihr Herz bei Euch ausschütten. Sei es, weil ihr mit der Situation konfrontiert werdet,  unabsichtlich verletzend oder unterstellend zu sein. Und klar, es ist auch kein schönes Thema, vor allem weil sich das Erscheinungsbild von Rassismus verändert hat, quasi modern geworden ist. Wir kommen aber nicht drumrum Strukturen, Denkweisen und Handlungen zu überdenken, wenn wir Betroffenen helfen wollen.

Es ist nicht was es ist

Rassismus verneint die Gleichwertigkeit der Menschen. Er ist eine Ideologie, die auf der Konstruktion vermeintlicher „Rassen“ basiert. Ihre historischen Bezüge finden sich in der Unterdrückungspraxis des Kolonialismus und der Versklavung. Dabei werden Gruppen von Menschen Eigenschaften zugeschrieben, die vermeintlich „naturgegeben“ (biologistisch) und damit unveränderbar sind. Diese zugeschriebenen Eigenschaften dienen der Auf- bzw. Abwertung der eigenen bzw. fremden Gruppe und wirken dabei als eine Form Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF).

Rassismus legitimiert die eigene gesellschaftliche Machtposition

Eine privilegierte Gruppe konstruiert ein „Wir“, das eine andere Gruppe als „Rasse“ definiert.  Das „Wir“ hat die Macht,  die Definition und Zuschreibung dessen was diese Gruppe ausmacht, durchzusetzen. Die Konstruktion eines „Wir“ gegen die „Anderen“ sichert denen, die zum „Wir“ gehören, Privilegien und den Ausschluss gleichberechtigter Partizipation der „Anderen“.

In erster Linie dient Rassismus also der Legitimation einer gesellschaftlichen Machtposition.

In erster Linie dient Rassismus also der Legitimation einer gesellschaftlichen Machtposition einer Gruppe.

Kultur statt „Rasse“ oder same same but different?

Während sich der klassische Rassismus vor allem auf die Dichotomie von „Schwarz“ versus „Weiß“ bezogen hat, wird er heute von einem modernen Rassismus abgelöst, bei dem etwa der Begriff der „Kulturen“ den der „Rassen“ ersetzt. Rassismus hat eine lange Tradition:  Alltagsrassismus in der Sprache, Darstellungen in (Schul-)Büchern und in den Medien, rassistische Diskriminierung im Wohn- und Arbeitsmarkt, das Schüren von populistischen Feindbildern etc. sind nach wie vor ein Problem.

Was rassistisch ist, entscheiden die Betroffenen

Wichtig ist die Perspektive der Betroffenen zu berücksichtigen.

Wenn jemand etwas als rassistisch empfindet, dann erstmal cool bleiben

Wenn jemand etwas als rassistisch empfindet, dann erstmal cool bleiben und reflektieren. Menschen mit Rassismuserfahrungen erleben Rassismus anders, als nicht von Rassismus betroffene Menschen.  Darüber zu urteilen was verletzend ist und was nicht, schlicht, weil man es nicht selbst erleben kann, bleibt arrogant und unsympathisch.

Rassismus ist leider auch vielfältig

Es gibt spezifische Erscheinungsformen von Rassismus. Derzeit erleben wir beispielsweise in Bayern in besonders starker Form einen antimuslimischen Rassismus. Dieser richtet sich nicht nur gegen Muslim_innen selbst, sondern auch gegen Menschen, die vermeintlich als Muslim_innen identifiziert werden. Gerade im Kontext von Flucht und Migration werden häufig Scheindebatten über DEN Islam und DIE Muslim_innen geführt, die auf die Ausgrenzung, Stigmatisierung und Ablehnung ganzer Bevölkerungsgruppen abzielen. Anfeindungen gegenüber Menschen, die als muslimisch identifiziert werden, gegenüber Verbänden und Selbstorganisationen junger Muslim_innen haben stark zugenommen – sowohl in den sozialen Netzwerken als auch im öffentlichen und privaten Raum. Es gilt, diese Erscheinungsformen aufzuzeigen, aber auch Möglichkeiten, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und gezielt dagegen zu wirken. Dabeihilft sicher unser Fachtag Antimuslimischer Rassismus im Kontext von Flucht und Migration.

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Zum Beispiel die juna, das Magazin des Bayerischen Jugendrings zum Thema Alltagsrassismus.