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© BJR_Egloffstein

Im interkulturellen Schrebergarten

Drei Jahre Flüchtlinge werden Freunde, das sind drei Jahre Jugendarbeit mit Geflüchteten. Jahre, in denen das Thema Flucht und alles was damit zusammenhängt auch die Mitarbeiter_innen des Bayerischen Jugendrings (BJR) beschäftigt hat und weiter beschäftigen wird. Denn Menschen, die fliehen sind ein gesellschaftliches Thema, das somit auch die Jugendarbeit in ihrer Ganzheit betrifft.

Und genau das wollen wir zeigen,  indem wir mit  Menschen sprechen, die für zentrale Themen der bayerischen Jugendarbeit stehen. Zum Beispiel mit Jan, der den Themenkomplex Ökologie und Nachhaltigkeit im BJR vorwärts bringt.

Wo begegnet Dir das Themenfeld Flucht und Asyl?

In der Umweltbildung ist das Thema relativ früh aufgetaucht, spätestens als geflüchtete Menschen im Sommer 2015 bei uns in München am Bahnhof angekommen sind. Die sind dann als vermeintlich neue Zielgruppe in den Fokus der Jugendarbeit und auch der Umweltbildung geraten.

Vermeintlich, weil es ja überwiegend nur neue Menschen waren, die aber mit Methoden der Jugendarbeit gut zu erreichen sind.

Vermeintlich, weil es ja überwiegend nur neue Menschen waren, die aber mit Methoden der Jugendarbeit gut zu erreichen sind. Die Methoden funktionieren schließlich unabhängig von Fluchterfahrung, Herkunft und Sprache. Viel von dem, was in der Umweltbildung bisher funktioniert hat, hat dann auch mit der neuen Zielgruppe geklappt.

Was funktioniert gut in der Umweltbildung mit und für Geflüchtete?

Grundsätzlich ist es ein Nehmen und Geben. Wir sprechen vielmehr eine Einladung aus.  Naturspaziergänge, Kleingärtnerprojekte oder der Schulgarten, das sind nur ein paar der Beispiele, die es in der Jugendarbeit gibt. Fakt ist, über alle kommt man miteinander ins Gespräch, und darum geht es auch. Da treffen sich geflüchtete junge Menschen und sog. Biodeutsche und stellen fest, dass sie vieles gemeinsam haben. Dann wird der Garten zum Ort der interkulturellen Begegnung.

Was hat sich seit 2015 geändert?

Ich erinnere mich an ein Flipchart. Da stand: glaubt ihr, dass das Thema Flucht die Jugendarbeit verändern wird? Die Statements, die dann kamen, gingen in ganz verschiedene  Richtungen. Die einen sagten, das kennen wir schon und das flacht das wieder ab. Und die anderen sagten,

Das Thema Flucht wird die Jugendarbeit von Grund auf verändern.

Das Thema Flucht wird die Jugendarbeit von Grund auf verändern. Und es stimmt schon,  ich würde auch sagen ja und nein. Ich glaube, geflüchtete Menschen sind keine wahnsinnig neue Zielgruppe, sondern gehören zum Kernklientel. Jede/r, der oder die, in der Jugendarbeit tätig ist, bezieht sie mit ein. Das bedeutet, dass sich Jugendarbeit weiterentwickelt und geöffnet hat.

Was nimmst Du in diesem Themenfeld für Stimmungen wahr?

Ich nehme wahr, dass der eine oder die andere Angst hat vor Überfremdung, Parallelgesellschaften oder wie immer man das nennen mag. Da werden dann Vorwürfe ausgesprochen und vor allem vermeintlich homogene Menschengruppen  dafür verantwortlich gemacht . In diesem Zusammenhang taucht oft die Forderung nach Regeln und Werten auf. Aber es wird nicht näher definiert, was eigentlich damit gemeint ist.  Darin sehe ich eine der größten Herausforderungen unserer Gesellschaft.

Wir müssen  uns auf verbindende Werte einigen

Wir müssen uns auf verbindende Werte einigen und diese auch leben, trotz oder auch gerade wegen der Vielfalt in der und mit der wir alle leben.

 

Danke für Deine Zeit und das Interview!

Jan v.u.z. Egloffstein, Referent für Demografie, Bildung für nachhaltige Entwicklung und Ökologie im Bayerischen Jugendring hat uns noch es eine Vielzahl an Projekten mit Geflüchteten genannt. Einige sind schon auf unserer Karte , andere hier aufgelistet:

 

 

Durch den inneren Wald in die Klarheit

Die JIBS (Jugendintegrationsbegleiter_innen) sind „Expert_innen in eigener Sache“. Weil sie wissen wie es sich anfühlt fremd zu sein und weil sie wissen wie man Brücken baut. Osama Albernawi lebt mit seinen Eltern und Geschwistern in Würzburg und studiert Physik.

Die eigenen Grenzen kennen

Unsere Werte bestimmen oft unsere persönlichen Grenzen. Meine Werte führen dazu, dass ich manche Grenzen ungern überschreite. Eine dieser Grenzen ist für mich, »Nein« zu sagen. Es geht mir einfach gegen den Strich, eine Bitte von einem Freund abzulehnen! Freunde sind immer füreinander da! Und somit überschreite ich meine Grenzen bzw. übersehe ich sie und vor allem übersehe ich meine Bedürfnisse. Es ist mir auch ein großes Anliegen, dass ich andere nicht enttäusche, obwohl ich weiß, dass mein »Nein« gar nicht immer als Enttäuschung betrachtet wird. Durch die Erfahrungen in der Summer School »JugendintegrationsbegleiterInnen« bin ich jetzt doch einbisschen anders geworden.

Ich habe durch unterschiedliche Erfahrungen das »Neinsagen« gelernt.

Ich habe durch unterschiedliche Erfahrungen das »Neinsagen« gelernt. Dort haben wir mit anderen an einem Projekt gearbeitet. Es war für mich sehr wichtig, dass unser Projekt genauso wird, wie es geplant war. Aber aus verschiedenen Gründen haben einige Teilnehmende ihre Aufgaben nicht fertiggestellt. Ich hatte deswegen Angst, dass das auf unser Projekt einen Einfluss hat. Ich wollte, dass wir das Projekt 1oo Prozent gut schaffen. Irgendwie habe ich die Verantwortung in meine Hände genommen und habe versucht, noch alles zu erledigen. Wir hatten nicht mehr so viel Zeit und ich war so gestresst und wütend, dass ich noch nicht mal wahrgenommen habe, dass eine unserer TrainerInnen, mir gesagt hat, dass das Projekt gut ist, wie es ist, und ich nicht mehr daran arbeiten soll.

Die Schönheit des Unvollendeten

Die Trainerin und ich sind am nächsten Tag in einem Wald in der Nähe spazieren gegangen, um ein bisschen darüber zu sprechen. Ich war ehrlich gesagt entsetzt zu hören, wie sie meine Wut und meinen Stress wahrgenommen hat. Im Gespräch ergab sich, dass Wut und Stress wohl ein Zeichen dafür sein können, dass ich meine persönlichen Grenzen überschreite bzw. nicht auf sie achte. Ich habe von ihr einen goldenen Tipp bekommen: »Lerne die Schönheit von Unvollendetem zu sehen! Die Welt bricht nicht zusammen, wenn du das eine oder das andere nicht perfekt gemacht hast – pass stattdessen auf dich und auf deine Grenzen auf«.

Klarheit ist hier in Deutschland ein großer Wert. Menschen kommunizieren ihre persönlichen Grenzen mittels Klarheit. Durch Klarheit zeige ich die Grenzen meiner Kraft, Zeit und meines Willens. Wenn ich meine eigenen Grenzen respektiere, kann das aber auch schiefgehen. Wenn eine Person für einen selbst eine wichtige Rolle spielt, gelingt es nicht immer einfach, Klartext zu reden, aber mit Wertschätzung und Vertrauen kann man damit zurechtkommen. Das hat mir diese Erfahrung beigebracht. Ich finde es jetzt viel leichter für mich, mit Menschen umzugehen, besonders nachdem ich gelernt habe, meine Wertschätzung, mein Vertrauen und Klarheit zu zeigen. Ich meine nicht, dass ich Grenzen setzen muss, an denen ich immer festhalte, um mein Leben besser zu führen, sondern dass sie anerkannt werden sollten. Durch Flexibilität im Umgang mit den Grenzen scheint das zu funktionieren!

Meine Werte sind tief in mir verwurzelt, wie die Bäume in diesem Wald.

Meine Werte sind tief in mir verwurzelt, wie die Bäume in diesem Wald. Es schadet doch nicht, dass man einen Spaziergang in sich macht, um die Bäume zu sehen und eigene Grenzen zu erforschen. Und so habe ich auch meinen inneren Wald kennengelernt.

Nutzt eure Macht!

Die JIBS (Jugendintegrationsbegleiter_innen), Begleiter_innen und Berater_innen für die Jugendarbeit sind „Expert_innen in eigener Sache“. So wie Moheeb Maktabi. Er ist seit zwei Jahren in Deutschland und studiert Informatik in Würzburg.

Eigentlich wollte ich mit einem Studentenvisum nach Deutschland kommen, aber das ist abgelehnt worden. Deswegen musste ich nach Deutschland fliehen. Ich kann nicht verstehen, warum der Pass über die Chancen einer Person bestimmt.

Was ist anders hier?

Die Familienbeziehungen sind hier in Deutschland anders als in Syrien. Ich bin kein großer Familienfan, aber in Syrien sieht sich die Familie häufig, oft jede Woche. Man verbringt den ganzen Abend gemeinsam im Restaurant, raucht Shisha, wer Alkohol trinkt, trinkt Alkohol. Man verbringt den ganzen Abend gemeinsam. Das ist hier anders. Freunde in Syrien zu sein, bedeutet »brotherhood« (Brüderschaft). Bei uns gibt es keine Grenzen im Umgang unter Freunden.

Was können wir voneinander lernen?

Bei Fehlern der Mächtigen nicht zu schweigen! Und wenigstens zu versuchen aufzustehen und dagegen vorzugehen. Auch wenn es nicht klappt. Es wenigstens versuchen und nicht schweigen. Schweigen ist Gold – aber nicht in diesem Fall.

Nutzt eure Macht – ihr müsst etwas sagen und etwas bewegen,

Nutzt eure Macht – ihr müsst etwas sagen und etwas bewegen, um nicht die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Mein Rat an Menschen, die neu nach Deutschland kommen: Werft eure Stereotype über Bord. Gebt den Menschen und der Gesellschaft eine Chance. Ich hatte auch viele Vorurteile über Deutschland und die Deutschen. Und hier war ich überrascht. Die deutsche Gesellschaft ist eine geschlossene Gesellschaft, aber sie ist nicht abgeschlossen. Wer sich integrieren will, kann das schaffen. Hier in Würzburg fühle ich mich integriert. Die deutsche Gesellschaft hat kein Problem mit der Religion. Egal ob du Muslim bist oder Atheist – wie ich es bin –, du findest trotzdem deinen Platz in der Gesellschaft. Natürlich gibt es auch Menschen, die dich deswegen ablehnen, aber unter jungen Menschen, hier an der Universität, erlebe ich das überhaupt nicht. Und das sieht man auch an der Wahl. 87 Prozent haben nicht die AfD gewählt, sie betrachten Menschen als Menschen.

Maria Prahl, Prozessbegleiterin der Fortbildung und interkulturelle Trainerin hat die JIBs interviewt. Ihr Rückblick auf die Qualifizierung ist zuerst im SIETAR Journal für interkulturelle Perspektiven, 2, 2017, mondiale, erschienen. Zum Download des gesamten Artikels.

Ich vermisse den Frieden

Die JIBS (Jugendintegrationsbegleiter_innen),  Begleiter_innen und Berater_innen für die Jugendarbeit. Sie sind „Expert_innen in eigener Sache“.  So wie Basel Asideh. Hier erzählt er über seine Erfahrungen.

Als ich neu in Deutschland angekommen bin, hat sich die Kultur für mich wie ein Buch geöffnet. In jeder Lebensphase meiner Zeit hier konnte ich ein neues Kapitel dieses Buchs lesen und auch etwas Neues lernen. Bei jedem neuen Schritt, den ich gemacht habe, haben mich so viele tolle Menschen begleitet. Ich habe gelernt, wenn man offen ist, kommen genau die Menschen in dein Leben, die du in jenem Moment brauchst.

Mit wem arbeitest du am liebsten?

Ich liebe meine Arbeit und ich helfe Menschen gerne. Ich kann nicht sagen, ob ich mit Kindern, Jugendlichen oder älteren Menschen am liebsten arbeite. Ich kann mich einfach sehr gut mit anderen identifizieren unabhängig von Alter, Geschlecht, Religion oder Kultur. Wenn ich arbeite, gebe ich einfach viel Liebe; also Wertschätzung, Anerkennung und Leidenschaft. Das braucht aus meiner Sicht jeder.

Was können wir voneinander lernen?

Was mir in der deutschen Gesellschaft manchmal fehlt, ist die Spontanität. In Deutschland wird vieles geplant und man möchte alles perfekt machen. Da gibt es weniger Freiraum für neue Sachen, die vielleicht durch »Fehler« oder Spontanität entstehen würden. Als Konsequenz des Planens stehen viele ständig unter Stress. Somit kommt man weniger oder gar nicht dazu, das Leben oder die Arbeit zu genießen. Pünktlichkeit, Organisation, Struktur – das habe ich hier schätzen gelernt, aber man muss immer eine Balance finden. Einerseits bin ich froh, dass es diese Dinge hier gibt, aber es stört auch, wenn man oft in den Kalender schauen muss. Die deutsche Gesellschaft ist aber auch eine Gesellschaft, in der man sich beruflich wie persönlich sehr gut entwickeln kann. Hier in Deutschland habe ich gelernt, wie schön es ist, wenn es Regeln gibt und die Mehrheit sich daran hält. In meiner Heimat gibt es zwar Regeln, aber leider werden diese nicht immer respektiert.

Wir Menschen haben oft Angst vor dem, was wir nicht kennen

Wir Menschen haben oft Angst vor dem, was wir nicht kennen oder was neu für uns ist. Diese Angst spüre ich auch oft bei den Deutschen. Sie haben oft Angst vor den Kulturen der Zugewanderten. Diese Angst lässt mich manchmal spüren, dass sie nicht offen sind, etwas Neues von diesen Kulturen zu lernen und letztendlich von ihnen zu profitieren. In meiner Heimat habe ich oft erlebt, dass Menschen mit offenen Armen und Gastfreundschaft empfangen wurden. Wir zeigen ihnen gerne unser Land sowie unsere Kultur und unser Essen, ohne dabei Angst zu haben. Und am Ende sind wir begeistert davon, wenn sie uns über ihre Kultur erzählen und wie sie anders ist. Ich habe bemerkt, dass die Menschen hier viel weniger soziale Kontakte mit Freunden und der Familie haben als Menschen in Syrien. Das vermisse ich hier in Deutschland. Ich kann nicht verstehen, dass viele Deutsche nicht so viel Zeit haben.

In Syrien besucht man sich öfters und so ist man weniger einsam.

In Syrien besucht man sich öfters und so ist man weniger einsam. Das macht uns Menschen letztendlich aus. Wir sind soziale Wesen und wir brauchen die Unterstützung und die Liebe von unseren Liebsten. Wir brauchen diese Wärme, die durch die sozialen Kontakte mit unserer Familie und unseren Freunden entsteht.

Was vermisst du?

Ich vermisse Syrien ohne Krieg. Ich vermisse jeden, mit dem ich lachte oder weinte. Ich vermisse jeden Moment, in dem ich in Syrien gelebt habe. Ich vermisse den Frieden, den meine Heimat verloren hat.

Maria Prahl hat die Interviews geführt. Sie ist Prozessbegleiterin der Fortbildung und interkulturelle Trainerin hat die JIBs interviewt. Ihr Rückblick auf die Qualifizierung ist zuerst im SIETAR Journal für interkulturelle Perspektiven, 2, 2017, mondiale, erschienen. Zum Download des gesamten Artikels.

Wir sind was wir tun…

Die JIBS (Jugendintegrationsbegleiter_innen), das sind eure Begleiter_innen für die Jugendarbeit. Denn sie sind  „Expert_innen in eigener Sache“. Weil sie wissen wie es sich anfühlt fremd zu sein und weil sie wissen wie man Brücken baut. Mohamed Dweidary ist einer von ihnen. Er ist 25 Jahre alt, hat in Syrien Jura studiert und bereitet sich momentan auf sein Studium in Deutschland vor.

Mit wem arbeitest du am liebsten?

Am liebsten arbeite ich mit Menschen, die ebenfalls migriert sind. Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen können sie schneller und besser Verständnis für unsere Situation aufbauen.

Was können wir voneinander lernen?

Geduld! Alles braucht Zeit. Achtung vor Stereotypen!

Nicht alle Deutschen sind … , nicht alle Geflüchteten sind … .

Nicht alle Deutschen sind … , nicht alle Geflüchteten sind … . Es ist wichtig, andere Meinungen zu respektieren und zu akzeptieren. Und was religiöse Ansichten betrifft: Man sollte immer offen und verständnisvoll sein, damit wir uns nicht falsch verstehen. Ich mache die Dinge hier anders als in Syrien. Ich passe mich an die Situation an. An Deutschland schätze ich die Freiheit, den Respekt für Vielfalt und die soziale Unterstützung vom Staat.

Maria Prahl, Prozessbegleiterin der Fortbildung und interkulturelle Trainerin hat die JIBs interviewt. Ihr Rückblick auf die Qualifizierung ist zuerst im SIETAR Journal für interkulturelle Perspektiven, 2, 2017, mondiale, erschienen. Zum Download des gesamten Artikels.

© Foto | Osama Albernawi 2017

Brücken bauen und Grenzen auflösen

Die JIBS (Jugendintegrationsbegleiter_innen), das sind eure Begleiter_innen für die Jugendarbeit. Denn sie sind  „Expert_innen in eigener Sache“. Weil sie wissen wie es sich anfühlt fremd zu sein, oder besser als fremd wahrgenommen zu werden, und weil sie wissen wie man Brücken baut und wie sie ihre Expertise weitergeben können. Sie sind selbst migriert oder geflohen und haben im letzten Jahr die Summer School des Bayerischen Jugendrings besucht. Mit dabei war auch Maria Prahl, Prozessbegleiterin der Fortbildung und interkulturelle Trainerin. Ihr Rückblick auf die Qualifizierung ist zuerst im SIETAR Journal für interkulturelle Perspektiven, 2, 2017, mondiale, erschienen.

Der Weg zum/r Jugendintegrationsbegleiter_innen (jib)

In der Summer School »Jugendintegrationsbegleiter_innen« qualifiziert der Bayerische Jugendring in Zusammenarbeit mit dem Kreisjugendring München-Land und der Jugendbildungsstätte Unterfranken junge Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung zu Begleiter_innen für die Jugendarbeit. Die Fortbildung ist Teil des Aktionsprogramms »Flüchtlinge werden Freunde«. Zu wenige Menschen mit eigener Flucht- oder Migrationserfahrung nehmen bisher (in der Jugendarbeit) eine Vermittlerfunktion ein. Um diese Lücke zu schließen und das Potenzial von Expert_innen in eigener Sache zu nutzen, ist die Fortbildung konzipiert worden. Ziel ist, dass die Teilnehmenden eigene Ideen entwickeln und ihre Expertise in die Organisationen der Jugendarbeit einbringen. Die Ausschreibung wurde vor allem über die Projektpartner und deren Netzwerke beworben. In diesem Jahr kamen die 11 Teilnehmenden deswegen vor allem aus Würzburg und München.

© Foto | Osama Albernawi


Auch Maeva Nguimfo war unter den Teilnehmer_innen. Sie ist eine echte Powerfrau. Ihr Plan: im b-hof in Würzburg einen Afro Hip-Hop Workshop für Mädchen starten.

Das Programm

Wie kann nachhaltiger Lernerfolg im Seminar gesichert werden? Wie können Menschen mit Flucht- oder Migrationserfahrung dazu befähigt werden, Veränderungen in ihrem neuen gesellschaftlichen Umfeld und darüber hinaus anzustoßen? Wie müssen Bildungsformate konzipiert und gestaltet werden, um Motivation und die notwendigen Qualifikationen zur Partizipation zu vermitteln?

Wie geht Lernen auf Augenhöhe?

Wie kann der Lernprozess bedürfnisorientiert und auf Augenhöhe mit und nicht für die Teilnehmenden gestaltet werden?Die Antworten auf diese Fragen mündeten in ein Projekt, junge Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung zu BegleiterInnen für die Jugendarbeit auszubilden. Eines stand während der gesamten Ausbildung fest: Mit Kompetenzorientierung und Diversitätsbewusstsein ist Lernen grenzüberschreitend möglich.

© Foto | Osama Albernawi

Diskutieren, nachdenken, planen, auch das gehört zur Zukunftsplanung dazu. Mohammed Karssli und Nadia Damak im Gespräch mit Götz Kolle, der im Referat grenzenlos der Jugendbildungsstätte Unterfranken arbeitet.

 

Wie verstehen die JugendintegrationsbegleiterInnen
sich selbst?

  • Selbstbewusstsein bei Jugendlichen zu entwickeln und
    Leidenschaften zu wecken – das ist unser Ziel!
  • Wir helfen jungen MigrantInnen, sich in die Gesellschaft zu
    integrieren und so ihren Leidenschaften nachgehen zu können.
  • Wir verstehen ihre Denkweise und können
    mit unseren Erfahrungen helfen.
  • Wir vermitteln zwischen MigrantInnen, die Hilfe
    suchen, und Organisationen, die Hilfe anbieten.
  • Wir beraten Organisationen, welche Angebote
    hilfreich sein können.
  • Wir haben alle einen Migrationshintergrund
    und sind selbst junge Erwachsene.
  • Wir halten Vorträge und Workshops, beraten und begleiten.

 

Die Summer School 2018 fand in Zusammenarbeit mit dem Kreisjugendring München Land und der Jugendbildungsstätte Unterfranken statt. Zum Download des gesamten Artikels.

Über die Autorin:

Maria Prahl, M. A. Personalentwicklung, (Süd-)Osteuropäische Geschichte, Interkulturelle Kommunikation. Schwerpunkte: Interkulturelle Zusammenarbeit und Kommunikation in Teams, Diversitätsbewusstes Lernen und Lehren, Diversity Management und MultiplikatorInnen-Trainings (Train-the-Trainer). Mitarbeit und Mitherausgeberin bei Competendo.

Die Zukunft beginnt jetzt

Zwischenbilanz der Projektegion Niederbayern

Flüchtlinge werden Freunde, das Aktionsprogramm des Bayerischen Jugendrings wird im Jahr 2018 drei Jahre alt. Jahre, in denen sich die Jugendarbeit fit und stark für Geflüchtete gemacht. Zeit, in der Praxis ausprobiert, gewagt und sich etabliert hat. Besonders wichtig die Projektregionen, sie sind Knotenpunkte und Herzstücke der Jugendarbeit mit Geflüchteten. Sie sind dafür da, Wissen und Erfahrungen an die Jugendarbeit in Bayern weiterzugeben. Eine erste Zwischenbilanz hat jetzt die Projektregion Niederbayern gezogen. Hier sind der KJR Straubing-Bogen und die Kommunale Jugendarbeit Straubing aktiv. Richard Maier, kommunaler Jugendpflegegr fasst zusammen:

Worum gings?

Ziele waren die Qualifizierung der Fachkräfte in den Strukturen der Jugendarbeit sowie die Weiterbildung und Qualifizierung Ehrenamtlicher in den Jugendverbänden und Jugendringen für pädagogische Maßnahme mit und für junge Geflüchtete. Zudem ging es darum dezentrale Angebote zu schaffen und zu fördern. Folgende Angebote haben sich bewährt.

Bunt kickt besser

Ein super Beispiel für gelingende Integration ist das Projekt „Bunt kickt gut“. In der interkulturellen Straßenfußballliga kicken Kinder und Jugendliche.  Es gibt ein koninuerliches Ligasystem und an bis zu fünf Nachmittagen in der Woche und vielen Wochenenden finden auf verschiedenen Bezirks- und Schulsportanlagen Ligaspiele statt. Wichtigstes Credo: Es ist egal woher Du kommst, soziale und kulturelle Herkunft sollen keine Rolle spielen. Die Non-Profit-Organisation ist einzigartig in Europa und konnte mit Hilfe eines Straubinger Projekts auch in der Region Straubing-Bogen etabliert werden.  Wer regelmäßig dabei ist und die Werte von Toleranz und Fairness vorlebt, kann sich als sog. „Streetfootball-Worker“ weiterbilden.

Jugendliche sollen ihren Weg  gehen und Verantwortung  übernehmen.

So werden Jugendliche ermutigt, ihren Weg zu gehen und Verantwortung nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere zu übernehmen.

Zeichen setzen, argumentieren, weiterlernen

Theater, Filme und Workshops über Flucht, Integration, Religion, das ist nur eine Auswahl der Angebote für Schüler und Schülerinnen der Aktion „Zeichen setzen“. Im Rahmen eines P-Seminars engagierten sich Schülerinnen und Schüler in sogenannten „Übergangsklassen“ [Die Übergangsklasse ist eine Klasse für Kinder und Jugendliche, die neu in Deutschland sind und nicht genug Deutsch sprechen, um dem Unterricht in einer Regelklasse folgen zu können; Anmerkung der Redaktion] und führten dort regelmäßig Sportangebote durch. Höhepunkt war ein Sporttreff unter dem Motto „Miteinander Sport erleben“ mit rund 80 Teilnehmenden. Zudem gab es Vernetzungstreffen mit dem „Fachforum Jugendarbeit“ und mit dem Bündnis „Wir sind Bunt“ in Straubing. Seminare, Kurse und Infoabende über interkulturelle Trainings, Hate Speech, Antirassismustraining, Argumentationstraining gg. Stammtischparolen oder Aufklärung über den Islam ergänzten die Maßnahmen.

Das gute Leben für alle

Die „Zukunftswerkstatt“ für Ehrenamtliche in der Jugendarbeit in Zusammenarbeit mit der Jugendbildungsstätte Windberg war ein sehr aufwändiges Projekt. Jeder Ehrenamtliche war für eine/n jungen Geflüchteten Ansprechpartner_in. Hier konnten sich die Jugendlichen ein ganzes Wochenende über ihre Leben austauschen. Zum Beispiel darüber was es heißt, „einheimischen“  gegenüber „fremd“ zu sein und wie ihr eigenes Ideal des Zusammenlebens aussieht. Etwa

ein gutes Leben für alle jungen Menschen in Straubing-Bogen und drumherum.

Etwa ein gutes Leben für alle jungen Menschen in Straubing-Bogen und drumherum.

Im Rahmen der Jugendleitertankstelle wurde ein interkulturelles Training für Ehrenamtliche angeboten. Dieses Training mündete in einen Textbaustein, der auch den örtlichen Jugendverbänden zur Verfügung steht.

Bildunterschrift X-Pert-Fortbildung: Die Teilnehmer_innen nach erfolgreicher 5-teiliger Ausbildung der Xpert-Seminarreihe in Windberg.

Erfolgreiche Xpert-Ausbildungsreihe
In den letzten 18 Monaten konnten  fast 50 Teilnehmer_innen im Xpert-Basic, 24 TeilnehmerInnen im Professional und nun auch 11 TeilnehmerInnen im Xpert-Master fortgebildet werden. Hier geht es um grundlegende und weitergehende interkulturelle Kompetenzen. Damit wurde hohe Trainerkompetenz in den Landkreis Straubing-Bogen geholt.

Ausstellung „Asyl ist Menschenrecht“ von Pro Asyl

Zum zweiten Mal konnte die Ausstellung  „Asyl ist Menschenrecht – 2. Auflage“ von PRO ASYL in die Region geholt. Die überarbeitete und aktualisierte Ausstellung enthält 37 Einzelplakate und stellt ein umfassendes Informationsangebot zum Thema Flucht und Asyl dar. Hauptpunkte der Ausstellung sind die Themen Heimat, aktuelle Zahlen und Fakten, Asylrecht, die Lage in Syrien/Irak, Fluchtgründe, Europas Außengrenzen, der Weg über den Balkan,  Flüchtlingslager, Europäische Flüchtlingspolitik oder Flüchtlinge in Deutschland seit 2015. Insgesamt haben bereits sieben Schulen die Ausstellung in ihren Räumlichkeiten gezeigt. Die Ausstellung kann kostenlos beim KJR Straubing-Bogen ausgeliehen werden.

Christoph Karl vom Anton-Bruckner-Gymnasium (3. von rechts) hat die Ausstellung bereits zum zweiten Mal in die Räume des Gymnasiums geholt. Bei der Eröffnung informierte Hasso von Winning (4. von rechts) als Sprecher des Bündnisses „Wir sind Bunt“ über das Thema junge Geflüchtete in der Region und anschließend führte Kreisjugendpfleger Richard Maier (7. von rechts) die Schülerinnen und Schüler durch die Ausstellung.

 

 

 

 

 

© Foto | Michaela Morosini

Rap & Lederhosen: die Refugee Rap Squad

Sie waren die Ersten auf der Bühne des Mitanand Open Airs. Die vier Jungs rappen auf Deutsch, Englisch, Wolof (Senegalesisch) und Französisch. In ihren Texten sprechen sie über das Warten auf Asyl, ihre Fluchterfahrung und ihre neue bayerischer Heimat. Die juna # 4.17 hat sich mit dem Thema Freiheit beschäftigt und die Refugee Rap Squad um ein Interview gebeten.

Yaser, Ousmane (Laouzz), Timo und Bakr (DJ Baxter) sind ein Kollektiv geflüchteter Jugendlicher, die gerne Musik machen, und bilden zusammen das Refugee Rap Squad. Gerade haben die vier ihr erstes offizielles Musikvideo „Chill – kein Asyl“ veröffentlicht. Die Lederhosen und die Almlandschaft darin sollen auch symbolisieren, wie sehr sich die geflüchteten Freunde in ihrer neuen Heimat schon integriert fühlen. Und alles dafür tun, um in Deutschland bleiben zu dürfen –denn manchen von ihnen droht die Abschiebung.

Yaser, Ousmane, Timo und Bakr, wie habt ihr euch kennengelernt?
TIMO: Das war vor etwa drei Jahren bei einem Hip-Hop-Workshop an der Berufsschule in Kelheim, also Bakr, Ousmane und ich. Yaser kenne ich auch
ungefähr so lange aus München. Dort haben wir schon vorher zusammen Raptexte geschrieben.

Wie ging es dann weiter?
OUSMANE: Vor gut einem Jahr haben wir uns entschlossen, eine Rapcrew zu gründen, um zusammen live auf der Bühne zu stehen. Das Refugee Rap Squad. Seitdem schreiben wir zusammen Texte und versuchen, meist alle in jedem Lied mitzurappen. Das ist aber kein Muss. Beim Wu-Tang Clan rappen auch nicht immer alle mit.

Was bedeutet die Band für euch?
YASER: Wir sind wie eine Familie.

Wir sind wie eine Familie.

Wenn wir zusammen unterwegs sind, denken wir nicht an unseren Bleibestatus und unsere Ausbildungs- und Arbeitssituation. Dann genießen wir es, hier in Deutschland zu sein.

© Foto | Michaela Morosini

Über welche Themen rappt ihr?
OUSMANE: Wir rappen zum einen über unseren Aufenthaltsstatus, aber auch über Themen wie Freundschaft und Liebe. Gerne beschäftigen wir uns in unseren Texten mit Alltäglichem aus unserem neuen
Leben hier.

Wir haben alle heftige Dinge erlebt und wollen diese Erlebnisse einfach ins Positive umkehren.

Wir haben alle heftige Dinge erlebt und wollen diese Erlebnisse einfach ins Positive umkehren.

Und in welchen Sprachen rappt ihr?
TIMO: Ich und Yaser rappen auf Dari, das ist eine Varietät des Neupersischen in Afghanistan, und auf Deutsch und Englisch. Ousmane rappt in Wolof, seiner senegalesischen Muttersprache, und auf Englisch, Französisch und Deutsch. Und manchmal ist bei uns auch ein bisschen Bayrisch mit drin.

Jetzt ist euer erstes Musikvideo zu „Chill – kein Asyl“ erschienen. Das war euer erster gemeinsamer Song. Worum geht es darin?
BAKR: Die wichtigste Botschaft liegt in der prägnanten Hookline, also dem Refrain: „Chill, ich hab’ Stress – kein Asyl!“ In den drei Strophen erzählen
wir vor allem, was wir den ganzen Tag machen und was uns beschäftigt. Wir rappen über unsere Flucht, die ungewisse Zukunft und wie die Musik uns unsere Probleme zumindest für einen kurzen Moment vergessen lässt.

Was wollt ihr mit dem Song bei den Leuten erreichen?
TIMO: Mit unserem ersten Video wollen wir vor allem Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erregen.

Wir wollen den Leuten ans Herz legen, sich mal vorzustellen, wie es ist, wenn der eigene Aufenthaltsstatus unsicher ist und man vielleicht bald in ein Kriegsgebiet abgeschoben wird.

„Wir wollen den Leuten ans Herz legen, sich mal vorzustellen, wie es ist, wenn der eigene Aufenthaltsstatus unsicher ist und man vielleicht bald in ein Kriegsgebiet abgeschoben wird. In Afghanistan ist erst vor ein paar Wochen die „Mother of all Bombs“ abgeworfen worden, die größte Bombe nach der Atombombe. Da herrscht ganz bestimmt kein Frieden. Egal was für ein Problem der Durchschnittsdeutsche oder -europäer hat, unsere Probleme sind so anders, ernst und omnipräsent, dass wir sagen können: Chill, ich hab’ Stress – kein Asyl! Und du hast nicht wirklich Stress in einem der besten Sozialsysteme der Welt.

du hast nicht wirklich Stress in einem der besten Sozialsysteme
der Welt.

Wann seid ihr nach Deutschland gekommen?
TIMO: Ousmane, Bakr und ich sind vor gut drei Jahren als unbegleitete Jugendliche gekommen. Ousmane übers Mittelmeer, Bakr über Griechenland und ich bin über Ungarn geflohen.
YASER: Und ich bin schon vor sieben Jahren mit meinen Eltern geflohen und seither mit ihnen hier.

Wie ist euer Aufenthaltsstatus?
BAKR: Meine Familie ist vor Kurzem aus Griechenland nachgekommen, nach drei Jahren. Davor war ich mit meinem Bruder allein in Deutschland. Ousmanes Duldung ist vor Kurzem aufgehoben worden und ihm drohte die Abschiebung, jetzt ist sie aber wieder in Kraft. Er besitzt leider keine Arbeitserlaubnis.

Timo war im September zur Asyl-Anhörung im BAMF und wartet auf seinen Bescheid.

Timo war im September zur Asyl-Anhörung im BAMF und wartet auf seinen Bescheid. Und Yaser und seine Familie haben einen Aufenthaltstitel.

Die juna ist die Zeitschrift des Bayerischen Jugendrings. Sie erscheint viermal jährlich und beleuchtet in jeder Ausgabe ein Fokus-Thema. Ergänzt wird dieser Schwerpunkt durch Praxisbeispiele aus der Jugendarbeit.

Endlich vernünftig Reis kochen

Jungen Geflüchteten auf Augenhöhe begegnen, das will zusammenWachsen, eine Münchner Jugendinitiative, die seit Juni 2016 auch Mitglied im Kreisjugendring München-Stadt ist. Thomas Steingasser, Vorsitzender der Gruppe, war auch auf dem Podium beim Festakt des Bayerischen Jugendrings anlässlich seiner 70-jährigen Bestehens und hat sich für die Anliegen seiner Freunde und Freundinnen stark gemacht. Denn das ist der Ansatz von zusammenWachsen: zuerst kommt die Freundschaft – und nicht der belehrende Blick von oben herab. Ob das klappt und was man so alles dabei lernen kann, darüber haben wir uns mit Thomas unterhalten.

Was macht euch und eure Arbeit aus?

Dass wir sehr niederschwellig arbeiten und mit den Leuten wirklich auf Augenhöhe umgehen. Wir betrachten uns nicht als die klugen deutschen Helfer, die den armen kleinen Flüchtlingen helfen. Sondern: Wir sind junge Menschen und sie sind junge Menschen, die halt eine andere Biografie haben. Das heißt ja nicht, dass sie weniger auf die Reihe kriegen als wir.

Wir betrachten Geflüchtete einfach als Freunde, die nicht in Deutschland geboren wurden

Und deswegen betrachten wir sie einfach als Freunde, die halt nicht in Deutschland geboren wurden. So funktioniert schließlich Integration, wenn jemand ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft werden soll und somit einer von uns. Deswegen haben wir auch in der kompletten Organisation Geflüchtete mit drin. Aber eben nicht in ihrer Rolle als Geflüchtete, sondern aufgrund ihrer Fähigkeiten, also eben z.B auch im Vorstand.

Das ist ein ganz schön hoher Anspruch, wie bekommt ihr das hin?

Einfach mit dieser Einstellung. Wir sind alle ehrenamtlich unterwegs, von 18 Jahren bis Anfang 20.  Keiner von uns hat einen sozialpädagogischen Background, wir sind einfach junge Leute. Wir können auch nichts Anderes, als mit denen freundschaftlich umzugehen. Das verbindet uns einfach. Wir haben eben nicht den Anspruch, etwas zu unterichten oder zu helfen, weil wir das auch nicht können.

© zusammenWachsen e.V.

Warum braucht es zusammenWachsen?

Weil es zwar viele Konzepte gibt Integration voranzutreiben, aber sehr vieles davon schafft eben nur Rahmenbedingungen. Da wird Deutsch beigebracht, eine Wohnung organisiert, ein Job gefunden, aber das ist ja noch keine Integration. Es geht darum, ein Teil der Gesellschaft zu werden und Eigenverantwortung zu übernehmen, selbstständig agieren zu können. Eben Freunde finden, ein Netzwerk aufbauen, einfach dazugehören. Und das ist genau das, was wir machen.

Es wird Deutsch beigebracht, eine Wohnung organisiert, ein Job gefunden, aber das ist ja noch keine Integration. Es geht darum, ein Teil der Gesellschaft zu werden

Kommst Du aus der Jugendarbeit?

Gar nicht, das ist das erste Jugendarbeitsding, das ich mache. Das ist bei den meisten von uns so, dass wir nicht diesen Hintergrund haben, es würde auch nicht zu unserem Ansatz passen. Wir sehen uns auch gar nicht als klassische Jugendarbeit, weil wir eben nicht helfen und beraten. Wir sind einfach Freunde.

Obergrenze ja oder nein?

Also das ganze Ding mit dieser Obergrenze, wenn man da mal drüber nachdenkt: Die ganze Diskussion basiert ja auf dem Gedanken, dass Leute zu uns kommen, vor allem junge Leute, und dass die erstmal grundsätzlich eine Belastung für uns, unsere kultur oder was auch immer darstellen. Aber das ist viel zu pauschal. Die allermeisten sind motivieren, sie wollen arbeiten und leben wie wir. Aber man muss halt erst mal investieren. Ich habe dem Staat auch noch nicht soviel gebracht und dennoch gibt es keine Obergrenze für Studenten. Bei vielen Geflüchteten, die ich kennengelernt habe, ist die Motivation einfach größer. Ich würde nicht um fünf Uhr früh aufstehen, um den ganzen Tag Heizungen zu montieren. Ein Freund von mir macht das mit Leidenschaft.

Wie viele seid ihr? Und wie viele Geflüchtete?

Unser Ziel ist, dass sich die Leute finden und Freundschaften knüpfen, eben dass es uns irgendwann nicht mehr braucht. Wir wollen eben gerade nicht, dass die Leute auf Dauer an uns gebunden sind, wir wollen normale Freundschaften möglich machen und die funktionieren ja normalerweise auch ohne Rahmen. Der Rahmen dient dazu, dass die Leute sich einbringen, dass sie sich kennenlernen und vielleicht auch ein bisschen Begleitung und Unterstützung erhalten.

Wir wollen gerade nicht, dass die Leute auf Dauer an uns gebunden sind, wir wollen normale Freundschaften möglich machen

Aber sehr, sehr viel passiert aufgrund von Eigeninitiative. Gerade aktiv in München haben wir 30 bis 40 Geflüchtete und ungefähr so viele „Deutsche“, tendenziell etwas mehr. Also insgesamt sind wir so 120, 130 Leute. In Berlin nochmal etwa 30 Menschen mehr.

Seid ihr auch auf dem Land aktiv?

Also es ist zum Einen so, dass wir auf dem Land weniger benötigt werden. Da gibt es ja schon starke Netzwerke. Da gehst du in den Fußballverein und bist dabei oder gehst zur Freiwilligen Feuerwehr und bist super integriert. Zum Anderen arbeiten wir eben so, dass wir Leute unterstützen, die selbst etwas machen wollen. Jede Gruppe macht, worauf sie Lust hat und solange das passt, unterstützen wir da. Dass heißt, wir brauchen erst mal Leute vor Ort. Also, wenn jetzt jemand dieses Interview liest und feststellt, bei mir im Landkreis da braucht es das, dann gerne eine E-Mail an uns schreiben, dann finden wir eine Lösung, wie wir das unterstützen. Wir versuchen auch diese sozialen Bubbles zu zerstören. Als ich nach München gekommen bin, bin ich auch erstmal nur mit anderen Studenten abgehangen.

Wie kommuniziert ihr denn?

Wir sprechen alle Deutsch, ausschließlich Deutsch.

Heißt das, ihr habt mehr besser gebildete Leute bei Euch?

Nein, denn auch wenn man nicht studiert, muss man ja Deutsch lernen. Und wenn man Fußball spielt, grillt usw., dann reichen auch wenig Sprachkenntnisse. Die Sprache kommt ja mit der Zeit, dadurch, dass man deutsche Freunde hat, und die meisten, mit denen wir arbeiten, sind eben auch schon eine Weile hier. Und wenn nicht, dann lernen sie es halt. Jede Gruppe organisiert sich bei uns komplett selber. In der Regel nutzen wir Whats-App-Gruppen, und wenn man eine Idee hat, schreibt man die halt hinein, und dann ergibt sich etwas oder nicht.

Was macht ihr so, kannst Du ein paar Beispiele nennen?

Wir hatten mal eine Gruppe in Giesing, die jetzt den Punkt erreicht hat, dass es uns nicht mehr braucht. Die waren alle zwei Wochen bowlen. Eine anderer Freund von mir kann supergut kochen und sein Mitbewohner ist ein Meister in der Zubereitung von Shishas. Wir sitzen bei dem in der Wohnung rauchen Shisha und reden einfach, tauschen uns aus.

© zusammenWachsen e.V.

Miteinander reden statt übereinander reden, wie geht das?

Das geht, weil wir nicht die Haltung haben, wir Deutsche machen was für die armen Geflüchteten, sondern wenn wir etwas planen, setzen wir uns zusammen und fragen uns, was wollen wir, was können wir machen? Dann kommen fünf Vorschläge von ihm, drei von mir und dann finden wir eben gemeinsam was. Es ist einfach eine Einstellungssache. Wir profitieren alle gleichermaßen von der ganzen Sache. Und die Entwicklung geht dahin, dass diese Trennung in Geflüchtete und Nicht-Geflüchtete immer weiter verwischt, weil wir doch auch ein paar Leute dabei haben, die nicht geflohen sind, sondern zum Beispiel zum Studieren nach Deutschland gekommen sind, und weil wir einfach alle immer weiter zusammenwachsen.

Ich selber habe wahrscheinlich mehr gelernt, als ich beigebracht habe

Haufenweise Erstis (für Erstsemester, Anm. d. Red.) sind mit dabei, und bei unseren Treffen gibt es wirklich eine offene Atmosphäre, es sind auch Geflüchtete mit dabei, gleichberechtigt, aber eben auch andere Leute. Ich selber habe wahrscheinlich mehr gelernt, als ich beigebracht habe.

Was hat Dir persönlich die Arbeit mit zusammenWachsen gebracht?

Ganz, ganz viel. Also da sind solche Trivialitäten dabei wie: ich kann jetzt vernünftig Reis kochen, also auch mit Gewürzen und so. Da kann man nämlich eine Menge falsch machen. Oder andere Sachen, ich gehe mit einem Afghanen immer ins Fitnessstudio, weil er entschieden hat, machst du mit mir Mathe, helfe ich dir bei Fitness, deswegen werde ich jetzt trainiert. Und dann natürlich auf einer emotionalen Ebene: Wenn man hier in Deutschland aufwächst, dann haben alle Freunde einen ähnlichen Background, Kindergarten, Grundschule, Abitur, oder auf Umwegen Abi, vielleicht mal ein Jahr irgendwo im Ausland gewesen, zurückgekommen, studiert, ein paar haben dann noch eine Ausbildung gemacht und das ist dann schon krass exotisch. Dadurch haben wir alle einen recht ähnlichen Blick auf die Welt. Und sich einfach mal mit Leuten auszutauschen, die nicht diesen Backround haben, ist wahnsinnig spannend.

Ich habe angefangen, meine Denkweisen zu hinterfragen. Und in einer Freundschaft ist so ein Hinterfragen mit viel mehr Ernsthaftigkeit verbunden

Auch, wenn man dann vielleicht nur feststellt, die haben ja die gleichen Werte wie wir. Vielleicht mit anderen Schwerpunkten, aber die Grundvorstellungen vom menschlichen Zusammenleben sind oft gleich. Sowohl zu sehen, dass man einfach Sachen gemeinsam hat, egal wie man aufgewachsen ist, als auch, dass es Dinge gibt, die Menschen unterschiedlich angehen. Davon habe ich sehr profitiert. Dadurch habe ich auch angefangen, eigene Denkweisen zu hinterfragen.
Und in einer Freundschaft ist so ein Hinterfragen mit viel mehr Ernsthaftigkeit verbunden, man hört einfach mehr. Zum Beispiel bei so einfachen Fragen wie: Thomas, warum hast du eine Couch? Du kannst auch auf dem Teppich sitzen, das ist viel besser für deinen Rücken. Jetzt sitze ich zum Lernen halt auch ab und zu mal auf dem Teppich.

Hast du noch einen Tipp für alle, die sich überlegen, ähnlich aktiv zu werden?

Sie können gerne bei uns aktiv werden, wir haben noch Kapazitäten. Wir haben viele Anfragen von Geflüchteten und brauchen Deutsche. Es geht uns einfach darum, noch mehr Menschen miteinander in Kontakt zu bringen. Oft bilden sich ja Grüppchen unter Geflüchteten, dann gehen die Afghanen gemeinsam in die Berufsschule, unterhalten sich in der Pause und machen abends was zusammen, einfach weil sie sonst keine Möglichkeit haben Leute kennenzulernen. Die allermeisten wollen genau das durchbrechen und das geht eben nur beidseitig. Deswegen freuen wir uns über Leute, die Lust haben etwas zu unternehmen.

© VCP

Mit Gemüse gegen Rechtspopulismus

Brokkoli, Aubergine und Kartoffel im Kampf gegen rechtspopulistisches Gedankengut – das gibt es in der Broschüre zur Kampagne „Auf die Plätze gegen Hetze“ des Verbandes Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder – VCP.

Entstanden ist das kleine Heftchen auf Grundlage des Beschlusses  „Auf gute Nachbarschaft“ der 46. Bundesversammlung, mit dem sich der VCP bewusst gegen jede Form von Diskriminierung und Rechtspopulismus stellt und dazu aufruft, aktiv, lautstark und friedlich Position gegen diesen gesellschaftlichen Trend zu beziehen.

Die „Deutsche Pfadikartoffel“ verkörpert dabei als Maskottchen wie kein anderes Gemüse das stereotype Bild von Deutschen im Ausland – dabei kommt sie selbst ursprünglich aus Südamerika. Sie bringt durch ihre Nachfragen die Leser_innen  sowohl zum Nachdenken als auch zum Schmunzeln und entlarvt rechtsextremistische Ideologien als Vorstellungen von Ungleichheit und Diskriminierung und rechtspopulistische Strategien als Hetze.

Mehr zur Geschichte dieser Kampagne wird hier erzählt.