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Achtung Rassismus!

Wer Jugendarbeit mit Geflüchteten macht, kommt um Rassismus nicht herum. Sei es, weil Geflüchtete sich diskriminiert fühlen und ihr Herz bei Euch ausschütten. Sei es, weil ihr plötzlich angefahren werdet, weil ihr unabsichtlich verletzend oder unterstellend war. Und klar, es ist auch kein schönes Thema, vor allem weil sich Rassismus auch verändert hat, quasi modern geworden ist. Wir kommen aber nicht drumrum Strukturen, Denkweisen und Handlungen zu überdenken, wenn wir Betroffenen helfen wollen.

Es ist nicht was es ist

Rassismus verneint die Gleichwertigkeit der Menschen. Er ist eine Ideologie, die auf der Konstruktion vermeintlicher „Rassen“ basiert. Ihre historischen Bezüge finden sich in der Unterdrückungspraxis des Kolonialismus und der Versklavung. Dabei werden Gruppen von Menschen Eigenschaften zugeschrieben, die vermeintlich „naturgegeben“ (biologistisch) und damit unveränderbar sind. Diese zugeschriebenen Eigenschaften dienen der Auf- bzw. Abwertung der eigenen bzw. fremden Gruppe und wirken dabei als eine Form Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF).

Rassismus legitimiert die eigene gesellschaftliche Machtposition

Eine privilegierte Gruppe konstruiert ein „Wir“, das eine andere Gruppe als „Rasse“ definiert.  Das „Wir“ hat die Macht, d.h. es die Definition und Zuschreibung dessen was diese Gruppe ausmacht, durchzusetzen. Die Konstruktion eines „Wir“ gegen die „Anderen“ sichert denen, die zum „Wir“ gehören, Privilegien und den Ausschluss gleichberechtigter Partizipation der „Anderen“. In erster Linie dient Rassismus also der Legitimation einer gesellschaftlichen Machtposition einer Gruppe.

Kultur statt „Rasse“ oder same same but different?

Während sich der klassische Rassismus vor allem auf die Dichotomie von „Schwarz“ versus „Weiß“ bezogen hat, wird er heute von einem modernen Rassismus abgelöst, bei dem etwa der Begriff der „Kulturen“ den der „Rassen“ ersetzt. Rassismus hat eine lange Tradition:  Alltagsrassismus in der Sprache, Darstellungen in (Schul-)Büchern und in den Medien, rassistische Diskriminierung im Wohn- und Arbeitsmarkt, das Schüren von populistischen Feindbildern etc. sind nach wie vor ein Problem.

Was rassistisch ist, entscheiden die Betroffenen

Wichtig ist die Perspektive der Betroffenen zu berücksichtigen. Wenn jemand etwas als rassistisch empfindet, dann erstmal cool bleiben und reflektieren. Menschen mit Rassismuserfahrungen erleben Rassismus (anders als Außenstehende bzw. Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind, die erleben den eben nicht) Darüber zu urteilen was verletzend ist und was nicht, schlicht, weil man es nicht selbst erleben kann, bleibt arrogant und unsympathisch.

Rassismus ist leider auch vielfältig

Es gibt spezifische Erscheinungsformen von Rassismus. Derzeit erleben wir beispielsweise in Bayern in besonders starker Form einen antimuslimischen Rassismus. Dieser richtet sich nicht nur gegen Muslim_innen selbst, sondern auch gegen Menschen, die vermeintlich als Muslim_innen identifiziert werden. Gerade im Kontext von Flucht und Migration werden häufig Scheindebatten über DEN Islam und DIE Muslim_innen geführt, die auf die Ausgrenzung, Stigmatisierung und Ablehnung ganzer Bevölkerungsgruppen abzielen. Anfeindungen gegenüber Menschen, die als muslimisch identifiziert werden, gegenüber Verbänden und Selbstorganisationen junger Muslim_innen haben stark zugenommen – sowohl in den sozialen Netzwerken als auch im öffentlichen und privaten Raum. Dazu hilft sicher unser Fachtag Antimuslimischer Rassismus im Kontext von Flucht und Migration.

 

Jeder Mensch hat was Gutes

Karssli ist seit zwei Jahren in Deutschland, studiert soziale Arbeit und ist Jugendintegrationsbegleiter (Jib). Für das Studium der sozialen Arbeit hat er sich entschieden, weil er schlichtweg begeistert war vom ehrenamtlichen Engagement der Jugendarbeit. Karssli ist ein weltoffener und grundsympathischer Mensch, der nicht nur fließend Deutsch sondern auch Fränkisch spricht. Wir haben uns mit ihm getroffen, um über die Fortbildung zur/m Jugendintegrationsbegleiter_in zu sprechen, die wir auch dieses Jahr anbieten, und über seine Erfahrungen in einem neuen Land.

Was bedeutet es für Dich Jugendintegrationsbegleiter zu sein?

Es war einfach sehr cool mit in der Gruppe der Jugendintegrationsbegleiter_innen zu sein. Weil jede_r mit seiner/ihrer Erfahrung und seiner/ihrer Weltperspektive da war. Und danach hatten wir die Möglichkeit unsere Erfahrungen direkt an die Leute zu geben. Wir waren in einer Schule, haben unsere Kultur erklärt und woher wir kommen. Dann waren wir an der Fachhochschule und auch bei Student_innen der sozialen Arbeit. Hier waren die Themen Religion und religiöse Vielfalt und das war auch richtig toll.

Weil die Leute hören ja von uns, aber keiner spricht mit uns.

Weil die Leute hören ja von uns, aber keiner spricht mit uns.
Wenn wir die ersten Schritte gehen und sagen, da sind wir, ihr könnt eure Fragen stellen, ihr könnt uns persönlich kennenlernen, dann sind das ja tolle Schritte, damit die Ängste abgebaut werden. Und persönlich habe ich einfach die Erfahrung gemacht wie es ist in einem fremden Land anzukommen und ich weiß von den gegenseitigen Ängsten. Die abzubauen finde ich wichtig.

Verstehst Du Dich als Brückenbauer?

Ja, weil ich merke an jedem Gespräch, an jedem Workshop mit Deutschen, egal ob sie ehrenamtlich oder Student_innen, Schüler_innen, Arbeiter_innen sind, wenn wir unsere Kultur präsentieren und schon nach ein paar Minuten, wie sagt man?

Bricht das Eis?

Ja, ich finde es einfach am Schönsten, wenn wir selbst präsent sind und selbst für uns sprechen. Die Menschen haben uns einfach als Mensch vor Augen, von dem sie davor nur gehört haben oder den sie nur auf der Straße gesehen haben.

Was hast Du für Projekte bisher gemacht? 

Ich studiere ja selber soziale Arbeit und war dann an der FH bei Student_innen der sozialen Arbeit. Etwa für das Seminar zur religiösen Vielfalt. Da habe ich erzählt wie man miteinander umgeht und habe ich über unsere Religion erzählt, wie man hier respektvoll miteinander ist. Also auch wie zum Beispiel der Kontakt mit Muslimen supergut läuft. Im Sommer will ich so ein Projekt mit den Eltern von Geflüchteten machen. Weil das ist ein sehr wichtiges Thema, es gibt ja sehr viele Angebote, aber nicht immer kommen genügend. Das ist ein Vermittlungsproblem und

man muss auch den Eltern erklären was da in der Jugendarbeit läuft

man muss auch den Eltern erklären was da in der Jugendarbeit oder woanders läuft und auch was Jugendarbeit eigentlich ist. Ich finde die Freizeitaktivitäten ja richtig toll, aber man legt nicht in jeder Kultur so viel Wert darauf. Wenn man mit den Eltern redet, können die auch ihre Kinder anders motivieren, eben  weil sich Kinder und Jugendliche hier auch kennenlernen, die sonst vielleicht nicht miteinander sprechen.

Bist Du angekommen?

Ja, ich bin sehr dankbar, dass ich am Anfang so viel Unterstützung von Ehrenamtlichen und auch von meiner Gastfamilie bekommen habe. Da habe ich viel gelernt, wie das hier läuft, was die Kultur hier ist. Ich weiß, wie schwierig das ist, wenn es diese Unterstützung nicht gibt und deshalb versuche ich auch anderen zu helfen. Denn es gibt Leute, die gar keine Unterstützung haben oder die es in diesem Land einfach sehr schwer haben. Ich und auch unsere Gruppe der Jib, wir wollen unsere Erfahrungen mitgeben, motivieren.

Wir sind ja auch geflüchtet und können so den neuen Mut machen.

Wir sind ja auch geflüchtet und können so den neuen Mut machen.

Warum sollte man die Jib-Qualifzierung mitmachen?

Für mich selbst war es eine große Hilfe. Das braucht man, um in Deutschland zu leben. Und es hat mir auch geholfen mit bestimmten Situationen umzugehen, etwa mit Konflikten umzugehen. Jib 2018 wird wieder ein ganz tolles Projekt sein! Denn wir haben von der ersten Fortbildung gelernt, wir haben sie ausgewertet und geschaut, wie kann es am besten sein.

Hast Du einen bestimmten Wunsch//Botschaft?

Ich wünsche mir, dass man nicht so schnell Vorurteile hat. Also wenn man auf der Straße läuft und Flüchtlingen begegnet. Vielleicht fühlt man sich nicht so wohl, weil man den Menschen nicht kennt, aber deswegen darf man nicht urteilen.

Mindestens muss man mit den Menschen reden oder diskutieren.

Mindestens muss man mit den Menschen reden oder diskutieren. Am Anfang, wenn wir unterwegs waren, haben wir gemerkt, die Leute schauen uns komisch an, aber keiner hat mit uns kommuniziert. Aber schon ein kleines Gespräch kann viel ändern. Ich wünsche mir auch von der Jugendarbeit, dass sie auch die Eltern anspricht, wenn wenig Teilnehmer_innen kommen oder eben auch direkt die Geflüchteten und natürlich kann man uns Jib fragen. Wir sind sehr gute Ansprechpartner_innen, denn wir kennen beide Seiten.

Mehr über die Jib-Fortbildung lesen und sich anmelden.

© BJR_Egloffstein

Was sind Klimaflüchtlinge?

Klimaflüchtlinge sind Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen, weil ihnen die Klimaveränderungen die Lebensgrundlage entzieht (z.B. Dürre, Überschwemmungen, Naturkatastrophen). Die Schätzungen, wie viele Menschen weltweit von dieser Situation betroffen sind, gehen weit auseinander. Das UNHCR (Flüchtlingskommission der UN) geht von 24 Millionen Menschen aus. Das Internationale Rote Kreuz spricht von 500 Millionen Betroffenen. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Deutschlands schätzt, dass bis heute ca. 25 bis 60 Millionen Menschen ihre Heimat wegen Klimaveränderungen verlassen mussten. Die Klimakommission der UN (UNFCCC) rechnet damit, dass bis 2050 rund 150 Millionen Menschen wegen klimatischer Veränderungen fliehen werden.

Die Angaben und Schätzungen sind sehr unterschiedlich, da manchmal auch von Umwelflüchtlingen, Klimaflüchtlingen oder Katastrophenflüchtlingen gesprochen wird. Zudem gibt es mehrere direkte oder indirekte Gründe, die dazu führen, dass Menschen fliehen. Dass nur das Klima „schuld“ ist, bleibt schwierig nachzuweisen.

Flucht ist immer global:

Gleichzeitig schreitet der Klimawandel voran und führt dazu, dass immer mehr Menschen nicht mehr in ihrer Heimat leben können. Dass immer mehr Menschen zu uns kommen, hat aber auch etwas mit unserem Lebensstil zu tun und damit, dass unsere Handlungen, etwa Einkäufe auch globale Auswirkungen haben. Darüber haben wir uns mit Lioba Degenfelder, Bildungsreferentin bei der JBN unterhalten.

Ausführliches zur Flucht- und Klimafrage gibt es bei der Jugendorganisation BUND Naturschutz (JBN)  nachzulesen.

Worte schaffen Wirklichkeit

Die Delegierten der 152. Vollversammlung des Bayerischen Jugendrings forderten einen Perspektivwechsel in der Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht und machten sich stark für die gesellschaftliche Teilhabe von jungen Geflüchteten. Wir haben hier nochmal wichtige Zitate aus dem Beschluss „Für ein Klima der Menschenfreundlichkeit“ gelistet. Der ganze Beschluss zum Nachlesen.

  •  Wir wollen nicht mehr von Problemen sprechen, sondern von Herausforderungen, die es zu meistern gilt, und von Chancen, die wir gestalten können. Wir wollen keine Debatten mehr darüber ob wir uns eine vielfältige Gesellschaft leisten können. Sie ist Realität und muss als solche anerkannt werden.
  • Worte schaffen Wirklichkeiten. Deshalb wollen wir, dass die Worte genutzt werden, die die Wirklichkeit schaffen, in der wir leben wollen. Und die Mut machen, diese auch zu gestalten. Solange Politik weiterhin Sprachbilder produziert, die von negativen Stereotypen und Ausgrenzung geprägt sind und diese Haltung in Gesetze gießt, hat Gesellschaft keine Chance, anders zu sprechen.
  • Wir fordern, dass die Verwendung der Begriffe „gute Bleibeperspektive“ und „schlechte Bleibeperspektive“ aufgegeben wird.
  • Wir fordern, die Einstufung von Ländern als „sichere Herkunftsstaaten“ aufzugeben.
  • Wir fordern, dass der Begriff „Obergrenze“ nicht mehr im Zusammenhang mit geflüchteten Menschen verwendet wird.
  • Gerade beim Thema Abschiebungen ist Menschenfreundlichkeit besonders wichtig. Wenn Abschiebungen auf rechtsstaatlicher Grundlage durchgeführt werden, dann unter Wahrung der Menschenrechte. Eine Abschiebung muss unter Achtung der Würde der_des Einzelnen stattfinden.
  • Wir fordern die Abschaffung von Ankunfts- und Rückführungszentren bzw. Transitzentren.
  • Die EU muss sich beim Thema Flucht selbst ernst nehmen und Maßnahmen und Gesetze schaffen, die für eine langfristige Lösung und dauerhafte Sicherstellung einer funktionierenden Asyl- und Migrationspolitik in Europa sorgen.
  • Wir fordern, das Augenmerk insbesondere auf die verletzlichsten Gruppen auf der Flucht zu richten und Schutzmaßnahmen für sie zu etablieren: Kinder, Frauen und Mädchen.
  • Menschen auf der Flucht sind gezwungen, illegal Grenzen zu übertreten. Auch das Nutzen von Schleuser_innen ist ein Ergebnis des Systems, solange es keine legalen Fluchtwege gibt. Deshalb fordern wir, dass Menschen auf der Flucht nicht kriminalisiert werden. Zuvorderst braucht es legale Einreisewege. Die Einrichtung regionaler Grenzschutzpolizei verschärft diese Situation.
  • Wir fordern die Anerkennung von kindspezifischen Fluchtgründen und die Anhörung von Kindern im Asylverfahren. Hierzu benötigt es speziell geschultes Personal und Übersetzer_innen.
  • Alle Menschen haben ein Recht auf Familie. Wir fordern, die Aussetzung des Familiennachzuges für subsidiär Schutzberechtigte aufzuheben. Wer in Deutschland bleibt, darf auch seine Familie nachholen.
  • Bildung ist ein Grundrecht. Wir fordern den bedingungslosen Zugang zu Bildung für alle geflüchteten Menschen.
  • Wir fordern das Anerkennen der Bedeutung von Jugendarbeit in der Arbeit mit Geflüchteten. Jugendarbeit stärkt junge Menschen in ihrer Persönlichkeit, bietet ihnen Netzwerke, politische Bildung und alternative Perspektiven.

© JBN

Weil Flucht einen globalen Zusammenhang hat

Was hat unser Leben hier mit der Not der Menschen in den Ländern des Südens zutun?  Inwiefern spielen eigentlich Handelsbedingungen eine Rolle im Themenfeld Flucht? Nur ein paar Anstöße, die wir aus dem Interview mit Lioba Degenfelder mitnehmen. Lioba ist Bildungsreferentin der JBN (Jugendorganisation Bund Naturschutz) und hier unter anderem für das Projekt Naturzufluchten, Umweltbildung mit Geflücheten, zuständig .

Warum engagiert Ihr Euch als Jugendorganisation Bund Naturschutz für Geflüchtete?
2013 haben wir ein Positionspapier mit dem Titel „Klima kennt keine Grenzen – warum Umweltpolitik Asylpolitik ist” verabschiedet. Wir haben schon immer einen Zusammenhang zwischen umweltrelevanten Fluchtursachen und Flucht gesehen. Schließlich hat alles was wir in unserem Alltag machen globale Auswirkungen. Wir stellen uns die Frage:

was bewirkt eigentlich unser Lebensstil am anderen Ende der Welt?

was bewirkt eigentlich unser Lebensstil am anderen Ende der Welt? Inwiefern spielen Handelsbedingungen und unsere Klimapolitik damit rein, dass Menschen in anderen Teilen der Welt nicht mehr leben können?

Wieso können Menschen woanders nicht so gut leben und was hat das mit uns zutun?
Nehmen wir mal unsere konsumkritischen Stadtführungen, da gehen wir zum Beispiel in einen Schuhladen und schauen uns einen Markenschuh näher an. Wie viel Geld steckt da drin? Wo kommt der her? Wer hat den genäht etc.? Das ist so ein klassisches Beispiel. Kinder und Jugendliche finden darüber schnell raus, dass die Näherinnen in Indonesien,  China oder Vietnam unglaublich wenig Geld dafür kriegen und unter fürchterlichen Arbeitsbedingungen leiden. Diese Zusammenhänge darzustellen und aufzuzeigen ist uns wichtig. Denn unser Konsum, etwa das Handy, das jedes Jahr neu sein muss, sorgt auch dafür, dass z.B. in afrikanischen Ländern Bodenschätze abgebaut werden.

Ein anderes Beispiel ist der Fleischkonsum.

Wenn man etwa unsere EU-Agrarsubvention anschaut, wir produzieren superbillig, weil die Landwirtschaft stark subventioniert wird. Damit machen wir aber auch Märkte in Westafrika kaputt, etwa in Ghana. Die können nicht konkurrieren, weil wir sie mit unserem Überschuss überschwemmen, etwa mit Hähnchenfleisch. Es ist sogar unser Abfall, der in Afrika landet. Wir essen beim Huhn oft nur die Brust und der Rest wird verschickt. Das kommt dann auch in den 2. Markt und zerstört regionale Märkte. Und dann sprechen wir von Wirtschaftsflüchtlingen, die zu Hause nicht von ihren Erzeugnissen leben können.  Neben vielen anderen Gründen sind auch das Fluchtursachen. Der Bumerang unseres Lebensstils kommt z.B. auch über die Balkanroute zu uns zurück.

© JBN

 

Was macht ihr in euren Projekten mit Geflüchteten?
Auf Landesebene sorgen wir dafür, dass die Gruppenleiter_innen vernetzt sind. In die Umweltprojekte vor Ort haben wir in bestehende Strukturen Geflüchtete und auch Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund integriert. Dass Geflüchtete in einer Gesellschaft ankommen, sich hier orientieren können und auch mitbekommen und verstehen was unsere gesellschaftlichen Normen und Ideale sind, ist ein wichtiger Ansatz. Natur- und Umweltschutz ist in vielen Ländern aus denen Geflüchtete kommen nicht unbedingt Thema. Uns ist es aber ein besonderes Anliegen. Da müssen wir auch klar sein, dass neben den humanistischen Werten, eben Menschen willkommen zu heißen,  auch noch andere stehen. Beispiel: Wenn wir eine Kindergruppe haben mit zehn Kindern, dann sagen wir zwei Geflüchtete können wir hier gut mitnehmen und wirklich integrieren. Wir sind eine Naturschutzorganisation; wir wollen Natur- und Umweltschutz machen und Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Es hilft ja niemanden, wenn es dann die Gruppenstruktur zerlegt,

Es hilft ja niemanden, wenn es dann die Gruppenstruktur zerlegt, weil wir uns zu viel zugemutet haben und die Geflüchteten vielleicht gar kein besonderes Interesse an Umweltschutz haben. Wenn da eine Kindergruppe seit Jahr und Tag miteinander Projekte macht, dann sind die als Gruppe zusammengewachsen. Da können wir nicht das Doppelte an Kindern dazugeben, egal ob mit oder ohne Migrations- oder Fluchthintergrund. Dann funktioniert eine Gruppe einfach nicht mehr. Da muss man auch ganz ehrlich sein und sich fragen, was schaffen wir, und was schaffen wir nicht.

Was für einen Tipp hast Du für Leute, die Projekte mit Geflüchtete machen wollen. Gibt es etwas, das ihr besonders wichtig findet?
Sich unbedingt Fragen stellen: Wer sind wir? Was sind unsere Kernaufgaben und was macht uns aus?  Was wollen wir, was nicht? Das darf man sich auch zugestehen. Und dann ganz praktisch: Gruppen haben mir immer wieder erzählt, dass es für Geflüchtete oft wahnsinnig anstrengend war, erst mal die Strukturen zu erkennen. Umgekehrt war

unser Budget für Dolmetscher war nicht nötig.

unser Budget für Dolmetscher eigentlich gar nicht nötig.Man hat sich irgendwie verstanden. Eine große Herausforderung war für uns die fehlende Mobilität. Etwa wenn die Geflüchteten in Erstunterkünften untergebracht waren, dann hat man die Kinder für  eine Aktion abholen und hinbringen müssen. Das waren schon Wege, wir sind ja meistens im Wald oder sonstwie in der Natur. Diese Mobilität war ein sehr großes Thema. Du kannst von einer ehrenamtlichen Kindergruppenleiterin schlecht erwarten, dass sie quer durch die Stadt fährt. Also sich ganz pragmatisch fragen: wie kommen die von A nach B?

Das ist das eine: Die fehlende Mobilität. Das andere ist, dass der Bund Naturschutz für jemand etwa aus Syrien, überhaupt kein Begriff ist. Man muss erst mal erklären, warum machen wir das, worum geht es? Da muss man ganz grundsätzlich ran, was tun wir hier eigentlich und warum?

Ist ja doch gar nicht schlecht für den eigenen Verband, für die eigene Organisation sich zu hinterfragen, oder?
Stimmt schon. Was ich ganz schön gefunden habe ist, dass die Jugendarbeit damit ganz viel Input für den Erwachsenenverband mitgeliefert hat. Wir waren die Impulsgeber, dass auf der Delegiertenversammlung nochmal über das Thema Flucht gesprochen wurde: Wie stehen wir denn eigentlich zur Flüchtlingskrise? Der BUND, also unser Erwachsenenverband hat auch ein Positionspapier zum Thema Flucht geschrieben, denn gerade im konservativen Naturschutz gibt’s auch Stimmen, die das nicht wichtig finde. Also so in etwa:

Mir wurscht, was braucht es jetzt Jugendarbeit mit Geflüchteten?

Mir wurscht, was braucht es jetzt Jugendarbeit mit Geflüchteten? Wenn man aber selbst Jugendarbeit mit Geflüchteten macht, bietest Du rechtem Gedankengut keine Heimat. Du bist dann als Verband vollkommen unattraktiv für rechte Parolen, die auch im konservativen Naturschutz versuchen Fuß zu fassen. Das fand ich einen schönen Nebenaspekt.

Wann ist Jugendarbeit mit Geflüchteten nachhaltig, was braucht es dafür?
Ich glaube, da können wir wieder auf das, was ich vorhin besprochen habe, zurückgreifen: Wenn wir als Verband auch das, was uns wichtig ist, beibehalten. Also: ganz klar eine Willkommens-Kultur üben,  aber ob jemand dann dabei bleibt oder nicht, das hängt von verschiedenen Sachen ab. Kann sich die Person mit unseren Idealen identifizieren? Sind da die richtigen Leute für mich? Das ist klassische Jugendarbeit. Das hat gar nichts mehr zu tun damit, wo der herkommt, sondern einfach: Findet er da seine Freund_innen, seine/ihre Peergroup oder eben nicht. Da macht es keinen Unterschied, ob jemand aus Deggendorf oder aus Aleppo kommt. Das ist dann dieses Verbandsheimatgefühl. Das erste Ankommen, das erste Hineinschnuppern für Geflüchtete ist allerdings viel schwieriger. Da müssen wir als Verband einen zusätzlichen Schritt machen, im  Gegensatz für jemandem, der aus Deggendorf kommt. Aber was dann passiert ist ganz normale Jugendarbeit.

© JBN

Gibt es was, wovor du Angst hast in Bezug auf Jugendarbeit mit Geflüchteten?
Angst ist das falsche Wort. Ich hab ein bisschen Sorge, dass wir es nicht schaffen, in der gesellschaftlichen Diskussion unseren Anteil an der Situation in diesen Ländern herauszuarbeiten und dafür die Verantwortung zu übernehmen. Stattdessen zu hören, dass es keine anerkannten Status der Umwelt-Flüchtlinge oder  keine Klima-Flüchtlinge gibt, das finde ich schwierig. Denn was passiert denn mit Menschen, die auf einer Insel leben und der Meeresspiegel steigt? Was, wenn sie da nicht mehr leben können? Haben die ein Recht auf Asyl oder haben die es nicht? Machen wir in Europa dann die Grenzen einfach dicht?  Das ist meine größte Sorge.

 

 

Unser Problem heißt Alltagsrassismus

Anke ist direkt,  sehr engagiert, auch mal zornig und vor allem taff.  Und das muss sie auch sein. Denn seit 2018 ist Anke für Flüchtlinge werden Freunde für den Bayerischen Jugendring aktiv und berät die Jugendarbeit zum Thema Rassismus. Besonderes Merkmal: Anke pendelt täglich und hat in der Bahn immer einen Platz dank Klapp-Campingstuhl. Hier unterhalten wir uns über Möglichkeiten antirassistischer Jugendarbeit, ihre Wünsche für das Jahr 2018 und warum wir mehr positives Storytelling brauchen.

Warum braucht es rassismuskritische Jugendarbeit?
Rassismus ist kein Randphänomen unserer Gesellschaft. Und es ist auch kein Problem der Jugend. Aber Jugendarbeit kann Lösungsansätze und -strategien bieten, die übertragbar sind. Das macht rassismuskritische Jugendarbeit und eine fortwährende Sensibilisierung für das Thema so wichtig. Dabei sind wir erst am Anfang. Gesamtgesellschaftlich läuft es gerade wirklich mies, ich glaube aber, dass wir mit der Jugendarbeit am richtigen Punkt anknüpfen können, weil wir schon einiges richtig machen und weil wir das Potential haben Leute da abzuholen, wo sie andere nicht abholen können.

Was macht die Jugendarbeit denn richtig?
Schon eine ganze Menge, etwa indem wir verschiedene Menschen mit unseren Angeboten ansprechen. Etwa Menschen mit Flucht- oder Migrationserfahrung. In der Jugendarbeit bekommen sie das Gefühl , dass ihre Meinung zählt und sie werden als Menschen geschätzt und ernst genommen.

alle Bilder sind von Anke und beim Zugfahen entstanden

Was kann die Jugendarbeit noch mehr machen?
Ich würde hier nicht „die“ Jugendarbeit sagen, sondern da muss jede_r zuerst einmal in seinen/ihren eigenen Bereich schauen. Das ist sowieso die Botschaft, die man vielleicht mitnehmen kann. Es geht nicht immer um das große Ganze, sondern um meinen kleinen eigenen Bereich.

Wie sieht es in meinem eigenen Clan aus?

Wie sieht es in meinem eigenen Clan aus? Habe ich die jungen Leute in meinem Umfeld angesprochen? Sehen die sich irgendwie vertreten? Ist es attraktiv was ich mache? Oder schließe ich vielleicht, ganz unbewusst, bestimmte Menschen von meinen Angeboten aus? Gibt es klare Positionierungen ggen  Rassismus? Nach außen wie nach innen? Wie sieht es mit migrantischen Perspektiven aus? Wie reagiere ich selbst, wenn ich menschenfeindlichen Positionen begegne und wie gehe ich mit meinen eigenen Vorurteilen um? Rassismuskritische Jugendarbeit heißt eben nicht, einem Problem „der Anderen“ zu begegnen, sondern für eine gemeinsame Herausforderung zu sensibilisieren, eigene Denkmuster und Verhaltensweisen zu hinterfragen, ebenso den Sprachgebrauch.

Wie sehen denn solche Ausschlusskriterien aus und was kann man dagegen tun?
Also zum einen ist es der  Trott, der mitunter blind macht. Wenn man immer sehr ähnliche Dinge spielt und nicht so das Ohr an gesellschaftlichen Prozessen dran hat, dann ist man eben mit den eigenen Angeboten unter Umständen nicht so attraktiv für Geflüchtete oder auch andere Menschen, die  Benachteiligungen erfahren. Mein Vorschlag:

Einfach mal die Menschen fragen, die man erreichen will.

Einfach mal die Menschen fragen, die man erreichen will. Das klingt vielleicht ein wenig naiv, aber: Wir erleben ja beispielsweise immer wieder, dass wir in bestimmten Bereichen ganz viele Mädchen, junge Frauen nicht zu den Angeboten der Jugendarbeit kommen. Der erste Schritt kann auch einfach nur sein, mit der Zielgruppe zu sprechen, die man erreichen will. Warum kommt der große Bruder, aber die kleine Schwester nicht? Warum spricht euch das nicht an oder positiv formuliert: Was würde euch denn ansprechen? Was wünscht ihr euch? Was beschäftigt euch gerade und wo wollt ihr euch mit einbringen?

Wer oder was ist denn jetzt eigentlich rassistisch?
Rassismus ist ein weit verbreitetes Phänomen, obwohl es erwiesenermaßen gar keine unterschiedlichen „Rassen“ gibt. Aber die Mechanismen, die den klassischen Rassismus seit dem Kolonialismus prägen, bestehen in vielen Bereichen fort. Indem sie mit Feindbildprojektionen arbeiten, die nationale, ethnische, kulturelle oder auch religiöse Differenzen betonen, die jeweils so konstruiert sind, dass die Zugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigkeit zu einer Gruppe als „naturgegeben“ und unabänderlich dargestellt wird. Damit wirken hier letztlich dieselben Mechanismen wie bei „Rasse“-Konstruktionen, nur sehr viel subtiler und mitunter verdeckt. Unser großes Problem heißt Alltagsrassismus.

Wir haben gerade in den vergangenen Jahren einen deutlichen Anstieg von Anfeindungen gegenüber geflüchteten Menschen in unserem Land verzeichnet, auch Musliminnen und Muslime, Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma sehen sich häufig mit Hass und gar Gewalt konfrontiert. Besonders spürbar ist derzeit jedoch der antimuslimische Rassismus.

Mir ist wichtig, dass wir noch stärker die Perspektive der Betroffenen einnehmen,

Mir ist wichtig, dass wir noch stärker die Perspektive der Betroffenen einnehmen, es zumindest versuchen. Menschen mit Rassismuserfahrungen erleben rassistische Vorgänge logischerweise völlig anders als Nicht-Betroffene. Es sind aber oft die Nicht-Betroffenen, die, ob beabsichtigt oder nicht, eine diskriminierende oder verletzende Sprache benutzen und es dann hinterher abtun. War ja nicht so gemeint, hilft den Betroffenen aber herzlich wenig. Ihre Perspektive mal einzunehmen und durch Begegnungen mehr voneinander zu erfahren, auf Dauer aber schon.

 Und wie kann ich selber weniger rassistisch sein?
Erstmal muss ich mir eingestehen, dass rassistisches Denken jedem innewohnt. Wir werden durch unser Umfeld und unsere Erfahrungen geprägt. Vorurteile hat erstmal jeder und jede von uns. Es ist einfach so, das muss man erstmal sacken lassen. Wir haben ganz viel Bilder, Narrative und Alltagskram, der uns quasi eingeimpft ist. Wir sollten aber damit anfangen das zu kontrollieren.

Also auch mal den eigenen Gedanken zuhören, wenn sie Vorurteilsmist produzieren und Stopp sagen.

Also auch mal den eigenen Gedanken zuhören, wenn sie Vorurteilsmist produzieren und Stopp sagen. Diesen Schmerz, dass man eben nicht immer eine prima Person ist, da muss man jetzt mal rüberspringen. Dann kann man anfangen, am eigenen Sprachgebrauch zu arbeiten und schon mal nicht mehr das N-Wort Bier in der Kneipe bestellen.

Was wünscht Du Dir persönlich vom Jahr 2018?
Ich wünsche mir, dass wir es schaffen endlich einen wertschätzenderen Umgang miteinander zu pflegen, der sich in Sprache und im tatsächlichen Tun ausdrückt. Ich wünsche mir, dass wir es schaffen wieder die Menschen in einen Dialog zu bringen und eben nicht nur noch übereinander reden. Und genau hier kann Jugendarbeit auch viel mehr, als vieles und viele andere. Und ich wünsche mir vor allem eine neue Umgangskultur/Wahrnehmungskultur, die die positiven Dinge wieder mehr in den Mittelpunkt rückt. Denn warum werden die negativen Dinge so laut und omnipräsent?
Wieso schaffen wir es nicht häufiger, auch mal über die ganzen tollen Dinge zu reden, die passieren? Ich wünsche mir, dass das Jahr 2018 das Jahr des positiven Storytellings wird.

Danke Dir Anke für Deine Zeit!

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Von einer, die auszog, Fragen zu stellen

Lea ist Referentin für Europäische Jugendpolitik im Bayerischen Jugendring und pendelt zwischen München und Brüssel. Sie hat in Brüssel das Europabüro des BJR aufgebaut, das u.a. jugendpolitische Interessenvertretung zum Ziel hat,  europäische Politik beobachtet und darüber berichtet. Klar ist, wer auf europäischer Ebene aktiv ist, kommt um die Themen Flucht und Asly nicht umhin oder besser geschrieben, hat schnell eine dezidierte Meinung dazu. Leas Meinung und Einschätzung gibt es hier im Interview:

Wo begegnen Dir die Themen Flucht und Asyl?

2015 habe ich in Brüssel für den BJR angefangen  und unser Europabüro aufgebaut. Seitdem begegnet mir das Thema unablässig. Da ich selbst Projekte mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten gemacht habe, war und ist mir das Thema sehr bewusst. Ich fragte die Brüssler_innen in Parlament und Kommission direkt:“Wie wollt ihr junge Geflüchtete schützen und was können wir auf Europaebene für Sie tun?“

„Oh Lea, that´s a good question“

„Oh Lea, that´s a good question – but it´s not on the radar right now.”
Erst wurden Lösungen im Bereich der Migrationspolitik verhandelt, dann festgestellt, dass die Umverteilung in Europa nicht funktioniert und all das wird in Brüssel seit Jahren diskutiert. Es ist auch viel passiert, aber eine befriedigende Antwort liegt noch in weiter Ferne.

Hat sich seit 2015 hier etwas für Dich geändert?

Es gibt für uns mehr Förderung, mehr Vernetzung und mehr Expertise, das merkt man deutlich. Einer europapolitischen Lösung sind wir leider nicht viel näher gekommen, das ist sehr schade. Junge Geflüchtete brauchen Schutz, das ist mir ein großes Anliegen und dafür setze ich mich in Brüssel ein.

Und wenn ihr jetzt glaubt, das bringt doch nichts,

Und wenn ihr jetzt glaubt, das bringt doch nichts, dann habe ich da eine andere Meinung. Jede/r der oder die in München, Berlin oder Brüssel seine/ihre Praxiserfahrung und konstruktive Meinung zu Gehör bringt, ist ein/e wertvoller Lobbyist_in für die Rechte junger Geflüchteter. Nur wenn sich viele zu Wort melden können wir uns hier positionieren, in Europa sowie in Bayern. Auch deshalb machen wir nach NEU:DENK2017 auch dieses Jahr wieder eine Konferenz mit jungen Geflüchteten in Bayern. Ziel der Konferenz ist es, dass junge Geflüchtete und Menschen aus der Jugendarbeit, die in diesem Feld aktiv sind, ihre Anliegen und Bedarfe formulieren, um damit politischen Entscheidungsträger_innen Entscheidungshilfen zu geben.

Die Euroskepsis wächst auch in Brüssel

Was sich noch geändert hat, ist, dass die Stimmen der Nationalist_innen und Euroskeptiker_innnen lauter werden. Damit hat sich auch die politische Diskussion über Geflüchtete verändert. Das merke ich an Formulierungen, politischen Haltungen und Ängsten, die in Europa präsent und auch ausgesprochen werden. Und Diskussionen über Kinderrechte für junge Geflüchtete und über die „missing children“ [laut einer Statistik von Europol sind etwa 10.000 Kinder verschwunden, nachdem sie in Europa angekommen sind. Die Kinder zählen zu unbegleiteteten minderjähigen Geflüchteten, Anmerkung der Redaktion.] sind mir ein wichtiges Anliegen. Das muss genauso wichtig sein wie die Diskussionen um Europas Außengrenzen. Im Mai werden die Vorschläge der Europäische Kommission für eine neue Dublin-Verordnung (zur Regelung von Asylverfahren) erwartet, hier wird sich dann zeigen, ob und wie sich die europäischen Mitgliedsstaaten zu einer gemeinsamen europäischen Migrationspolitik aufraffen können.

Was kann oder hat Jugendarbeit hier getan, was andere nicht tun?

 Die Aufgabe der Jugendarbeit ist hier aus der Praxis und aus der Sicht junger Menschen konkrete Rückmeldungen an politische Entscheidungsträger_innen zu geben. In der praktischen Arbeit vor Ort kennen wir uns aus,

Junge Geflüchtete sind keine „Wellen“

in der Jugendarbeit sind junge Geflüchtete keine „Wellen“ oder „Probleme“ sondern echte Menschen. Diese Erfahrung müssen wir teilen. Die Jugendarbeit in Bayern ist im europäischen Vergleich strukturell sehr gut aufgestellt. Wir müssen dieses Potenzial nutzen, um eine Verbindung zwischen „uns vor Ort“ und „denen da oben“ herzustellen. Glasklar erzählen, was  Sache ist.

Was wünschst Du dir?

Mein großer Wunsch ist, dass bei den Europawahlen im Mai 2019 möglichst viele Menschen zur Wahl gehen und demokratische Parteien wählen. Europa steht am Scheideweg – ich weiß das klingt nach Plattitüde, aber es stimmt – und ich wünsche mir, das die EU den Schritt in Richtung internationale Solidarität geht und nicht in Richtung Nationalismus. Solidarität bedeutet dann auch Solidarität mit den Eingereisten und vor allem den eingereisten Minderjährigen aus Drittländern. Mit aller Kraft müssen wir an einer Politik arbeiten, die die Schwachen schützt, Kinderrechte implementiert und allen jungen Menschen Perspektiven gibt.

 

© BJR_Egloffstein

Im interkulturellen Schrebergarten

Drei Jahre Flüchtlinge werden Freunde, das sind drei Jahre Jugendarbeit mit Geflüchteten. Jahre, in denen das Thema Flucht und alles was damit zusammenhängt auch die Mitarbeiter_innen des Bayerischen Jugendrings (BJR) beschäftigt hat und weiter beschäftigen wird. Denn Menschen, die fliehen sind ein gesellschaftliches Thema, das somit auch die Jugendarbeit in ihrer Ganzheit betrifft.

Und genau das wollen wir zeigen,  indem wir mit  Menschen sprechen, die für zentrale Themen der bayerischen Jugendarbeit stehen. Zum Beispiel mit Jan, der den Themenkomplex Ökologie und Nachhaltigkeit im BJR vorwärts bringt.

Wo begegnet Dir das Themenfeld Flucht und Asyl?

In der Umweltbildung ist das Thema relativ früh aufgetaucht, spätestens als geflüchtete Menschen im Sommer 2015 bei uns in München am Bahnhof angekommen sind. Die sind dann als vermeintlich neue Zielgruppe in den Fokus der Jugendarbeit und auch der Umweltbildung geraten.

Vermeintlich, weil es ja überwiegend nur neue Menschen waren, die aber mit Methoden der Jugendarbeit gut zu erreichen sind.

Vermeintlich, weil es ja überwiegend nur neue Menschen waren, die aber mit Methoden der Jugendarbeit gut zu erreichen sind. Die Methoden funktionieren schließlich unabhängig von Fluchterfahrung, Herkunft und Sprache. Viel von dem, was in der Umweltbildung bisher funktioniert hat, hat dann auch mit der neuen Zielgruppe geklappt.

Was funktioniert gut in der Umweltbildung mit und für Geflüchtete?

Grundsätzlich ist es ein Nehmen und Geben. Wir sprechen vielmehr eine Einladung aus.  Naturspaziergänge, Kleingärtnerprojekte oder der Schulgarten, das sind nur ein paar der Beispiele, die es in der Jugendarbeit gibt. Fakt ist, über alle kommt man miteinander ins Gespräch, und darum geht es auch. Da treffen sich geflüchtete junge Menschen und sog. Biodeutsche und stellen fest, dass sie vieles gemeinsam haben. Dann wird der Garten zum Ort der interkulturellen Begegnung.

Was hat sich seit 2015 geändert?

Ich erinnere mich an ein Flipchart. Da stand: glaubt ihr, dass das Thema Flucht die Jugendarbeit verändern wird? Die Statements, die dann kamen, gingen in ganz verschiedene  Richtungen. Die einen sagten, das kennen wir schon und das flacht das wieder ab. Und die anderen sagten,

Das Thema Flucht wird die Jugendarbeit von Grund auf verändern.

Das Thema Flucht wird die Jugendarbeit von Grund auf verändern. Und es stimmt schon,  ich würde auch sagen ja und nein. Ich glaube, geflüchtete Menschen sind keine wahnsinnig neue Zielgruppe, sondern gehören zum Kernklientel. Jede/r, der oder die, in der Jugendarbeit tätig ist, bezieht sie mit ein. Das bedeutet, dass sich Jugendarbeit weiterentwickelt und geöffnet hat.

Was nimmst Du in diesem Themenfeld für Stimmungen wahr?

Ich nehme wahr, dass der eine oder die andere Angst hat vor Überfremdung, Parallelgesellschaften oder wie immer man das nennen mag. Da werden dann Vorwürfe ausgesprochen und vor allem vermeintlich homogene Menschengruppen  dafür verantwortlich gemacht . In diesem Zusammenhang taucht oft die Forderung nach Regeln und Werten auf. Aber es wird nicht näher definiert, was eigentlich damit gemeint ist.  Darin sehe ich eine der größten Herausforderungen unserer Gesellschaft.

Wir müssen  uns auf verbindende Werte einigen

Wir müssen uns auf verbindende Werte einigen und diese auch leben, trotz oder auch gerade wegen der Vielfalt in der und mit der wir alle leben.

 

Danke für Deine Zeit und das Interview!

Jan v.u.z. Egloffstein, Referent für Demografie, Bildung für nachhaltige Entwicklung und Ökologie im Bayerischen Jugendring hat uns noch es eine Vielzahl an Projekten mit Geflüchteten genannt. Einige sind schon auf unserer Karte , andere hier aufgelistet:

 

 

Durch den inneren Wald in die Klarheit

Die Jib (Jugendintegrationsbegleiter_innen) sind „Expert_innen in eigener Sache“. Weil sie wissen wie es sich anfühlt fremd zu sein und weil sie wissen wie man Brücken baut. Osama Albernawi lebt mit seinen Eltern und Geschwistern in Würzburg und studiert Physik.

Die eigenen Grenzen kennen

Unsere Werte bestimmen oft unsere persönlichen Grenzen. Meine Werte führen dazu, dass ich manche Grenzen ungern überschreite. Eine dieser Grenzen ist für mich, »Nein« zu sagen. Es geht mir einfach gegen den Strich, eine Bitte von einem Freund abzulehnen! Freunde sind immer füreinander da! Und somit überschreite ich meine Grenzen bzw. übersehe ich sie und vor allem übersehe ich meine Bedürfnisse. Es ist mir auch ein großes Anliegen, dass ich andere nicht enttäusche, obwohl ich weiß, dass mein »Nein« gar nicht immer als Enttäuschung betrachtet wird. Durch die Erfahrungen in der Summer School »JugendintegrationsbegleiterInnen« bin ich jetzt doch einbisschen anders geworden.

Ich habe durch unterschiedliche Erfahrungen das »Neinsagen« gelernt.

Ich habe durch unterschiedliche Erfahrungen das »Neinsagen« gelernt. Dort haben wir mit anderen an einem Projekt gearbeitet. Es war für mich sehr wichtig, dass unser Projekt genauso wird, wie es geplant war. Aber aus verschiedenen Gründen haben einige Teilnehmende ihre Aufgaben nicht fertiggestellt. Ich hatte deswegen Angst, dass das auf unser Projekt einen Einfluss hat. Ich wollte, dass wir das Projekt 1oo Prozent gut schaffen. Irgendwie habe ich die Verantwortung in meine Hände genommen und habe versucht, noch alles zu erledigen. Wir hatten nicht mehr so viel Zeit und ich war so gestresst und wütend, dass ich noch nicht mal wahrgenommen habe, dass eine unserer TrainerInnen, mir gesagt hat, dass das Projekt gut ist, wie es ist, und ich nicht mehr daran arbeiten soll.

Die Schönheit des Unvollendeten

Die Trainerin und ich sind am nächsten Tag in einem Wald in der Nähe spazieren gegangen, um ein bisschen darüber zu sprechen. Ich war ehrlich gesagt entsetzt zu hören, wie sie meine Wut und meinen Stress wahrgenommen hat. Im Gespräch ergab sich, dass Wut und Stress wohl ein Zeichen dafür sein können, dass ich meine persönlichen Grenzen überschreite bzw. nicht auf sie achte. Ich habe von ihr einen goldenen Tipp bekommen: »Lerne die Schönheit von Unvollendetem zu sehen! Die Welt bricht nicht zusammen, wenn du das eine oder das andere nicht perfekt gemacht hast – pass stattdessen auf dich und auf deine Grenzen auf«.

Klarheit ist hier in Deutschland ein großer Wert. Menschen kommunizieren ihre persönlichen Grenzen mittels Klarheit. Durch Klarheit zeige ich die Grenzen meiner Kraft, Zeit und meines Willens. Wenn ich meine eigenen Grenzen respektiere, kann das aber auch schiefgehen. Wenn eine Person für einen selbst eine wichtige Rolle spielt, gelingt es nicht immer einfach, Klartext zu reden, aber mit Wertschätzung und Vertrauen kann man damit zurechtkommen. Das hat mir diese Erfahrung beigebracht. Ich finde es jetzt viel leichter für mich, mit Menschen umzugehen, besonders nachdem ich gelernt habe, meine Wertschätzung, mein Vertrauen und Klarheit zu zeigen. Ich meine nicht, dass ich Grenzen setzen muss, an denen ich immer festhalte, um mein Leben besser zu führen, sondern dass sie anerkannt werden sollten. Durch Flexibilität im Umgang mit den Grenzen scheint das zu funktionieren!

Meine Werte sind tief in mir verwurzelt, wie die Bäume in diesem Wald.

Meine Werte sind tief in mir verwurzelt, wie die Bäume in diesem Wald. Es schadet doch nicht, dass man einen Spaziergang in sich macht, um die Bäume zu sehen und eigene Grenzen zu erforschen. Und so habe ich auch meinen inneren Wald kennengelernt.

Nutzt eure Macht!

Die Jib (Jugendintegrationsbegleiter_innen), Begleiter_innen und Berater_innen für die Jugendarbeit sind „Expert_innen in eigener Sache“. So wie Moheeb Maktabi. Er ist seit zwei Jahren in Deutschland und studiert Informatik in Würzburg.

Eigentlich wollte ich mit einem Studentenvisum nach Deutschland kommen, aber das ist abgelehnt worden. Deswegen musste ich nach Deutschland fliehen. Ich kann nicht verstehen, warum der Pass über die Chancen einer Person bestimmt.

Was ist anders hier?

Die Familienbeziehungen sind hier in Deutschland anders als in Syrien. Ich bin kein großer Familienfan, aber in Syrien sieht sich die Familie häufig, oft jede Woche. Man verbringt den ganzen Abend gemeinsam im Restaurant, raucht Shisha, wer Alkohol trinkt, trinkt Alkohol. Man verbringt den ganzen Abend gemeinsam. Das ist hier anders. Freunde in Syrien zu sein, bedeutet »brotherhood« (Brüderschaft). Bei uns gibt es keine Grenzen im Umgang unter Freunden.

Was können wir voneinander lernen?

Bei Fehlern der Mächtigen nicht zu schweigen! Und wenigstens zu versuchen aufzustehen und dagegen vorzugehen. Auch wenn es nicht klappt. Es wenigstens versuchen und nicht schweigen. Schweigen ist Gold – aber nicht in diesem Fall.

Nutzt eure Macht – ihr müsst etwas sagen und etwas bewegen,

Nutzt eure Macht – ihr müsst etwas sagen und etwas bewegen, um nicht die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Mein Rat an Menschen, die neu nach Deutschland kommen: Werft eure Stereotype über Bord. Gebt den Menschen und der Gesellschaft eine Chance. Ich hatte auch viele Vorurteile über Deutschland und die Deutschen. Und hier war ich überrascht. Die deutsche Gesellschaft ist eine geschlossene Gesellschaft, aber sie ist nicht abgeschlossen. Wer sich integrieren will, kann das schaffen. Hier in Würzburg fühle ich mich integriert. Die deutsche Gesellschaft hat kein Problem mit der Religion. Egal ob du Muslim bist oder Atheist – wie ich es bin –, du findest trotzdem deinen Platz in der Gesellschaft. Natürlich gibt es auch Menschen, die dich deswegen ablehnen, aber unter jungen Menschen, hier an der Universität, erlebe ich das überhaupt nicht. Und das sieht man auch an der Wahl. 87 Prozent haben nicht die AfD gewählt, sie betrachten Menschen als Menschen.

Maria Prahl, Prozessbegleiterin der Fortbildung und interkulturelle Trainerin hat die JIBs interviewt. Ihr Rückblick auf die Qualifizierung ist zuerst im SIETAR Journal für interkulturelle Perspektiven, 2, 2017, mondiale, erschienen. Zum Download des gesamten Artikels.