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Du bist mitanand

Schnell die Ukulele gestimmt, das Glitzertattoo angebracht und ab zum Mitanand Open Air. Denn das Mitanand will nicht nur mit Euch feiern, sondern auch gefeiert werden. Und dazu braucht es euch. Wir haben ein Line-Up mit verdammt guter Musik und einen Ort, an dem ihr Jugendarbeit leben könnt. Ob ihr zeigt, wie Jugendarbeit mit jungen Geflüchteten aussehen kann, einen Typo-Workshop anbieten oder mit eurer Jugendgruppe Bäume  einstricken wollt. Wir haben eure Bühne!

Ideen, Skizzen, einfach an Manina Ott: ott.manina@bjr.de oder 0151-27627735. Wir freuen uns und unterstützen euch!

 

 

© DITIB Jugend

Ein Bild sagt mehr…

Ein Schnappschuss hat immer etwas Flüchtiges, Spontanes. Oft fängt er einen sehr persönlichen Moment ein. Der DITIB Landesjugendverband Südbayern (zuständig für die Bezirke Oberbayern, Niederbayern und Schwaben) hat mit einem Fotowettbewerb zur Arbeit mit jungen Geflüchteten solche besonderen Momente gesammelt. Denn in vielen Gemeinden engagieren sich Jugendgruppen des Verbands regelmäßig für geflüchtete Jugendliche. Sie besuchen Wohnheime oder Erstaufnahmeeinrichtungen und verbringen dort Zeit mit den Altersgenossen. Sie spielen zusammen,  begehen während des Ramadans mit ihnen das abendliche Fastenbrechen und bringen gute Laune, Freude, Offenheit vorbei. Eigentlich keine große Sache, nichts, was man groß bewerben und dokumentieren würde. Oder? Doch! Das dachte sich der Landesverband Südbayern und rief dazu auf, genau diese Momente im Bild einzufangen.

32 Fotos von Jugendgruppen gingen daraufhin ein; die Gruppen, von denen die drei Siegerfotos stammen, wurden Ende Mai im Rahmen des großen Fastenbrechens der DITIB Südbayern geehrt. Am Fastenbrechen der Islamischen Religionsgemeinschaft DITIB Südbayern, dem Erwachsenenverband und der DITIB Jugend Bayern wurde im Beisein zahlreicher Gäste (Konsulare verschiedener Nationen, Politiker/-innen, Vertreter/-innen der Kirchen und weitere Ehrengäste)  die Flüchtlingsarbeit geehrt. Es waren neben 50 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen ca. 400 Gäste dabei.

So erhielt die Arbeit des Jugendverbands und das Engagement der Jugendgruppen erstmals auch eine größere Plattform:

© DITIB Jugend

Gewonnen hat die DITIB-Jugendgruppe in Waldkraiburg. Das Foto entstand bei einer Bayram-Aktion aus dem letzten Jahr.

Zweiter wurde die Jugendgruppe in Wolnzach. Das Foto entstand an einem Familienfest im Februar, zu dem explizit Flüchtlinge eingeladen wurden, die sich mit der „Mehrheitsgesellschaft“ am Ort austauschen konnten.

Dritter wurde eine Jugendgruppe aus Unterneukirchen. Das Bild entstand beim Besuch einer Aufnahmeeinrichtung.

Mitanand feiern und gemeinsam Haltung zeigen!

Es ist kompliziert, das war die Überschrift einer Themenwoche bei uns. Ganz unkompliziert und erfrischend geht es weiter mit dem  Mitanand Open Air des Bayerischen Jugendrings (BJR).

Der BJR feiert ein Festival, seid ihr dabei?

Mitanand heißt für uns:

  • Junge Geflüchtete sind ein selbstverständlicher Teil von Jugendarbeit und Gesellschaft.
  • Ja zur Integration und Nein zu Ausgrenzungen.
  • Danke sagen für die intensive und wertvolle Arbeit in den vergangenen Jahren, für alles, was in der Jugendarbeit neu entstanden ist.

Wann und Wo?

Wir feiern mit Euch am 9. September am Jugendhaus Karlsfelder See, Einlass 12:00 Uhr.
Alle weiteren Infos zum Line-Up und zum Programm: bitte hier entlang.

 

In einem Baumstamm öffnen sich zwei Schubladen, aus denen Tauben herausfliegen

Es ist kompliziert… Nachlese zur Themenwoche

Es war spannend, anregend und dann eigentlich doch gar nicht so kompliziert, was unsere Autorinnen und Autoren in der vergangenen Woche an Ideen, Gedanken und Analysen zur Jugendarbeit mit Geflüchteten zusammengetragen haben für dieses Blog. Vielen Dank nochmal für die spannenden, klugen und zum Teil sehr persönlichen Texte und Geschichten! Für alle, die noch einmal nachlesen möchten, gibt es jetzt die Themenwoche im Überblick.

Alles, was wir im Rahmen unserer Themenwoche „Es ist kompliziert…“ hier, auf Facebook und vimeo gepostet haben, nochmals zusammengefasst:

Drei Blüten vor blauem Himmel

Es bleibt kompliziert, na ja, zumindest komplex

…aber auch spannend. Und freudvoll. Und menschlich. Warum, wo und wie es herausfordernd sein kann, jungen Geflüchteten in der Jugendarbeit zu begegnen, darüber haben sich die Woche über viele Autoren und Autorinnen innerhalb und außerhalb des Bayerischen Jugendrings Gedanken gemacht. Wir wollten die einfachen Antworten auf komplexe Fragen auseinandernehmen, die überall kursieren. Denn sie hindern uns daran, die Menschen mit denen wir es zu tun haben, wirklich zu sehen und anzuerkennen.

Mut zur Komplexität

Vorderseite Leporello "Es ist kompliziert..."

Leporello zur Themenwoche „Es ist kompliziert…“ – Zu jedem der fünf Abschnitte gibt es einen Text auf der Rückseite

Wir wollten in dieser Woche Mut zur Komplexität zeigen und Mut machen, Komplexes nicht sofort zu vereinfachen, z.B. indem wir gedankliche Schubladen aufziehen. Oder indem wir uns selbst zurückziehen – auch vielleicht nur mental oder emotional. Mut, schwierige Situationen auszuhalten, Mut auch zum Scheitern. Wir haben dafür plädiert, genau hin zu schauen, nicht gleich zu bewerten, was wir beobachten und was uns bewegt. Vor allem dafür, junge Geflüchtete zuallererst als Menschen und nicht nur in ihrer Rolle als Flüchtlinge zu sehen, Raum für eine Begegnung auf Augenhöhe zu schaffen.  Beziehungen und Freundschaften aufzubauen, die jungen Geflüchteten Halt geben, Selbstbewusstsein, Zugehörigkeit.

In der Jugendarbeit haben wir ein starkes Fundament dafür, eine solche offene, zugewandte, menschliche Haltung einzunehmen. Grundwerte wie Gerechtigkeit, Partizipation, Vielfalt und Solidarität sind lebendig in der Jugendarbeit. Es schadet nichts, sich das ab und an wieder vor Augen zu führen. Und diese Haltung ganz bewusst mit Leben zu füllen.

Leporello zum Nachlesen und Weiterarbeiten

Unsere Themenwoche „Es ist kompliziert…“ auf diesem Blog geht heute zu Ende. Die Gedanken, Informationen und Anregungen, die wir für euch zusammengetragen haben, sind in einem Leporello zusammengefasst, das gratis im BJR-Web-Shop bestellt oder heruntergeladen werden kann. Für alle, die Lust bekommen haben, nachzulesen oder weiter zu arbeiten an und mit diesen Themen. Und vielleicht etwas zum Blühen zu bringen.

 

 

Den „Kulturschlüssel“ gibt es nicht

In meiner Arbeit und auch in vielen Gesprächen mit Freunden, Familie, engagierten Menschen begegnen mir viele Fragen und Aussagen, die mich immer wieder zum Nachdenken bringen.

Fragen nach dem Islam, nach Herkunft, nach Männer- und Frauenrollen, Aussagen zu missachteten Regeln, unterschiedlichen Werteverständnissen und schwierigen Erfahrungen mit „anderen“ Menschen mit Migrationshintergrund.[1] Zum Beispiel:

„Wie ist das denn jetzt mit den Frauen im Islam?

„Wie ist das denn jetzt mit den Frauen im Islam? Denn zu unseren Angeboten kommen keine Frauen, egal wie wir das mit der Ansprache machen.“ Oder: „Man muss halt was über die Kultur im Herkunftsland wissen. Da gibt‘s zu wenig Informationen. Das macht die Arbeit mit Flüchtlingen so kompliziert.“ Oder: „Die teilen nicht unsere Werte, das ist bei uns im Jugendzentrum ganz schwierig.“ „Seitdem wir mit Flüchtlingen arbeiten, ist es immer chaotisch. Naja, das müssen die halt noch lernen.“

Die meisten dieser Aussagen sind für mich nachvollziehbar. Sie sind nicht aus der Luft gegriffen, sondern basieren auf eigenen Erlebnissen. Und doch nagt in mir immer etwas, wenn mir solche Dinge gesagt werden. Denn sie haben alle etwas gemein: Es werden Schwierigkeiten und Probleme beschrieben, und als Erklärung für diese Schwierigkeiten wird angeführt, dass man mit Geflüchteten zu tun hat. Immer wieder werden Geflüchtete als eine Gruppe beschrieben. Homogen. Anders.

„Seitdem wir mit Flüchtlingen arbeiten, ist es immer chaotisch. Naja, das müssen die halt noch lernen.“

Und als Grund für die Andersartigkeit oder die Verständnisschwierigkeiten wird immer wieder das verbindende Merkmal „Flucht“ genannt. Auch das finde ich noch nachvollziehbar, verständlich, menschlich. Denn viele Fragen und Auseinandersetzungen treten bei der Arbeit mit jungen Geflüchteten zum ersten Mal auf. Zuvor hatte man vielleicht nicht viel mit praktizierenden Muslimen im Jugendverband zu tun. Vielleicht ist es auch neu, dass Deutsch als Verständigungssprache nicht automatisch funktioniert. Und vielleicht werden plötzlich Dinge nicht getan, die eigentlich selbstverständlich sind. Die einfache Antwort auf die Fragen, die das aufwirft, lautet dann eben: das liegt daran, dass es junge Menschen mit Fluchterfahrung sind.

Und genau das stört mich. Die einfache Antwort auf eine äußerst komplexe Situation. Und etwas daran stimmt nicht. Ich weiß, wie es ist, als Frau vor einer Gruppe zu stehen, und

wenn ein Mann etwas sagt, hören alle zu, bei mir dagegen nicht alle.

wenn ein Mann etwas sagt, hören alle zu, bei mir dagegen nicht alle. Ich kenne auch die Wut, die in mir aufsteigt, wenn ich mit einem geflüchteten Menschen über Werte wie Offenheit oder Gleichberechtigung (oder auch vermeintlich banale Dinge wie Strom sparen) diskutiere und wir da einfach keinen Konsens finden. Auch ich suche immer mal wieder nach dem „Kulturschlüssel“, der es mir ermöglicht zu verstehen, warum manche Dinge so schwierig sind, z.B. warum manche Jugendliche einfach nicht gemeinsam in einer Gruppe etwas unternehmen möchten. Und trotzdem wird es mir nicht wohler dabei, wenn ich mir das alles über die Kategorie „Flüchtling“ erkläre.

Seit dem Winter 2014 habe ich viele Menschen kennengelernt, die eine Fluchterfahrung haben, in ganz verschiedenen Kontexten. Aus ganz verschiedenen Ländern, mit ganz verschiedenen Geschichten. Viele von ihnen mochte ich. Manche konnte ich nicht ausstehen. Viele haben mich zum Lachen gebracht, manche zum Nachdenken, manche zum Wütend-Sein und manche zum Weinen.

All diese Dinge sind mir bewusst geworden, nicht weil ich mit Geflüchteten gearbeitet habe, sondern weil ich Menschen begegnet bin

Seitdem ich in diesem Themenbereich unterwegs bin, hat sich für mich persönlich viel verändert. Ich habe viel über mich selbst gelernt: wie wichtig mir Demokratie ist. Und Umweltschutz und Gleichberechtigung. Dinge, die ich vorher für nicht der Rede wert hielt, erscheinen mir plötzlich bemerkenswert. Und es lohnt sich, für sie einzustehen. Aber all diese Dinge sind mir bewusst geworden, nicht weil ich mit Geflüchteten gearbeitet habe, sondern weil ich Menschen begegnet bin.

Und auch deshalb reicht die Antwort „Geflüchtete“ nicht. Manchmal ist es anstrengend und kompliziert und herausfordernd und vielleicht sogar ätzend. Aber meistens ist es das nicht, weil mir da ein „Flüchtling“ gegenüber steht. Sondern, weil wir aus anderen sozialen Kontexten kommen, weil wir verschieden alt sind, verschiedene Dinge in unseren Familien für richtig gehalten wurden, weil wir nicht die gleiche Sprache sprechen, unterschiedliche Erwartungen aufeinander treffen, weil wir uns einfach nicht mögen, weil es gerade um Abgrenzung geht, weil mal wieder der Frust über die mangelnde Entscheidungsfreiheit zu groß ist, weil, weil, weil…

Jugendarbeit mit jungen Geflüchteten heißt auch immer „internationale Begegnung“

Was Geflüchtete verbindet, ist, dass sie alle ihre Heimat durch Zwang verlassen haben. Die Fluchterfahrung selbst ist dann wieder ganz verschieden. Und es gibt Erfahrungen, die machen in Deutschland nur geflüchtete Menschen bzw. Menschen im Asylverfahren: Unsicherheit über den Aufenthaltsstatus, Angst vor der Abschiebung, ein Verneinen von banalen Grundrechten, wie etwa wo man wohnen darf, was man essen möchte, Entzug von Selbstbestimmung etc. Das sind Dinge, die den Alltag massiv beeinflussen und dazu führen, dass manchmal Kommunikation und Beziehungsaufbau schwierig oder unmöglich wird.

Viele von den Schwierigkeiten, die wir in der Jugendarbeit mit Geflüchteten erleben, lassen sich aber auch über andere Argumente erklären: Jugendarbeit mit jungen Geflüchteten heißt auch immer „internationale Begegnung“ mit den üblichen Themen, die aus der internationalen Jugendarbeit bekannt sind. Hinzu kommt: Ich selbst gehe nicht ohne Vorprägungen in die Begegnung (ich bringe ja meine eigenen Vorstellungen von „dem Flüchtling“ mit), ich bringe also Vorstellungen und Erwartungen mit. Und wenn es um die vielbeschworenen Werte geht: Die sind immer im Aushandlungsprozess und verändern sich stetig. Ich habe z.B. nicht die gleichen Werte wie meine Eltern. Und ich habe auch nicht die gleichen Werte wie viele andere Mitbürger/-innen dieser Gesellschaft – egal, ob wir die gleiche Staatsangehörigkeit haben oder nicht.

Aus meiner Sicht ist es ist also zu kompliziert, als dass einfache Antworten dem Sachverhalt gerecht werden könnten. Zumindest für mich. Warum es mir aber so wichtig ist, darüber zu sprechen? Ganz einfach, wenn ich meinen Gegenüber erst mal als Menschen und nicht als „Flüchtling“ wahrnehme, dann schafft das Raum zum Begegnen auf Augenhöhe. Denn das ist, was uns zusammenbringt. Wenn ich von vornherein sage, das wird kompliziert, denn du bist ja ein Flüchtling, dann mache ich ihn oder sie zu etwas Anderem, Fremden. Und aus Fremden Freunde zu machen, ist ungleich schwieriger, als aus Menschen Freunde zu machen.

Manina Ott ist Projektkoordinatorin des BJR-Aktionsprogramms „Flüchtlinge werden Freunde“.

Mit Dirndl und Lederhosn ins Fettnäpfchen

Menschen in all ihrer Vielseitigkeit wahrnehmen, ist gar nicht so einfach. Neben Spass und Freude kann das genauso für Stress und Ärger sorgen. Juli Niklas, Referentin für Internationale Jugendarbeit und Schüleraustausch mit Mittel- und Osteuropa beim Bayerischen Jugendring hat täglich mit  unterschiedlichen Menschen zu tun. Heute beschreibt sie, was ihr so an Vorstellungen begegnet, die im Grund nichts, aber auch gar nichts mit Kultur oder Herkunft zu tun haben.

Aus bunt wird schwarz/weiß

Seit kurzem hat die Schillerschule eine Partnerschule in Tschechien.  Im nächsten Schuljahr soll die erste Begegnung stattfinden. Die tschechische Schule hat die bayerischen Schülerinnen und Schüler zu sich eingeladen, bevor im Jahr darauf ein Rückbesuch stattfinden soll. In einem Vorbereitungstreffen in der Schillerschule  wird der anstehende Besuch besprochen. Insbesondere der Beitrag zum geplanten „bunten Abend“ wird lange diskutiert. Das Beispiel ist frei erfunden, aber könnte auch in der Realität so stattfinden. Egal ob eine Jugendbegegnung oder ein Schüleraustausch geplant ist, schon in der Vorbereitung steigt die Vorfreude, aber auch die Aufregung.

In dem für diesen Artikel erfundenden Beispiel sagt Katja:

„Ich finde, wir sollten beim bunten Abend alle Dirndl und Lederhosen tragen. Das ist schließlich unsere Kultur.“

„Ich finde, wir sollten beim bunten Abend alle Dirndl und Lederhosen tragen. Das ist schließlich unsere Kultur.“ Max und Lea aus unserer fiktiven Austauschsgruppe nicken sofort begeistert – sie sehen mal wieder eine gute Gelegenheit, diese besonderen Kleidungsstücke zu tragen. Basti, Ayșe und Sophie sind dagegen – sie besitzen kein Dirndl und keine Lederhose.Und schon könnte sich eine Diskussion entspannen:

  • Was ist eigentlich „Kultur“?
  • Und warum gewinnen im Ausland (vermeintlich) landestypische Dinge einen so hohen Stellenwert?

Nehmen wir an, die Partnerschule ist die Božena-Němcová-Schule. Wie wird dort über den Austausch gesprochen? Aus dem Deutschbuch kennen die tschechischen Schülerinnen und Schüler die bayerische Tracht. Honza, ein tschechischer Schuler könnte also sagen, dass er Dirndl schon lange mal in echt sehen wollte, weil er einfach davon ausgeht, dass die „Deutschen“ so aussehen bzw. die Bajuwaren. Vielleicht rechnet die tschechische Gruppe sogar mit einer bayerischen Gruppe in Dirndl und Lederhose. Was würde es dann bedeuten, wenn die bayerische Gruppe tatsächlich Tracht trägt? Ist die Tracht also „Kultur“? Oder ist sie nicht vielmehr ein sich bestätigendes Stereotyp?

Menschen sind keine Kochrezepte

Im Idealfall findet vor jeder internationalen Begegnung eine gründliche Vorbereitung statt, in der beispielsweise das genannte Thema „Tracht“, aber auch andere Themen diskutiert werden und Diskussionsanreize geschaffen werden können, damit sich eine Auseinandersetzung mit dem Thema „Kultur“ nicht nur zufällig ergibt. Das Problematische an dem Begriff ist nämlich: Häufig werden mit den Begriffen „Kultur“ und „Mentalität“ eigenes Unverständnis oder Konfliktsituationen übergangen und so auf vereinfachte Erklärungsmuster zurückgegriffen. Die „Kultur“ der Anderen führe eben dazu, dass sie sich in bestimmten Situation in einer bestimmten Art und Weise verhalten würden – als könnten sie nicht frei über ihre Handlungsoptionen entscheiden. Kultur wird als unveränderliches und einzig verhaltensbestimmendes Merkmal angesehen und Konflikte werden schnell auf Kulturkonflikte reduziert, die mit mehr Wissen über die „Kultur“ des Anderen vermeidbar wären. Gerade so, als würde der Umgang mit Menschen wie ein Kochrezept funktionieren: Wenn ich eine Person aus X treffe, nehme ich 10 Gramm Harmonie, treffe ich dagegen eine Person aus Y, nehme ich 20 Gramm Unverbindlichkeit.

Im Sinne einer diversitätsbewussten Pädagogik wird „Kultur“ als soziale Praxis verstanden.

Kultur ist das was wir im täglichen Handeln machen

„Kultur“ ist dann weder Kunst, noch Hochkultur, noch das gegenseitige Vorführen von Folklore, sondern das, was wir im alltäglichen Handeln machen, dessen Akteur oder Subjekt wir selbst sind: Wir haben keine Kultur, sondern wir alle machen Kultur. Was uns als Individuen ausmacht, ist vielschichtig: Sozialisation, Persönlichkeitsbildung, Vorbilder, die uns prägen. Und die Entscheidung, gewohnte Handlungen zu wiederholen oder etwas Neues zu probieren.

Rückblick: Was Ausländerpädagogik und internationale Jugendarbeit miteinander zu tun haben

Sehen wir in den Anderen nicht das Individuum, sondern nur „Kultur“, ist die Gefahr groß, in einer „Ausländerpädagogik“ zu landen, die in den 1970-er Jahren aufkam. Nachdem verschiedene „Anwerbeabkommen“ die Bundesrepublik der 1960-er Jahre geprägt haben (seit 1956 kamen italienische, später auch spanische, griechische und türkische „Gastarbeiter“ in die BRD), fiel spätestens in den 70-er Jahren fiel auf, dass Migrantinnen und Migranten gar nicht nur zum Arbeiten nach Deutschland kamen, sondern auch zum Leben. Dass die Arbeitsmigrant_innen keine Roboter waren, sondern Menschen mit Familien, deren Kinder schulpflichtig sind. „Ausländerpädagogik“ war das Zauberwort der Stunde: Plötzlich saßen Kinder in den Schulklassen, die nicht in Deutschland sozialisiert wurden und die eine andere Muttersprache hatten. Irgendwie brauchte es „für die“ also eine spezielle Pädagogik – „Ausländerpädagogik“ eben.

Und weil Deutsche im Ausland auch Ausländer sind, wurde hier schnell ein Link gefunden zwischen „Ausländerpädagogik“ und Internationaler Jugendarbeit: Wenn deutsche Jugendliche im Ausland mit ausländischen Jugendlichen zu tun haben, hilft das ihnen, auch zurück in Deutschland besser mit den „Ausländern“ umzugehen.

Entdeckendes Lernen

Oft wird in der Vorbereitung auf eine Begegnung auf klassische Interkulturelle Trainings zurückgegriffen.  In diesen Trainings, die z.B. auch Manager*innen auf einen Auslandsaufenthalt vorbereiten sollen, geht es häufig nur darum: Dass andere Menschen anders ticken, wird anhand von ausschließlich Kultur erklärt. In entsprechenden Spielen und Übungen wird den Akteurinnen und Akteuren häufig jegliche Individualität abgesprochen. Das zeigt sich auch in den Auswertungsfragen, z.B. „In welcher Kultur möchtet Ihr lieber leben?“.

Impliziert wird hier, der Mensch könne nicht anders, als sich den „Regeln“ seiner Kultur anzupassen,

Impliziert wird hier, der Mensch könne nicht anders, als sich den „Regeln“ seiner Kultur anzupassen,die Kultur sei das einzige charakterbestimmende Merkmal. Die „Kulturen“ werden entsprechend auch als Regelwerk benannt.

Um Jugendliche für ein demokratisches und solidarisches Miteinander zu stärken – nicht nur im Jugendaustausch, sondern auch im Alltag – ist das der falsche Ansatz

Interkulturelles Lernen hat dann Erfolg, wenn es sich dabei um Entdeckendes Lernen durch Lernanregungen in einem non-formalen Umfeld handelt, was die klassische Situation in der Jugendverbandsarbeit oder generell außerschulischen Bildung ist.

Um in internationalen Begegnungen zu verhindern, einem essentialistischen Kulturverständnis und somit potenziell der Vorurteilsbildung Vorschub zu leisten, kann mit Jugendlichen verstärkt auf Übungen aus Antirassismustrainings oder Antidiskriminierungspädagogik zurückgegriffen werden. Die setzen nämlich genau an Vorurteilen, Normen, Machtverhältnissen und Diskriminierung an, statt Vorurteile zu bestärken.