Jugendarbeit ist ein Zuhause

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Die Jugendarbeit: Das erste Zuhause

Doch wie wichtig war die Jugendarbeit für mich in all dieser Zeit? Zwischen Ankunft und heute? Für mich war sie sehr wichtig. Zum einen, weil ich einfach einen Ort hatte, an dem eine andere Art der Ablenkung stattfand. Es war möglich, die sonstigen Umstände zu vergessen und einfach Kind zu sein. Und das auf eine ganz andere Art und Weise als in der Schule, in der Leistung immer noch eine große Rolle spielte. Vor allem in unserem Fall, wo die Vorstellung, dass Integration an der Schulleistung und dem Erfolg in der Schule zu messen ist, der Schule die Möglichkeit nahm, ein Raum zu sein, an dem man seinen Status vergessen kann. Der Sport war nicht davon überschattet, sondern bot eine Zeit an, in dem nur der Spaß am Training und am Spiel eine Rolle spielte und blendete für diese Zeit den Rest aus. Gleichzeitig hatte ich etwas Sinnvolles zu tun. Das kann einen davon abhalten, auf blöde Ideen zu kommen, was (unabhängig von Herkunft oder sonstigen Hintergründen) passieren kann, wenn man nicht viel Hoffnung, Zugehörigkeitsgefühl und eben auch sinnstiftende Beschäftigung hat.

Freunde finden und Zugehörigkeit spüren!

Zum anderen bot der Sport mir einen Ort, zu dem ich gehörte. An dem ich Freunde fand und Freunde hatte. Freunde, die noch heute gute Freunde sind. Vor allem, was die soziale Integration betrifft, war er wertvoll, da man dort nicht mehr nur ausgegrenzt als Asylbewerberkind im Asylheim war, sondern mit Kindern und Jugendlichen mit verschiedensten Hintergründen zusammenkam. Ein Zugehörigkeitsgefühl entstand.

Ein persönliches Beispiel, das für mich in der Zeit unglaublich wertvoll war und für das ich dankbar bin, war neben unserer Mannschaft beim Hockey auch das Verhalten der Eltern meiner Mitspieler. Ganz am Anfang brachte mich noch meine Mutter zum Sport. Was einfach und selbstverständlich klingt, stellt sich als viel komplizierter heraus, wenn man bedenkt, dass wir kein Auto hatten und jedes Mal mit dem Bus, der ja auch mit Kosten verbunden war, eine halbe Stunde zum jeweiligen Trainingsplatz hin- und wieder zurück fahren mussten. Finanziell war die Teilnahme am Vereinssport allgemein überhaupt nur möglich, weil mein Onkel, der schon länger in Deutschland lebte, uns unterstützte. Nachdem ich mich nach dem ersten Training dafür entschied, beim Hockey zu bleiben, und unsere Trainerin und unser Trainer sowie die Eltern mehr oder weniger auf unsere Situation aufmerksam wurden, beschloss mein damaliger Trainer, mich auf dem Weg zum Training mitzunehmen. Genau wie die Eltern meiner Mitspieler_innen, die jeweils in der Nähe wohnten. Und es wurde eine Selbstverständlichkeit, die für mich vieles einfacher machte und mir ermöglichten, weitgehend problemlos am Sport teilzunehmen. Es verstärkte für mich das Gefühl der Zugehörigkeit, das Gefühl, dass man sich füreinander einsetzte und umeinander kümmerte, auch wenn es in dieser so klein wirkenden Geschichte war.

Die Unterstützung durch meine Trainer und die Eltern meiner Mitspieler prägte für mich den Begriff „Heimat“

Es prägte gewissermaßen den Begriff „Heimat“ und förderte das Gefühl, dass es Menschen gibt, die einen hier haben möchten. Und dies setzte einen starken Akzent gegen all die bürokratischen Prozesse und Hürden in der Gesellschaft, die einem das Gegenteil vermittelten. Natürlich war es auch für das Erlernen der Sprache förderlich, aber verglichen mit allem anderen würde ich dies in dem Fall geradezu als zweitrangig ansehen.

Was der Sport und alle Beteiligten in meinem Fall geleistet haben, lässt sich genauso gut auf andere Felder der Jugendarbeit übertragen. Es geht um Schutzräume für junge Geflüchtete, die man in dieser chaotischen und von Unsicherheit und Angst geprägten Zeiten braucht. Und während die ungewöhnliche Situation als Kind dafür sorgte, dass ich Verantwortung übernehmen musste, war die Jugendarbeit mit einer der Hauptgründe, warum ich später Verantwortung übernehmen wollte.

Verantwortung übernehmen – für uns und für Andere

Dass zur damaligen Zeit oft Kinder oder Jugendliche die Eltern bei Behördengängen begleiteten und für diese übersetzten, soweit es möglich war, war keine Seltenheit. Und doch war es schlicht und einfach falsch. Es legt Kindern eine weitere Bürde auf, die sie nicht tragen können und auch nicht sollten. Es zieht sie in eine Verantwortung, die sie nicht übernehmen sollten. Und es schadet neben ihnen auch den Eltern, weil es ihnen eine gewisse Würde nimmt. Erwachsene, mündige Menschen, die plötzlich selbst unmündig werden und sich voll auf ihre eigenen Kinder verlassen müssen. Es kreiert eine absurde Abhängigkeit, erzeugt durch Versäumnis auf verschiedenen politischen, rechtlichen und administrativen Ebenen. Dieses Versäumnis wurde mir durch eine Situation, wenn auch erst Jahre danach, deutlich. Noch während unserer Anfangszeit in Schweinfurt erkundigte sich meine Mutter bei einer der zuständigen Behörden, ob es für sie möglich sei einen Deutschkurs zu absolvieren. Als Antwort erhielt sie, dass dies nicht notwendig und auch nicht gewollt sei und die Gegenfrage, wieso sie das überhaupt vorhabe, da wir doch voraussichtlich sowieso irgendwann das Land verlassen müssten. Ein unsensibles Verhalten, das mir leider häufig begegnet(e). Das Erlebnis war für mich insofern prägend, weil es mich zum ersten Mal aktiv mit dem Gedanken konfrontierte, ich sei nicht erwünscht, sondern eine Last.

Dieses Erlebnis war einer der Faktoren, der mich antrieb mich politisch zu engagieren, nachdem wir die Aufenthaltsgenehmigung erhalten hatten. Begonnen mit dem Integrationsbeirat, der die politischen Interessen von Menschen mit Migrationshintergrund (und mittlerweile auch Fluchthintergrund) der Stadt Schweinfurt vertrat. Anfangs wollte ich etwas dagegen unternehmen, wie gewisse Stellen mit Geflüchteten, aber auch mit Menschen mit Migrationshintergrund umgehen. Später realisierte ich, dass das Problem nicht bei einzelnen Personen lag, sondern in der Struktur und den Prozessen selbst. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren oft überlastet durch Versäumnisse wie das Nichtbereitstellen von Dolmetscherinnen und Dolmetschern sowie allgemein den Möglichkeiten, die Geflüchteten verwehrt wurden. Der Integrationsbeirat war die erste Einrichtung, die es mir ermöglichte Verantwortung zu übernehmen. Durch diese Möglichkeit auf der einen Seite und die Erfahrungen, die ich gemacht hatte, auf der anderen, sah ich mich auch in der Verantwortung, Prozesse mit zu bearbeiten, zu kritisieren, Vorschläge zu machen und langfristig verbessern zu können, und wollte diese auch gerne übernehmen. Und gleichzeitig war es mir wichtig, etwas zurück- und weitergeben zu können. Möglich wurde das für mich weiter und spezifischer durch die Bayerische Sportjugend im BLSV. Was für die Sportjugend gilt, gilt genauso für den Bezirksjugendring und die Kommission Integration. Und für den Bayerischen Jugendring als Arbeitsgemeinschaft der bayerischen Jugendarbeit allgemein, der als Sprachrohr für junge Menschen agiert, ohne dabei einen Unterschied zwischen diesen zu machen.

Zwischenzeitlich hatte sich vieles verbessert. Vor allem die Jugendarbeit übernahm in den letzten Jahren eine immer stärkere, aktive Verantwortung für Geflüchtete. Die Tatsache, dass Versicherungsbeiträge für junge Geflüchtete im Sport durch ein Abkommen über den Bayerischen Landessportverband keine Eintrittshürde mehr darstellen, das allgemeine starke Engagement für junge Menschen mit Fluchthintergrund quer durch alle Verbände hindurch und Vorzeigeprojekte wie „Flüchtlinge werden Freunde“ sind dabei nur einige großartige Beispiele.

Jugendarbeit trägt dazu bei, Schutzräume herzustellen, auf die jeder junge Mensch Anspruch haben sollte

Gleichzeitig erfahren wir jedoch Rückschritte. Manchen jungen Geflüchteten werden Ausbildungen verwehrt oder sie werden wieder aus einem Ausbildungsverhältnis heraus gerissen. Es wird unterschieden nach sogenannten Bleibeperspektiven und entsprechend dieser werden Geflüchteten Möglichkeiten gegeben oder verwehrt, statt ihnen den Schutz und die Chancen zu geben, die ein junger Mensch als solcher verdient. Es wächst die Angst, dass wir zurückkehren zu den Zeiten, in denen jungen Menschen, deren Umstände aufgrund ihrer Fluchtgeschichte ja bereits schwer genug sind, das Leben durch diverse Einschränkungen nur noch schwieriger gemacht wird. Die Jugendarbeit steht dagegen und setzt Akzente, die aufzeigen, dass es unwichtig ist, welchen Hintergrund oder Aufenthaltsstatus ein junger Mensch hat, weil dieser vor all dem genau das ist: ein junger Mensch, der ein Anrecht haben sollte auf einen Schutzraum, Sicherheit und Unversehrtheit. Ob auf politischer Ebene oder in der alltäglichen Arbeit mit jungen Menschen – und ob das allen Beteiligten bewusst ist oder nicht – für mich ist klar: Jugendarbeit trägt stark dazu bei, genau diesen Schutzraum herzustellen und Jugendlichen gewissermaßen das zu geben, worauf ein junger Mensch Anspruch haben sollte. Und das kann dazu führen, dass ein kleines Kind, das als Geflüchteter mit unsicherer Bleibeperspektive nach Deutschland kam, heute Vorsitzender einer Kommission ist, um nur ein Beispiel unter vielen zu nennen.