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Die eigenen Privilegien checken

Wer sich mit Jugendarbeit mit Geflüchteten auseinandersetzt, muss sich auch mit Rassismus beschäftigen. Anke Zimmermann, Projektmitarbeiterin von Flüchtlinge werden Freunde und Fachfrau im Bayerischen Jugendring für Bildungskonzepte gegen Rassismus und Diskriminierungen mit Schwerpunkt auf Flucht, gibt im Folgenden einen Einblick, warum es unerlässlich ist, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen, wenn man im Themenfeld Flucht unterwegs ist.

Anstieg von Feindseligkeiten

Anfeindungen gegenüber geflüchteten Menschen haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Auch Musliminnen und Muslime, Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma sehen sich häufig mit Hass oder gar Gewalt konfrontiert. Besonders auffällig ist derzeit im Diskurs zum Thema Flucht der antimuslimische Rassismus. Rassismus war und ist kein Randphänomen der Gesellschaft und ist auch alles andere als „ein Problem der Jugend“. Allerdings kann gerade die Jugendarbeit Lösungsansätze und -strategien aufzeigen, die übertragbar sind. Die Angebote der Jugendarbeit sprechen viele Menschen mit Flucht- oder Migrationserfahrung an, für die es anderweitig kaum Beteiligungsmöglichkeiten gibt. In der Jugendarbeit erfahren diese Menschen, dass ihre Meinung zählt, dass sie ganz selbstverständlich dazugehören, mitgestalten dürfen – ein klarer Kontrapunkt zur Ungleichbehandlung, Abwertung und Perspektivlosigkeit in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Rassismuskritische Jugendarbeit

Gerade deshalb sind rassismuskritische Jugendarbeit und fortwährende Sensibilisierung für das Thema wichtig. Rassismuskritisch zu sein heißt immer, einen kritischen und klaren Blick für die eigenen Privilegien zu haben oder zu entwickeln. Nur dann wird deutlich, wo es nicht so weit her ist mit gleichberechtigter Teilhabe oder Chancengleichheit. Jugendarbeit kann sicher nicht für alle Probleme geeignete Lösungen liefern, aber sie kann eigene Konzepte und Ideen entwickeln und vor allem mit geeigneten Worten kritische Fragen stellen.

Rassismuskritische Jugendarbeit heißt, für eine Herausforderung zu sensibilisieren, die uns alle angeht.

Rassismuskritische Jugendarbeit heißt, für eine Herausforderung zu sensibilisieren, die uns alle angeht. Sie heißt, eigene Denkmuster und Verhaltensweisen ebenso zu hinterfragen wie die eigene Sprache, denn Worte schaffen Realitäten. Welche abwertenden und diskriminierenden Bezeichnungen sind schon gefallen für Menschen mit Fluchterfahrungen? In den sozialen Netzwerken? Im öffentlichen Raum? Im Freundes- und Familienkreis?

Hartnäckig und wertschätzend bleiben

Das bleibt nicht ohne Folgen. Hier braucht es viele kleine Taten, etwa gezieltes Widersprechen, wenn menschenverachtend gesprochen wird, und Einstehen für einen wertschätzenden Umgang miteinander. Hier kann jede_r im eigenen Umfeld anfangen, die richtigen Worte zur richtigen Zeit finden und verbreiten. Wichtig ist auch der beständige Hinweis auf die vielen positiven Begebenheiten, auf positive Geschichten, die erzählt werden wollen und noch viel mehr erzählt werden müssen.

 

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Einfach Freund_innen

M anina Ott ist Koordinatorin für das Aktionsprogramm Flüchtlinge werden Freunde. Seit 2016 hielt sie in dieser Funktion Vorträge und beriet Menschen in der Jugendarbeit, koordinierte Veranstaltungen, Projekte und Fördergelder und entwarf auch neue Formate wie NEU:DENK, Mitanand Open-Air oder die Jugendintegrationsbegleiter_innen. Dabei kam sie viel herum und hatte reichlich Gelegenheit zu Gesprächen mit jungen Geflüchteten, Fachkräften, Ehrenamtlichen und Multiplikator_innen in der Jugendarbeit.

Drei intensive Jahre

Wenn ich an drei Jahre Flüchtlinge werden Freunde zurückdenke, denke ich an drei intensive Jahre. Intensiv zum einen, weil es tiefe inhaltliche Auseinandersetzungen gab, weil sich die politische und gesellschaftliche Gemengelage ständig veränderte, weil es immer wieder aufs Neue zu beantworten galt: Was heißt eigentlich Jugendarbeit mit Geflüchteten? Treffen wir die Bedürfnisse der Geflüchteten? Der Fachkräfte? Der Ehrenamtlichen? Intensive Jahre vor allem auch, weil ich so vielen verschiedenen Menschen begegnen durfte. Diese Begegnungen mit engagierten Menschen egal welcher Herkunft prägten meine Arbeit. Die vielen Stimmen, die in der vorliegenden Dokumentation von Flüchtlinge werden Freunde zu Wort kommen, bestärken mich in meiner Haltung und machen mir Mut. Denn sie zeigen, dass wir viele sind: Viele, die an einer offenen und inklusive Gesellschaft arbeiten, die selbstlos für die Interessen Geflüchteter einstehen, und viele junge Geflüchtete, die selbstbewusst ihre Bedürfnisse formulieren. Wir brauchen diesen Mut, um weiterzumachen. Das Projekt Integration ist ein Marathon und kein Sprint, daher brauchen wir nicht nur kurzfristige Projekte, sondern auch langfristige Perspektiven. Dafür müssen wir unsere Stimme noch mehr als bisher nutzen und die Interessen aller jungen Menschen in Bayern, in Deutschland und in Europa selbstbewusst vertreten.

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Die erste Phase von Flüchtlinge werden Freunde mag abgeschlossen sein, aber das nächste Kapitel hat schon begonnen. Ich für meinen Teil habe in den letzten Jahren zahlreiche neue Freund_innen gewonnen, von denen viele eine Fluchterfahrung haben. Aber das spielt hier keine Rolle, denn sie sind eben meine Freund_innen, nicht meine Flüchtlinge. Und ich kann nur sagen: Ich wünsche allen solche Freund_innen.

Maninas Artikel stammt aus unserer Dokumentation Flüchtlinge werden Freunde. Zum Download und bestellen bitte hier entlang.

 

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Mehr als Berufsethos

Ein Freitag im November. Die Jugendpflegerinnen Claudia Treffer, Theresa Burger und Minh Phan, Praktikant und Student der Sozialen Arbeit warten mit Brezen, Tee und Kaffee in ihrem Büro der Kommunalen Jugendarbeit (KoJa) in Eichstätt Stadt. Die KoJa Eichstätt hat Wege beschritten, die für die klassische Kommunale Jugendarbeit eher untypisch sind. So haben sie mit dem Projekt Change yourself to change the world ein Jugendprojekt zusammen mit einem Pfadfinderverband gestartet und Jugendliche dafür angesprochen. Zwei Jahre später gehen sie mit einem Theaterprojekt und einem Filmprojekt weiter den Weg des Miteinanders. Ein Miteinander von Jugendlichen, ganz egal woher sie kommen mit Wurzeln in Deutschland, Fluchterfahrung, Migrationsgeschichte, geistigen Einschränkungen. Ein Gespräch, das zeigt wie wichtig Jugendarbeit mit Geflüchteten ist, aber auch wo Hindernisse liegen und was es emotional mit Menschen macht, wenn sie in ihrem Alltag mit Fragen und Problemen junger Geflüchtete konfrontiert werden, die sie nicht lösen können.

Weg von der Kategorie Flüchtling

Die internationale Jugendbegegnung „Change yourself to change the world, respect, natur, humans, yourself“ war der zentrale Schritt in der Arbeit mit jungen Geflüchteten. 26 Jugendliche, darunter acht unbegleitete Geflüchtete, setzen sich  im Juli 2016 neun Tage mit bewusster und achtsamer Lebensführung auseinander. „Die internationale Jugendbegegnung hat so gut funktioniert, dass wir voll motiviert weitergemacht haben. Etwa mit dem Demokratietraining Betzavta, das zu einem extrem intensiven Austausch über Werte, Traditionen, Lebensweisen und schließlich auch zu unserem Folgeprojekt Miteinand geführt hat. Hier geht es um Jugendbeteiligung und Demokratie im Landkreis Eichstätt.“ Damit hat sich der Fokus der Arbeit, Angebote ausschließlich für junge Geflüchtete zu machen, zu einem inklusiven Angebot verschoben, das alle Gruppen anspricht. Junge Menschen mit Migrationsgeschichte und Menschen mit körperlichen oder kognitiven Einschränkungen und/oder auch ältere Menschen.

„Unser Inklusionsgedanke geht weiter,

„Unser Inklusionsgedanke geht weiter, mich stört, dass jedes Mal wenn das Wort Inklusion fällt alle an Behinderung oder an die Schule denken. Wir wollen es jetzt etwas offensiver angehen und erzeugen die Situation einfach selbst“, erklärt Theresa Burger. „Das ist auch das Feedback von den Jugendlichen, die haben kein Bock mehr, die wollen nicht mehr auf die Kategorie Flüchtling reduziert werden,“ ergänzt Jugendpflegerin Treffer.

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Foto: KoJa Eichstätt

Kreativ und miteinand sein

Die Jugendlichen wollen konkret an etwas arbeiten, sich mit guten Freund_innen treffen, Spaß haben, kreativ sein und sich tiefsinnig mit Themen auseinandersetzen, so die Erfahrungen der Jugendpflegerinnen. Ein Beispiel dafür ist das aktuelle Theaterprojekt „The Mus Unit“. Das Stück bietet die KoJa Eichstätt in Kooperation mit der Katholischen Universität sowie mit Unterstützung von Theater und Musikpädagog_innen an. Ausgesucht hat sich die Gruppe das Thema „Ich bin anders“. Auch das ein Vorschlag der bunt gemischten Teilnehmergruppe.

„Jede_r wünscht sich im Inneren, einfach so angenommen zu werden,

„Jede_r wünscht sich im Inneren, einfach so angenommen zu werden, wie man ist und dass es auch ok ist, anders zu sein“,  Minh organisiert die Theatergruppe in seiner Praktikumszeit und erzählt, dass das Thema der Ausdruck dafür ist, dass die Jugendlichen oft die gegenteilige Erfahrung machen. Sie werden nicht akzeptiert wie sie sind, sondern immer wieder mit ihrem Anderssein konfrontiert. Unter den insgesamt 15 Teilnehmer_innen sind drei mit Fluchterfahrung sowie zahlreiche Kinder und Jugendliche. Dass die Jugendlichen vor allem kreativ tätig sein wollen, ist ein Feedback, das die Jugendpflegerinnen in ihre neuen Projekte aufgenommen haben.

Die eigene Geschichte erzählen

„Narben der Flucht“ ist ein Filmprojekt, das eine engagierte Gruppe junger Geflüchteter mit Hilfe der KoJa auf die Beine gestellt hat. Sie erzählen darin von Flucht, Erfahrungen, Hoffnungen und Träumen und dem Ankommen in einem fremden Land. Dass der Film kein leichter Stoff ist zeigen unter anderem Folterszenen, die der junge Filmemacher Mahmud, der am Ende des Gesprächs dazukommt, zeigt. Zu sehen ist aber auch dass in der Arbeit der Jugendpflegerinnen mehr als Berufsethos drinsteckt. So spielen Claudia Treffer und ihre Kinder in „Narben der Flucht“ mit und das eigene Wohnzimmer wurde kurzer Hand als Motiv zur Verfügung gestellt. Somit ist Jugendarbeit mit Geflüchteten immer neben der professionellen Ebene unweigerlich auch eine Geschichte des Beziehungs- und Vertrauensaufbau. Da werden die Geflüchteten zu den Jungs, wie die Jugendpflegerinnen sie liebevoll nennen. Und dann gab es den Bruch mit der Kerngruppe.

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Herausforderungen, Hindernisse, Wutmomente

„Eine Zeitlang hatten wir eine sehr stabile Gruppe, dann wurde es katastrophal.  Einerseits durch das verschärfte Asylrecht, aber auch dadurch, dass viele eine Ausbildungserlaubnis bekommen haben,“ erklärt Treffer und betont, dass auch die KoJa irgendwo ihre Grenzen hat und nicht Jugendliche in einem Radios von 50km abholen kann. Die Jugendpflegerinnen erzählen von Geflüchteten, die Panik hatten, abgeschoben zu werden.

„Die haben halt jeden Monat einen Brief bekommen, den sie nicht verstanden haben,

„Die haben halt jeden Monat einen Brief bekommen, den sie nicht verstanden haben. Mit einem Ausreiseabschnitt, den sie an der Grenze abgegeben sollten, das hat sie fertig gemacht,“ schimpft Burger. Hier zeigt sich der Balanceakt, den Jugendarbeit aushalten muss, wenn sich Jugendliche mit Ängsten und Problemen an sie wendet, die an dieser Stelle nicht lösbar sind. Manche waren so durcheinander, dass es die Jugendpfleger_innen selber stark mitnahm:

“Ich konnte echt zuschauen, wie selbstbewusste engagierte Leuten innerhalb von wenigen Wochen verfallen sind.“

“Ich konnte echt zuschauen, wie selbstbewusste engagierte Leuten innerhalb von wenigen Wochen verfallen sind. Ganz besonders schwer war diese Zeit auch für die Jugendlichen aus Eichstätt. Sie mussten mit ansehen wie ihre Freund_innen litten und haben sich teilweise aus der Jugendarbeit mit Geflüchteten komplett zurückgezogen.

Wie geht es weiter?

Aus den Projekten der vergangenen Jahre sind gute Netzwerke entstanden, sodass die KoJa sich für neue Zielgruppen öffnet. „Wir gehen auch gerade weg von dem Begriff, wir machen was mit den Geflüchteten“ hin zu einem inklusiven Rahmen, das heißt wir denken alles mit“, so Burger. So dass es vielleicht im Landkreis Eichstätt tatsächlich irgendwann einmal Normalität wird, dass sich unterschiedliche Menschen für Angebote treffen, ganz egal ob sie Fluchterfahrung, Migrationsgeschichte oder eine körperliche oder kognitive Einschränkung haben. Darauf jedenfalls arbeiten die beiden Jugendpflegerinnen hin.

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Eine bunte Welt für alle

Heute sind die Postkarten des Diversity Workshops vom Stadtjugendring Augsburg bei uns eingedrudelt. Highlight des Tages war ein Portät jede_s/r Teilnehmer_in, die sich nochmal mit einer Aussage für Diversity positioniert haben. Hier nochmal der Bericht von Alina dazu sowie die enstandenen Fotos, die es beim SJR auch als Postkarten gibt.

Am 24. März 2018 fand der Diversity-Workshop „Die Welt ist bunt!“ im Jugendhaus linie 3 des SJR Augsburg statt. Der Workshop wurde in Kooperation mit der Alevitischen Jugend Augsburg-Lechhausen und den Besucher_innen des Jugendhauses linie 3 des SJR Augsburg unter der Leitung von Andreas Lucke durchgeführt.

Ziel der Veranstaltung war, dass die Jugendlichen mit und ohne Fluchthintergrund gemeinsam einen tollen Tag verbringen und ihre Meinung zu Themen wie Vielfalt und Begegnung äußern. Die Teilnehmer_innen haben im Rahmen des Workshops verschiedene Stationen durchlaufen und sich dabei auf kreative Art und Weise mit einem friedlichen und vorurteilslosen Miteinander in unserer Gesellschaft auseinandergesetzt. Sie sind in ausgeloste Rollen geschlüpft, haben eigene Vorurteile reflektiert und wurden für das Erkennen von Chancenungleichheiten sensibilisiert.

Das gemeinsame Einverständnis der Teilnehmenden in einer Welt mit bunten Charakteren, Kulturen, Sexualitäten und Religionen leben zu wollen und diesen mit Offenheit, Toleranz und Akzeptanz zu begegnen ist, was diese Veranstaltung besonders gemacht hat. Innerhalb des Workshops ist eine Serie von 16 Bildern entstanden, die Aussagen Jugendlicher zu einer bunten Welt porträtieren. Das besondere an der Fotoaktion ist, dass die Jugendlichen während dem Fotografieren mit buntem Farbpulver beworfen wurden. Somit wird auch anhand dieser kreativen Umsetzung die Diversität unserer Gesellschaft widergespiegelt.

Vom 26. November 2018 bis 29. März 2019 werden die Fotos des Workshops im und um das große Foyer des Kulturhaues Abraxas in Augsburg ausgestellt. Die Ausstellung kann von Montag bis Samstag ab 11 Uhr, sowie an Sonn- und Feiertagen ab 10 Uhr, jeweils bis zum Restaurantschluss des „Reese Gardens“,  in der Sommerstraße 30 in 86156 Augsburg besucht werden.

Asylrechtsverschärfung: Konsequenzen für Geflüchtete

Das Asylrecht wurde seit dem Sommer 2015 durch eine Kaskade von Gesetzen deutlich verschärft. Das Asylpaket I und II, das Integrationsgesetz und das Gesetz zur besseren Durchsetzung der Ausreisepflicht wurden in Schnellverfahren und ohne hinreichende öffentliche Debatte verabschiedet. Abgesehen von der sogenannten Ausbildungsduldung, die die Abschiebung von Personen, die sich in einer Ausbildung befinden aussetzt, wurden die Rechte von Geflüchteten ausschließlich beschränkt. Zu den drastischsten Eingriffen zählen die Aussetzung des Familiennachzugs für subsidiär Geschützte (§ 104 Abs. 13 Aufenthaltsgesetz), die Regelung abgelehnte Asylsuchende ohne Ankündigung abzuschieben (§ 59 Abs. 1 S. 8 Aufenthaltsgesetz) und neue Tatbestände, die es den Behörden ermöglichen die Sozialleistungen von Geflüchteten drastisch zu reduzieren (§ 1a Asylbewerberleistungsgesetz).

Einrichtung vo AnKER-Zentren und weiteren sicheren Herkunftsstaaten

Die Bundesregierung will es bei diesen Verschärfungen aber nicht belassen. Laut dem Koalitionsvertrag sollen flächendeckend sog. AnkER-Zentren entstehen, eine eu­phemistische Abkürzung für „Zentrum für Ankunft, Entscheidung, Rückführung“. Geplant ist außerdem die Maghreb-Staaten Algerien, Marokko und Tunesien, sowie Georgien als „sichere Herkunftsstaaten“ ein­zustufen. Welche weiteren Maßnahmen aus dem sog. „Master-Plan von Bundesinnenminister Horst Seehofer umgesetzt werden, ist zudem noch offen. Derweil verhandeln die Organe der EU über ein neues Gemeinsames Europäisches Asylsystem, das noch weitreichendere Auswirkungen auf das Asylrecht haben wird als die von Seehofer angestrebten Änderungen auf nationaler Ebene. Zusammengenommen laufen die neuen Asylrechtsverschärfungen darauf hinaus, Geflüchteten den Zugang zum Recht aus formalen und praktischen Gründen zu verwehren.
Die Asylrechtsverschärfungen sind nicht zuletzt im Kontext eines virulenten autoritären Rechtsrucks in den EU-Mitgliedsstaaten zu betrachten.

Renaissance der Lagerpolitik

Gegenüber der Öffentlichkeit behaupten Regierungsvertreter_innen, die Ankerzentren würden vor allem zu einer effektiven Zusammenarbeit verschiedener Behörden beitragen, wodurch sich die Dauer der Asylverfahren und der Abschiebungen reduzieren lasse. Prinzipiell sollen alle neu eingereisten Geflüchteten in den Zentren untergebracht werden. Jene, deren Asylantrag erfolgreich ist, werden von dort auf die Kommunen verteilt, alle anderen sollen in den Lagern bleiben bis sie „freiwillig“ ausgereist sind oder abgeschoben wurden.

Durch eine Residenzpflicht soll sichergestellt werden, dass die Betroffenen in den Lagern bleiben.

Durch eine Residenzpflicht soll sichergestellt werden, dass die Betroffenen in den Lagern bleiben. Die Ankerzentren sind keine neue Erfindung, sondern es gibt vergleichbare Modelle bereits in den bayerischen Einrichtungen in Manching und Bamberg (vgl. Jakob 2018). Für die Geflüchteten ist die dortige Situation sehr schwierig: Sie haben kaum Zugang zu einer unabhängigen Rechtsberatung und Flüchtlingskinder bekommen keinen ordentlichen Schulunterricht. Durch das monatelange Ausharren in den Lagern und dem damit verbundenen Stress kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen unter den Geflüchteten. Aus diesen Gründen haben viele Bundesländer, aber auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP), Vorbehalte gegenüber den Ankerzentren eingebracht, gleichwohl will sie Bundesinnenminister Horst Seehofer flächendeckend einführen.

Sollten die Ankerzentren nach dem bayerischen Vorbild zur Regel werden, würde dies eine Renaissance der Lagerpolitik einleiten, die vor dem Sommer 2015 schrittweise zurückgebaut wurde (vgl. Pieper 2013). Seit dem Ende der 1990er und während der 2000er Jahre hatten Geflüchtete mit Hungerstreiks und anderen aufsehenerregenden Protestaktionen auf die desolate Situation in den Lagern hingewiesen, die sich oft fernab der großen Ballungszentren befanden. Viele Bundesländer gingen deshalb dazu über, Geflüchtete dezentral unterzubringen, d. h. auch in den Städten, wo es für sie leichter werden sollte, einen Arbeitsplatz und Anschluss an die Zivilbevölkerung zu finden. Schon seit dem Herbst 2015 wurde dieser Trend umgekehrt, indem Geflüchtete seitdem viel länger in den großen Erstaufnahmeeinrichtungen verbleiben mussten. Die politische Absicht, abgelehnte Asylsuchende bis zu ihrer Abschiebung in den Ankerzentren zu kasernieren, ist daher als Rollback zuvor erreichter Fortschritte in der Flüchtlingspolitik einzuordnen.

Abschreckung, Isolation, fehlender Rechtsschutz

Der Lagerpolitik liegen drei Ziele zugrunde: Die Art und Weise, wie Geflüchtete in den Lagern untergebracht werden, soll sie dazu bewegen, „freiwillig“ aus Deutschland auszureisen. Freilich ist diese Ausreise vor allem der perspektivlosen Situation vieler Geflüchteter geschuldet. Die Lager dienen vor allem der Abschreckung davor weiterhin in Deutschland zu bleiben.

In den Lagern werden die Geflüchteten zudem von ehrenamtlichen Unterstützerkreisen und generell einem Kontakt zur Zivilbevölkerung ferngehalten.

In den Lagern werden die Geflüchteten zudem von ehrenamtlichen Unterstützerkreisen und generell einem Kontakt zur Zivilbevölkerung ferngehalten. Dieser Nebeneffekt wird der Verfestigung des Aufenthalts von abgelehnten Asylsuchenden, z. B. durch eine Ausbildungsduldung oder ein Bleiberecht, entgegenwirken. Schließlich sind Abschiebungen für den Staat aufwendiger, wenn sich der lokale Sportverein, der Ausbildungsbetrieb oder die neugewonnenen Freunde für den Verbleib des Betroffenen einsetzen. Der fehlende Kontakt zur Zivilbevölkerung bewirkt weiterhin, dass Geflüchtete mitunter keinen oder nur einen verspäteten Kontakt zu Asylrechtsanwält_innen bekommen. Rechtsschutz wirkt nicht aus sich selbst heraus, sondern muss aktiv mobilisiert werden. Da Geflüchtete aber oft ihre Rechte nicht kennen, sind sie darauf angewiesen, dass erfahrene Helfer_innenkreise oder auch die an vielen Orten gegründeten Refugee Law Clinics (RLCs) an juristischen Fakultäten für sie den Zugang zum Recht organisieren. Indem Geflüchtete in den Lagern diese Form der Rechtsunterstützung oft nicht erhalten, dürfte vielen von ihnen ein effektiver Zugang zum Rechtsschutz fehlen. Das heißt, dass womöglich sehr viele Menschen abgeschoben werden, die bei ausreichender Hilfe vor Gericht doch noch Erfolg gegen eine fehlerhafte oder rechtswidrige Entscheidung der Migrationsbehörde gehabt hätten.

„Not in my backyard“-Politik der EU

Noch viel gravierender als die Verschärfungen des nationalen Asylrechts sind die Entwicklungen auf der EU-Ebene. Das Asylrecht ist heutzutage vor allem Europarecht, das heißt die Veränderung der Europäischen Rechtsakte wird die Art und Weise verändern, ob und wie Asylsuchende Zugang zum europäischen Asylsystem erhalten, wie ihre Asylverfahren beschaffen sind, unter welchen Bedingungen sie aufgenommen werden und aus welchen Gründen sie eine Anerkennung als Flüchtling erhalten. Bereits seit Mitte 2016 verhandeln die EU-Mitgliedstaaten und das Europäische Parlament über einen Vorschlag der EU-Kommission (vgl. Pichl 2016). Aktuell übernimmt die österreichische Ratspräsidentschaft die weiteren Verhandlungen — eine Regierung, an der extrem rechte Akteure wie die FPÖ beteiligt sind. Die Vorschläge sind ein eindeutiges Zugeständnis an die rechten und autoritären Parteien, indem die EU-Kommission und der Rat eine „not in my backyard“-Politik vorantreiben, derzufolge Geflüchtete kaum in der Lage sein werden, um Asyl in der EU zu ersuchen. Kern der Reform ist eine Veränderung der Dubliner Verordnung, die regelt, wo ein Asylsuchender in der EU einen Asylantrag stellen soll. In der Regel ist dies der Mitgliedstaat, in dem der Asylsuchende zuerst europäisches Territorium betreten hat oder registriert wurde; aber auch Verbindungen zu Familienangehörigen, die bereits in einem EU-Mitgliedstaat sind, können die Zuständigkeit dieses Staates für den Geflüchteten begründen.

Dublin Verordnungen

Die geplante Dublin-IV-Verordnung soll ein neues Unzulässigkeitsverfahren etablieren, in dessen Rahmen zuerst geprüft wird, ob Geflüchtete aus einem sicheren Herkunftsstaat oder einem sicheren Drittstaat in die EU geflohen sind. Ist dies der Fall, wird kein Asylverfahren in der EU mehr durchgeführt und der Betroffene soll abgeschoben werden. Der EU-Türkei-Deal ist das offensichtliche Vorbild für diese Regelung. In diesem Zusammenhang ist auch die Absicht der Bundesregierung bedeutsam, die nordafrikanischen Maghreb-Staaten als sicher einzustufen. Das neue Verfahren hätte zur Konsequenz, dass um die Europäische Union herum ein Kordon angeblich „sicherer“ Staaten gezogen wird, Geflüchtete folglich keine Möglichkeit mehr erhalten ihre Fluchtgründe vorzutragen. Eine weitere Verschärfung der Verordnung sieht vor, humanitäre Ermessensspielräume der Mitgliedsstaaten einzuschränken. Nach der heutigen Dublin-III-Verordnung können die Mitgliedsstaaten im freien Ermessen die Asylverfahren von Asylsuchenden übernehmen, sofern eine humanitäre Notsituation besteht (Art. 17 Abs. 3 Dublin-III-Verordnung). Genau diese Regelung benutzte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im Sommer 2015, um die Verfahren von zehntausenden Geflüchteten zu übernehmen, die in Ungarn keine Aussicht auf eine menschenwürdige Unterbringung und eine faire Anhörung ihrer Fluchtgründe gehabt hätten. Der Vorwurf, die Bundesregierung hätte im Sommer 2015 das Dublin-Recht gebrochen, der nicht nur von der AfD, sondern bis in die bürgerliche Mitte hinein erhoben wird, entbehrt also jeglicher Grundlage – die Übernahme der Verfahren erfolgte vielmehr im Einklang mit dem Europarecht. Dieser Einsicht zum Trotz soll diese humanitäre Ermessensklausel bei der Dublin-Reform so weit eingeschränkt werden, dass man von ihr zukünftig keinen Gebrauch mehr machen könnte.

Den unterschiedlichen Verschärfungen der Dubliner Verordnung liegt also eine gemeinsame Logik zugrunde: Die Zuständigkeit für den Flüchtlingsschutz soll immer weiter ausgelagert werden. Die westeuropäischen Staaten lagern die Asylverfahren noch stärker als zuvor an die Außengrenzenstaaten aus, die wiederum durch die neuen Unzulässigkeitsverfahren die Wege nach Europa für Geflüchtete versperren.

Autoritärer Rechtsruck

Drei Gründe sind für den autoritären Umbau des Asylrechts wesentlich: der aktuelle Rechtsruck in Europa und die zunehmende Beteiligung extrem rechter Parteien an den nationalen Regierungen; die Zugeständnisse von christdemokratischen, liberalen und sozialdemokratischen Parteien an die rechten Bewegungen; aber auch der Rechtsruck, der sich innerhalb dieser Parteien selbst vollzieht.

Viele autoritäre bis faschistische Parteien sind in den vergangenen Jahren in den europäischen Mitgliedstaaten an die Macht gelangt. Doch führte die erste Regierungsbeteiligung der FPÖ in Österreich im Jahre 2000 noch zu einem Aufschrei und Sanktionen durch die anderen Mitgliedsstaaten, sind die rechten Regierungen mittlerweile zur Normalität geworden. Ein Labor der völkischen Bewegungen findet sich in Ungarn: Dort betreibt Ministerpräsident Viktor Orbán bereits seit 2010 einen autoritären Umbau der Institutionen. Die Politik von Orbán beruht darauf ständig neue Feindbilder zu produzieren, seit 2015 sind vor allem Geflüchtete und ihre Unterstützer_innen im Fokus der Angriffe durch die Regierung. Das Beispiel von Ungarn zeigt aber auch, dass die Konstruktion von Feindbildern zum Kerngeschäft der autoritären Rechten gehört und nicht aufhört, nur weil weniger Geflüchtete kommen oder das Asylrecht verschärft wurde. Vor dem Sommer 2015 waren unabhängige Medienschaffende, die europäischen Institutionen und Angehörige der Roma-Minderheit Gegenstand der Angriffe. Seitdem es Geflüchtete kaum noch nach Ungarn schaffen hat Orbán neue Feindbilder geschaffen; im Fokus des vergangenen Wahlkampfes stand der jüdische Unternehmer George Soros, der in Osteuropa zahlreiche zivilgesellschaftliche Institutionen zur Förderung demokratischer Strukturen unterstützt. Den Angriffen der Regierung ist auch die Central European University ausgesetzt, die Geld von Soros Open Society Stiftung erhält. Die Universität steht kurz davor Ungarn zu verlassen.

Die Erfolge der autoritären Rechten

Das zeigt:

Die Erfolge der autoritären Rechten gehen nicht zurück, wenn weniger Geflüchtete Europa erreichen.

Die Erfolge der autoritären Rechten gehen nicht zurück, wenn weniger Geflüchtete Europa erreichen. Die autoritäre Rechte strebt vielmehr einen kompletten völkischen Umbau der demokratischen Institutionen und der Zivilgesellschaft an, der alle Lebensbereiche umfasst.

Trotz dieser Erfahrungen sind viele Vertreter_innen aus christdemokratischen, sozialdemokratischen und liberalen Parteien davon überzeugt, durch Zugeständnisse an rechte Akteure Wähler_innen zurückzugewinnen. Politiken der Ausschließung verteidigen aber nicht die demokratische Kultur, sondern tragen zu ihrer Aushöhlung bei. Die autoritäre Wende vieler sozialdemokratischer Parteien hat nicht dazu geführt ihren Wähler_innenschwund aufzuhalten, wie das schwedische Beispiel eindrücklich vor Augen führt. Trotz einer sehr restriktiven Politik der dortigen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei konnten die extrem rechten Schwedendemokraten bei den Parlamentswahlen vom September 2018 starke Gewinne verzeichnen, während die Sozialdemokraten erhebliche Verluste hinnehmen mussten. Die Politikwissenschaftlerin Wendy Brown hat in ihrem Buch über den Niedergang der Souveränität beschrieben, dass eine Politik der Abschottung zu einer insgesamt autoritären Transformation beiträgt (vgl. Brown 2018: 73f). Die Demokratie lässt sich also nicht stärken, indem härter gegen Geflüchtete vorgegangen wird; im Gegenteil, das Potential für emanzipatorische politische Projekte wird auf diese Weise nachhaltig untergraben.

Autor

Maximilian Pichl hat Rechtswissenschaft und Politikwissenschaft studiert. Er war von 2015 bis 2017 als rechtspolitischer Referent von PRO ASYL e. V. tätig. Heute forscht er an der Universität Kassel im Projekt „Beyond-Summer15“ zur europäischen Migrationskontrollpolitik. Er ist Mitglied im Netzwerk Migrationsrecht und im Vorstand vom Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (BUMF e. V.).

Literatur

Brown, Wendy (2018): Mauern: Die neue Abschottung und der Niedergang der Souveränität, Berlin.

Jakob, Christian (2018): Das Prinzip Abschreckung, taz vom 30.04.2018, .

Pichl, Maximilian (2016): Dublin-IV: Europäischer Asylausstieg. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 10/2016, S. 9-12.

Pieper, Tobias (2013): Die Gegenwart der Lager. Zur Mikro­physik der Herrschaft in der deutschen Flüchtlingspoltik, Münster.

Zu einer rechtspolitischen Einschätzung des Masterplans von ProAsyl.

Das ist ein redaktionell bearbeiteter Artikel aus der Überblick Nr.3 / 2018, der Zeitschrift
des Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit in Nordhrein-Westfalen, IDA e.V. Zur Überblick.

Warum bin ich Jib?

Letzte Woche ging die zweite Qualifizierung zum_r Jugendintegrationsbegleiter_in (Jib) zu Ende. Sie richtet sich an junge Leute mit Fluchterfahrung oder Migrationshintergrund, die Lust haben Integrationsprozesse in der Jugendarbeit anzustoßen und zu begleiten. Einer von ihnen ist Saeid, der uns aufgeschrieben hat warum er dabei ist:

Es gibt im Leben viel mehr als wir uns vorstellen können,

Es gibt im Leben viel mehr als wir uns vorstellen können, Glück und Freude liegt für die Menschen in unterschiedlichen Bereichen, wie sie das Leben genießen und wie sie sich wohl fühlen können ist oft sehr verschieden. Manche haben für sich die Lösung gefunden und manche beschäftigen sich noch mit der Suche nach der Bedeutung des Lebens. Seit Jahrhunderten liegt die stärkste und effektivste Heilung für jeden Kummer und Sorgen der Menschen im Menschen selbst. Jeder Mensch ist wertvoll und braucht Zuneigung, Vertrauen, Empathie und Sicherheit. Ich habe all dies in meiner kurzen Zeit hier in Deutschland erlebt und es war mir oft unerklärlich.

Als ich das erste Mal über dieses Programm gehört habe, konnte ich mir nicht vorstellen, wie sinnvoll und passend es für mich sein würde. Die Fortbildung hat meine Sichtweise auf das Leben verbessert, da ich viel dazu gelernt habe, wie man mit Menschen und ihren manchmal problematischen Situationen umgehen kann. Mit allen Teilnehmern der Fortbildung haben wir unsere Erfahrungen gesammelt und ausgetauscht, das hat mir sehr geholfen meine persönliche Toleranzfähigkeit weiter zu entwickeln. Diese Erfahrungen möchte ich im tagtäglichen Leben miteinbringen, um in einem angenehmen Umfeld mit meinen Mitmenschen und einer zufriedeneren Gesellschaft zu leben. Ich glaube, ich bin ein Mensch, der die Wichtigkeit und die Werte der Menschheit in unserem komplexen Leben mit all seinen Schwierigkeiten spürt. Sind wir nicht alle auf der Suche nach einem einfachen und sinnvollen Leben, einem Leben reich an Liebe und Frieden, ausgefülltvon Freude und Zufriedenheit?

Ich habe nicht nur die Bedeutung der Begriffe Liebe und Empathie verstanden, sondern ich habe es auch gefühlt. Dieses Gefühl von Liebe erfüllt mich mit Energie und gibt mir eine besondere Motivation glücklich zu sein. So kann man sich mit Leidenschaft für ein Leben voll Freude und Zufriedenheit engagieren. Es wäre doch schön und wunderbar, wenn wir dieses Gefühl miteinander teilen können. Deshalb BIN ICH JIB! Und es würde mich freuen, wenn ich mit meiner Fluchtgeschichte und meinem bisher hier Erlebten anderen Menschen aus verschiedenen Kulturen behilflich sein kann.

Ein berühmtes Persisches Gedicht sagt:

Die Menschenkinder sind ja alle Brüder
Aus einem Stoff wie eines Leibes Glieder
Hat Krankheit nur einzig Glied erfasst
So bleibt anderen weder Ruh und Rast
Wenn anderer Schmerz dich nicht im Herzen brennt
Verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennt.
“Saadi”

– Dieter Bellmann (Hrsg.): Der Rosengarten, 1, Von der Lebensweise der Könige.
Carl Schünemann Verlag, Bremen 1982 (Übersetzung durch Karl Heinrich Graf)

Mehr zur Qualifizierung zum Jib.

 

Wir helfen einfach…

Auch Geflüchtete können sich ehrenamtlich engagieren. Warum das sinnvoll für alle Beteiligten sein kann, darum geht es im folgenden Artikel, den uns Götz Kolle vom referat grenzenlos der Jugendbildungsstätte Unterfranken zukommen hat lassen. Er ist Ergebnis einer Fokusgruppen-Diskussion mit zehn geflüchteten Ehrenamtlichen.

Ehrenamtliche mit Fluchterfahrung

Jugendliche mit Fluchterfahrung sind oft bereit, sich ehrenamtlich zu engagieren und zu helfen. Als Sprach- oder Kulturvermittler_in, als Helfer_in bei der Betreuung von Kindern und Jugendlichen usw.  Beweggründe ehrenamtllich aktiv zu werden, gibt es für Geflüchtete viele: Es sind persönliche Überzeugungen, die eigene Spiritualität oder Religion oder der Wunsch etwas zurückzugeben, weil  viele Geflüchtete mit ihrer Ankunft in Deutschland ehrenamtliches Engagement erlebt haben.  Das sind einige der Gründe, die Geflüchtete zum Ehrenamt motivieren. Einige waren auch schon in ihrem Heimatland und auch auf der Flucht ehrenamtlich aktiv und verfügten daher über einen großen Ehrfahrungsschatz in verschiedenen Bereichen, den sie in ihrem Ehrenamt einbringen:

„Als die Situation in Syrien langsam eskalierte, haben wir eine Gruppe von etwa 15 Leuten gegründet. Wir haben den Menschen geholfen indem wir jene, die durch den Krieg verletzt waren, von Syrien in den Libanon brachten.“

Ehrenamt stärkt und öffnet Perspektiven

Während ihres Engagements erfahren die Geflüchteten persönliches Wachstum durch den Austausch mit anderen Ehrenamtlichen und Geflüchteten. Neben der Möglichkeit andere Personen zu unterstützen, spielt auch die Freude am Ehrenamt eine motivierende Rolle:

„Wenn ich etwas ehrenamtlich mache, dann bekomme ich viel Courage, ich werde dadurch stärker.“

„Ich habe dafür gekämpft, dass ich nicht nur ein „Flüchtling“ bin.

Ich bin hier als ein Mensch und ich habe Kraft.

Ich bin hier als ein Mensch und ich habe Kraft. Obwohl ich alles verloren habe, kann ich weitermachen. Das hilft mir.“

Das Ehrenamt fördert Stärken und vermittelt neue Kompetenzen, die zu einem persönlichen Wachstum führen können. So können Jugendliche durch das Ehrenamt befähigt werden, eigene Initiativen und Projekte zu entwickeln. Einige Jugendliche professionalisieren ihre freiwillige Tätigkeit hin zu einem sozialen Studium oder einer Ausbildung. Durch die ehrenamtliche Tätigkeit können die Jugendlichen zudem soziale Netzwerke aufbauen und Freundschaften schließen, die sie bei der Arbeitsplatzsuche und gesellschaftlichen Teilhabe unterstützen.

Rahmenbedingungen für ehrenamtliche mit Fluchterfahrung

Wichtig ist ein Bewusstsein über die Situation der_des Ehrenamtlichen und seine_ihre Ressourcen (Arbeit, Zeit, Kontakte, finanzielle Situation). Konkret bedeutet das, etwa genügend Zeit für Absprachen einzuplanen und die Möglichkeit einer Aufwandsentschädigung zu schaffen. Austausch, Fortbildungen und  Supervision sollten angeboten werden, um die Fähigkeit der Jugendlichen zur Selbstführsorge zu unterstützen.

Durchgeführt wurde die Gruppendiskussion von Matilde Rocchi, Johanna Jans, Stefanie Bâ-Ketterer: im Rahmen des Masterstudiengangs International Social Work with Refugees and Migrants an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, 12.Dezember 2017.

Es ist kurzsichtig nur auf das Heute zu schauen

Gleichberechtigte Teilhabe, dafür setzt sich Hélène Düll täglich ein. Ob es um Inklusion von Menschen mit Einschränkungen geht oder um die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung. Wir haben mit der Referentin für Integration, Inklusion und kulturelle Jugendarbeit im Bayerischen Jugendring ein Stück den Weg zurück und vorgeschaut und uns über Nachhaltigkeit in der Jugendarbeit mit Geflüchteten und den Umgang mit Hindernissen unterhalten.

Was hat sich Deiner Meinung nach in den letzten drei Jahren im Bereich Flucht und Asyl getan?

Sehr viel. Jugendarbeit hat sich auf den Weg gemacht. Viele Jugendverbände und Jugendringe haben sich Gedanken gemacht, Projekte initiiert und sich informiert. Ich glaube, dass das Wissen zu dem Themenfeld insgesamt gestiegen ist und das Bewusstsein für die Notwendigkeit aktiv zu sein. Ich merke auch, dass es immer mehr gemischte Konzepte gibt, in denen Geflüchtete und auch Jugendliche mit Migrationshintergrund mitgedacht werden.

Was glaubst Du braucht es damit Jugendarbeit hier nachhaltig wirken kann?

Nachhaltigkeit fängt immer mit Strukturen an, also etwa bei der Qualifizierung. Hier wurden  sehr schöne Module entwickelt, zum Beispiel die Jugendintegrationsbegleiter_innen (JiB). Hier sind junge geflüchtete Menschen zu Expert_innen in eigener Sache geworden, eine wichtige Botschaft des Aktionsprogramms Flüchtlinge werden Freunde.

Der nächste Schritt wäre für mich, das Ganze strukturell zu verankern, Ansprechpartner_innen zu qualifizieren, die für das Thema Jugendarbeit mit Geflüchteten da sind und die Jugendarbeit vor Ort stärker beraten und begleiten können.

Braucht es denn noch Jugendarbeit mit Geflüchteten?

Auf jeden Fall. Auch wenn jetzt gerade nur wenige bei uns ankommen, weltweit haben wir immer noch eine große Fluchtbewegung.

Ich finde es kurzsichtig, nur auf das Hier und Heute zu schauen

Ich finde es kurzsichtig, nur auf das Hier und Heute zu schauen und zu sagen, es kommen ja weniger, also müssen wir hier nicht mehr aktiv sein. Junge Menschen, die hierher fliehen, müssen gute, stabile und tragfähige Konzepte vorfinden. Und natürlich haben wir hier nach wie vor junge Menschen, die geflohen sind und längst da sind, die brauchen auch weiterhin Angebote.

Was frustriert Dich?

Dass junge Geflüchtete nicht die Wahl haben, wo sie bleiben wollen, sondern umverteilt werden, das macht eine kontinuierliche Jugendarbeit sehr schwierig, das frustriert mich. Dann die sich ständig ändernden politischen Rahmenbedingungen. Was darf ein Mensch, der sich um Asyl bemüht? Was darf er_sie nicht? Der Rechtsruck, der Geflüchtete als Sündenböcke in der öffentlichen Debatte darstellt. Der frustriert mich nicht, der besorgt mich. Wir sprechen viel weniger davon, wer den jungen Geflüchteten Schutz bietet. Es scheint als interessieren sich viele Menschen gar nicht mehr dafür, wie man Geflüchtete in die Gesellschaft integrieren, sondern vor allem dafür wie man sie ausgrenzen kann. Jugendarbeit holt sie aber rein und fragt auch nicht nach Bleibeperspektiven oder nach Antragsstand von irgendwelchen Asylgesuchen. Das ist für die Jugendarbeit keine relevante Größe. Sie sind Jugendliche, sie sind da, sie gehören dazu, und wir müssen ihnen eine Stimme geben.

Weiterlesen zu den Themen Integration und Inklusion beim Bayerischen Jugendring

© BJR

Fabian über das A (Angel) und O (Opener) in der Jugendarbeit mit Geflüchteten

Tanzen, Schlüsselbänder knüpfen, Körbe werfen, Fußball spielen, Sommerprogramm entwickeln, das WiM-Team (Willkommen in München) des Kreisjugendrings München-Stadt hatte in den letzten drei Jahren viele Angebote für Jugendliche mit Fluchterfahrung.

WiM war Sprachrohr für junge Geflüchtete in München, hat ihnen Freizeitangebote zugänglich gemacht und selbst ein buntes Programm angeboten. Auch Ausflüge nach München und ins Münchner Umland gehörten mit zum Repertoire. Fabian Pfundmeier hat das WiM-Team 2015 aufgebaut und von 2016 – 2017 das Projekt „Junge Geflüchtete“ geleitet. Im Dezember 2017 ging das Projekt zu Ende. Wir haben mit ihm über seine Erfahrungen mobiler Jugendarbeit mit Geflüchteten geredet:

Lass uns über Erfahrungen und Tipps sprechen. Was kannst Du weitergeben?

Zum einen ist es wichtig, dass Projekte langfristig angelegt werden, das bedeutet etwa auch einen langen Vorlauf einzuplanen. Da kann man den Fachkräften aus der Jugendarbeit schon mal ein gewisses Verständnis von Strukturen, Abläufen, Organisationsstrukturen im Bereich Flucht an die Hand geben. Das ist einfach ein sehr eigenes System und

man muss schon wissen wie eine Unterkunft für Geflüchtete funktioniert.

man muss schon wissen wie eine Unterkunft für Geflüchtete funktioniert. Die Sozialpädadog_innen vor Ort sind meist mit dem was sie zu tun haben, relativ ausgelastet. Und wenn ich ein Angebot bewerben will, dann bin ich mit einer Email oder einem Flyer schlecht beraten. Der persönliche Kontakt ist und bleibt das A und O.

Das heißt?

Nehmen wir mal die Perspektive der Freizeitstätten. Ich mache ein Angebot und versuche es offen für alle zu gestalten, ich schicke eine E-Mail rum, wer kommt, der kommt. Das funktioniert für Geflüchtete nicht.

Selbst wenn ich in den Unterkünften Flyer auslege, klappt das in der Regel nicht, weil die Menschen die Flyer nicht lesen können und auch nicht verstehen von wem die Flyer sind. Da kommt jemand rein, den kenne ich nicht, der oder diejenige erzählt mir irgendwas. Wem kann ich etwas glauben? Wem kann ich nix glauben? Will ich dem/derjenigen meine Kinder einfach so mitgeben? Das sind Fragen, die Menschen in den Unterkünften beschäftigen, auch deshalb, weil das Konzept der Jugendarbeit in vielen Ländern gar nicht bekannt ist oder Jugendarbeit dort ganz anders funktioniert. Das heißt der erste Schritt ist der Kontakt zum Sozialdienst. Das kann über Netzwerke passieren oder indem ich immer mal wieder vorbei gehe. Der Kontakt über den Sozialdienst hilft deswegen, weil der Sozialdienst unter Umständen die Bewohner_innen kennt und schon als Vertrauensperson agiert.

Das persönliche Kontakte das A und O in der Jugendarbeit mit Geflüchteten sind, zeigt auch die Studie vom IniKo Projekt von Refugio München, die vom Stadtjugendamt finanziert wurde. In den Interviews kam immer wieder heraus, dass viele Geflüchtete dann gut klarkamen, wenn sie eine_n „Angel-Door-Opener-Patron“ hatten, also eine Person, die sich ihnen explizit angenommen hat, die ihnen Dinge möglich gemacht hat, Türen geöffnet hat.

Du plädierst dafür, sich aus dem klassischen Netz der Jugendarbeit wegzubewegen und sich mehr zu vernetzen etwa mit Geflüchteten-Initiativen und Sozialdiensten, warum?

Ja. Die Netzwerkarbeit ist notwendig und extrem hilfreich. Ohne den Sozialdienst komme ich gar nicht an die Menschen in den Unterkünften heran. Ein anderer Anknüpfungspunkt wäre die Schule, da muss ich den Kontakt mit der Schule suchen.

Ich muss davon ausgehen, dass erstmal ein persönlicher Vertrauens- und Kontaktaufbau notwendig ist, der auch seine Zeit braucht. Das funktioniert am besten, indem man viel vor Ort ist, um direkt in Kontakt mit den Menschen zu kommen, die man erreichen will. WiM hat z. B. kleine Feste in den Unterkünften gemacht, Fotoaktionen, ein Grillfest und Essen und Getränke ausgegeben. So kommt man mit den Leuten ins Gespräch. Im nächsten Schritt kann man dann sagen, wir machen da ein paar ganz coole Sachen, komm doch mal mit. Und das heißt auch erstmal, die Leute da abholen, wo sie wohnen. Und auch hier gilt, das geht nur über den persönlichen Kontakt: Hi ich bin da, wir machen jetzt das und das, hast Du Lust mitzukommen?

Klar gibt es auch Einzelne, die mit einer Information zwei Wochen vorher gut zurechtkommen. Aber das sind im Normalfall die Menschen, die sowieso sehr gut zurechtkommen.

Gibt es was, was Du anders angehen würdest?

Die Frage bleibt, was man erreichen will? Das Ziel von WiM war es, möglichst viele Leute zu erreichen und Ihnen ein breites Spektrum zu bieten und sie aus den Unterkünften, aber auch mal aus der Stadt rauszubringen.

Aus der Perspektive Jugendarbeit würde ich mehr Verbindlichkeiten schaffen wollen.

Aus der Perspektive Jugendarbeit würde ich mehr Verbindlichkeiten schaffen wollen. Wir treffen uns jede Woche an einem festen Tag zu einer festen Uhrzeit. Wenn Du nicht kommst, frage ich nach. Dann kann das mittelfristig auch eine Form von Empowerment werden. Eben die Leute nach und nach zu befähigen, selbst Aktionen zu planen. Die Klassiker aus der Jugendarbeit weitergeben, eben sie mehr in die Verantwortung zu nehmen, damit sie auch ihre eigenen Interessen angehen können. WiM war in diesem Sinne unverbindlich: Es gab zwar feste Zeiten mit Angeboten, wir mussten aber immer nachhaken: Wer ist heute da? Wer hat Zeit und Lust? Kommst Du mit?

Und ganz grundsätzlich: Die Jugendarbeit braucht die Kapazität, auch personell, damit Leute überhaupt Zeit zum Kontaktaufbau haben und eben regelmäßig in einer Unterkunft sein können. Wenn ich meine Freizeitstätte durch die Bank in Minimalbesetzung fahre, kann ich mir das nicht leisten kann, während der Öffnungszeiten eine_n Mitarbeiter_in mal ein paar Stunden in eine Unterkunft zu schicken. Dann wird es schwierig.

Braucht es noch Jugendarbeit mit Geflüchteten?

Selbstverständlich braucht es Jugendarbeit mit Geflüchteten. Das ist dennoch eine spannende Frage, weil es mir schwer fällt, zu differenzieren, warum es explizit Jugendarbeit mit Geflüchteten braucht.

Ich würde antworten, warum braucht es Jugendarbeit mit deutschen Jugendlichen?

Ich würde antworten, warum braucht es Jugendarbeit mit deutschen Jugendlichen. Wo ist der Unterschied? Es sind junge Menschen, die wir befähigen wollen, selbständig aktiv zu werden, sich eine Meinung zu bilden, sich selbst zu vertreten, sich zu organisieren, Ihre Persönlichkeit zu entwickeln und sie dabei zu unterstützen. Deswegen braucht es Jugendarbeit für Geflüchtete erstmal aus genau den gleichen Gründen, warum es Jugendarbeit auch für Jugendliche von hier und aus allen anderen Ländern und Kulturkreisen braucht.

Allerdings haben Geflüchtete deutlich erschwerte Lebensbedingungen, was etwa ihre Wohnsituation angeht, ihre finanzielle Situation oder auch das Zurechtfinden im Kulturkreis. Jugendarbeit kann dabei der niedrigschwellige und gute Zugang zur Mehrheitsgesellschaft sein. Gerade unter der Perspektive, sie zu empowern, also sie selbständig gestalten zu lassen und ihnen Möglichkeiten anzubieten, aktiv zu werden.

Und Jugendarbeit ist natürlich freier als etwa die Jugendhilfe, weil es noch mehr Räume für persönliche Entwicklung, für eigene Ideen und Themen gibt. Die Jugendhilfe stand und steht auch vor der Herausforderung, dass sie junge Leute vor sich haben, die sich alleine aus ihrem Heimatland auf den Weg gemacht und sich durchgeschlagen haben, sich selbst ernährt und offensichtlich einen sehr starken Überlebenswillen haben und jetzt in ein System mit ganz klaren Strukturen kommen: Wann musst Du was machen? Wann musst Du essen? Wann musst Du ins Bett gehen? Das ist für viele junge Geflüchtete total unpassend, unverständlich und demotivierend. Da hat die Jugendarbeit natürlich ganz andere Chancen und Möglichkeiten, auch die Stärken, Talente und Ideen der Leute aufzugreifen.

Was wünscht Du Dir für die Jugendarbeit mit Geflüchteten? Oder wann kannst Du sagen: Ziel erreicht, passt, wir können uns einem anderen Thema zuwenden?

Ich würde grundsätzlich sagen, die Jugendarbeit mit Geflüchteten wird sich dann leichter tun, wenn sich die grundlegenden politischen Rahmenbedingungen ändern. Darauf kann die Jugendarbeit hinweisen und klar Partei ergreifen. Da geht es um Dauer der Asylverfahren, Formen der Unterbringung oder der Unterstützung, etwa Sprachkurse während des Asylverfahrens ja/nein? Wird die Schulpflicht umgesetzt? Die bayerischen Ankerzentren sind natürlich absolut kontraproduktiv zu allen Bemühungen, Menschen Teil der Gesellschaft werden zu lassen.

Ich glaube, es läuft letztlich immer wieder auf die gleichen Themen raus: Es braucht Zeit, es braucht persönlichen Kontakt und es braucht Unterstützung. Ein Ansatz von WiM war nicht nur die jungen Leute in die Stadt zu bringen und ihnen zu helfen sich in München zurechtzufinden, es ging auch darum mit ihnen in Kontakt zu kommen, festzustellen, wer bist Du? Was interessiert Dich?

Was bedeutet es für Dich persönlich von diesem Projekt Abschied zu nehmen?

Für mich waren die letzten 3,5 Jahre sehr herausfordernd und anstrengend, aber auch sehr bereichernd. Wir sind damals im März 2015 mit einem kleinen Team mit fünf Mitgliedern gestartet. Zwischendurch waren wir ein Fachbereich mit zwei Teams und insgesamt 16 Personen. Während der Zeit haben sich sowohl die Zielgruppen als auch die Rahmenbedingungen, die gesellschaftliche Stimmung und die politische Situation dauernd verändert. Wir haben das WiM Team erst von fünf auf zehn Stellen vergrößert, dann wieder auf fünf Stellen verkleinert und ein Jahr später komplett eingestellt. Und das in nicht mal drei Jahren. Das hat alle ganz schön gefordert und war auch im Team nicht leicht. Das Projektende hat mich persönlich ziemlich berührt. Gleichzeitig wünsche ich mir momentan mal ein bisschen mehr Ruhe und Kontinuität in meiner Arbeit. Wenn sich deine Arbeit, die Rahmenbedingungen und dein Team durch das tagespolitische Geschehen ständig verändern, kostet das viel Kraft. Deswegen habe ich auch den allergrößten Respekt vor den Kolleginnen und Kollegen in der Asylsozialberatung, bei den Flüchtlingsräten, Refugio und allen anderen Organisationen im Arbeitsfeld, die seit Jahren und Jahrzehnten wahnsinnig engagiert tolle Arbeit leisten.

Persönlich hat mich die Arbeit sehr bereichert. Ich habe viel gelernt: spannende Menschen kennengelernt, mehr über deutsche Innen- und Außenpolitik gelernt (vielleicht auch als ich wissen wollte) und immer wieder eigene Grenzen neu entdeckt. So darf ich viele Erfahrungen mitnehmen und bin gespannt was als Nächstes kommt.

Weiterlesen:

Eindruck vom Sommerprogramm 2015

Abschied vom WiM-Team (Willkommen in München)

IniKo Projekt von Refugio München